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Marburg, Freitag, 29. Dezember 1882
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Leser die freundliche Bitte, in ihrem Kreise für eine immer " ' weitere Verbreitung de« Blatte« mitzuwirken.
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herumziehendrn Bummler kommt auf dem Lande nicht zur Verfolgung", heißt r« in einem Bericht, den Pastor Stursberg in seiner ausgezeichneten Schrift über die Vagabundenfrage mittetlt. Manchem, der diese Verhältnisse gründlicher kennen gelernt hat, mag der Kampf mit diesen Armeen de« Elends und des Verbrechens schier aussichtslos erscheinen.
In der Provinz Hesien betrug die Gesamtzahl der Landstreicher im Winter 1877/78 über 10000. Während derselben Zeit soll Hannover nach zuverlässiger Berechnung von 10000 Landstreichern durchbettelt worden sein. In Württemberg zählte man in einem Distrikt von 186 Gemeinden im Januar 1878 mehr als 70000 durchziehende Bettler. In Bayern fanden 1879 doppelt so viel Verurteilungen (108911) wegen Betteln« und LandstreichenS statt, al» 1872.
Daß gerade die ländlichen Distrikte am meisten von diesen „Reservisten der Industrie" heimgesucht werden, er- wähnten wir bereit«. Mecklenburg liefert hierfür einen sehr schlagenden Beleg. Dort wurden im Jahre 1879 ungefähr 10000 Personen wegen Bettelei festgrnommen und den Gerichten überführt. Diese 10000 Personen haben durchschnittlich je 14 Tage in Untersuchungshaft und Strafhaft verbracht, kosteten demnach für Beköstigung, Heizung u s.w. etwa 175000 Mk. Außerdem werden dir Ausgaben noch auf 5000 Mark für Transportkosten und 10000 Mark Fangprämie (!) angegeben. Wa» diese verhafteten Personen erbettelt haben, schätzt man aus 300 000 Mark. Von den 10000 Bettlern waren über 9000 Nichtmecklenburger, welche der entfesielte Strom der Freizügigkeit dorthin geführt hatte. Im LandgerichtSbezirk Schwerin erfolgten vom 1. Ott. 1879 bi« 31. Dezember 1880 6210 Verurteilungen; von den VerurteUten waren 568 Mecklenburger und 5642 Nicht-
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Für da« Königreich Sachsen teilt Stursberg folgende Zahlen mit. Vom 1. April 1879 bis 31. März 1880 wurden 26587 Personen wegen Betteln- und Vagieren« bestraft, darunter ungefähr die Hälfte (13867) Sachsen, 8008 Preußen, 682 Baiern, 1637 au« anderen deutschen Staaten, 1883 au« dem Nachbarland« Böhmen, 298 au« sonstigen Ländern der österreichischen Monarchie, 172 au« anderen fremden Staaten, 40 ohne Angabe de« Geburt«« Orte«. 1880 erfolgten 22 337 Bestrafungen, welche 14066 Personen betrafen.
Ueber 22000 Bestrafungen für da« Königreich Sachsen, da« würde, wenn e« in anderen Ländern ähnlich stünde, 300000 Bestrafungen im deutschen Reich während eine« Jahre« ergeben, wovon mehr al« 200000 Individuen betroffen worden sein würden. Wenn jeder Bettler etwa 50 Pfennige täglich bar oder in Naturalien, erbetteln sollte, so beliefe sich die unfreiwillige Besteuerung der Bevölkerung für die Arbeitslosen auf täglich 90000, jährlich 36V» Mill. Mark. Wie viele Vagabonden sind aber in obigen Zahlen nicht eingeschlossen, well sie der Arm der Polizei nie erreicht!
E« ist richtig, das in außerdeutschen Ländern die Baga« bondage seit dem Darniederliegen der Geschäfte auch erschreckend zugenommen hat — das lehren zur Genüge die diesjährigen parlamentarischen Verhandlungen in Frankreich —; aber sicherlich nicht in dem Maße wie in unserer Heimat. Denn neben den Vagabonden, die Deutschland durchstreifen, muff en wir noch jene Deutschen in Rechnung ziehen, welche unsere Nachbarländer überfluten, die jedenfalls weit zahlreicher sind, als die Ausländer, welche unser Reich durchbetteln. In der Schweiz geben die deutschen Fechtbrüder z. B. zu den lebhaftesten Klagen und zu dem Verlangen nach energischen Schutzmaßregeln Anlaß. Wir Deutschen müssen daher besonder- auf Abhilfe gegen die Wiederkehr einer ausgedehnten, allgemeinen Arbeitsstockung sinnen, weil bet einer solchen unsere Bevölkerung leichter al- die fremden Länder zu dem sittlich gefährlichsten Aushilfsmittel, der Vagabondage, greift. Wenn wir in der Zersetzung der Gesellschaft so weit gelangt sein werden, wie England, das Musterland des wirtschaftlichen Liberalismus, wo 1878 7 029000 Personen, also ein Dritteil der gesamten Bevölkerung, sich nicht selber ernähren konnten, sondern au- öffentlichen Mitteln unterstützt werden mußten — dann würden wir un- sicher auch mit den größten Gewaltmaßregeln nicht mehr vor der modernsten Landplage retten können. (R. B.)
„Ich habe mit dem Grafen Broderode gesprochen und das Billet von ihm erhalten, wa< Du lesen kannst," sagte O-kar mit Ruhe und reichte da« Billet seiner Schwester.
BnnaS Hände gitterten und ihre bleichen Wangen wurden purpurrot, al« sie da« Billet leise la«:
An bett Einzigen!
Gewaltig ziehst Du mich in Deinen Zauber, Du einz'ger, hochverehrter Mann — Zu Deinen Füßen möcht' mein Herz ich legen Und teilen mit Dir Deine Lebensbahn. — Doch feindlich ist da« Schicksal mit gesinnt, Ich trag' ein fürchterliche« Loo«: Wohl tausend Männer liebten mich abgöttisch Und hielten mich für ihre« Glücke« Schooß: Doch Du, der Eine, Einzige, den ich Hebe, Der liebt mich nicht, der ehrt mich blo«! Erträumte« Glück, fahr' hin in tausend Trümmer, In kurzer Zeit ist olle« ganz vorbei — Wir find getrennt auf ewig und für immer, De« Leben« Loo« reißt meinen Wahn entzwei.
Gabriele.
„Das ist von Gabrielen« Hand geschrieben," rief Anna in höchster Erregung, „aber e« klingt wie kein Sirenenruf," fuhr sie fort und richtete auf« neue die Augm auf da« Blatt.
„Da« ist meine Meinung auch," erwiderte O«kar fest, „denn da« Gedicht ist viel eher eine Entsagung al« eine Verlockung zu nennen, und dann weiß man doch auch gar nicht genau, ob da« Gedicht gerade an den Grafen Broderode gerichtet ist."
kränkten weiblichen Herzen gegenüber zu zweifeln, sein Plan mußte aber doch wenigsten« versucht werden.
„Meine teuere Scbwester," begann Oskar, „ich möchte zunächst bei Dir die Hoffnung erwecken um stärken, daß Gabriele von Dnrandot wahrscheinlich die Verräterin und Heuchlerin Dir gegenüber nicht gespielt hat, ich habe manchen Beweis für die Wahrscheinlichkeit, daß Gabriele mit dem Grafen Broderode kein Verhältnis unterhalten hat, welches diesen zu jenem Schn te veranlaßte."
„Wie willst Du da« beweisen, Oskar?" fragte «nm, welcher die Worte Oskar« doch wie Balsam für da« betrogene Herz erschienen.
„Nun," antwortete OSkar, „Gabriele hat in der Unter» rednng, die ich vor ihrer Abreise mit ihr hatte, mit großer Entschiedenheit ihre Schuld in Abrede gestellt und den Grafen Broderode al- Zeugm dafür gefordert."
„Sie behauptet also durch kein Wort und keine Zeile den Grafen Broderode zu jenem Schritte aufgemuntert zu haben?" fragte Anna scharf.
„Die- behauptet ste mit Beharrlichkeit," betonte O-kar. „Freilich war der Graf Broderode im Besitz eine« kleinen Gedichte-, welche« von der Hand Gabrielen« geschrieben ist, aber der Graf Broderode hat selbst erklärt, daß er da- Billet nicht direkt von Gabrielen empfangen, sondern bei einer zufälligen Begegnung mit Gabrielen im Garten am Fuße der Bank, wo Gabriele geseffen, gefunden habe. Der Graf Broderode hat damals dm Inhalt de« BilletS auf sich b.zogen, aber heute ist er anderer Meinung."
„Wie, er ist anderer Meinung?" fragte Anna erregt. „Hast Du mit dem Grafen Broderode gesprochen? Hast Du da- Billet gelesen, O-kar?"
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Deutscher Reich.
Berlin, 27. Dez. Bei Sr. Majestät dem Kaiser findet heute daS übliche Botschafter-Diner statt, au welchem auch die betreffenden Militärbevollmächtigten teilnehmen. — Prinz Friedrich Karl hat den Antritt seiner Reise nach dem Orient auf heute abend verschoben. — Der Kaiser
Dem inserierenden Publikum empfehlen wir die Ober- hessische Zeitung alS ein« der verbreitetsten Blätter Hessen- aufs angelegentlichste.
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Die Vagabuudeunut.
Wenn die Zahl der arbeitslos Herumziehenden auch allmählich in Deutschland infolge der befferen Wirtschafts- Verhältnisse abzunehmen scheint, so ist ste doch immer noch groß genug, um zu den lebhaftesten Klagen in allen Schichten der Bevölkerung Anlaß zu geben. Besonders sind e« die Bewohner vereinzelter Gehöfte, die von den Wanderburschen schwer zu leiden haben. O!t kommen letztere in größeren Trupp« angerückt, kein Hemd auf dem Leibe, barfuß und barhäuptig, mit dem roten Hahn drohend, wenn die verlangte Gabe verweigert wird. Der Landmann ist gegen den auSgeübten TerroriSmn« vollständig wehrlos. Landwege aus denen Kinder und Frauen ftch ehemals sicher fühlten, wie im Elternhause, werden jetzt mit großer Vorsicht betreten. Wo man sonst Schloß und Riegel nicht be- durfte, ist man jetzt zu keiner Stunde vor Dieben sicher. Die Polizei vermag nicht viel auszurichten. Die Gefäng« niste reichen nicht aus für die Aufgegriffenen, die Kor- rektionShäuser sind überfüllt und dabei ist e« nur ein kleiner Bruckteil der unstät von Ort zu Ort Wandernden, welcher der Polizei nicht entschlüpft. „Mehr wie ein Prozent der
mecklenburger!
Die umliegenden Provinzen waren, wie zu Anfang diese« Jahre« in einem Schriftwechsel zwischen dem groß- herzoglichen Ministerium de« Innern und den Oberpräsi- dmlen von Schleswig - Holstein und Pommern konstatiert wurde, nicht bester daran. E« wurdm In Schleswig-Holstein wegen Bettelns und LandstreichenS verurteilt
zu Haft zur Ueberweisung in« KorrektionShau« 1878 7513 Personen '
verschlungene Pfade.
Novelle von R. Hoffmann.
(Fortsetzung.)
Anna empfing ihren Bruder OSkar, dm sie schwärmerisch liebte uns verehrte, mit der gewohnten Liebenswürdigkeit, zumal sie wußte, daß e« OSkar stet« verstand, ihre trüben Gedanken hinweg zu plaudern und hinweg zu
wollen heute auch plaudern," sagte OSkar scherzend, „aber von einigen ernsten Dingen, liebe Schwester.
Anna sah ihren Bruder erstaunt an, denn ste ahnte nickt welche Richtung sein Gespräch annehmen würde.
'ES haben sich nämlich in letzterer Zeit in unserem Schlöffe Geheimnisse und Wunder vollzogen," fuhr OSkar fort von welchen Du keine Ahnung hast, Anna.
' Du willst wohl einen Schabernack mit mir treiben, um mir meine Schwermut zu verjagen?" entgegnete Anna.
Schabernack!?" rief O-kar. „Em Schabernack ist» nicht, was ich mit Dir vorhabe, aber den Schabernack de« Schicksals, der Dich heimgesucht hat,, will ich Dir auf» klären, dazu bin ich heute gekommen."
Anna wurde ernst, sprach kein Wort mehr und setzte sich am Fenster nieder, auf die ferneren Worte ihre« Bru- ^"^Os/ar"hätte sich feinen Plan, auf da« Gemüt Annas versöhnend einzuwirken und dieselbe mit den ihr unbekannten Ereigniffen vertraut zu machengut ausgedacht, aber bei der Haltung, die Anna schon bei der leisen Be rührung dieses Thema- zeigte, begann der junge Diplomat doch an dem Erfolge feiner Beredsamkeit einem schwer ge»
Injtigen nimmt entgegen: u; Expedition b.Blatte-, foioie d.Annoncen-Bureaux
Th- Dietrich u. Eo. in Fasset und Hannover; Th. xiclrich in Frankfurt a M; Oaufenftein u. Vogler in Itcnlfurt a. M., Berlin, gripzig, Köln Rudolf jilcffe in Berlin, Frankfurt a. M- ic.
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatte«, sowie d.Annoncen-Bureanx een G. 8. Daube u. 6». in Frankfurt a. M; JLgersche Buchhandlung daselbst; Hermansche Buchhandlung daselbst; Jnvalidendank in Berlin; Ev. Thiene« in Elberfeld; ®. Schlotte in Bremen.
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Mangel an Räumlichkeiten zwang oft zu vorzeitiger
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Pommern« Provinzial - Korrigenden - Anstalten weisen für die wegen Betteln« und wegen Landstreicherei Verurteilten felgende Zahlen auf:
» Ueckermünde 1877—78 673 Detinierte 1879-80 812 ,
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Buchd.uderei) bezogen ^ebition ^heilende «u-kunft und Annahme von Adressen werden 85 Pf«, berechnet.