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Nr*. 27S

Marburg, Donnerstag, 23. November 1882.

xvii Iahrgaag

(Olicrlirffifdir Leitung

sNachdruck verboten ) Berschlungeue Pfade.

Novelle von R. Hoffmann.

In der nordwestlichen Ecke von Deutschland, einige Meilen ostwärts von der Stelle, wo die blauen Fluten des Rheins die vielgenannte Biegung machen und oberhalb der Stadt Bingen einen ganz anderen Lauf nehmen, liegt in« mitten einer bergigen Landschaft da- Stammschloß eines alten Grafengeschlechts, die wir hier die Grafen von KönigS- hof nennen wollen. In den fünfziger Jahren unseres Jahrhunderts bestand die Familie der Grafen von Königs- hof aus dem Majoratsherrn und Grafen Siegfried, der mit einer Freifrau von Soldingen vermählt war, und desim jüngerem Bruder, dem unvermählten Freiherrn Erich von KSnigshof, der um jene Zeit Oberst und Kommandeur eines preußischen Husarenregiments war. Der Graf Siegfried lebte mit seiner Familie meistenteils auf seinen Gütern, die sich teils in der Rhcinprovinz, teils in Niederfranken be­fanden. Bon ihrer Familie, welche aus zwei Söhnen und einer Tochter bestand, hatte das gräfliche Paar in der Regel nur die Tochter Anna in ihrer Nähe, während sich die beiden Söhne schon seit einer Reihe von Jahren selten und dann auch nur kurze Zeit auf ihrm väterlichen Burgen blicken ließen. Der ältere Sohn, Graf Theobold, war ein Sonderling. Ganz entgegen den Familientraditonen der Grafen von KönigShof, die stets eine große Ehre darin gesucht hatten, in höheren Staatscarrisren dem Vaterlande zu dienen, hatte Graf Theobald nach Beendigung seiner mistenschaftlichen Studien fdnen eigentlichen Beruf ergriffen und lebte nur seinen mannigfaltigen Neigungen, die in weisen, Jagden und anderem Sport sich vorwiegend kund gaben.

Der zweite Sohn, der Freiherr Oskar von KümgShof, war dagegen ganz in die Fußtapfm seines Vater» getreten

Das Neueste von derSpekulativ«" i« Paris.

(Die finanzpolitische Lage in der französischen Börsen. Republik.) Privattelegramme vom 16. November meldeten plötzlich aus Paris: Neue große Börsenderoute, Rothschild und die haute banque werfen riesige Posten Rente in Paris und London auf den Markt! Die Hochfinanzkreise scheinen da» Spiel verloren zu geben!

Der politische und der finanzielle Barometer deuten in Paris gleichmäßig auf Sturm. Eine Republik, welche sich sozialreformerisch gebärden will, ohne den Mut zu haben, von der großen Ausbeutungsmaschinerie, welche Börse heißt, auch nur das kleinste Steinchen abzubrechen, ist nur ein Hohn auf sich selbst. Das heutige Frankreich ist weiter nichts als eine reine Börsen-Republik, in welcher der eigent­liche Regent Rothschild heißt. Die ersten Dynamitbomben sind dort geplatzt, wo der Börsenschwindel in jüngster Zeit seine krassesten Orgien gefeiett hatte, nämlich in Lyon.

Von denEmissionen" des seit lange in schlimmster Verlegenheit befindlichen PariserCrsdit-Gvnöral-FrantzaiS" berechnet dieNational - Ztg." in ihrem Börsenteil vom 3. November er. beispielsweise folgendes:

»Wenige 10 Emissionen zusammen ergeben, daß die Emittenten dem Publikum rund 56 V2 Millionen Frank« abgenommen haben für Papiere, deren Kurswert heute weniger als 4Vg Millionen Franks beträgt."

Ein einziges dieser schwindelhaften französischen Bank­institute hat also allein das Publikum um mehr als 50 Millionen Franks betrogen, nach Rechnung derNat.- Zeitung"! Wie viel Hundert Millionen müssen hiernach die zahlreichen vcrschwindelten französischen Bankinstitute ihrem Publikum in kurzer Zeit jetzt wieder abgenommen haben? Da kann man doch über die Ursache der heutigen Dynamitperiode in der Thal nicht mehr in Zweifel fehl! Es ist einfach die'Spekulation"!

DieselbeNational-Ztg." jedoch, welche die gedachten, mehr als 50 Millionen in einer kühlen kleinen Notiz ihres Börsenhinterteils aus den Taschen des französischen Publi­kums heraus und in diejenigen der Börsenschwindler hinein­rechnet, hält 14 Tage später in ihrem Leitartikel der Börsen­spekulation und dem Differenzspielschwindel eine raffiniert kalkulierte Lob- und Verteidigungsrede!

Noch im laufenden Monat hat die französische Banko« kratie, und an ihrer Spitze daS Haus Rothschild, den Versuch gemacht, dem französischen Publikum neue Millionen für eine türkische Anleihe (Ottoman-Bank) aus der Tasche zu locken. In dem Börsenteil einiger deutschen Blätter konnte man bei dieser Gelegenheit folgende Notiz finden:

Finanzielle Preßbeteiligungen. Wie diePariser Nach­richten" erfahren, ist die Emission von Ottomau - Bank-

durch die Expedition (X 0 ch'sche gftr in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25~Pfg. berechnet Waltae Zeile 10 Pfg.

Periode, Über die gefallenen Leichen stolz hinwogschreitend, sich Bahn brechen".

Die Banken in Frankreich und anderwärts mußten viele Hunderte von Millionen fauler und wertloser Papiere aufnehmen, in der Hoffnung, sie mittelst der verheißenen neuen Rothschildschen Hausseperiode einem geehrten Publikum bald wieder aufzuhängen.

Nun wurden alle Machtmittel der großen internatio­nalen Bankokratie in Bewegung gesetzt, um den Krach zu stauen und die Börsenmaschine wieder in Gang zu bringen.

Ende April drohten die zum Teil bis ins Mark ver- schwindelten und mitNonvaleurs" überlasteten französischen Bankgeschäfte abermals den Zusammenbruch. Wiederum mußte hier die hohe Bankokratie mit größter Anstrengung ein völliges Zerreißen der Stränge zu verhüten suchen, an welchem sie die große Ausbeutungsmaschinerie leitet.

Bis jetzt scheint das notdürftig gelungen zu sein. Roth­schild selbst kam der Börse in großartigster Weise zu Hilfe, immer aber so, daß er sich selbst möglichst sicher stellte. Während die Milliarden flottanterNonvaleurs" in die Aktienbanken hineingeschoben wurden, kaufte Rothschild selbst in ungeheueren Summen französische Renten auf u. s. w.

Eine zeitlang schien äußerlich, als ob die vom Haufe Rothschild gewollte neue Börsenhause kommen wolle. Wien mußte schon im Februar und März aus der tiefsten Baisse in gewaltsam arrangierte Hausseversuche umspringen. Aber ein geehrtes Publikum blieb diesmal doch, trotz aller Ver­führungskünste und Verleitungsbemühungen Rothschildscher Börsentrabanten, im großen Ganzen der versengenden Flamme fern.

In England und Nordamerika war eS zwar gelungen, eit 1879 einen neue», großartigen GründungS-und Börsen- chwindel zu arrangieren, aber auch in diesen beiden Län- ,ern näherte sich der Schwindel in den letzten Monaten enem Punkte, welcher die Diskontschraube in Bewegung etzt und gegenwärtig von Monat zu Monat HiopSposten befürchten läßt.

In diesem Momente treffen aus Paris folgende ernste Nachrichten ein, welche wir aus den Blättern biet im Zu­sammenhang geben:

Paris, 16. Nov. Die heutige Börse war sehr be­wegt. Die Verstauung artete schließlich in eine Deroute au« besonders für Renten und Türkenwerte, von welchen enorme Posten auf den Markt geworfen wurden. DaS Fiasko der Türken-Emission, der Artikel Löon Says im Journal des EconowisteS" und neue Gerüchte bezüglich Schwierigkeiten in der inneren Politik motivierten die all­gemeine Baisse. Offizielle Schlußkurse: Kredit Lyonnais 575, Suez 2515. (Privattelcgr. derNat.-Ztg.").

Anzeigen nimmt entgegen: bi: (Expedition d. BlatteS, foroi. b.Annoncen-Bureaux ö. Th. Dietrich u. Co. in RafiH und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a.M.; Haasenstein u. Vogler in Frankfurt a. M , Berlin, Leipzig, Köln rc.; Rudolf Mffe in Berlin, Frank­furt a. UL rc.

jungen Rittmeisters, des Grafen Curt von Broderode, der Familie feine« Bruders Besuche abgestattetet und der Graf Broderode, welcher gleich bei der ersten Begegnung ein großes Interesse für Anna von KönigShof an den Tag gelegt hatte, war glücklicher gewesen als die fühercn Freier um Annas Hand. Graf Broderode war eine herrliche, ritterliche Erscheinung, ein vollendeter Kavalier, von feiner Bildung, geachteter Stellung und hochadeliger Familie. Die anfangs in ihrem jungfräulichen Stolze noch leise widerstrebende Anna fühlte sich bei dem zweiten Besuche den Graf Broderode auf dem Schloß Königshof machte, besiegt und wenige Wochen später, als das liebliche Pfingst­fest gefeiert wurde, waren Anna von KönigShof und Graf Broderode ein verlobtes Paar. Auf Wunsch der gräflichen Eltern sollte indessen die Hochzeit erst in zwei Jahren statt- finden, denn der Graf und die Gräfin von KönigShof, denen die frohe Laune und munteren Scherze, sowie daS ganze Wesen Annas ein köstlicher Trost für das Alter welches einsam zu werden drohte, war, dachten mit Schrecken an die Trennung von ihrer Tochter, eine Trennung, die doch eintreten mußte, wenn Anna von Königshof die Ge­mahlin des in einer fernen Garnisonstadt lebenden Ritt­meisters Grafen Broderode wurde. Um daher sich des Be­sitzes der vielgeliebten Tochter noch längere Zeit ungestört zu erfreuen, hatten der Graf und die Gräfin von Königshof bei der Verlobung den Wunsch ausgesprochen, daß die Vermählung Anna« erst in zwei Jahren siattfinden sollte, welchem Wunsche der Graf Broderode auch bereitwilligst entsprochen hatte, da er als gereifter Mann die Gefühle seiner künftigen Schwiegereltern achtete.

_________________ (Fortsetzung folgt.)

Berichtigung.

In unserem gestrigen Blatte muß es in dem Aufsatze: Wollen- berg rc., in Spalte 2, Zeile 12 von oben heißen: Wangenheim statt Wangenftein. 9 im'

Anzeigen nimmt entgegen, die Expedition d. Matte-: sowie d.Annoncen-Bureaux von G L. Daube u C«. in Frankfurt a. M; Jägersche Buchhandlung daselbst; Hermansche Buchhandlung daselbst; Jnvalidendank in Berlin; W. Thienes in Elberfeld: C- Schlotte in Bremen.

I Obligationen" deshalb vertagt worden, weil die von ge­wissen Pariser Blättern beanspruchtenBeteiligungen" sich als zu koloffal erwiesen. So forderte u. a. die Banque Nationale, ein Institut, welche« über den Handelsteil der France", de«Petit Journal" und derSemaine finan- cisre verfügt, allein für diese drei Blätter die Kleinigkeit von einer halben Million Franks, während der für Hono­rierung derwohlwollenden Neutralität" bet gesamten Presse ausgeworfene Fonds überhaupt nur 425000 FrkS. betrug.

ES ist dabei zu bemerken, daß schon seit Dezennien in Frankreich kein nennenswertes Blatt mehr existiert, welches in Börsenangelegenheiten unabhängig die Wahrheit zu sagen und daS Publikum über diese Dinge aufzuklären im stände wäre. So weit die größeren Blätter nicht völlig in Händen von Bank- und Aktiengesellschaften sich befinden, haben fie wenigsten« ihren Börsenteil an Bankgeschäfte und Börsenschwindler verpachtete, dabei wird natürlich in den betreffenden Verträgen dafür gesorgt, daß nicht etwa im politischen" Vorderteil dieser trefflichen Zeitungen daS Publikum in unliebsamer Weise darüber belchrt wird, was die Herren Bankdirektoren und Börsenschwindler im Börsen­hinterteil dieser Blätter treiben. Die Ausbeutung der Nation durch den Börsen- und Gründungsschwindel, und zwar nach Hunderten von Millionen zu rechnen, ist in dieser gesamten ehrenwerten französischen Presse die große Hauptsache. Die sogenanntePolitik" bildet dabei gewisser- maßen nur das mehr ober minder verschämte oder unver­schämte Feigenblatt.

Aber die Nemesis in Form von Dynamit- und Petro­leumrevolten pocht bereits gewaltig und drohend an die Pforten der modernen Börsenschwindel-Aera in Frank­reich.Irret euch nicht, Gott läßt sich nicht spotten", dies Mene Tekel steht auch für die französische Börsen Republik seit lange geschrieben.

Kehren wir jedoch zurück zu der neuesten Pariser Börfenkalamität.

Im Januar brach, wie man weiß, in Paris der jüngste große Krach aus. Er wütete entsetzlich; aber noch viel Schlimmeres stand bevor, wenn die unheilvolle Lawine nicht zum Stehen gebracht werden konnte. Das Haus Rothschild legte sich mit seiner ganzen Macht ins Mittel. Schon am 4. Februar schrieb dieNat.-Htg." in ihrer Börsen-Wochenübersicht:

»Von Paris aus wurde, als die Krisis roch in vollem Gange war, durch Zirkular zur Bildung von Hauffe- Konsorlien für Rio-Tinto-, Suez-Aktien und andere (Roth- schildschc) Spielpapiere aufgefordert. Man sagte dort, der Sturm werde austoben und dann werde eine erneute Hauffe-

unb hatte sich mit Ersolg der diplomaiischen (Saniere ge- wi Met, weshalb er meistenteils als Mitglicb von Gesandt­schaften sich in fremden Hauptstädten aufhalten mußte und die Seinen nur besuchen konnte, wenn er Urlaub hatte. DaS Freifräulein Anna von Königshof hatte indessen nach der Beendigung ihrer Pensionszeit vorwiegend bei den Eltern gelebt und nut zur Abwechselung bann und wann einige Monate bei Verwandten zugcbracht. Anna von KönigShof gehört- nicht zu den blendenden Schönheiten hre« Geschlechts, doch übte sie auf ihre Umgebung den tillen Zauber ans, der in der Regel dauernder und wirk- amcr ist, al« der glanzvolle Effekt der von der Natur mit äußeren Vorzügen begabten Damen. Anna war auch unstreitig eine durchaus liebliche Erscheinung von schlanker Figur und zarter Taille. Aus ihrem feingeformten, jugend- frischen Antlitz blickten ein Paar muntere Schelmenäuglein, die wunderbar genug von meereSgrüner Farbe waren, keck in die Welt hinaus und eine mäßige Fülle dunkelbrauner Locken zierte das bewegliche Köpfchen de« Fräuleins. Anna wat wegen ihres munteren, fröhlichen Wesens überall gern gesehen una von den Eltern sehr geliebt. Dabei war Anna die Vertrauensseligkeit selbst, denn niemals war es ihr bisher auf ihrem blumigen Lebenswege begegnet, hintergangen oder gar betrogen worden zu sein und ihre rosige, glückliche Denkungsweise sah auch ihre ganze Umgebung, ja die ganze Welt rosig und glücklich.

Bei diesen Eigenschaften deS Freifräuleins Anna von KönigShof und infolge deS berühmten Familiennamens, den sie trug, mußte es sich bald ereignen, daß das zwanzig­jährige Fteifräulein Bewerber um ihr Herz und Hand fand. Mehrere hochadelige Freier wurden inbeffen abgewiesen, da Anna von KönigShof nicht die rechte Neigung für sie em­pfinden konnte. Aber feit dem letzten Pfingstfest war Anna doch glückliche Braut geworden. Ihr Oheim, der Freiherr Erich von KönigShof, hatte mehreremale in Begleitung eine«