XVm. Jahrgang
JHarßurg, Mittwoch, 10. Januar 1883.
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Der treue Diener.
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Humoristische Novelle von Hermann Langer.
Ohne sich umzusehen, eilte sie auf den Major zu, fiel ihm um drn Hals und herzte und küßte ihn; zufällig blickte sie seitwärts und hocherritend sah sie den jungen Grafen, der sic wie ein neues Weltwunder anstaunte.
Graf Lattm hatte so Unrecht nicht, wenn er so staunte und st? bewunderte, denn ist schon jede Jungfrau in auf» blühender Sckönheit und unentweihter Jugendpracht wohl dazu geneigt, die Herzen der jungen sentimentalen Männer» weit für sich zu gewinnen, so galt dies in betreff MmaS von der Halden ganz besonders. Wie er sich Gretchen in Goethes '„Faust" immer gedacht, so sah hier Kurt eine Jungfrau in blonden Locken und berauschender Schönheit, nur leb ndiger war Alma als sein Phantasiebild, nur mutiger und doch so anmutend, um sv reizender noch, weil sie in lieblicher Verwirrung vor ihm stand.
WaS der sein Innerstes erfüllte bei diesem Anblick, da« konnte Kurt noch nach vielen Jahren nicht genauer bestimmen; er meinte nur immer, es sei ihm gewesen, als kiffe idm jemand sein eigenes, nichtsnutziges Herz aus der Brust und gebe ihm dafür ein anderes, besiereS; zugleich aber sei eS ihm g> wesen, als habe seine letzte Stunde ge» schlagen und auS Erbarmen habe ihm Gott auf den letzten Weg einen Engel gesandt; daS aber sei gewiß, daß er da- wals nicht von der Stelle gewichen wäre und hätte ihm für sein Verweil, n der Kopf vor die Füße gelegt «erden sollen.
Nun zum Glück war daS auch nicht einmal nötig, denn der alte Herr stellte die beiden einander vor und
Zur parlamentarische« Lage
schreibt der „R.B.": Morgen »nd übermorgen beginnen un ere Parlamente wieder ihre Thätigkeit. Der Reichstag morgen und das Abgeordnetenhaus am Mittwoch. Lange kann daS Nebeneinandertagen unmöglich dauern, eins wird dem andern bald das Feld räumen müssen. Beide Parlamente haben noch daS größte Stück ihrer Arbeit vor sich. Im Reichstage harren vor allem die sozialpolitischen Vor» lagen und die Börsensteuervorlage der Erledigung; im Landtage die Steuervorlagen und die Verwaltungsvorlagen. Ob auch noch die kirchenpolitische Frage in irgend einer legis» latorischen Gestalt zur Debatte kommt, ist noch nicht sicher, aber wahrscheinlich; denn daS Zentrum wird die Session schwerlich ohne einen solchen Versuch vorübergehen lasien. Der Schwerpunkt der Session liegt in der Steuerfrage und in den sozialpolitischen Vorlagen. Die Aussichten, daß aber auf beiden Gebieten etwas Erfreuliches zustande komme, sind trübe. Der Grund davon, daß die Steuerreform nicht vorwärts will, liegt unzweifelhaft in dem Umstande, daß die Regierung die gesunde soziale Grundlage, welche sie mit den Schutzzöllen betreten hatte, verlassen und sich wieder auf den fiskalischen Boden gestellt hat. Dieser Boden ist unfruchtbar, und so lange die Regierung nicht wieder auf den sozialpolitischen Boden, auf welchem sie sowohl für die Steuerkasie des Reichs als auch für die Hebung unserer Industrie so Großes erreicht hat, zurückkehrt, ist keine Aussicht aus Erfolg. Hätte die Regierung in der Zollfrage den ihr von liberaler Seite empfohlenen Weg der Finanz- zölle betreten, so würde sie diese Erfolge nicht erzielt haben. Damals entschied sich aber zum Glück dir Regierung für die von un« empfohlenen mäßigen Schutzzölle. DaS TabakS- monopol war schon wieder ein Abfall zu dem FiSkaliSmuS, dem auch der Gedanke an Finanzzölle entsprungen war. Deshalb ist eS gefallen und deshalb wird auch dir Lizenzvorlage fallen. Denn der sozialpolitische Standpunkt verlangt, daß die Gewerbe steuerlich geschont werden, weil sie im Vergleich zum Kapital immer noch zu hoch belastet sind und infolge dessen notwendig in schuldenmäßige Abhängigkeit vom Kapital kommen und da» letztere auch die Gewerbe immer mehr in seine Gewalt bekommen muß. DaS kann aber keine gesunde und weitsichtige Sozialpolitik billigen; denn ein lebens und leistungSkrästiger selbständiger Gewerbe- und Bauernstand ist daS Knochengerüste des Staates. Die Geschichte der Kulturvölker lehrt uns, daß die Staaten verfallen, wenn daS Kapital sich in den Händen Weniger auf- häuft und die produktive Arbeit in Abhängigkeit vom Kapital gerät. Die liberale Wirtschaftspolitik hat unS in diese Richtung getrieben, unsere ganze Zukunft hängt davon ab, daß wir aus dieser kapitalistischen Richtung wieder herauS- kommen. Deshalb kann man unmöglich einer Steuerpolitik zustimmen, welche in fiskalischer Weise ihre Steuern au« den großen VolkSmasien von Massen - Konsumartikeln her» auszuschlagen sucht, sondern eS muß vor allem der mög-
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Gg, Köln io.; Rudolf Me in Berlin, Frankfurt a. Ä- rc-
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lichste Steuerausgleich des Kapitals mit der produktiven Arbeit hergestellt werden. Erst dann kann, wenn weitere Steuern nötig sind, an Konsurnsteuern, wie die vorgeschlagenen Lizenzsteuern, gedacht werden. Es wäre deshalb sehr zu wünschen, wenn die Regierung ihren fiskalischen Steuerstandpunkt verließe und wieder zu dem mit der Zollpolitik eingenommenen Standpunkt einer sozialen Steuerpolitik zurückkehrte. Der letztere Standpunkt sucht den Baum des sozialen Volkstums, auf welchem die Steuern wachsen, zu befruchten, daß er reichliche Früchte trägt, während der fiskalische Standpunkt mehr dem amerikanischen Raubbau gleicht, der nur aus dem Lande Ernten herauspressen will, ohne ihm zugleich Nahrung zuzuführen. Sobald die Regierung diesen gesunden Standpunkt wieder einnimmt, wird sie die Steuerreform ebenso leicht und glänzend durchführen können, wie 1879 die Zollpolitik. — Die sozialpolitischen Vorlagen der Kranken» und Unfallverficherung wollen auch nicht vorwärts, und auch hier scheint uns der Hauptgrund darin zu liegen, daß die Regierung sich nicht klar und entschieden genug auf den Boden einer unerläßlichen Sozialreform stellt. Sie hatte zuerst diese Versicherung mittels Reichsversiche- rung-kassen machen wollen; allein sie selbst erkannte die Unausführbarkeit dieses Planes und nahm den Korpora- tionSgedanken als Grundlage an; allein ihre Korporationen, welche sie für diesen speziellen Versicherungszweck schaffen wollte, sind künstliche, für diesen speziellen Zweck geschaffene Gebilde, und wie hier und da berichtet wird, soll die Regierung selbst da« Vertrauen zu der Lebensfähigkeit solcher Genossenschaften verloren haben. Dazu kommt noch, daß die Liberalen in der Kommission eS durchgesetzt haben, daß die Krankenversicherung von der Unfallversicherung getrennt werden soll, wodurch der ganze Plan der Regierung durchkreuzt wird. Wir haben schon im vorigen Frühjahr wiederholt darauf hingewiesen, daß sich die Unfall-, Kranken» und auch die Altersversicherung nur dann lebensfähig organisieren und auf leichte Weise durchführen lätzt, wenn man sich dazu entschließt, unser Gewerbe wieder naturgemäß korporativ zu organisieren. So schwierig, wie man oft vorgiebt, kann daS nicht sein. Wir haben ja Jahrhunderte lang gewerbliche Korporationen gehabt; was ein Schneider und Schuster ist, weiß man auch jetzt noch, und warum sollte man nicht die Hauptgewerbe mit ihren Hilfsgewerben korporativ organisieren können? Die Korporation müßte natürlich für das ganze Reich gelten, so daß der Handwerker überall im ganzen Reiche Mitglied seiner Korporation bliebe und also auch überall, wo er un'ähig oder krank würde, Unterstützung fände. Solche bleibenden Korporationen sind allein imstande, ohne große Reservefonds seine Unterstützungen zu garantieren, weil die Korporationen und mit ihnen auch die Beiträge der Mitglieder nicht aufhören können. Diese Dauer der Korporation ist eine sicherere Garantie als der größte Reservefonds; aber freilich muß die Korporation eine natur-
forderte freundlich den Grafen auf, nunmehr an seinen Vaterfreuden teilz'Nehmen, wir er vorhin den Einsamen getröstet.
Kurt blieb und cr lauschte der süßen, bezaubernden Stimme AlmaS, wie sie von ihren großen und vielen Erlebniffen erzählte, wie sie — ja, hochgeehrter Leser, Kurt konnte mir nicht erzählen, was Alma alles sprach; er sagte, ich weiß nur, daß jedes Wort miHionenmal lieblicher klang als alles, was ich bis dahin gehört, und daß ich unanständig genug war, wich erst am späten Abend zu empfehlen.
Als Kurt in sein Hotel gekommen war, ging er lange auf und ab, gleich als wollte er wachen, daß Michel, der in der Nebenstube war, nicht entweiche.
Dieser Arme sollte aber heute noch einen herben Schmerz erfahren. , .,
Nachdem er lange Zeit vergeblich auf den Ruf seines Herrn geharrt, wagte er ungerufen einzutreten und war daher schon auf ein furchtbare« Donnerwetter gefaßt.
„Guten Abend, Herr Leutnant! Sie befehlen, Herr Leutnant?" sprach Michel eintretend, ließ aber vorsichtig die Thür halb geöffnet, denn ein weiser Feldherr deckt sich den Rückzug.
„Guten Abend, lieber Michel; ich habe Dich nicht gerufen. Gehe schlafen, ich werde Dich heute nicht mehr brauchen 1" antwortete Kurt ruhig und freundlich, durchaus nicht so, al« stände er mit Michel, woran doch dieser gewöhnt war, in beständigem Guerillakriege.
Michel« Mund blieb geöffnet, nicht einmal sein stereotype« „Zu Befehl, Herr Leutnant l" konnte er herausbringen, mühsam nur keuchte er:
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und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a-M.; Tlfenftetn u. Vogler tn Gurt a. M., Berlin-
ßtrfitint täglich außer an den Werktagen nach Bonn- und Feiertagen. Preis für daS Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JllustrirteS Son«tag«blatt" durch die Expedition (X o ch'fche ' Buchdruckerei) bezogen 8‘/t Mark, durch die Postämter de« Deutschen R-icheS 2 Mark 60 Pf«, (erd. Bestellgebühr.) -Jnsertwnsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pf«.
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gemäße, keine künstliche sein. Die korporative Gestaltung unserer Gewerbe brauchen wir aber auch zur Hebung unserer Gewerbe selbst, wie daS Verlangen nach obligatorischen Innungen beweist. Möchte die Regierung deshalb nicht länger denselben widerstreben. In Bezug auf die Einführung obligatorischer Arbeitsbücher hoffen wir, daß der Reichstag sich nicht durch eine demokratische, von dem Agitator Hirsch ins Werk gesetzte Agitation beirren läßt. Die zügellosen Freiheiten der liberalen Aera haben unser» Arbeitern nichts genützt; Beweis dafür sind die 200000 Arbeiter, die als arbeitslose Vagabunden im Lande umher- ziehen; nur gesunde freiheitliche Ordnung kann unsere sozialen Verhältnisie gesund gestalten.
Wir muffen gestehen, wir sehen mit geringen Hoffnungen auf den zweiten Teil der Session unserer Parlamente hin, wollen aber hoffen, daß die Regierung ihren vereinsamten Standpunkt verläßt und sich den konservativen Ansichten nähert, dann wird wenigstens im Landtage noch eine fruchtbare Session möglich sein.
Deutsches Reich. "
Berlin, 8. Jan. Die „Kreuzzeitung" erfährt, die Krankheit des Ministers v. Bötticher gestalte sich langwieriger als man erwartet habe; es habe sich ein schmerzhafter Abszeß gebildet, dessen Heilung Wochen erfordern könne. Eine Gefahr für das Leben des Patienten sei aber nicht vorhanden. — Die „Nordd. Allg. Ztg." sagt: Die Aeußerungen deutscher Blätter über den Tod Gambetias müssen in manchen französischen Kreisen den Eindruck einer Überschätzung der politischen Wirkung dieses Todesfalles gemacht haben. Derselbe ist irrtümlich. Gewiß giebt eS deutsche Blätter, welche den Realitäten der Politik fern genug stehen, um anzunehmen, daß gerade ©ambetta mehr al« andere Franzosen der Träger der Revanche-Idee gewesen, und daß er, wenn er ans Ruder gekommen wäre, den Kr eg gegen Deutschland herbeigeführt haben würde. Wir haben diese Ansicht nie geteilt und glauben im Gegenteil, daß eine Regierung Gambetta, wenn sie stattgefunden hätte, eine friedliche gewesen wäre. Ein Krieg gegen Deutschland würde, wenn er glücklich gewesen wäre, jedem siegreichen General daS Uebergewicht über den Zivilisten Gambetta verliehen haben. Der letztere hat den Revanche- Gedanken als nützliches oratorischeS Ferment wohl verwenden können; leitend würde für ihn aber schwerlich die Revanche, sondern die Erhaltung der Herrschaft gewesen sein. 1870 hatte der Diktator Gambetta unter dem Hochdruck der Invasion in Frankreich rivalisierende Generäle kaum zu fürchten. Heutzutage aber würde ein Zivilist, und auch ein so bedeutender Redner wie Gambetta, dem General, der entscheidende Schlachten gegen Deutschland gewönne, ohne Zweifel weichen müssen; nur die verlorenen würden auf das Konto der Regierung geschrieben werden, welche Frankreich einem neuen Unglück ausgesetzt hätte.
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„Ich danke Dir, Michel, ich werde alles heut selbst besorgen; gehe Du nur zur Ruhe."
Jetzt war Michel am Rande seiner Philosophie; er verlor seine stramme Haltung, als wäre „Rührt euch!" kommandiert, legte die Hand auf die Thürklinke und lispelte:
„Und schimpfen?"
Jähe Röte färbte daS jugendliche Antlitz KmtS; mehr als die erhabenste um gelehrteste Rede hätte bewirken können, bewirkten diese beiden klagenden Worte des treuen Dieners. Dem schönen Zuge dcS Herzens folgend, trat Kurt schnell an Michel heran und ergriff dessen Rechte.
„Guter Michel, es wird nicht mehr geschimpft," sprach Kurt herzlich, indem er die Rechte des treuen Dieners schüttelte. „Gute Nacht!"
Michel gina, lange aber weinte er bitterlich: es war ihm der alte Volksglaube eingefallen, daß kurz vor ihrem Tode die Menschen ihre Sitten und ihren Charakter verändern.
Der ober, dem die Thränen galten, dachte nicht an den grausigen Tod, cr dachte an das volle, reiche Leben, geschmückt mit reinen Freuden an der Seite einer engelgleichen' Gattin.
III.
Graf Kurt Latten war bei allen seinen tollen Streichen, die sicherlich durch Jugend, Stand und Reichtum teilweise entschuldigt werden dürfen, ein durchaus praktischer Mensch.
AIS solcher war cS nicht seine Art, an Thatsachen unnötigerweise hcrumzndeuteln, er nahm sie eben, einfach als Thalsachen und zog au« ihren seine Schlüsse und
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux v -MM' von @ L. Daube u Co in
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