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Marburg, Sonnabend, 30. Dezember 1882
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Anzeigen nimmt entgegen: di: Expedition d. Blatte-, sowie d.Annoncen-Bureaux v. Äh- Dietrich u. Co. in Raffil und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a M.; Haasenstein u- Vogler in Frankfurt a. ©I., Berlin, Leipzig, Köln Rudolf Moffe in Berlin, Frankfurt o. St. ic-
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Wandkalender für 1883
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Die Expedition der Oberhess. Ztg.
Rückblicke.
Abermals find wir im ewigen Kreislauf der Zeit an den Punkt gelangt, an welchem das alte Jahr hinabsinkt in das Meer der Vergangenheit und sein junger Nachfolger lächelnd an der Schwelle des neuen Zeitabschnittes erscheint. Wie nun cer Mensch im bürgerlichen Leben am Jahreswechsel noch einen Blick auf das abgelaufene Jahr zurück- sendet, so vflegt auch der Politiker am Jahresschlüsse noch einmal aus den vergangenen kurzen und doch auch wieder so langen Zeitraum zurück zu blicken, den ein Jahr umschließt; gerade in den Tagen zwischen Weihnachten und Neujahr fließt der politische Born infolge der vorangegangenen Festtage mit am dürftigsten und eS verliert die Politik den Charakter der Einzelheiten, so daß schon aus diesem Grunde sich eine Rückschau aus die politische Vergangenheit des Jahres rechtfertigt. — Wenn wir nun zunächst auf Deutschland blicken, so gilt eS vor allem unserS erhabenen Kaiserhauses und hierbei in erster Linie
Verschlungene Pfade.
Novelle von R. Hoffmann.
(Fortsetzung.)
„Also Du nimmst den Treulosen, Pflichtvergessenen in Schutz I" rief Anna mit einem Anfluge von Entrüstung.
„Ich nehme ihn nicht in Schutz, ich weiß, daß er pftichtvergesieu gehandelt hat," sagte Oskar kaltblütig, „aber mir scheint, daß er es jenem schönen, blendenden Mädchen gegenüber nur mit einer wahnsinnigen Leidenschaft zu thun gehabt hat und ich glaube mit ziemlicher Gewißheit annehmen zu müssen, daS Gabriele den Grafen Broberode niemals hat besitzen wollen und wohl auch heute noch nicht zum Gatten besitzen will. Graf Broderode ist fast derselben Meinung, wenigstens hat er in diesem Sinne zu mir gesprochen."
„Wie, Du verkehrst noch mit dem Grafen, Deinen Worten nach scheint eS so?" fragte Anna gespannt.
„Ich will nicht lügen, Anna," entgegnete OSkar mit sympathischer Stimme, „ich sehe den Grafen jeden Tag, erst vor einer Stunde sah ich ihn."
„Nun, wo ist er denn? Ich glaube, der schreckliche Mensch ist noch im Schlosie," sagte Anna. —
„Er wohnt allerdings mit un- schon seit Wochen unter einem Dache," bemerkte Oskar in seiner ruhigen Weise.
Anna warf erzürnt den Kopf zurück und entgegnete:
„Ich weiß nicht, waS um mich ooraegangen ist, habe ich denn den Verstand verloren, wie kann Gras Broderode noch im Schlosie sein?"
„Nimm jetzt cinmal ruhig auf diesem Seffel Platz, Anna," antwortete Oskar zärtlich, „Du hast Deinen Verstand noch nicht verloren, Schwesterchen, ich will Dir alle« aufklären."
Anna folgte der Bitte ihre- Bruder», sie nahm in dem
wiederum unsere« greisen Kaiser Wilhelm zu gedenken. Noch immer hält derselbe trotz seiner 86 Jahre mit kräftiger Hand daS Szepter des Reiches und auch im vergangenen Jahre kehrte er von feinen vielen Reisen neugekräftigt nach Berlin zurück, so daß wir uns der Hoffnung hingeben dürfen, Kaiser Wilhelm auch im neuen Jahre noch rüstig an der Spitze der Geschäfte zu sehen. Unter den wichtigeren Ereignissen der inneren Politik ist zu vermerken die Ablehnung deS Tabaksmonopols durch den Reichstag, der aber auch leider das scheidende Jahr hat vorübergehen lasien, ohne daß die seit Jahren schwebenden wichtigen Regierungsvorlagen, welche unserem Arbeiterstande Sicherung gegen Krankheiten und die Unfälle, die seinem Gewerbe drohen, Sicherung für die Zeit, da er seine Arbeitskraft zum besten der Gesamtwirschaft verbraucht haben wird, bringen sollten, zu erledigen. Die Neuwahlen zum preußischen Abgeordnetenhause brachten einen Sieg der konservativen Partei, der seine guten Früchte bringen möge. WaS die auswärtige Politik des Deutschen Reiches anbelangt, so hat dieselbe unter der bewährten und zielbewußten Leitung des Fürsten Bismarck auch im vergangenen Jahre entschieden mit dazu beigetrageu, da« friedliche Verhältnis der europäischen Mächte zu einander zu erhalten, namentlich aber ist die Zusammenkunft Kaiser Wilhelms mit Kaiser Franz Josef zu Ischl als eine Bürgschaft für die Erhaltung deS allgemeinen Frieden« zu betrachten und diese Bürgschaft wird hoffentlich auch im neuen Jahre ihre Kraft bewähren.
Von Deutschland gleitet der Blick naturgemäß zu Oesterreich-Ungarn hinüber, al« dem Alliierten de« Deutschen Reiche«. Leider ist au« dem Donaureiche nicht allzuviel Erfreuliche« zu berichten; die Versöhnungspolitik de« Grafen Taaffe geht ihre eigentümlichen Wege und besonder« den Tschechen gegenüber beweist da« Ministerium Taaffe ein Entgegenkommen, da» mit der Zweiteilung der Prager Universität noch lange nicht seinen Höhepunkt erreicht zu haben scheint. Während so im Innern der Nationalitäten- strelt noch weiter glimmt, arbeiten auch von außen gewiffe Elemente, dem österreichischen Staate Verlegenheiten zu bereiten, wobei die irredentistischen Putschversuche und Attentate — wie da» von Triest gelegentlich der Eröffnung der Ausstellung — vor allem hervortraten. Mit AufstandS- versnchen hatte sich Oesterreich auch im vergangenen Jahre zu befassen und noch heute scheint In der Herzegowina und Bosnien noch nicht alles ganz in Ordnung zu sein.
In Frankreich muß als da» wichtigste Ereignis te« Jahre» die Ersetzung des Ministerium» Freycinet durch da» Kabinett Duclerc bezeichnet werden, welch letztere» indesien nur ein Verlegenheitsministerium genannt werden kann, welches aller Wahrscheinlichkeit da« Ende des Jahres 1883
Sessel Platz und das Haupt schwermütig gebeugt, aber das Herz voller Erwartung, lauschte sie den Worten OekarS. Dieser begann:
„Du wirst Dir wohl denken können, liebe Schwester, daß Deine Brüder den Schimpf, welchen Dir der Graf Broderode anihat, nicht gleichgültig einstecken würden. E» kam zwischen dem Grafen Broderode und Theobald noch an dem für Dich so schrecklichen Tage zu einem Duell. Broderode wurde schwer, sehr schwer verwundet und lag drüben in dem erbärmlichen Gasthause an der Chaussee ohne genügende Pflege, mehr tot als lebendig und fern von genügender ärztlicher Hülfe. Sein Onkel, der Graf Kilian Broderode, stand ratlos am Bette des mit Leben und Tod ringenden Neffen, in seiner Verzweiflung kam der alte Herr zu unserm Vater und bat ihn um einen guten Wagen zum Transport de« Verwundeten. Es galt ein Menschenleben zu retten, vergessen war in diesem Falle die Beleidigung, die Schmach, die uns Graf Broderode zugefügt, der Vater bewilligte den Wagen, ja, als nach ärztlichem Gutachten zu befürchten war, daß der schwer verwundete Graf während des Transportes nach C. sterben würde, nahm der Vater den Grafen ins Schloß, gab ihm entsprechende Wartung und Pflege, ließ einen renommierte» Wundarzt herbeiholen, eine schwere Operation wurde unter unserer Beihülfe an Broderode vollbracht, und er wurde schließlich gerettet, et ist jetzt beinahe wieder hergestellt, er verehrt in un« seine Lebensretter, Freunde und Wohlthäter, hat uns alle schon tausendmal um Verzeihung gebeten und will, eh« er von hier scheidet, auch Dich um Verzeihung bittm. Wirst Dv seiner Bitte Gehör schenken, Anna?"
ÄJiRa war von der Erzählung Oskars tief ergriffen, sie verbarg ihr bleiche« Antlitz in den Händen und schluchzte heftig. Oskar wäytE jetzt kein Wort zu sprechen, et fühlte, daß in dem Herzen feiner Schwester die edelsten Regungen
nicht erleben dürfte. Im übrigen legten die Verhandlungen der Deputiertenkammer dar, daß der alte Gegensatz zwischen den französischen Parteien noch in voller Schärfe fortbesteht; indesien sind weder die Fraktionen bet Rechten noch auch die Ultrarabikalen vom Schlage der Clemenceau und Genossen stark genug, um das französische Staatsschiff in da« monarchische resp. in daS radikale Fahrwasser zu lenken, so daß vorerst Hoffnung vorhanden ist, daß die gemäßigt- republikanischen Elemente in Frankreich noch die Oberhand behalten werden, bis auch sie — dahinstechen.
Mit Genugthnnng kann, was die auswärtige Politik anbelangt, England auf das verflossenen Jahr zurück- schauen, denn dasselbe brachte durch den kurzen und glücklichen egyptischen Feldzug Ruhm und Ehre für die brittischen Waffen, während zugleich die dominierende Stellung, welche das brittifche Jnselteich nunmehr am Nil einnimmt, die gebrachten Opfer an Geld und Menschenleben reichlich aus- wiegt. Weniger erfreulich ist dagegen der Blick aus die inneren Verhältnisse Englands; alle Erfolge, welche daS Kabinett Gladstone auch im Parlamente davongetragen hat, vermögen nicht, den düsteren irischen Verhältnissen ein helleres Relief zu verleihen und so nimmt denn England die irische Frage ungelöst mit inS neue Jahr hinüber. Schließlich sei noch der Veränderungen im englischen Kabinett gedacht, daS durch den Einrtitt von Lord Derby und Sir Charles Dilke um zwei Mitglieder vermehrt wurde.
Au» dem Czat en reiche war im vergangenen Jahre merkwürdigerweise wenig von der Thätigkeit bet Nihilisten zu tnelben; allerdings kann man nicht behaupten, daß die russischen Revolutionäre gesonnen seien, aus die Mitwirkung von Dynamit und sonstigen unheimlichen Dingen bei der Durchführung ihrer geheimen Pläne zu verzichten, aber oaß sie sich so verhältnismäßig ruhig verhalten haben, ist immerhin schon von Gewinn. Da machte da« wüste Treiben der Panslavisten viel mehr von sich reden, deren Kreuzzug gegen alles Deutsche nut zu deutlich darauf hin- weist, wessen sich daS Deutschtum in- und außerhalb Rußlands vom PanslaviSmus zu versehen hat, wenn derselbe jemals in Petersburg ans Ruder gelangen sollte. Eine gewisse Beruhigung muß daher für unS Deutsche das Ableben deS Generals Skobeleff haben, des Apostels des PanslaviSmus, den ein jäher Tod abrief, gerade als wenn die Vorsehung selbst seinem Wirken habe ein Ziel setzen wollen. Leidet wirkt aber der von Skobeleff auSgestreute Same weiter und die fortgesetzten Verfolgungen der Deutschen In den russischen Ostprovinzen zeigen, welche Früchte dieser Same zu tragen beginnt.
Als letzte der europäischen Großmächte bleibt noch Italien übrig, von dem jedoch im vergangenen Jahre im ganzen wenig zu berichten war. Ein hervorstechendes erbebten. Wohl fünf Minuten verflossen auf diese Weise, da erhob sich Anna, reichte ihrem Bruder die Hand und sagte mit von Schmerz bewegter Stimme:
„Ich danke Dir, Oskar, für Deine Nachrichten und für Deine Mühe, welche Du Dir gegeben, mich wieder glücklich zu machen, ich verkenne Deine edlen Absichten nicht, aber ich werde den Grafen Broderode niemals empfangen können, niemals!"
Nach diesen Worten verschwand Anna im Nebenzimmer und Oskar, welcher den Charakter seiner Schwester scharf zu beurteilen wußte, unterließ es, mit neuen Bitten in sie zu bringen. Er verließ da« Zimmer unb suchte den Grafen Broberode auf, welcher in fein Zimmer zurück- gekehrt war.
„Sprechen Sie, bester Baron!" tief ihm der Graf Broberode entgegen, „darf ich die Baroneß Anna um Verzeihung bitten?" E ••
„Nein, niemals!" hat sie gesagt, entgegnete Oskar ruhig, aber den Kopf schüttelnd.
Wir verlangen zu viel auf einmal von meiner Schwester, einem Mädchen, einem Weibe ist ihre Liebe alles, wer ihr diese nahm, kann nicht auf rasche Verzeihung hoffen, ein vertrauensseliges, edle«, glückliches Herz empfindet die Täuschung doppelt furchtbar."
„Sie haben Recht, mein teuerer Freund," antwortete bet Graf Broderode wehmütig und indem ihm eine dicke Thräne über die Wange rollte, „ich verlange zu viel von Ihrer Schwester, ein Herz erst glücklich machen und in Seligkeit wiegen und dann der Verzweiflung preisgeben, da« habe ich entsetzlicher, wahnsinniger Mensch zustande gebracht und nun, wo ich zur Vernunft zurückgekehrt bin, barf ich diejenige, die ich so schwer kränkte, nicht einmal um Verzeihung bitten." <«=-