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Utorßucg, Sonnabend, 18, November 1882
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Die wirtschaftliche Harmonie.
In einem kürzlich gehaltenen und gedruckten Vortrage: Ein geschichtlicher Beitrag zu den sozialen Fragen der Gegenwart", stellt Fr. W. Toussaint die Anschauungen und Aeußerungen Martin Luthers, welche sich auf Volkswirtschaft beziehen, zusammen. Wir sind weniger überrascht durch die Summe von Kenntnissen, welche der große Reformator auf diesem, ihm sehr fernliegenden Gebiete entwickelt, als vielmehr durch den gesunden geistigen Blick, mit dem er in die Tiefen einer Wissenschaft schaut, die heute vielen klaren und unklaren Köpfen zu schaffen macht. In der nur genialen Männern eigenen Weise findet er sofort die Hauptpunkte, auf die eS ankommt, heraus und bringt sie zum Ausdruck, ohne sich um dir sonstigen Nebenumstände, die flachere Geister verwirren würden, zu bekümmern. Bei seiner eminent praktischen Veranlagung wäre er in unseren Zeiten vielleicht ein zweiter List geworden; zur Zeit der Reformation und als Reformator konnte er seine Gedanken über Volkswirtschaft nur auf religiöser Grundlage aufbauen. Es ist das kein Fehler — im Gegenteil, es wäre der heutigen Nationalökonemie zu wünschen, daß sie ihre oft nur zu abstrakten Rechenexempel wieder mehr in Verbindung mit Mensch und Leben brächte und sich vergegenwärtigte, daß ihre Lehren nicht für eine „isolierte" Gesellschaft von Individuen, sondern für ein in bestimmten religiösen, sittlichen und nationalen Gedanken ausgewachsene» Volk paffen sollen.
Eins der beliebtesten und besprochensten Kapitel der Volkswirtschaft ist die Arbeitsteilung; von Adam Smith bis heute haben wir alle viel von ihrem Nutzen vernommen und glaubten alles zu wiffen, was darüber überhaupt nur gesagt werden kann. Wir muffen gerechter Weise erstaunt sein, wenn unS der in Volkswirtschaft dilettierende Luther nun wirklich etwas Neues sagt, und zwar: „Wenn man speziell zum geistlichen Stande sagt: tu oral zum Kaiser und den Seinen tu protege! zum gemeinen Manne tu laboral so ist das nicht zu verstehen, daß nicht ein jeglicher beten, schützen und arbeiten sollte, sondern daß einem jeglichen sein Werk zugeeignet werde. Ein jeglicher soll mit seinem Werk oder Amt dem andern nützlich und dienstlich sein, daß also vielerlei Werk alle in ein Gemein gerichtet sein, Leib und Seelen zu fördern, gleichwie die Gliedmaß des Körpers alle ein» dem andern dient."
Es liegt in der Natur der menschlichen Arbeit, die gewordenen Aufgaben zu teilen, um sie leichter zu bewältigen ; die Wissenschaft wird daS registrieren, ja sie handelt und arbeitet selbst nach diesem P'inzip. Aber sie darf nicht vergesien, daß der Dezentralisation auch eine Zentralisation gegenüber steht, dir sich im geschäftlichen Leben an gewissen Mittelpunkten, in der Wissenschaft aber nur in einzelnen Köpfen vollzieht. Sie darf nicht vergeffen, daß alle Arbeitsteilung nur geschieht, um daS produzierte Stück
werk schließlich in die Hände des geschickten Monteurs zu geben, der ein brauchbares Ganzes daraus formt. Und in dem wirtschaftlichen Leben eine« Volkes vollzieht sich ein ähnlicher Prozeß, der scheinbar an den einzelnen Stellen nur Stückwerk zutage fördert, im großen und ganzen aber rin wohldurchdachter organischer und damit zusammenpaffender Vorgang ist. Nicht nur zur Beurteilung auswärtiger Politik, sondern in ebenso hohem Grade zum Verständnis der inneren, auf Wohlstand und Wohlergehen gerichteten Vorgänge gehört ein staatsmännischer Blick, eine angeborene Ueberstcht.
Nationalökonomie zu treiben und über nationalökono- mische Vorgänge zu urteilen, ist ebenso gewöhnlich geworden, wie Klavierspielen. Aber so wenige gute Klavierspieler es giebt, ebenso wenige gute Nationalökonomen sind vorhanden. Jeder urteilt darüber von seinem Parteistandpunkte oder vom Standpunkte seiner Interessen aus, und eine Vielseitigkeit von Meinungen entsteht, die nur Zeugnis ablegt von der Einseitigkeit, mit der geurteilt wird. Die politischen Parteimänner und Agitatoren treiben Volkswirtschaft als ein Geschäft, und die Gesetze, die zum Wohle des Volkes erdacht sind, werden bei ihnen zu Objekten politischen Tauschhandels. Das reine Pharisäertum! Der einzelne befindet sich zum großen Teil in den Händen derselben, insofern eine systematische Agitation die Massen bearbeitet und ihr Urteil einschränkt. Jeder Fortschrittsmann ist ein kleiner Eugen Richter, der die Worte seines Meisters wieder- käut und Ach! und Weh! schreit über die Verteuerung der notwendigsten Lebensbedürfnisse durch die verderbliche Zollpolitik der Regierung. Und wer sich schließlich nicht'vom Partei - Jntereffe beeinfluffen läßt, sondern eine eigene Meinung entwickelt, läßt sich nur zu oft allein durch sein finanzielles Interesse leiten, anstatt dem viel berechtigteren Gefühle der öffmtllche« und gemeinsamen Wohlfahrt Einfluß auf seine DenknngSweise zu gestatten. Der Kaufmann glaubt seine Zirkel durch Schutzzölle gestört; der Industrielle hält seine Branche im Verhältniffe zu den anderen Produzenten für nicht genügend geschützt; der Wohlhabende fürchtet, einen geringen Bruchteil seiner Einnahmen für JnvaliditätS- und Altersversorgung der Arbeiter oder Aer- mercn zu verlieren. Sie reagieren Alle einseitig auf Jveen, die da» Wohl des gesamten Volkes zum Ziele haben; sie sehen eine gemeine Jnlereffenverletzung, wo eine hehre nationale Denkungsweise und eine fast göttliche Milde ideale Zwecke zu erreichen streben. Seien wir Alle etwas bescheidener im Urteil, eignen wir uns mehr Weisheit an, die nur durch Mäßigung erreicht wird, und schaffen wir uns vor allen Dingen etwas mehr staatsmännischen Blick für die inneren Verhältniffe des Staate« an, dann werden wir — vielleicht mit Erstaunen — die wirtschaftliche Harmonie bemerken, die wir schon haben, und die wir noch mehr vervollständigen müssen. Was Luther gegen die
Frankfurter Messen, wo sich der übermäßige Einfluß de« Auslandes auf unseren inländischen Markt zeigte, sagt, da« wollen wir beherzigen. Er nennt dieselben nämlich „da« Goldloch, dadurch aus deutschen Landen fleußt, was nur quillet und wächst, gemünzt oder geschlagen wird bei uns. Wäre daS Loch zugestopft, so dürfe man itzt der Klage nicht hören, wie allenthalben eitel Schuld und kein Geld. Aber laß gehen: Wir Deutsche müssen Deutsche bleiben, wir lassen nicht ab, wir müssen denn."
Deutscher Reich.
Berlin, 16. Nov. Der in der Thronrede angekündigte Erlaß der vier untersten Stufen der Klaffmsteuer wird nach der Veranlagung von 1881—1882 zu Gute kommen 4 362374 Steuerzahlern mit 20746125 Mk., so daß nur 1284291 Steuerzahler mit 23157936 Mk. klassensteuerpflichtig verbleiben, d. h. während bisher 27,66 Prozent der klaffensteuerpflichtigen Personen herangezogen wurden, würden in Zukunft nur 7,04 Prozent der bisher Klaffensteuerpflichtigen der Veranlagung unterliegen. Der finanzielle Effekt dieser Maßregel im Vergleiche zu dem laufenden Etat 1882/83 ergiebt, da in demselben das Klaffensteuersoll veranschlagt war mit 40823 500 Mk., — da von diesem Soll der Steuererlaß in allen Klaffensteuerstufen für vier Monate, und für die sechs untersten Stufen für einen fünften Monat abgesetzt worden mit 15677400 Mark, — da also eine anschlagmäßige Einnahme eingestellt war von 25146100 Mk. und da nun von dieser künftig die Erträgnisse der vier untersten Stufen für 7 Monate Hinwegfallen, — einen weiteren Ausfall von rund 14 9 Millionen Mark. Sollte jedoch der Ertrag der Reichsstempelabgaben, der im laufenden Etat zum Erlaß der vierten und teilweise fünften Monatsrate Verwendung gefunden, zu dieser Deckung herangezogen werden, so würde der Ausfall sich ermäßigen auf zirka 8 Millionen Mark. — Der Finanzminister hat dem Abgeordnetenhause den Rechenschaftsbericht über die weitere Ausführung des Gesetze« vom 19. Dezember 1869, betreffend die Konsolidation Preußischer Staatsanleihen zugehen lasten. — Dem Herren- Hause ist der in der Thronrede angekündigte Gesetzentwurf betreffend die Zwangsvollstreckung in das unbewegliche Vermögen bereits zugegangen. In dem allgemeinen Teile der Begründung des Entwurfs wird namentlich die bedeutungsvollste Aenderung, welche gegenüber dem im Geltungsbereiche der SubhastationSorrnung von 1869 geltenden Rechte in betreff der Rechtsverhältnisse der dem Extrahenten der Zwangsversteigerung vorgehenden Gläubiger vorgenommen werden soll, in eingehender Weise erörtert. Am Schluffe der allgemeinen Begründung wird bezüglich der Frage, ob durch die in dem Entwurf aufgenommenen Grundsätze die Kreditverhältniffe des Grundbesitzes gefördert oder gefährdet
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Ter Wolleuberg bei Wetter i« Oberhessen.
(Fortsetzung.)
Die alten Germanen pflegten nicht allein einzelne Wälder und Haine, sondern auch ganze Berge einer Gottheit zu weihen und den Namen dieser Gott-ett dem Berge beizulegen. Eine ihrer hervorragendsten Gottheiten war der Wodan, (welches die fränkische Form diese« Namens ist), von welchem noch jetzt bekanntlich einige Berge ihren Namen führen, wie dies bei dem GudenSberge in dem früheren Niederheffcn und dem niederrheinischen GodeSberge bei Bonn der Fall ist. Solche den Bergen beigelegte Namen weisen ans den hier früher stattgehabten heidnischen Kultus der betreffenden Gottheit hin. Auch der Name ;de« Wellenberges ist hierher zu rechnen, da dieser Name ebenso wie die der eben gedachten beiden Berge auf dm vorerwähnten Wodan zurückzuführen ist. ES kommt nämlich mehrmal« vor, daß in dem Worte Wodan der Buchstabe l eindringt, so daß nun cm« Wod das Wort Wold entsteht. Die Ausdrücke: Wodan, Wol und Wold bezeichnen ein und denselbm heidnischen Gott, nämlich die oberste Gottheit der alten Deutschen. Jakob Grimm und Simrock haben die Herleitung und Abstammung dieser Namen genau und al« gleichbedeutend angegeben, worauf mir hier verweisen müßen.
Der Wollenberg hat im Anfänge de« 16. Jahrhundert« der Wölb erg geheißen, wie sich au« einer Rechnung bezüglich der Erbauung de« Rathause« zu Marburg ergibt, welche sich in dem dortigen städtischen Archive befindet. Vergl. Zeitschrift für hessische Geschichte und Landeskunde, Jahrgang 1875, S. 94. Noch drei Jahrhunderte früher kommt der Name Wolde (gleich Wold) in eine« WeiStume der Stadt Wetter vom 24. September 1239 vor (vergl.
Wenk, hessische Geschichte, Band II, Nr. 139), wo es unter anderem bei der Bezeichnung einer bestimmten Grenze heißt: „Item deinde ad arborem juxta Woldeborne" (deutsch: ebenso hierauf zu dem Baum bei dem Woldeborne). Hierunter ist eine Duelle (Borne) am Wolde, nämlich an dem Woldeberge, zu verstehen, welche in gekürzter AuSbruckSwcise der Wolceborn genannt wurde. Ans Woldeberz, Wolberg ist nach und nach in der Volkssprache der Name Wellenberg entstanden. ES ist übrigens die Ansicht aufgetaucht, daß der Name Wellenberg von den als Weissagerinnen und Zauberinnen erscheinenden „Wölen" herzuleiten sei, weil eine Stelle des Wellenberges die Nornwand heiße, die Nornen aber mehrfach gleichbedeutend mit den Wölen seien. Hiergegen muß aber zunächst darauf hingewicsen werden, daß bei den alten Germanen nur einer Hauptgottheit, wie z. B. dem Wodan (Wuotan) oder dem Donar (Thor) Gebirge oder einzelne Berge geweiht waren, die dann nach diesen Gottheiten genannt wurden. Daß dies auch bei einer Göttin der Fall gewesen, kann nicht angenommen werden, weil sich ein Beispiel hierfür nicht angeben läßt. Hat doch daS in Hessen viel bekannte Gebirge, der Meißner, woselbst sich KultuSstätten der Frau Holle, nämlich der Göttin Freyja, befanden, seinen Namen nicht von dieser Göttin erhalten. WaS aber nicht einmal bei einer Hauptgöttin vorkam, konnte noch weniger bei einer untergeordneten Gottheit der Fall und dieser ein ganzer Berg geheiligt gewesen sein. Die Nornen wurden aber nicht für Hauptgöttinnen gehalten; nur ein halbgittlicher Ursprung wurde ihnen beigelegt, waS noch weniger bei den Wölen der Fall war, die übrigen« hauptsächlich der nordi- scheu mid nicht der deutschen Götterlehre angehören, auch mehr Zauberinnen al« Wahrsagerinnen waren. Wollte
man den Namen des Wellenberge» von den Wölen, als von den mit diesen zuweilen gleichbedeutenden Nornen her- leiten, dann wäre eS überflüssig gewesen, auch noch eine Kultusstätte des Berges mit demselben Namen zu bezeichnen, welchen bereits der ganz- Berg gehabt hat; auch hätte dann der Berg, da an die Stelle der Wölen die Nornen gesetzt werden, folgerecht der Nornenberg genannt werden müssen. Vorliegend haben aber diese Wölen mit den Nornen keine Gcmetnschaft, und weder den elfteren noch den letzteren war der Wollenberg geheiligt und verdankt denselben seinen Namen, wir müssen sonach lediglich bei der von un« gegebenen Herleitung des Worte« Wolleuberg beharren. Auffallend ist es, daß Jakob Grimm, der in Marburg studiert und dessen Umgegend gewiß gekannt hat, den Wollenberg al» einen dem Wodan geheiligten Berg in seiner „Deutschen Mythologie" nicht erwähnt, dagegen aber drei in dem früh ren Niederhessen liegende, dem Wodan geheiligte Berge namhaft macht, nämlich den bereit« oben erwähnten Gudensberg bei dem Städtchen Gudensberg, den Gudensberg bei Erkshausen unweit Rotenburg und den Gudensberg bei Oberelsungen unweit Zierenberg. Auch Vilmar in seiner Abhandlung Über die Ort-namen in Kucheffen (Zeitschrift des Vereins für hessische Geschichte rc., Band I., S. 237) übergeht den Wollenberg, obwohl er doch viele andere hessische Berge, namentlich auch den, dem Wollenberge schräg gegenüber li genden Rimberg nennt und sich über die Bedeutung de« Namens dieses Berge« au«» spricht. Vilmar hat sich wohl mit der heidnischen Götterwelt nicht weiter befassen wollen, nachdem bereit« Jakob Grimm ihm mit seinem unübertroffenen Werke der „Deutschen Mythologie" vorauSgegangen war.
(Fortsetzung folgt.)