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Marburg, Dienstag, 5. Dezember 1882

xvii Jahrgang

-.»eigen nimmt entgegen: ^Expedition d. Blattes. ,,e b.Ännoncen-Bureaui 1 Dietrich u. Co. ir g.ffil und Hannover; Th Dietrich in Frankfurt a M haüfenftcin u. Vogler u IJtfurt a. M , Berlin Ljx.ig, Köln ic-; Rudol, Ä in Berlin, Frank- J furt a. -IM. ic

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Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatte«, sowie d.Annoncen-Bureaur von ®. L. Daube u C« in Frankfurt a. M; JSgersche Buchhandlung daselbst; Hermansche Buchhandlung daselbst; Jnvaliderdank in Berlin: W. Thienes in Elberfeld: C. Schlotte in Bremen.

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Reste

bt8 Minister des Innern, Herrn von Puttkamer, im Abgeordnetenhause am 1. Dezember.

Meine Herren I Ich bitte um Entschuldigung, wenn ich mir erlaube, die Verhandlungen über den Justizetat durch ,ine kurze Mitteilung über die Eindrücke zu unterbrechen, die ich auf der von Sr. Majestät mir befohlenen Reise nach den Rheinlanden, von der ich heute früh zurückgrkehrt bin gehabt habe. Die Frage hat ja ein so brennende« -Interesse nicht nur für das hohe HauS, sondern auch für das ganze Land, für jedes patriotische Herz möchte ich sagen, daß ich es für meine Pflicht halte, hier an dieser Stelle, die ich für die geeignetste halte, für die Oeffentlichkeit sofort über dasjenige zu referieren, was ich beobachtet habe. Ich bin also am Dienstag Abend von hier abgereist und heute früh wieder eingetrvff-n, nachdem ich Koblenz, Neuwied, Köln und einige andere besonders schwer heimgesuchte Ort- schäften des Kreises Köln und deS Kreises Düsseldorf be­sucht habe. Wenn wir auch, dem Himmel sei Dank, nicht einer so verhängnisvollen Katastrophe gegenüberstanden, wie die war, die unseren befreundeten Nachbarstaat heimgesucht hat, so befanden sich doch unsere Mitbürger in der Rhein­ebene einer sehr schweren Heimsuchung gegenüber, und eS wird nicht zu umgehen sein, zur Beseitigung der Notstände auch Mittel des Staate« in Anspruch nehmen zu müsien. (Bravo I) Welchen Umfang und welche Intensität die Hoch­flut gehabt hat, will ich den Herren au« einer einzigen Ziffer beweisen. ES hat nämlich ein höchster dieSinal be­obachteter Wasserstand am 28. November abends in Köln mit 9,39 Meter stattgefunden, 5 Zentimeter höher als der bisher bekannt höchste Wasserstand deS Jahrhundert-, und er wird nur übertroffen durch den allerdings noch sehr viel höheren des JahreS 1784. Ein großes Glück ist e« zu nennen, daß diese« ganz kolossale Hochwasser ohne Sturm verlaufen ist. Hätte, wie im Jahre 1876, wo die Höhe sehr viel geringer war, aber sehr starker Sturm herrschte, dies auch diesmal stattgefunden, so würde eine unabsehbare Katastrophe für die überschwemuiten Ortschaften gar nicht auSgeblieben sein. In diesem Augenblick ist daS Rhein- wass'er bedeutend im Fallen, es wird jetzt schon um 2 Meter gesunken sein, und wenn nicht ganz unvorhergesehene Un- glückSfälle noch oberhalb eintreten, wenn die relative Wind» stille fortdauert, so können wir hoffen, daß ohne weitere schwere Unglücksfälle die ganze Kalamität verlaufen wird. Es ist charakteristisch, caß die oberhalb Koblenz gelegenen LandeSteile relativ weniger gelitten haben; eS sind bekannt­lich die unterhalb Kölns belegenen Landesstriche, die mehr gelitten haben, und zwar durch die ganz exorbitante Höhe des Moselstroms, der wahrscheinlich infolge von Wolken­brüchen so gestiegen ist; auch die Lahn ist sehr ungebärdig gewesen, aber bei der relativ geringen Waffermenge nicht so gefährlich. Der Rheinstrombaudirektor hat mir selbst

erklärt, e« wäre geradezu unerhört, und es sei seit Jahr­hunderten nicht vorgekommen, daß die Mosel so ungeheuere Wassermassen in den Rhein gewälzt hat, so daß die unter­halb Koblenz liegenden Ortschaften sehr erheblich mehr leiden müffen. Die elementaren Schaden, die entstanden sind, lasten sich meiner Ueberzeugung nach in zwei große Gruppen teilen. Ich will gleich bemerken, daß eaS, was ich hier mitteile, ja nur ein außerordentlich lückenhaftes Bild sein kann, und auf Vollständigkeit keinen Anspruch machen kann. DaS wird erst in 8 bis 10 Tagen geschehen können, daß wir systematische Eindrücke von dem Ganzen haben. Ich habe mich nur in weniger gefährdete Ortschaften begeben, aber eS werden im großen und ganzen zwei Gruppen sein, erstens diejenigen Ortschaften, welche im Vorlande liegen, von der Ueberflutung gelitten und bei denen hauptsächlich die WohnungS- und Verproviantierungsfrage die Haupt­sache bilden wird, aber dann die sehr viel schwerer heim- gesuchten Ortschaften, deren Dämme gebrochen sind, nament­lich um Köln und Düsteldors. Die Städte Koblenz, Neuwied, Köln, Düsseldorf und namentlich auch Duisburg sind zum recht erheblichen Teil überschwemmt und die An­wohner ganzer Stadtteile haben teils disloziert werden müssen, teils sind sie nur auf Leitern verproviantiert, ver­mittel« herumfahrender Kähne. In Neuwied sind bei einer Bevölkerungszahl von 10000 Einwohnern nur 600 unbehelligt geblieben, die ganze übrige Stadt ist unter Wasser. Sie können sich also einen Begriff machen, wie furchtbar die Katastrophe sein würde, wenn der ungeheure Wassrrschwall mit Sturm und Wellenschlag hereingestürzt wäre; eS würde eine Stadt, wie Neuwied, sehr bald In einen Trümmerhaufen verwandelt sein. Man wird sich mit der Frage zu beschäftigen haben: wie wird es werden vielleicht nach 14 Tagen, wenn die Wogen wieder ver­schwunden sein werden, und wie wird man dann Maß­regeln treffen müffen, mn, da wir leider dem Winter ent­gegen gehen eS wäre ja ganz anders, wenn wir Früh­jahr hätten schwere SanitätSschädm in diesem Teile der Provinz fernzuhalten. Man hat mir und daS wird wohl das Nichtige fein gesagt, zweierlei werde ge­schehen müffen: erstens eine gründliche Desinfektion der Wohnungen, ein Aufreißen der Dielen, um trockene Schichten hineinzubringen, und vor allen Dingen ein starkes Heizen mit CookS, um die Wände, soweit e« geht, auSzutrocknen, denn ganz und gar wird das nicht möglich sein, denn es werden immerhin noch sehr viel gesundheitsschädliche Sub­stanzen in den Mauern bleiben. Da cs sich um tausend und abertausend von Wohnhäusern handelt, so wird daS hohe Haus ermessen, daß schon hierdurch sehr große Aus­gaben notwendig sind, in die meiner Auffassung nach Staat, Provinz, Gemeinde und Privatwohlthätigkeit sich werden teilen müssen. Die Verproviantierungsfragr ist in diesem Augenblicke noch ganz ohne alle Schwierigkeiten; ich habe sogar in einzelnen Ortschaften eine gewisse heitere Stimmung

dabei beobachtet, indem sich das ganz angenehm macht, wenn die Kähne herumfahren und reichlich Brot, Speck, Wurst und Kaffee verteilen. Ich glaube, in acht Tagen wird die Sache anders stehen und sich dann eine sehr trübe Stimmung der Bevölkerung bemächtigen, wie ich daS in Neuwied schon habe beobachten müssen. Sehr viel schlimmer steht eS nun aber in den Gegenden, welche hinter Dämmen, daher geschützt, gelegen haben, und diese Dämme durch­brochen sind. Wenn auch Gott sei Dank kein einziges Menschenleben verloren gegangen ist, und wenn nur ganz sporadisch ein Verlust an Vieh zu beklagen ist, so sind doch die Verluste ganz enorm; erstens ist die Ueberflutung viel rapider eingetreten, e« sind sämtliche Futtervorräte zerstört es wird davon abhängen, ob der Rhein mehr Sand oder mehr Schlick mit sich geführt haben wird und e« ist also auch bei der verhältnismäßigen Arbeitslosigkeit dieser Gegenden ein sehr trüber Winter in Aussicht. Hier wird es sich, glaube ich, wesentlich außer der WohnungS- und ErnährungSftage um die Wiederherstellung der durch­brochenen Dämme handeln, um Wiederherstellung der unter­brochenen Kommunikation der Wege und Bauwerke und vor allen Dingen nm Vorschüsse will ich es mal nennen, meistens wird es ja wohl definitiv sein um Futter für Vieh und Saaten für daS nächste Frühjahr. Alle- in allem genommen, stehen wir also vor einer sehr schweren Heimsuchung der Rheinlande und ich muß mir Vorbehalten, dem Hohen Hause dann, wenn der Herr Oberprästdent, den ich gebeten habe, seine Beobachtungen möglichst rasch zu konzentrieren, den umfassenden Bericht erstattet haben wird, die weiteren Mitteilungen zu machen. Einstwellen handelt es sich um schleunige Hilfe, und die Regierung Sr. Majestät hat sich entschlossen, zunächst al« Beratung zur Lösung der Wohnung«- und Verprovtantierungsfrage Se. Majestät den Kaiser telegraphisch zu bitten, die Staats- rrgierung zu ermächtigen, 500000 Mk. aus dem Extra- ordinarium ä fonds perdu herzugeben, um die Behörden beim Treffen der nötigen Maßregeln zu unterstützen. Ich glaube aber, meine Herren, das wird nur eine vorläufige Forderung sein; wenn die Berichte der Behörden bei uns einlaufen werden und einen definikiven Bericht abgeben, so glaube ich, wird eS nicht zu umgehen sein, daß wir mit höheren Anforderungen, die ja von der LandeSvertretung zu prüfen und zu genehmigen sein werden, an Sie heran­kommen. Ich will damit schließen, daß ich der gesamten Bevölkerung meine volle Anerkennung, die volle Anerken­nung der Regierung und ich hoffe auch in Ihrem Namen zu sprechen, darüber au-drückte, daß sie mit einer wahr­haft bewundernswürdigen Haltung dieser Kalamität gegen­übergestanden hat. Sie bat namentlich ganz außerordent­liche Treue bewahrt der Führung der Beamten, namentlich der Gemeindebeamten. Die ganzen Beamten, die Krel«- behörden sowohl wie die Gemeindebeamten haben mit un­übertrefflicher Ausdauer und Aufopferung ihre Schuldigkeit

Berschluugeue Pfade.

Novelle von R. Hoffmann.

(Fortsetzung.)

Anna, welche dies zu bemerken schien, sagte zu ihrem Bruder gewendet:

Auch Du kannst bewundern, OSkar, wa« Gabriele hier geschaffen hat."

Unsere liebe Pflegeschwester," entgegnete OSkar scher­zend,ist ja stets in allem talenwoll und hat natürlich auch hier etwa« Schöne« geschaffen." Bei diesen Worten beugte sich Oekar über die Arbeit Gabrielen« und diese sagte:

Es ist nur ein Machwerk, Herr Baron, nur Stüm­perei. Wir Frauen bleiben auf diesem Gebiete stets Dilettanten." _ .

Es ist keine Stümperei, Baronesse," erwiderte Oskar schlicht, aber mit einigem Nachdruck.Sie haben eine recht gute Idee dabei entfaltet und einen ganz ausgezeich­neten Entwurf angelegt. DaS, wa« fertig ist, befriedigt °uch. Der Bach mit seinen Schlangenwindungen gefällt mir außerordentlich, die zackigen Bergwände und der Wald auch, es fehlt nur noch die Vollendung der Schlucht und das hintere Gebirge."

Sie sind ein Diplomat," scherzte Gabriele,aber Sie sprechen wie ein Maler, Baron. Ich freue mich über Ihren Bifall; wenn er auch mir etwa« schmeichelhaft dünkt, so klingt er roch auch wie ein fachmännische« Urteil. Sie werden aber auch wissen, H rr Diplomat und Maler, baß ich die schwierigste Arbell an der Skizze noch zu thun habe und da wäre ich Ihnen wirklich für einen kleinen Wink dankbar."

OSkar machte eine artige, zustimmende Bewegung und setzte sich sofort vor die Skizze, den Stift in die Hand nehmend.

Ich denke mir die Vollendung folgendermaßen," sagte er bescheiden.Vollenden Sie erst die Schlucht Sie haben die Bergwände mit kühnen Strichen so recht nach der Natur dargestellt fahren Sie so fort dunkler Tannenwald krönt die Bergeshäupter gestatten Sie noch einen Moment an dem rechten Abhange ist ein Wein­berg, welcher den unteren Hügel kränzt, nicht zu vergessen Wälder sind immer noch etwas sorgfältiger als andere Partteen zu zeichnen auch jene Riesentannen, die ihre Häupter noch um fünfzig Fuß höher al« ihre Schwestern erheben, dürfen nicht vergessen werben--

Gabriele, Anna und Theobald umstanden mit sprach­losem Staunen OSkar, der während dieses Monolog« nicht nur gesprochen, sondern auch gezeichnet hatte und jetzt immer noch an der Skizze arbeitete. Nach zwei weiteren Minuten hörte er auf und sagte sich erhebend, zu Gabrielen:

Ach, ich habe die Kleinigkeiten, welche an dem Bilde noch fehlten, gleich selbst vollendet. Verzeihen Sic, mit Eifer 1"

Gabriele stand wie mit Purpur übergossen vor Oskar. Sie versuchte in dessen Antlitz zu sehen, aber wie von einem Zauber gebannt, vermochte sie eS nicht fertig zu bringen.

Auch Anna und Theobald waren von einem ähnlichen Staunen ergriffen und fanden nicht gleich ein passende« Wort. Am ersten hatte sich noch Gabriele in die Situa­tion orientiert. Diesmal war sie ober nicht nur freundlich und freudig erregt, sie war begeistert und noch einen Blick

auf da« vollendete und ihre Hoffnungen übertreffende Bild werfend, ergriff sie stürmisch Oskars Rechte und sagte mit den herzlichsten Worten von der Welt:

Tausend Dank, Baron, daß Sie in wenigen Minuten daS besser vollendeten, wie ich eS in einem ganzen Nach­mittage nicht fertig gebracht hätte. Sie sind ein Meister, ich lege Ihnen in Demut meine Bewunderung zu Füßen."

Nicht doch, beste Baroneß," entgegnete überrascht OSkar.Ich kann ein wenig besser und flinker den Stift führen, als Sie, das ist alles."

Ach nein," entgegnete fast traurig Gabriele,Sie können alle- besser und wissen zehnmal mehr als ich und ich glaubte recht viel gelernt zu haben."

Ich habe in meinem Leben immer nach Harmonie gestrebt," entgegnete gleichmütig OSkar.Deshalb habe ich manches gelernt und studiert, was viele Menschen für überflüssig halten, obwohl eine Summe außergewöhnlichen Wissens und Könnens unferm Geist eine Ueberlegenheit, unferm Urteil mehr Reife geben muß. Männer, die sich auSzeichnen wollten, werden die Bahn, die ich zu verfolgen bemüht bin, immer gewandelt haben. Schöne Künste und Wissenschaften waren meine nobelen Passionen, wenn mich mein Beruf nicht beschäftigte."

Auf diese Auslassungen OSkar« schien von den drei Anwesenden niemand direkt anworten zu wollen. Theobald fühlte mit erdrückender Schwere die geistige Ueberlegen­heit deS Bruders, mußte sich auch sagen, daß die» Ga­brielen und der Schwester auffallen mußte und zog eS vor, sich unbemerkt in eine andere Ecke de« Gartens zurück­zuziehen. (Fortsetzung folgt.)