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Nr 268

Marburg, Freitag, 10. November 1882

XVII Jahrgang

Anzeigen nimmt entgegen: D,. Expedition d. BlatteS, tg bu d.'lnnoncen-Bureaux B. Ih- Dietrich u. Co. in «afl -1 und Hannover; Td. Dietrich in Frankfurt a-M ; Saasenstein u. Vogler in Snntfurt a. M., Berlin, Leipzig, Mn Rudolf Moffe in Berlin, Frank- furt a. M. rc-

OhkllskWsk Mm.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatte», sowie d.Annoncen-Bureaux von ® L. Daube u Co. in Frankfurt a. M; Jäaersche Buchhandlung daselbst; Hermansche Buchhandlung daselbst; Jnvaliderdankin Berlin; SB. Thiene» in Elberfeld; C- Schlotte in Bremen-

Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für da» Quartal mit der wöchentlichen BeilageJlluftrirteS SountagSblatt" durch die Expedition (Ä o ch'sche Buchdruckerei) bezogen SV. Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiche» S Mark 50 Pfg. (excl- Bestellgebühr-! JnsertionSgebühr für die gespaltene Zeile 10 Psg.

Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adreffen werden 85 Pfg. berechnet.

Die ueuesteu Vorgänge in Frankreich uchmln die Aufmerksamkeit der gebildeten Welt vornehm­lich tcShalb in Anspruch, weil sie vielfache Bestätigungen für das Wiederaufleben der internationalen Propaganda der sozialdemokratischen Partei bringen. Diese» Wieder­aufleben hat sich von den Vorgängen in Rußland und Irland abgesehen in mehreren Ländern angekündtgt: in der französischen Schweiz, wo die sozialistischen Flüchtlinge eine ganz besondere Rührigkeit entfaltet haben, in Ober- Italien, dem Schauplatz de» in Trieft zur Ausführung gekommenen Bomben Attentats, und in Orsterreicb, besten Hauptstadt Zeuge der von Anarchisten auSgeführten Be­raubung des Schuhmachers Merstalltnger gewesen ist.

Frankreich hat in jüngster Zeit eine ganze Anzahl ähn­licher Ausbrüche erlebt. Auf die Kirchenschändungen und Plünderungen der Fabrikstavt Montceau leS MineS folgte ein Bomben-Attentat in Lyon; in der Stadt ChalonS für Saone mußte das gegen die Verschwörer von Montceau begonnene schwurgerichtliche Verfahren eingestellt werten, weil die beteiligten Richter und Geschworenen mit Droh­briefen überschüttet worden waren; bei Gelegenheit der zu St. Etienne und zu Roanne abgehaltenen Arbeiter-Kon­gresse und auf einer ganzen Anzahl von Pariser Volks­versammlungen kam es zu wilden tumultuarischen Auf­tritten und zu schweren Bedrohungen gegen Geistlichkeit, Regierung und Besitzende, denen man mit Dolch und Dynamit den GarauS zu machen versprach. Endlich haben die in der Pariser Vorstadt St. Antoine zwischen Arbeit­gebern unv Arbeitern der (mehr als 20000 Menschen be­schäftigenden) Möbelindustrie ausgebrochenen Lohnstreitig­keiten einen so leidenschaftlichen Charakter angenommen, daß man sich darauf gefaßt macht, eine etwaige Arbeits­einstellung von politischen Demonstrationen begleitet zu sehen. Die Sache nimmt sich um so bedrohlicher auö, als nur ein Teil der Arbeiter mit einem Strike droht, die Arbeitgeber aber alle Werkstätten schließen wollen, um der Bewegung ein möglichst rasches Ende zu machen und Unterstützungen der Feiernden durch ihre weiter arbei­tenden Kameraden zuvor zu kommen. Zwanzig tausend, zum Teil unfreiwillig feiernde Pariser Arbeiter würden den gegebenen Verhältnissen den unruhigen Elementen eine gefährliche Hilsöarmee zuführen.

Die französische Regierung befindet sich auS mehreren Gründen in einer außergewöhnlich schwierigen Lage. Wegen der Zersplitterung der republikanischen Parlamentsmehrheit entbehrt sie der gehörigen Unterstützung der Parteien, wegen der Neuheit deS Beamtenpersonals und der wett- gehe irden Liberalität der Gesetzgebung der Mittel zu ener­gischem Einschreiten gegen die Meuterer; außerdem wird von den politischen Gegnern geltend gemacht, daß unter der Herrschaft der republikanischen Partei für die Besserung

*.....

der Lage der Arbeiter so gut wie nichts geschehtn sei. All­gemein ist die Spannung auf den bevorstehenden Wieder­zusammentritt der Kammern, der möglicherweise eine aber­malige, von den Anhängern GambettaS ei rig gewünschte Aenderung des Ministeriums zur Folge haben kann.

Frankreichs Nachbarn haben allen Grund, diesen Vor­gängen mit Aufmerksamkeit zu folgen. Zwischen den ver­schiedenen Kulturländern bestehen so enge und so zahlreiche Verbindungen, daß Ordnungsstörungen in dem einen leicht auf daS andere hinüberwirken können. Was uns Deutsche anlangt, so werden wir uns zunächst zu sagen haben, daß die Fortdauer deS Sozialistengesetzes unter den gegenwär­tigen Zeitumständen unentbehrlicher denn je erscheint und daß die fortschrittlichen Deklamationen gegen dasselbe so übel wie möglich angebracht erscheinen, wo immer neue Belege für daS Wiederaufleben der internationalen Propa­ganda beigebracht werden. Ebenso deutlich werden wir unS aber der Verpflichtung bewußt bleiben müssen, die von der Regierung eingcleiteten Sozialrefotmen mit allem Nachdruck zu unterstützen. Bilden dieselben doch die wirk­samste Waffe, welche gegen die Partei deS Umsturzes der gesellschaftlichen Ordnung überhaupt angewenvet werden kann.

Deutsches Reich.

Berlt«, 8. Nov. Gegenüber den Ausführungen libe­raler Blätter über den Preis, welchen die Regierung für die Unterstützung der Liberalen zu zahlen haben würde, sagt dieNordd. Allg. Ztg.": Eine gewisse Uebertreibung der Ansprüche und Forderungen sowie der Stimmungen gehört zu dem Wesen der Parteipresse: sic will Impulse geben, und cS kommt ihr wenig darauf an, dieselben zu­treffend zu motivieren. Sie ist daher in bezug auf Pro­gnose dem Irrtum mehr ausgesetzt, als ihrem Ansehen dienlich wäre, wenn der Unzulänglichkeit des Urteils nicht die Vergeßlichkeit des Publikums zu Hilfe käme und die Thorheit der aufgestellten Forderungen nicht ihre Korrektur an dem praktischen Verhalten der Partei erhielt. So hat die liberale Presse während der Wahlen ein verblüffendes Spiel getrieben, indem sie über die Stimmung des Volkes täuschte, andererseits ihrer Partei Absichten unterschob, deren Voraussetzung ihren Erfolg zum voraus kompromittierte, und bcti Sieg verkündet, in der Absicht, dadurch der Wahl­bewegung eine gewisse Jmpetuosttät zu geben. Jetzt aber kommt cS ihr wohl darauf an, den gemäßigten Liberalen ein größeres Selbstgefühl wiedcrzugeben, indem sie ihnen Prätenstonen unterstellt, deren Anmaßlichk.it auf allen Seiten, wo man derartige Prcßflunkcreicu nicht nach ihrem Werte zu schätzen, d. h. gering zu schätzen gelernt hat, An­stoß erregen müßte. Bei unseren Konservativen aber setzen wir so viel politischen Takt und Ernst voraus, daß sie sich

um fremder Velleitäten willen nicht den Kopf zerbrechen, und vor allem in den Prätenstonen der liberalen Presse nicht etwa einen Maßstab für die eigene Taktik erblicken werden. Im Gegenteil wird nach wiederholten Erfahrungen auch in diesem Falle zwischen Partei und Parteipresie wohl zu unterscheiden sein, von denen die erstere gerade auf liberaler Seite schon so ost in der Lage war, durch ihr Handeln falsche Auffassungen zu berichtigen, welche der Uebereifer und die Sensationssucht der Parteipresse verschuldet hatte. Der in der gestrigen Sitzung des Bundesrat» vorgelegte Gesetzentwurf betreffend eine Abänderung des Reichsbeamten­gesetzes hat folgenden Wortlaut: Art 1. Hinter § 34 de» ReichSbeamtengesetzeS vom 31. März 1873 wird folgender neuer § 34a eingestellt: Bei denjenigen aus dem Dienste scheidenden Beamten, welche daS 65. Lebensjahr vollendet haben, ist eingetretene Dienstunfähigkeit nicht Vorbedingung deS Anspruchs auf Pension. Art. 2. An die Stelle deS 8 41, Absatz 13, und des § 48, Absatz 1, deS ReichS- deamtcngesetzeS treten folgende Vorschriften: § 41. Die Pension beträgt, wenn die Versetzung in den Ruhestand nach vollendetem 10., jedoch vor vollendetem 11. Dienst- jahre eintritt, 15/6o und steigt von da ab mit jedem weiteren zurückgelegten Dienstjahre um Veo des in § 4244 be­stimmten Diensteinkommens, lieber den Betrag von «Ve0 dieses Einkommens hinaus findet eine Steigerung nicht statt. In dem im 8 36 erwähnten Falle beträgt die Pension 2o/6O- im Falle dcS 8 39 höchstens Weg des vor­bezeichneten Diensteinkommens. 8 48. Die Dienstzeit, welche vor den Beginn deS 21. Lebensjahre» fällt, bleibt außer Berechnung. Art. 3. Hinter den 8 60 des Reichsbeamten­gesetzes wird folgender neue 8 60 a eingestellt: Sucht ein Beamter, welcher daS 65. Lebensjahr vollendet hat, feine Versetzung in den Ruhestand nicht nach, so kann diese nach Anhörung deS Beamten unter Beobachtung der Vorschriften der 88 35 ff. in der nämlichen Weise verfügt werden, wie wenn der Beamte seine Pensionierung selbst beantragt hätte. Art. 4. Ist die nach Maßgabe dieses Gesetze» bemessene Pension geringer als die Pension, welche dem Beamten hätte gewährt werden müssen, wenn er am Tage vor dem Inkrafttreten diese» Gesetze» nach den bi» dahin für ihn geltenden Bestimmungen pensioniert worden wäre, so wird die letztere Pension an Stelle der ersteren bewilligt. Art. 5. Diese» Gesetz tritt mit dem Tage seiner Verkün­digung in kraft. Die Einnahmen deS Deutschen Reiche» an Zöllen, Verbrauchssteuern und Aversen für da» EtatS- jahr 1883/84 sind auf 342401107 Ml., 3302890 Mk. mehr al» im Vorjahre, veranschlagt. Der neue Etat ent­hält ein Mehr an Zöllen von 2 308150 Mk., an TabakS- fteuer von 2 621360 Mk., an Salzsteuer von 199 380 Mk., an Branntweinsteuer von 187310 Mk., an Brausteuer von 341270 Mk., dagegen ein Weniger an Rübenzucker-

Der schwarze Rotert

oder

Meine Fra« and ich.

Humoreske von 6- C. (Fortsetzung.)

Die Damen erzählten mir," fuhr der Polizeidirektvr fort,"Ihre Frau sei am DienSag nachmittag auf Rat der Tante" mit einer Verwandten, namens Ulrike, fortgegangen, um bei dieser einige Stunden zum Besuch zu bleiben, weil die Tante sich vorgenommen hatte, in dieser Zeit auf ge­schickte Weise, wie sie sagte, einen kleinen Streit zu schlich­ten, den Sie mit. ihrer Frau gehabt und euch beide einmal in kluger Frauenmanier von einem Fehler zu kurieren, den Ihr gegen einander hättet. Na, da» geht mich nun nicht» an! Kaum war Ihre Frau fort, so seien Sie zurückge- kommen, hätten furchtbar getobt über ihre Abwesenheit, hätten behauptet sie sei nach Rotheim gereist und Sie müßten nach wobei Sie wütend fortgestürzt und so rücksichtslos gewesen seien, daß sie die Tante sogar gewalt­sam in ein Zimmer eingesperrt hätten, wovon die alte Dame sofort einen Anfall von Krampfhusten bekam, ober Zahnschmerzen waren«, glaube ich! Bald daraus sei eine amtliche Nachfrage von der Revierpolizei gekommen, ob es war sei, daß der Dr. L. nicht zu Hanse sei und sich auf dem Wege befinde, mit dem Kurierzuge nach Rotheim zu reisen: Sie hätten da» auf einem anderen Polizeibureau so zu Protokoll gegeben. Die Tante bekam einen fürchter­lichen Schreck, al« sie hörte: aus der Polizei zu Protokoll gegeben, machte sich nun auf und fuhr pleine chasse nach dem Bahnhof, um Sie noch abzufassen. Der Kurier­zug war schon fort und die Dame schickte ihm eine Depesche an Sie nach Rotheim nach: eS sei alles Irrtum, Ihre Frau sei gleich wieder zu Hau'e und Sie möchten zurflck- kvmmen. Statt Ihrer kam jedoch eine offizielle Depesche

aus Rotheim: Sie seien nicht aufzufinden gewesen, wa» nun mit der Depesche weiter werden solle?"

Seitdem war jede Spur von Ihnen verloren, und al» Sie auch bis gestern mittag noch nicht in Ihre Woh­nung zurückgekehrt waren, schickte die alte Dame hinter dem Rücken Ihrer Frau die bewußte Annonce da iu's Abend­blatt. Ihre Frau aber hatte sie vorläufig damit beruhigt: sie wüßte von Ihrer Reise und Sie würden schon wieder kommen. Erst infolge meiner Depesche und als sic hierher kamen, erfuhr die Frau Doktorin die ganze Geschichte... na, und da» übrige werden Sie ja am besten selbst wiffen!"

Ja, ich wußte eil

Also doch Tante Linal Tante Lina hatte alle meine Berechnungen durchkreuzt, hatte alle meine kühnsten Erwar­tungen zu übertreffen gewußt und hatte ein Chaos in Szene gesetzt, gegen welches dasjenige vor Erschaffung von Himmel und Erde noch ein Non plus ultra an Sym­metrie gewesen war! Also wirklich Tante Linal So sehr ich auch auf daS äußerste gefaßt, auf das grandioseste bei ihr gerüstet gewesen war l Sie hatte mir mit Norden, mit LauraS angeblicher Reise nach Rotheim und mit ter ihr eigenen, extraordinärenFrauenklugheit" eine Komödie vor­gespielt, weil sie mich von meiner vermeintlichen Vernach­lässigung Laura» oder von sonst irgend einem Fehler, den ich nicht besaß, kurieren wollte! Tante Lina! Na warte!

ES kam plötzlich eine ungeheure, aber fürchterlich ent­schlossene Ruhe über mich. Zunächst galt es vor allem, ein Exempcl an Tante Lina zu statuieren! Meine Frau war ja unschuldig, war ja durch Tante LinaS Verrücktheit ebenso mystifiziert worben, wie ich selbstl Aber Tante Lina! Wenn ich fie nur erst hätte! Halt da, richtig; sie

ist ja mit Laura im BahnhofShotel! Also hin! Ich dankte dem alten Kuuzemann in einigen Worten herzlich für seinen allseitigen Bei and und sagte ihm, daß ich zu meiner Frau wolle.

Ja wohl, lieber Doktor, gehen Siel" sagte er freund­lich.Bahnhofshotel, Zimmer Nr. 11. Grüßen Sie mir die Damen und richten Sie nicht wieder solche heillose Konfusion an!"

Jb fuhr nach dem Bahnhofshotel. Der Wirt, al» er die Droschke vorfahren hörte, kam eilfertig an die Thür gewackelt und staunte, als er mich sah. Dann blickte er mich mit unverschämtem Lächeln an und sagte:Ah, Herr Süßmilch, Sie dal Kann ich wieder mit etwa» dienen?" Und der Hallunke blinzelte forschend nach meiner Westen­tasche hin, in welcher meine goldene Uhr stack.

Lassen Sie mich ungeschoren!" sagte ich kurz.Ich wünsche die Damen auf Nr. 11 zu sprechen."

So, so, ei, ei! Werde Sie gleich melden, Herr Süß- milch!" Damit wollte et hastig vor mir die Treppe hin­aus wackeln.

Nicht nötig!" hielt ich ihn beim Kragen zurück und schob ihn etwa» unsanft bei Seite.Ich bin der Mann der Dame."

Au, Herr, daS ist eine neue Beleidigung 1* schrie der Kleine wütend.Ich werde Sie verklagen!"

Hol Sie der Teufel!" rief ich ihm barsch schon von der Treppe zurück da flog vor mir eine Thür auf: es war Nr. 11. In der Thür stand Laura, mein arme», langgesuchte» Weib, hinter ihr Tante Lina. Sie hatten meine Stimme gehört, sie erkannt, und Laura riß die Thür auf.

(Fortsetzung folgt.)