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Marburg, Sonnabend, 16. Dezember 1882

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Deutschen Reiche verschwunden?

Kommissar des Bundesrats, Staatsminister v. Putt- kamer, vermißt eine bestimmte Erklärung deS Vorredners, Vie er sich zu dem sozialdemokratischen Anträge stelle. Die

Annahme desselben stehe freilich im vollen Einklänge mit der ablehnenden Haltung, welche die Fortschrittspartei allen Maßregeln der Regierung zur Förderung der Volkswohl­fahrt gegenüber bisher eingenommen. Allerdings wäre mit dem Sozialistengesetz der Kern der Sozialdemokratie nicht erreicht; aber die wohlthuende Wirkung des Gesetzes liege in seiner prophylaktischen Bedeutung. Ueber die Dauer deS Sozialistengesetzes könne er sich heute nicht auösprechen; die Entscheidung darüber liege in der Zukunft. Ohne zwingende Gründe werde man dasselbe sicher nicht aufrecht­erhalten. Der Vorwurf deS Vorredner«, daß die Regie­rung selbst zwar die Sozialdemokratie bekämpfe, soweit eS sich um die Demokratie handle, aber nicht das sozialistische, das wirtschaftliche Element in derselben, so bemerke er, daß auch in letzterer Beziehung Ziel und Methode der Regie­rung von derjenigen der Sozialdemokratie weit verschieden seien. Gewiß anerkenne die Regierung mit der großen Mehrheit der Nation gewisie Schäden in unserem sozialen Leben, deren Heilung der Zweck ihrer Vorlage sei Bei Anwendung des § 28 des Sozialistengesetzes könne es sich seiner Fassung nach immer nur am allgemeine Wahr­nehmungen handeln. Die Regierung hatte sich verpflichtet, den § 28 dort anzuwenden, wo sie Agitatoren attrapiere, die aufreizende sozialdemokratische Schriften verbreiten.

Abg. vr. W e n d t (Hamburg) erklärt, daß die Fortschritts­partei ausnahmslos für den Antrag der Sozialdemokraten stimmen werde, ebenso event. aber eine Verschärfung des gemeinen Rechts ablehnen würde. Der Hamburger Senat habe sich nur schwer dazu verstanden, aus Kourtoiste gegen den großen Nachbarstaat auch auf Hamburg den Belagerungs­zustand mit ausdehnen zu lassen. Die Ausführung deS Sozia­listengesetzes in Hamburg sei allerdings eine durchaus lo­yale gewesen; gleichwohl seien etwa 200 Familien aus Hamburg auSzewiesen. Der Redner sucht eingehend dar- zuthun, daß daS Sozialistengesetz selbst zur Stärkung und Einigung der sozialdemokratischen Elemente am meisten bei­trage. Er wendet sich dann an daS Zentrum, welches die Worte: Wahrheit, Freiheit und Recht immer im Munde führe; auch hier handle eS sich um ein ExpatriierungS- Gefetz; die Sozialdemokraten verdienten doch dieselbe Rück­sicht, wie die katholischen Priester. (Oho! im Zentrum.) Schließlich protestiert der Hamburger Abgeordnete dagegen, daß man im deutschen Föderativstaate die monarchische Ge­sinnung zum Prüfstein oeS Patriotismus mache.

Staatssekretär des Innern v. Bötticher konstatiert, daß der Hamburger Senat sein volles Einverständnis mit der vorgclegten Denkschrift, die allerdings im preußischen Ministerium des Innern nuSgearbeitet sei, ausgesprochen habe. Die ihm vorliegende Nachweisung gebe einen Anhalt, daß der 8 28 deS Sozialistengesetzes in Hamburg keines­

wegs ander« als in den anderen Bezirken au-geführt werde. Im übrigen spricht er die sichere Erwartung au«, daß da« HauS den Antrag ablehnen werde.

Abg. v. CzarlinSki bemerkt, daß die sozialdemo­kratischen Agitatoren bei dem polnischen Volke wenig Glück hätten. Die Negierung möge dasselbe nur durch Maß­nahmen unterstützen, welche geeignet sind, den sozialdemo­kratischen Agitatoren den Boden zu entziehen.

Abg. Grillenberger widerspricht der Annahme, daß daS Sozialistengesetz und der Belagerungszustand die Sozial­demokratie erheblich geschwächt hätten. Nach wie vor hätten die Arbeiter kein Vertrauen zu der Regierung, denn deren sogenannte Reformmaßnahmen seien nur neue Ketten für die Arbeiter. Er gebe zu, daß jeder zielbewußte Sozial­demokrat Republikaner sei; daraus folge aber noch nicht die Sehnsucht oder da« Streben nach einer gewaltsamen Revolution.

Dem Abg. Grillenberger gegenüber konstatiert Minister v. Puttkamer, daß niemals im amtlichen Auftrage Agents ProvocateurS Exzesse provoziert hätten, um da« Material zur Begründung der Verlängerung deS Be­lagerungszustandes zu gewinnen. Nachdem auch der Kgl. sächsische BundeSbevvllmächtigte Minister von Nostiz- Wallnitz einzelne Detailangaben richtig gestellt hat, er­örtert der Abg. W i n d t h o r st die Stellung deS Zentrum«: DaS Zentrum habe, als es sich de lege ferenda handelte, das ganze Gesetz bekämpft; jetzt, wo eS sich de lege lata handele, werde er mit feinen Freunden gegen den sozial- demokratischen Antrag stimmen, weil eS der Stellung deS Reichstags nicht entspreche, akademische Resolutionen zu fassen, denen er keinen praktischen Nachdruck zu geben ver­möge. Er werde den Bericht der Regierung einfach zur Kenntnis nehmen; dies enthalte weder eine Billigung, noch eine Mißbilligung der darin enthaltenen Thatsachen. Al- Gegengift gegen die Sozialdemokratie befürwortet Windt« horst die rrnverweilte Inangriffnahme von Reformen zu gunsten des Arbeiterstandes; das Christentum und die freie Kirche müßten dabei mit dem Staate Hand in Hand gehen.

Abg. Stöcker konstatiert, daß die wahren Tendenzen der Sozialdemokraten ganz andere sind, al« die angeblich harmlosen Tendenzen, welche die sozialdemokratischen Ab­geordneten im Reichstage ihnen nachzusagen pflegen. Redner hofft, daß die soziale Reform der Regierung die Herzen der Arbeiter gewinnen werde.

Abg. Schröder (Wittenberg) erklärt, er werde gegen die Resolution der Sozialdemokraten stimmen ; die diskre­tionären Vollmachten, die das Sozialistengesetz der Ver­waltung beilege, vertrügen eine Einmischung deS Reichs­tages nicht. Abg. Richter (Hagen) konstatiert namen« der Fortschrittspartei, daß die Bemerkungen des Abgeord-

Reichstag.

Berlin, den 14. Dezember.

In der heutigen (28.) Plenarsitzung deS Reichstag« nahm vor dem Eintritt in die Tagesordnung der bayerische bevollmächtigte und Gesandte Graf Lerchenfeldt daS Wort, um auf die Provokation des Abg. Windthorst in der gestrigen Sitzung, der er beizuwohnen verhindert ge­wesen, zu erklären, daß die bayerische Regierung die Be­eise nie schuldig geblieben sei, daß eS ihr nicht an Mut fehle. Sie habe aber wohl daS Recht, aber nicht die Ver­richtung, ihre Ansicht hier auszusprechen, und in einer von jhr getroffenen Entscheidung werde sie sich durch keine Pro­vokation irre machen lassen. Darüber, ob ihr Votum im konkreten Falle zustimmend, sowie über dessen Begrünung dem Reichstage Mitteilung zu machen, habe die bayerische Regierung keine Veranlassung.

Abg. vr. Windthorst steht diese Erklärung mit Be­friedigung als die Quittung darüber an, daß das, waS er gesagt, an der Stelle vernommen worden, wo er gewünscht, daß es gehört werde. Allerdings liege es im Ermeffen der bayerischen Regierung, nichts zu sagen, und von diesem Rechte habe sie auch heute Gebrauch gemacht. Abg. Hänel indes ist schon darüber befriedigt, daß der bayerische Gesandte überhaupt geantwortet; durch solches Eingreifen in die Verhandlungen der verbündeten Regierungen werde immerhin die Situation etwas geklärt.

Abg. Frhr. v. Minnigerode bemerkt, daß die ein­heitliche Vertretung deS BundeSratS vor dem Reichstage doch wohl als Siegel wünschenswert erscheine. Abg. Windt-

Berschlungeue Pfade.

Novelle von R. Hoffmann.

(Fortsetzung.)

2. Aufl Sorzeit eben. , l Mittel­

ganz und gar nicht," entgegnete Gabriele mit Resignation, aber dann plötzlich fuhr sie überrascht fragend fort:Oder sollte Sie mein heutiges Geständnis verblüfft und bedenk­lich gemacht haben? Ich habe damit freilich einen Schritt gethan, den eine Dame niemals thun soll, wenn ihr nicht vorher der Mann ihres HerzenS seine Gewogenheit offenbart hat, aber ich hätte den Schritt auch niemals gethan, hätte das Geheimnis meines Herzens vielleicht mit ins Grab ge­nommen, wenn Sie, wenn die ganze gräfliche Familie mich nicht in dem Verdachte gehabt hätten, daß ich mit Annas Bräutigam Beziehungen unterhalten habe, die zu dem un­glücklichen Ereignisse von heute geführt und die arme Anna in fo tiefe« Unglück gestürzt haben. Nur um den schmäh­lichen falschen Verdacht von mir abzulenken und übermannt von dem furchtbaren Gefühle, auch von der Person, der ich angehören möchte, fürs ganze Leben unverdient verachtet zu werden, habe ich den heutigen Schritt, den Sie mir ver­leihen wollen, gethan!"

Wir alle, meine Eltern, mein Bruder und ich befinden uns Ihnen gegenüber in einem furchtbaren Dilemna, Fräu­lein de Dmandot. Der natürliche Verdacht lenkte sich auf Sie, kann sich nur auf sie lenken. Sie sind die Angeklagte, die Angeklagte kann sich aber selbst nicht freisprechen. Sie selbst waren bis jetzt die einzige Person, die sich auch frei­sprach, freisprach ohne Beweise, worauf doch kein vernünf­tiger Mensch Wert legen kann. Beweisen Sie uns, Fräulein de Durandot, daß Sie zu dem Grafen Broderode in keinen Beziehungen gestanden, ihm auch keinen Wink, kein Zeichen gegeben haben, was ihn zu der heutigen Katastrophe ver­anlaßte; u ,0 liegt sehr viel daran, Sie, die Sie so lange ein lieber Gast in unserem Hause waren, von diesem Ver­dachte befreit zu sehen!"

Gabriele war infolge dieser nüchternen Logik des Baron Oskar > zunächst in Erstaunen geraten, doch leuchtete ihr die

Richtigk.it dieser Logik in dem Maße ein, daß sie energisch auSrief:

Derjenige mag kommen, der im stände ist, zu beweisen, daß ich an dem Unglücke Anna« Schuld trüge! Niemand vermag dies zu thun. Wo ist Graf Broderode? Graf Broderode ist ein Edelmann, er wird nicht lügen und nur der allein kann der untrüglichste Zeuge fein. Sagen Sie mir, wo sich Graf Broderode ausyält, bester Baron, ober holen Sie ihn herbei, et soll sprechen, er soll beweisen, daß ich ihn zu seinem heutigen Schritte ermutigt hätte, daß ich mit ihm irgend welche nähere Beziehungen unterhielt. Er müßte lügen, frech lügen, wenn er e« thäte, doch das ist bei einem Edelmann und bei dem Charakter de« Grafen Broderode unmöglich. Holen Sie nur denselben herbei, bester Baron, die Affaire wird sich bald aufklären!"

Erregt und siegesgewiß stand nach diesen Worten Ga­briele vor dem Freiherrn Oskar, doch dieser war sichtbar um eine Antwort verlegen, denn, wenn er bei dieser Zu­sammenkunft mit Gabrielen auch an alle« andere gedacht, so hatte er eS doch für eine Unmöglichk it gehalten, daß Gabriele eine Frage nach dem Grafen Broderode an ihn richten werde. In mehr als einer Beziehung mußte auch Oskar Bedenken tragen, über den Grasen Broderode Ga­brielen Aufschluß zu geben, doch wiederum auch nicht. Stellte doch Gabriele in Abrede, in irgend welchen zärtlichen Beziehungen zu dem Grasen Broderode zu stehen, sie konnte deshalb auch die Botschaft von dem Schicksale deS Grafm Broderode anhören, ohne daß eine gefährliche Wirkung für Gabrielens Gemützustand zu fürchten gewesen wäre. Oder hatte sie nur die Wahrheit verborgen, hatte sie OSkar nur ein Gefühl geheuchelt, um sich aus einer gr offen Verlegen­heit zu retten und ihren Ruf in den Augen des verehrten jungen Diplomaten wiederherzustellen?

(Fortsetzung folgt.)

nilten ß -ierung selbst gegenüber. Ohne die liberalen Ideen könnten . - die Sozialdemokraten nie besiegt werden. DaS Sozialisten­gesetz habe sich al« eine stumpfe Waffe erwiesen und den Äetn der Sozialdemokratie nicht getroffen. Habe die Re­gierung denn die Absicht, den Belagerungszustand so lange fodbauern zu lassen, bis Der letzte Demokrat au« dem

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatte«, sowie d.Annoncen-Bureaux von ®. 8. Daube u. C». in Frankfurt a. M; JSaerfche Buchhandlung daselbst; Hermansche Buchhandlung daselbst; Jnvalidendank in Ä W. Thienes in 1 ®- Schlotte in Bremen.

re

er« zu sie cbr. 1881 ionjert

...eigen nimmt entgegen: ^/Expedition d. Blattes, ^'«ie d.Annoncen-Bureaux

Dietrich u. Co. in Lh und Hannover; Th. Kch in Frankfurt a M.; Wenftetn u. Vogler in Gtfurt a. M., Berlin, L.jia, Köln IC.; Rudolf Mr in Berlin, Frank- furt a. M. re.

1 horst giebt das zu; aber wo notorisch abweichende Voten abgegeben, wäre doch eine Darlegung vor dem Reichstage

: am Platze. Damit ist dieser Gegenstand erledigt.

. i Bei Fortsetzung der Beratung der Denkschrift über die i Ausführung deS Sozialistengesetzes erhält zunächst das Wort . i Abg. Dr. Hänel. Derselbe führt aus, daß der Mi­st für «i nister v. Puttkamer gestern allerdings die Notwendigkeit deS Sozialistengesetze« überhaupt darzuthun gesucht, aber nicht ' Aufl., g die Denkschrift begründet habe. Der scharfen Verurteilung des Zusammenhanges der liberalen Parteien mit den Sozial-

L demokraten bei den Wahlen hält er das Verhalten der Re-

Srscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für da» Quartal mit der wöchentlichen BeilageJllnstrirte« SoimtagSblatt" durch die Expedition (K o ch'sche Buchdruckerei) bezogen ZV. Mark, durch die Postämter deS Deutschen Reiches Z Mark 50 Pfg. (excl- Bestellgebühr.) JnsertionSgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg.

Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden Z5 Pfg. berechnet.

Gabriele fing bei dieser trockenen, diplomatischen Ant­wort OskarS an zu zittern, Thränen quollen aus ihren Augen und sie verbarg auf einige Augenblicke ihr Antlitz, dann raffte sie sich auf und sagte energisch:

Warum soll ich wie alle Frauen dem Gegenstände ihrer stiebe gegenüber schwach sein? Meine Ahnung betrügt mich nicht, ich habe mich mit einer eitlen Hoffnung getragen, in Ihrem Herzen, Herr Baron, ist niemals Raum für ein Plätzchen für Gabriele de Durandot gewesen. Ich war lhiricht genug, einem Gedanken, einer Neigung nachzuhängen, ohne die geringste Aussicht auf die Berwirklichlung meiner Wünsche zu haben. Nun freilich, Sie sind auch einer der rrsten und besten unter den Männern, Herr Baron, und war von mir nicht nur thöricht, sondern auch kühn und vermeffen, eine Neigung für Eie In meinem Herzen auf« kommen zu lassen. Ich habe daS Unglück, von denen ver­folgt zu werden, die ich alle nicht will und der Einzige, den "h besitzen möchte, mag mich nicht. Das ist der Roman deines Herzens."

Urteilen Sie nicht zu vorschnell, gnädige« Fräulein!" Edigegnete mit einiger Teilnahme Oskar.Hätte ich von dem, was Sie mir vor wenigen Minuten offenbarten, schon ^or einigen Wochen, vor einigen Tagen, ja gestern eine Ahnung gehabt, so wäre meine Antwort wahrscheinlich an« » ausgefallen, aber nach den Eceigniffen des heutigen islt *e8e6 kann ich mich zu einem Entschlüsse, von dem mein 99) |?nic8 LebenSglück obhängen dürfte, nicht veranlaßt fühlen, stz muß mich sogar daran verhindert sehen." 7*3 h, *®on ihrem Standpunkte au«, Herr Baron, ist dies olelleicht begreiflich und natürl'ch, von dem meinigen indeffen