Nr 263.
JRarßutg, Donnerstag, 9. November 1882
XVII Jihrgiii
Anzeigen nimmt entgegen; di: Expedition d. Blatte-, fo>i>L d.Annoncen-Burcaux v. Th- Dietrich u. So. in kkasi:l und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a-M-; Haasenstein u- Bögler in Frankfurt a- M., Berlin, Leipzig. Köln rc.; Rudolf Stoffe in Berlin, Frankfurt a. M. rc-
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. BlatteS, sowie d.Annoncen-Bureauk von G 8. Daube u C». in Frankfurt a. M.; JSaersche Buchhandlung daselbst; Hermansche Buchhandlung ♦ daselbst; Jnvalidendank in
Berlin: W. Thienes in Elberfeld; E- Schlotte in Bremen.
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Simultane und konfessionelle- Volksschule.
Daß ein nicht unerheblicher Teil unserer Liberalen an den politischen Zielen, denen vor der Neugestaltung Deutschlands nachgegangen wurde, irre geworden und zu der Einsicht in die Notwendigkeit einer wesentlichen monarchischen Staatsordnung gebracht worden ist, wird von keinem unbefangenen Beobachter heutiger deutscher Zustände geleugnet werden können. Dafür wird vielfach in diesen selben Kreisen an den Vorstellungen deS kirchlichen Liberalismus desto hartnäckiger festgehalten. Auch unter gemäßigten und sonst einsichtigen Liberalen hat man sich in die von der Regierung verfolgte Absicht einer Aussöhnung mit der katholischen Kirche nur mühsam gefunden, die Betonung deS konfessionellen Charakters der Volksschule für bedenklich erklärt und immer wieder hervorgehoben, daß das geeignetste Mittel zur Herstellung deS konfessionellen Friedens und einer Annäherung der verschiedenen Religionsparteien die konfessionslose (simultane) Volksschule sei. Diese Anschauung hat in gewissen liberalen Kreisen so tiefe Wurzel geschlagen, daß sie zu den Haupthindernisten einer Annäherung zwischen den gemäßigten Elementen von Rechts und Links zählt; andererseits beruht der Glaube, daß Konservative und katholische Zentrumsleute Verbündete seien, zum großen Teil auf dem Umstande, daß beide Parteien der Volksschule ihren konfessionellen Charakter erhalten wollen.
An diesem Zusammenhang der Dinge sind wir dieser Tage durch den Artikel eine! liberalen BlatteS erinnert worden, welches daS Zusammenleben von Katholiken und Protestanten mit einer Mischehe verglich und daran die Forderung knüpfte, mit Hilfe der konfessionslosen (stmul- tauen) Volksschule ein dauerndes gutes Einvernehmen zwischen Katholiken und Protestanten zu begründen. Hinzugefügt wurde, daß in Landschaften, wie der Provinz Posen der Gegensatz zwischen deutsch und polnisch mit dem Gegensatz zwischen protrstanttsch und katholisch gleichbedeutend sei, und daß man sich des geeignetsten GermanisterungS-MittelS begebe, wenn man den Volksschulen ihren konfessionellen Charakter erhalte; schon au« diesem Grunde erscheine daS Widerstreben der Regierung gegen die Beseitigung deS konfessionellen Charakters der Volksschule am Rhein u. s. w. gemeingefährlich.
Wir lassen uns den angestellten Vergleich mit der gemischten Ehe gefallen, weil an demselben die Unentbehrlichkeit der konfessionellen Volksschule besonders schlagend nachgewiesen werden kann.
Wem es mit seiner Kirche und seiner Religion ernst ist, der wird diese Kirche auch seinem andersgläubigen Ehegatten zuliebe nicht verleugnen. Für die Mehrzahl der Menschen besteht kein Unterschied zwischen Kirche und Religion, weil sie die letztere nur in den Formen eines be
stimmten kirchlichen Bekenntnistes kennen gelernt haben. Fordert man von ihnen, daß sie aus Rücksicht auf ihre „gemischte Ehe" kein ausgesprochen protestantisches oder katholisches religiöses Leben führen, so verlangt man Verzicht auf jedes religiöse Leben. Eine Religion, die aus schonenden Rücksichten auf Andersgläubige als bloße Nebensache behandelt und als sog. Toleranz in den Winkel gestellt wird, verdient diesen Namen nicht mehr — sie wird zu einem Dinge, das nur noch dem Namen nach da ist, und keinen sittlichen Halt gewähren kann. Auf dasselbe läuft eS aber hinaus, wenn an Leute, die in gemischter Ehe leben, der Anspruch gestellt wird, sie sollten ihre Religion so einrichten, daß sie auch für den andern Teil annehmbar wird. Thun das beide Eheleute, so bringen sie sich gegenseitig um alles religiöse Leben und bleibt für HauS und Kinder von demselben schließlich nichts übrig. — Dem wahrhaft frommen Katholiken wird ein wahrhaft frommer protestantischer Ehegatte sehr viel weniger Anstoß geben, als einer, der aus religiöser Gleichgültigkeit für seine eigene Kirche ebenso wenig Verständnis hat wie für die fremde Kirche.
Dasselbe gilt von der Schule. Sollen Christentum und Religion den eigentlichen Kern und Stern des VolkS- unterrichts bilden, so dürfen die zu übenden religiösen Wirkungen nicht auf den eigentlichen Religionsunterricht beschränkt bleiben. Wie aber soll der Lehrer dieselben üben, wenn er jedes zu sprechende Wort zugleich auf protestantische und katholische Schüler einrichten soll? Da bleibt nichts übrig, als entweder auf alle religiösen Anregungen zu verzichten, oder aber eine neutrale Religion zu lehren, die weder diejenige der katholischen noch diejenige der evangelischen Kirche ist, mithin auch zu der von dem konfessionellen Religionslehrer gelehrten Religion in einen gewissen Gegensatz käme. — Und auf diese Weise glaubt man der Sache der Toleranz dienen zu können I Zu den Aufgaben der Schule wird es unzweifelhaft gehören, die Kinder zur Toleranz gegen Andersgläubige zu erziehen: daS geschieht aber keineswegs dadurch, daß man sie gegen den eigenen Glauben gleichgültig macht. Solche Gleichgültigkeit aber würde die Frucht eines Volksschulunterrichts sein, dessen Inhalt von dem Inhalt der Kirchenlehre verschieden wäre. Religiöse Gleichgültigkeit aber führt zu einer besonders gefährlichen Art der Intoleranz, nämlich der Intoleranz gegen diejenigen, die es mit dem Bekenntnis ihrer Kirche Ernst nehmen 1 So lange daran festgehalten wird, daß Religion und religiöse Bildung den Hauptinhalt des Volksschulunterrichts bilden sollen, wird darum die Regel bleiben müssen, daß die Volksschule die Religion einer bestimmten Kirche lehrt, und daß sie einen bestimmten konfessionellen Charakter trägt. Verzichtet man darauf, so verzichtet man
zugleich auf den religiösen Charakter der Volksschule. Ausnahmen werden allerdings gemacht werden müssen, wo die konfessionelle Mischung einer Stadt oder eines Bezirke« so bestellt ist, daß die Errichtung zweier Schulen aus finanziellen ober anderen Gründen unmöglich ist. Solche Ausnahmen werden eben nm die Regel bestätigen, an der Regel aber muß festgehalten werden. So hat die Regierung es jederzeit gehalten und so wird sie es halten müssen, wenn ander« nicht ein künstlicher Gegensatz zwischen Kirche und Schule groß gezogen werden soll.
Treue gegen da« eigene Bekenntnis, nicht Gleichgültigkeit gegen dasselbe, bildet die Grundlage der wahren Toleranz. Aus AuSnahmeverhältnissen, wie sie in der Provinz Posen bestehen, Schlußfolgerungen auf die Gesamtheit ziehen, heißt die Dinge auf den Kopf stellen und das Verhältnis zwischen dem Ganzen und seinen Teilen umkehren.
Deutsche- Reich.
Berlin, 7. Nov. Der deutsche Botschafter in Paris, Fürst Hohenlohe, ist heute früh nach Barzin gereist, wohin dem Vernehmen nach sich demnächst auch der deutsche Botschafter in London, Graf Münster, von Hannover auS begeben wird. — Auf der Tagesordnung der heutigen Sitzung des Bundesrats steht die Vorlage wegen Abänderung des Militär - PenstonSgefetzeS, sowie der Entwurf eines Gesetzes wegen Abänderung des Reich-beamten-Ge« setzeS; ferner der mündliche Bericht über eine Eingabe de« Geh. Kommerzienrats v. Bleichröder, betreffend die Abänderung des Reichsstempelgesetzes. — Bezüglich der im letzten HandelStag gestellten Anträge, dem Einfluß der im Eisenbahnwesen eingetretenen Aenderungen auf die Leistungen der Tarife im Güterverkehr betreffend, worüber die Beschlußfassung auf Antrag der Handelskammer Frankfurt a. M. ausgesetzt wurde, haben sich die Handelskammern Braunschweig, Koblenz, Köln, Dresden, Düsseldorf, Elber- felo, Göttingen, Grünberg i. Schl., Hagen, Halberstadt, Hanau, Lüdenscheid, Lüneburg, Offenbach, Osnabrück, Siegen, Trier, Worms, Plauen und mehrere andere in gleichem Sinne, wie die Handelskammer Frankfurt a. M. gegen die Dezentralisation der Tarifbildung ausgefprochen. Die letztgenannte Handelskammer hat deshalb durch ihren Delegierten beim Ausschuß des Deutschen Handelstage« beantragt, diesen Gegenstand nicht auf die Tagesordnung de» nächsten Handelstages zu fetzen, welchem Anträge der Ausschuß entsprochen hat. — Auf Anregung der Handelskammer Leipzig haben die ältesten der Kaufmannschaft Berlin diejenigen Körperschaften, welche an der Delegierten« Konferenz im November 1881 teilgenommen hatten, um eine Aeußerung darüber ersucht, welcher Weg beschritten
Der schwarze Rotert ober
Meine Frau «ud ich.
Humoreske von E. C. (Fortsetzung.)
Ich fuhr also nach Rotheim.
Das erste, was mir auf dem Bahnhof in'S Auge fiel, war das grinsende Gesicht des kleinen Hotelwirtes, der mich hämisch anblinzelte und mir zu sagen schien: „Ei, ei, Herr Handlungsreisender Süßmilch, find Sie auch wieder da? Hätte doch kaum gedacht, daß Sie sich noch einmal hervorwagten!" Ich warf ihm einen niederschmetternden Blick zu und ging vorüber. Der zweite, den ich bemerkte, war der bewußte Polizeimann. Er maß mich mit prüfendem Auge von oben bis unten und schien offenbar ungewiß, ob er freundlich sein solle oder amtlich auf der Hut. Ich konnte es mir nicht versagen, auf ihn zuzutreten und ihn so laut zu fragen, daß der nebenstehende Hotelwirt es hören mußte:
„Ist Herr Polizei-Direktor Knnzemann zu Hause? Ich möchte ihn begrüßen!"
„Ja wohl, Herr Süßmilch; — ist zu Hause," erwiderte der Beamte.
Ah, Herr Süßmilch! Der Direktor hatte doch also, gottlob, reinen Mund gehalten über meine Person. Ich schritt mit einem kurzen Gruß weiter, sprang in eine Droschke und fuhr nach dem Polizeiamt. Diesmal offenbar nicht geknebelt mit der herkulischen Kraft eines Rotheimer Reporters, wie ich mir tröstend sagte.
Auf dem Polizeiamt nannte ich meinen Namen und bat, mich dem Direktor zu melden.
„Alle Teufel," rief der Beamte überrascht, „Sie Herr Süßmilch, sind also der Doktor L. aus R? Sie sollten sich ja ums Leben gebracht haben?"
Der Mann hatte auch schon die unselige Annonce ge
lesen! „Sie sehen, daß ich eS nicht ganz so schlimm gemacht," sagte ich kühl.
„Nein!" bemerkte der Mann zustimmend. „Und nun kommen Sie auf Requisition der Warnstädter Polizei hierher, nicht wahr?"
„Der Warnstädter Polizei? Was habe ich mit der zu schaffen?" fragte ich entrüstet.
„Nun, wir haben doch amtlich hinüber telegraphiert, man möge Sie aufsuchen und wenn man Sie fände, Sie veranlassen, wichtiger Privatsachen halber sofort hierher zu kommen."
„Das haben Sie hinüber telegraphiert? Ich habe keine Sterbensahnung davon!" rief ich überrascht. „Natürlich, die dortige Polizei konnte mich nicht auffinden, ich war heute morgens 8 Uhr aus dem Hotel fortgegangen und befand mich unterwegs, — wo sollte sie mich suchen? Und in wichtigen Privat-Angelegeuheiten? Was ist das?"
„Weiß nicht. Der Herr Polizei-Direktor hatte besohlen, so zu telegraphieren."
Der alte Kunzemann hatte eS befohlen! Sollte er Kunde von dem Verbleib LauraS haben? Sollte er mir wichtiges über sie mitteilen können? WaS würde eS sein, wa« würde ich hören müssen! „Schnell, melden Sie mich dem Direktor!" drängte ich den Beamten hastig.
Einige Minuten später stand ich vor dem alten Kunzemann. Er sprang auf, kam mir entgegen und rief erstaunt: „Aber Mann — was stellen Sie denn an, was muß ich mit Ihnen für Kunststücke machen!"
„Was gicbt'S — sagen Sie mir alles, sagen Sie mir das Schlimmste!" tief ich außer mir.
„Das Schlimmste?" fragte er verwundert. „Das Schlimmste ist, daß Sie verschwunden sind und ich alle Telegraphmdrähte in Bewegung setzen muß, um Ihrer habhaft zu werden."
„Weshalb? Was wollen Sie von mir ?"
„Mein Himmel, Ihre Frau weiß nicht, wo Sie ge- blieben sind —Ihre Frau sucht Sie wie eine Stecknadel!"
„Meine — Frau — wie eine Stecknadel . . .
„Gewiß! Seit vorgestern abend!"
„Wo? Wo ist sie?"
„Hier! Im Bahnhof-Hotel!"
„Im — Bahnhofshotel. . . Wie, wie ist das möglich! Seit vorgestcrn abeud?"
„Nicht doch! Seit vorgestern abend sucht sie nach Ihnen!" meinte er kopfschüttelnd. „Aber hier ist sie erst seit zwei Stunden."
„Seit zwei Stunden!" Also deshalb die Antwort an mich nach Warnstadt, sie sei nach Rotheim gereist! —Seit zwei Stunden! „Und wo war sie denn bis dahin?"
„Nun, wo soll sie denn gewesen sein? Zu Hause natürlich!"
„Zu Hause! Und ich fahre nach ihr in der ganzen Welt umher! — Zu Hause! Wissen Sie denn da« wirklich bestimmt?"
„Natürlich weiß ich'-be immt!" lachte der alte Kunzemann. „Sie hat'S mir ja vor zwei Stunden selber erzählt, als sie hier war! Heut früh am Morgen las ich den unsinnigen Aufruf da in der Zeitung von gestern abmd. Sofort telegraphierte ich privatim nach ihrer Wohnung, daß Sie lebten und gesund feien, und telegraphierte zugleich amtlich nach Warnstadt, daß man ste aufsuchen und wichtiger Privatsachen wegen veranlassen möge, sofort zu mir herzukommen. Wenige Stunden darauf war Ihre Frau hier, mit ihrer Tante, einer sehr — hm — sehr feltfamen Person, die hier gleich einen Anfall von Magenschmerzen bekam, vor Aufregung, wie sie mir sagte.
(Fortsetzung folgt )