Nr 302
Marburg, Sonntag, 24. Dezember 1882.
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Theobald lächelte wehmütig und ungläubig, aber OSkar fuhr fort:
„Ich habe Dir zwei sehr wichtige Mitteilungen zu machen, die Deine Seele gesund machen müssen. Ich glaubt, daß Du heute ohne Schaden für Deine Gesundheit Alle- erfahren kannst."
Theobald war noch immer von seiner tiefen Schwermut beherrscht, aber er sagte doch mit fester Stimme:
„Sprich, OSkar, ich kann alles hören, mein Geist ist in der letzten Z-tt schon von derartigen Gedanken gequält worden, daß mich schwerlich noch etwa- überraschen kann."
„Nun," begann OSkar, „ich muß Dir wiederholen und bestätigen, was Dir schon der Arzt gesagt hat und was Du nicht glauben wolltest, Graf Broderode ist nicht tot. Die Wunde war allerdings lebensgefährlich, aber der meisterhaften Hand eines berühmten Wundarztes ist es gelungen, den Grafen zu retten, Graf Broderode ist fast ganz wieder- hcrgestellt und befindet sich mit Dir unter einem Dache."
„Sprichst Du wahr, sprichst Du wirklich wahr, Oskar?!" rief Theoalv mit einem freudig« Herzen, da- von einer Zentnerlast befreit schien.
„Ich rede die Wahrheit und den Graf« Broderode kannst Du noch heute sehen I" betonte OSkar.
„Aber so erkläre mir doch die näheren Umstände, warum Graf Broderode im Schlosse sich aushält?"
„Graf Broderode," berichtete OSkar, „lag zum Tode verwundet ohne genügende Hilfe und Pflege in dem elenden Gasthofe. Zur Vornahme der Operation sollte er nach C., drei Stunden von hier entfernt, gebracht werden und zwar so schnell als möglich. Niemand konnte dafür einen geeigneten Wagen stellen als wir. Der Onkel des Grafen jtant und bat den Vater fußfällig um einen Wagen, da e«
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Illustriertes Sonntagsblatt
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Die Expedition der Oberhess. Ztg.
Weihnächte« und die Politik.
Die Politik an und für sich hat ja herzlich wenig mit der lieblichen Weihnachtsfeier, dem Feste friedlicher, fröhlicher Freuden in der Kirche und am häuslichen Herde zu thun, aber dieses große Fest deS Christentums, zu welchem sich die maßgebenden Völker der Erde bekennen, kann unmöglich seinen Einzug halten, ohne auf die Politik einen eigenartigen Einfluß auSzuüben und zu Vergleichen herauS- zufordern.
Ein so holdes und anmutiges Bild wie das WeihnachtS- fest erweckt nun allerdings der gegenwärtige Stand der gesamten Politik in unS nicht, aber ein großes Geschenk legt uns die Politik doch auch auf den diesjährigen Weihnachtstisch in Gestalt deS Völkerfriedens, der uns ungeschmälert und getrübt bewahrt wurde und der auch nach menschlichem Ermessen und unter den Auspizien der verbündeten Kaiser Wilhelm und Franz Josef und deren erster Berater unS noch lange erhalten bleiben und zum weiteren Aufblühen aller ErwerbSzwrige sein gutes Teil beitragen wird.
Wir geben auch an dieser Stelle ganz unumwunden unserer Meinung über die jüngsten Auslastungen betreffend das deutsch - österreichische Bündnis und die Mission deS Herrn von Giers dahin Ausdruck, daß wir dadurch die Festigkeit des Friedens nicht im geringsten erschüttert, sondern vielmehr noch gestärkt sehen, denn durch jene Kundgebungen blickte ziemlich deutlich die Thatsache hindurch, daß außer der deutsch-österreichischen nicht gut eine andere ersprießliche Vereinigung zweier Großmächte in Europa stattfinden kann, denn die wankelmütigen, wenig Ziel und Kraft verratenden Zustände in Frankreich sind zu einem Bündnis sehr wenig verlockend.
Düster und unbehaglich sieht eS in der hohen Politik wohl noch wegen der egyptischen Frage auS, aber wir hegen in dieser Beziehung keine Befürchtungen, denn der Löwenanteil in der egyptischen Frage wird England von keiner Großmacht streitig gemacht und waS im übrigen die Ver- hältniste des internationalen Verkehrs nach Egypten und im Suezkanal anbetrifft, so muß England innerhalb der bereits bestehenden Verträge den Verpflichtungen nachkommen, die eS dem Völkerrecht schuldet, die egyptische Affaire wird sich also voraussichtlich auch friedlich lösen.
WaS den Stand unserer inneren Politik im Reiche und den Bundesstaaten anbelangt, so steht es da allerdings nicht sehr „weihnachtlich" aus. In Preußen sollen die unteren Volksklaffen wohl ein dauerndes Weihnachtsgeschenk in Form eines bleibenden Steuererlasses erhalten, aber über die Ziele und Beweggründe unserer gesaugten inneren Politik, deren Schwergewicht im Reichstage ruht, kämpfen die Parteien noch sehr hart miteinander. Aber dieser Kampf ist ja nur ein Streit am häuslichen Herde um allerlei Fortschritte im gemeinsamen Vaterlande, ein Streit, der im Leben und Streben eines jeden Volkes liegt und deshalb uns nicht zu trüben Gedanken veranlassen darf. Vergessen wir darum für die nächsten Tage alles, was Politik heißt und erbauen wir uns um so mehr an der Freude, die jedem Christenherzen in der Weihnachtsfeier in Kirche, Haus und Familie erblüht. Ein fröhliches und gesegnetes Weihnachtsfest möge dann auch diesesmal seinen Einzug in Hütten wie in Palästen halten I
Deutsche« Reich.
Berlin, 22. Dez. Der Kaiser ist von der Erkältung wieder hergestellt und unternahm gestern nachmittag seine erste Ausfahrt. — Prinz Friedrich Karl besuchte heute nachmittag den Fürsten Bismarck, um sich von demselben zu verabschieden. — Wir haben uns nicht den Beruf und nicht die technische Sachkunde zugetraut, schreibt die „Nordd. Allg. Ztg.", mit einer eigenen Ansicht in die Erörterungen einzugreifen, welche über das militärische Gleichgewicht zu beiden Seiten der deutsch-russischen Grenze in Anknüpfung an den neulichen Artikel der „Köln. Ztg."
Berschluugeue Pfade.
Novelle von R. Hoffmann.
(Fortsetzung.)
Oskar erhob sich bab, und indem er nach dem Schlosse ging, sagte er: „Ich hoffe, Euch bald gute Nachrichten bringen zu können."
Oben im zweiten Stocke deS Schlöffe« in einem geräumiger Z mmer saß Theobald am Fenster und blickte traurig auf die anmutige Landschaft, welche von der Sonne des Späisommers mild beleuchtet wurde. Theobald war von dem hitzigen Nervenfiebcr, von welchem er nach dem Duell und infolge allzugrüßer vorhergegangener körperlicher und geistiger Anstrengungen befallen war, wieder befreit und er fühlte nur noch die Schwäche des Genesenden. Aber an seinem Gewissen nagte das Bewußtsein der schweren Schuld, den Grafen Broderode tötlich niedergestreckt zu haben, und die Tröstungen seiner Eltern, daß Graf Brode- rode noch lebe, hielt er nicht der Wahrheit entsprechend, denn er hatte ja selbst den Grafen Broderode zum Tode verwundet am Boden liegen sehen.
Es flopfic Thüre des Zimmers deS Grasen Theobald und auf die desselben trat der Freiherr
Dskar herein und erkundigte sich Kjt,teilnehmenden Worten "ach dem Befinden des Bruders/ Theo^ül". dankte für des Bruders Teilnahme und konstatierte, daß tfe-M f°ft ganz »tfber gesund fühle, aber da« wehmütige »n^tz deS Re- wnvalcszenten ließ nach dieser Richtung kein volMudige« vertrauen aufkommen. tu.
. "Du bist körperlich wieder hergestellt", sagte OSkar^ -aber Deine Seele, Dein Geist Ist noch krank und Ich . tll heute^Dein Seelenarzt sein und hoffe Dich vollständig
sich bei seinem Neffen um Leben und Tod handele. Bester war es nach dem Rat des Arzte« noch, wenn der Ber- wundete in gute Pflege komme und der Operateur schleunigst herbeigeholt würde. E« galt ein Menschenleben zu retten, der Vater ließ den Verwundeten In« Schloß bringen und alles andere kannst Du Dir selbst folgern."
Theobalds Gesicht strahlte freudig bei diesen Wort« OskarS und mit gehobener Stimme sagte er:
»So ist denn durch eine wunderbare Fügung bei Schreckliche verhindert worden. Ich will den Grafen Brod» rode sehen, Oskar, ich will mich mit ihm auSsöhnenl"
„Aber er ist doch noch Dein Nebenbuhler," wandte Oskar mahnend ein.
„Jetzt nicht mehrl" rief Theobald, ohne sein Antlitz zu verändern. „Ich habe in den letzten Wochen erfahren, wohin die maßlose Leidenschaft führt, zum Elend und zum Verderben. Ich gönne dem Grasm Brvderd« sei« Glück an GabrielenS Settel"
„Nach der Aussage GabrielenS brauchst Du da« nicht einmal zu thun," sagte OSkar mit fast scherzender Stimme.
„WaS bedeutet das?" ftug Theobald hastig und tief errötend.
„Nun," sagte Oskar kaltblüttg, „Gabriele hat mit wiederholt beteuert, daß ihr, was Herzensangelegenheiten betrifft, der Graf Broderode gleichgiltig, fie habe ihr Her» einem andern geschenkt."
„Und wie heißt der andere?" frug Theobald hastig.
„Ich riskier'- Dir zu sagen", meinte OSkar in la«, niger Weise. „Gabriele möchte den Freiherrn — OSkar von KönigShof zum Gemahle, wen» diese« sie haben mag."
(Fortsetzung fetflt.)
von mehreren Seiten gepflogen worden sind. Heut« aber ersehen wir auS Wiener Organen die Neigung, die von der „Köln. Ztg." mit der technisch-militärischen Frage vev» knüpften politischen Erwägungen als eine Wamung de« Reichskanzler» an irgend welche österreichisch - ungarische Adresse zu verwerten. Dem gegenüber halten wir un« zu der Erklärung verpflichtet, daß in unseren amtlichen Kreis« weder Vorkommnisse noch Ansichten bekannt sind, welche einer solchen Auffassung zur Seite ständen. In dies« Kreisen herrscht vollständige» Vertrauen nicht nur zu der gegenwärtigen, sondern auch zu der zukünftigen österreichisch- ungarischen Politik, und die sicheren, aus dem gegenseitig« Vertrauen beuchenden Beziehungen beider Reiche, welche unter der GeschäftSleitung de» Grafen Andrafly entstanden und von diesem vor, während und nach seiner Amtsführung in gleicher Weis« gepflegt worden find, stehen außerhalb des Bereichs ber publizistischen Diskussion und der in derselben zutage tretenden Konjekturen. Die Beziehungen de« Deutschen Reichs zu Oesterreich-Ungarn sowohl wie zu Rußland sind durch die geschichllichen und politischen Verhältnisse dieser drei großen Reiche und durch di« Gesinnungen ihrer Monarchen bedingt und von so schwerem Gewichte, daß sie durch gelegentliche Erörterungen in der Presse eines der Länder nicht verschoben werden können. — Dasselbe Blatt schreibt über den ausführlicher bekannt gewordenen Artikel de» „Golos": Wir finden in dieser näheren Bekanntschaft keinen Anlaß, von unserem erwähnt« Artikel etwas zurückzunehmen, wohl aber ihm einige Betrachtungen hinzuzufügen, nicht über die Beziehungen zwischen Deutschland und Rußland, sondern über diejenigen des „Golos" zu beiden Ländern. Wir halten diese» Blatt weniger für ein Organ der russischen öffentlichen Meinung, wie der französisch-polnischen Einflüffe, welch« der „GoloS" nach Maßgabe der hinter ihm stehenden Geld- und ArbettS- kräfte auf die russische öffenlliche Meinung zu üben sucht. Diesem Charakter de» Blatte» entspricht auch hier wiederum sein Plaidoyer zu gunsten der französischen Industrie und zum Nachteil der deutschen. Dasselbe lautet im Au«zug: »In dem ersten dieser Artikel erteilt die ministerielle „Nordd. Allg. Ztg." dm Franzosen einen strenaen Verweis dafür, daß st« die Produkte der deutschen Industrie nicht kaufen und ven Handel ihrer Nachbaren, die ihn« Elsaß und Lothringen weggenommen haben, nicht unter- stützen wollen. Für diese Nichtberückstchtigung der deutsch« Handels- und Jndustrie-Jntereffen droht da» Organ de» Fürsten Bismarck mit einer Erhöhung der Zölle auf Champagner und Pariser Artikel. „Auf Kenner können dies, Drohungen und Vorwürfe nur den Eindruck komischer Naivetät machen. Die Unlust, Erzeugniffe der heuttg« deutschen Industrie zu kaufen, ist seit 9 Jahren nicht nur - in Frankreich, sondern auch im übrigen Europa bemerkbar geworden. ES hängt damit zusammen, daß die deutsche