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Nr 262.

Marburg, Mittwoch, 8. November 1882

XVII ZahrMg

Anzeigen nimmt entgegen: bi: Expedition d.Blatte-, fod,i. d.Annoncen-Bureaux o. LH. Dietrich u. Co- in jsaffrl und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a.M-; Hausenstein u. Bögler in Frankfurt a. St., Berlin, Leipzig, Köln rc.; Rudolf Nasse in Berlin, Fran^ furt a. M. rc-

(Oliriiirffifilic jfitniij

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition b. Blatte-, sowie d.Annoncen-Bureaux von ®. 8. Daube u. 6o. in Frankfurt a. M.; JSgersche Buchhandlung daselbst; Hermansche Buchhandlung daselbst; Jnvalidendanl in Berlin; SB. Thiene- in Elberfeld: 6. Schlotte in Bremen.

Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für da- Quartal mit der wöchentlichen BeilageJllnstrirtes Sonntag-blatt" durch die Expedition («o ch'fche Buchdruckerey bezogen 2*A Mark, durch bie Postämter des Deutschen Reiche- 8 Mark 60 Pfg. (excl. Bestellgebühr.) Jnsertionögebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfa.

Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 85 Pfg. berechnet.

Aussichten des deutsche» Parlamentarismus.

Abgesehen von den im vorigen Abschnitte unserer Aus­führungen angeführten Bedenken steht nUn aber der Ver­wirklichung des parlamentarischen Systems in Deutschland eine andere weittragende Schwierigkeit im Wege.

Der jüngste europäische Großstaat ist der erste gewesen, bet das Problem aller Probleme der neuen Zeit als solches anerkannt und beim Namen genannt, der sich verbindlich gemacht hat, die Lösung der sozialen Frage als Staats­angelegenheit in Angriff zu nehmen. Die durch den Erlaß des Sozialistengesetzes übernommenen Verpflichtungen laffen sich ebensowenig rückgängig machen, wie die feierlichen Ver­kündigungen jener kaiserlichen Botschaft, die künftigen Ge­schlechter zu den wichtigsten Ereigniffen der zweiten Hälfte deS 19. Jahrhunderts zählen werden. An dem Wahn, daß es auf die Dauer möglich sein werde, eine Bewegung von der Intensität und inneren Lebenskraft der sozialistischen mit den Mitteln äußerer Repression niederzuhalten, kann nur das beschränkte Philistertum festhalten; die Hoffnung aber, die vorhandenen und 'durch den EntwickelungSgang der modernen Industrie beständig verschärften gesellschaft­lichen Gegensätze mit Hilfe einer allmäligen Erhöhung des allgemeinen Bildungsniveaus ausgeglichen zu sehen, diese Hoffnung zählt zu den absurdesten Ausgeburten eines ge­dankenlosen (fast könnte man sagen ruchlosen) Optimismus. Wir waren bereits einmal (in den Jahren 187478) bei einem Zustande angelangt, der der deutschen Gesellschaft die Gefahr, in zwei feindliche Hälfte zu zerfallen, unmittelbar androhte, und wir würden in diesen Zustand zurückfallen, wenn die Sozialdemokratie in die Lage käme, wieder öffent­lich auftreten und ihren früheren Anklagen gegen die deutsche Gesellschaftsordnung die neue hinzufügen zu können, die Versprechungen von 1878 und 1881 seien unerfüllt ge­blieben."

Daß eS den vorhandenen Parteien an dem Willen, wie an der Fähigkeit fehlt, die Lösung deS sozialen Problems mit einiger Aussicht auf Erfolg zu versuchen, wird ernstlich nicht zu bestreiten fein. Am allermeisten dem fortschritt­lichen Liberalismus, der das Vorhandensein einer sozialen Frage grundsätzlich bestreitet und dem jeder Versuch zu staatlichen Beeinflussungen des Wirtschaftslebens und der Produktionsverhältnisse als Attentat auf die bürgerliche Freiheit erscheint. Zuzugeben ist, daß e« mit den Mittel­parteien anders steht. Aber diese sowohl wie die Kon­servativen würden, nach Ansicht unseres Autors, wenn sie in eine verantwortliche Stellung gerückt, niemals ohne den Einfluß einer vis major zu der rechtzeitigen Entschließung gelangen. Bestehe man aber auf der parlamentarischen NegierungSweise, so würde mit geschichtlicher Notwendigkeit die Sozialdemokratie die parlamentarische Mehrheit erobern und zu der vis major werden, die heute noch in den

Händen der autoritären Regierung liegt. ES dazu aber kommen oder auch nur darauf ankommen zu lassen, dürfte doch höchstens eine verschwindende Minderheit selbst der Anhänger deSreinen" Parlamentarismus gewillt sein.

Wenn demnach die äußeren und inneren Aufgaben, welche das parlamentarische System bei uns zu lösen hätte, sich ungleich größer und schwieriger als in anderen Staaten erweisen, würde ihre Lösung an sich doch noch möglich er­scheinen, wenn uns ein großer Reichtum an Mitteln zu Gebote stände. Das ist aber nicht der Fall. Wir haben eine Menge parlamentarischer Fraktionen, entbehren dagegen der regierungsfähigen Parteien und der zur Bildung fester parlamentarischer Mehrheit erforderlichen Elemente. Bezeich­nender Weise ist die Partei der Oppositiongegen daS reale Leben" im Grunde auch die einzige, welche schon gegenwärtig der Aufrichtung einer parlamentarischen Re­gierung nachstrebt. Bezüglich der Stellung der übrigen Liberalen zu jenem System nimmt die Broschürr auf die zutreffende Charakteristik Jollys bezug, worin er zunächst betont, daß die Unanwendbarkeit des parlamentarischen Systems zwar von allen politisch Erfahrenen zugegeben «erde, und dann hinzufügt:Deffen ungeachtet ist aber die Hinneigung zu dem parlamentarischen System noch immer eine sehr große und weitverbreitete, wird bewußt oder unbe­wußt aus den Anschauungen derselben herauSargumentiert, für die parlamentarische Mehrheit ein maßgebender Einfluß in Anspruch genommen und daS Fehlen dieses Einfluffes als ein mit allen Anstrengungen zu beseitigendes Uebel empfunden."

Hier liegt der entscheidende Punkt, die letzte Ursache der Unwahrheit, an welcher unser öffentliches Leben krankt. Man thut, als sei die parlamentarische Regierungsweise zu Recht bestehend, und diese Fiktion beherrscht unser ganzes öffentliches Leben. Gerade in Preußen treibt der Wahn, als ob verfaffungSmäßige Zustände mit parlamentaristischen gleichbedeutend seien und als ob der Mangel eines parla­mentarischen Regime« eine schwere Rechtsverletzung ein­schließe, sein schlimmstes und gemeingefährlichstes Wesen.

Regierungsfähige und regierungsberechtigte Parteien dürfen sich als Selbstzwecke ansehen und in diesem Sinne die Rechte Kriegführender in Anspruch nehmen. Da hat eS seine Berechtigung, wenn in einer bestimmten Frage neben der Natur der Sache daS Jntereffe der Partei und die taktische Rücksicht in Betracht gezogen wird, da hat es einen Sinn, wenn vonKonzessionen an die Regierung o"er vonSteuerbewilligungen" an dieselbe geredet wird, denn die so reden, waren gestern selbst Regierung und können es morgen wieder sein. Was der Whig von dem Tory verlangt, ist er bereit, Jenem zu bieten. Wenn Sir Stafford Northcote Herrn Gladstone das Regieren unmög­lich macht, so geschieht das, weil er bereit und fähig ist,

die Regierung erforderlichenfalls selbst zu übernehmen, und wenn davon die Rede ist, daß dieOpposition der Regierung Steuern bewilligt habe, so heißt das nur,wir hätten diese Steuern auch unö selbst bewilligen können". Auf unsere Verhältnisse angewendet, wird das alle« zur Unwahrheit und (was noch schlimmer ist) zur Karikatur".

Auch Aufzug und Technik der parlamentarischen Ma­schine sind künstlich und innerlich unwahr. So wird die Erwählung deS Präsidiums und des Bureau« zu einer politischen Haupt- und Staatsaktion gemacht.

Wo die Mehrheit des Parlaments für Charakter und Zusammensetzung der Regierung maßgebend ist, versteht sich von selbst, daß der Präsident des Hauses eine politische Person ersten Ranges sein und daß das Hau« (um einen in der deutschen Zeitungssprache modisch gewordenen Aus­druck zu gebrauchen) die Flagge der herrschenden Partei auf sein Dach stecken muß. Bei unS, wo Mehrheit und Regierung in keinem direkten Zusammenhänge stehen, kommt eS einzig darauf an, daß die Geschäftsleitung den erfahren­sten und unparteiischesten Elementen der Versammlung über­tragen werde".

Die falsche Auffassung von der Stellung deS Parla­ments zur Regierung nährt ferner die gemeinschädliche Vor­stellung, als involviere jede Meinungsverschiedenheit zwischen Regierung und Volksvertretung einen Konflikt. Mit dem natürlichen Resultat, daß Vorlagen, über die keine konsti­tutionelle Verständigung erzielt ist, ein'ach nicht zu Stande kommen, läßt man sich nicht genügen.

Erfahrungsmäßig kann denreinen" Parlamentarismus niemand bekämpfen, ohne sich dem Vorwurfe auSzusetzen, daß er absolutistischen Ideen huldige. Solche liegen unserem Autor jedoch vollständig fern.

Unsere parlamentarischen Einrichtungen sollen bleiben was sie sind, nur daß der Verzicht, den ihre Vertreter auf" die Durchführung des sogenannten parlamentarischen Systems still chweigend geleistet haben, ausdrücklich geleistet und In der politischen Praxis bethätigt werden soll. Da« dünkt uns würdiger, als ein Werben, das entweder nicht ernstlich gemeint, oder dazu verurteilt ist, aus unabänder­lichen, von uns gar nicht abhängigen Ursachen unerhört und unerfüllt zu bleiben."

Die Vorstellung aber, daß die Volksvertretung vor allem dieUnruhe" an der Staatsuhr bedeute, welche mit der Meinung zusammenhängt, daß nur die parlamentarische Regierungsweise eine fortschrittliche Entwickelung gestatte, ist vollständig vagei DieUnruhe" an der Uhr wird von dem in der Technik des Staatslebens den übrigen BeMtst überlegenen Beamtentum gebildet, und gerade die Not­wendigkeit einer Regulierung, ja in gewissem Sinne einer Hemmung derselben bildet einen der Hauptgründe für die Unentbehrlichkeit einer Mitwirkung des Volkes an der Ge-

Der schwarze Ratert ober

Meine Fra« »«- ich.

Humoreske von E. C. (Fortsetzung.)

O, erklären kann ich'- schon," lachte Norden.Wenig­stens waö das hier anbetrifft I Man glaubte Dich nach Rothelm gereift, man sandte Dir eine Depesche nach, die ich bei meiner Ankunft mit dem Kurierzuge auf dem Perron ausrufen hörte.

Eine Depesche?" fragte ich erstaunt.

Ja. Man rief auf dem Perron Deinen Namen aus, es sei aus R. eine Depesche für Dich da und Du solltest Dich im Kurierzuge befinden. Wir suchten Dich Du warst nicht da. Weshalb, um Himmels willen, kamst Du denn nicht mit dem Kurierzuge?

Ich ich konnte nicht I" knirschte ich, vor Wut, entschlossen, alle- zu sagen.Ich saß auf der Pollzel- wachtstube, ich war arretiert 1"

Mein Himmel!" rief Fräulein Brausig erschrocken aus.

Aber was hattest Du denn angerichtet?"

Nachher! Erzähle erst weiter," bat ich.

Nun gut. Da Du Dich nicht in dem Zuge befandest, fo ersuchte ich den Telegraphen-Jnspektor, der mir diskret ben Inhalt der Depesche vorenthielt, auf «eine Kosten nach Deiner Wohnung zu telegraphieren: eine an Dich hier m Zuge abzugebende Depesche hätte nicht bestellt werden binnen, da Du nicht im Zuge gewesen, man möge be- fthnmen, waS mit derselben werden solle. Jetzt höre ich, daß Du zu jener Zelt nicht in Deiner Wohnung anwesend sparst, sondern man Dich in Rotheim glaubte; man wird rnsvlge meiner Nachricht erschreckt gewesen fein und dort ^graphisch nach Dir gefragt haben--hast Du denn

Dich nicht ins Fremdenbuch eingeschriebm?"

Ja! Aber mit falschem Namen!" beichtete ich wütend.

Mein Himmel!" machte Fräulein Elise noch einmal und schlug ernannt die Hände zusammen.

Mit falschem Namen? Ja, warum denn daS?" fragte Norden verwundert.

Weil ich weil Du gleichfalls im Bahnhofshotel logiertest und ich meinen wirklichen Namen nicht unter den Deinen fetzen wolltest!"

Ah fo, ich verstehe, hahaha!" lachte Norden.Aber Du logiertest also auch im Bahnhofshotel, Du wußtet, daß ich dort war? Potz Taufend: warum hast Du mich denn da nicht gleich ausgesucht und mich zur Rechenschaft gezogen?"

Well ich hm--die Zeit verschlafen hatte!"

Fräulein Elise schlug stumm die Hände zusammen.

Die Zelt verschlafen?" starrte mich Norden an. Na, daS ist nicht übel! So furchtbar lange, daß Du erst heute nacht hier eintreffen konntest?"

Nein das lag daran, daß ich daß ich in Rot­heim fest saß, auf der Polizei!" knirschte ich.

Schon wieder? In Rotheim auch?"

Fräulein Elise trat ganz erschrocken zurück und sah mich mißtrauisch von der Seite an, als fürchte sie, doch am Ende einen Räuberhauptmann in mir vor sich zu sehen.

In wenigen Worten erklärte ich ihnen, wie mich ein Mißverständis mit dem falschen Namen, den ich in das Fremdenbuch geschrieben, in Kollision mit der Polizei ge­bracht, und wie mich der alte Kunzemann befreit habe.

Wo ist denn aber nun schließlich Laura?" fragte mich Norden neugierig.

Ich weiß es nicht! Verschwunden!"

Unsinn!" rief Norden.Ich glaube eS zu wissen!" Wo ist sie? sprich!"

Ich glaube ganz ruhig zu Hause," erklärte Norden gleichgültig.

Unmöglich! Sollte daS denkbar sein!"

Ich glaube eS," fuhr Norden nachdenklich fort.Ich schließe eS fast mit Sicherheit ans dem Passus in der Annonce Tante Linas,um nahe Verwandte zu schonen, denen die Sache noch Geheimnis bleiben soll." Damit meint sie keinen anderen als Deine Frau, und folglich muß Laura zu Hause sein!"

Das wäre daS wäre ja haarsträubend," sagte ich und meinte damit mein verzweifeltes Suchen Lauras, die zu Hause saß!

Wir berieten, waS zu thun fei. ES war halb Elf, um ein Uhr ging der nächste Zug, mit dem ich nach R. zurück­zukehren beschloß. Inzwischen telegraphierte ich auf Nor­dens Rat nach Hause, daß ich mich lebend und wohlauf hier befände, und schloß mit bett Worten:Wo Ist meine Fran? Ist sie zu Hause? Rückantwort bezahlt." Ich be­merkte auf der Adresse, daß die Depesche von jedermann zu öffnen fei, der sich bei Ankunft derselben in der Wohnung befinde.

Noch vor meiner Abreise von R. konnte die Antwort zurück fein. Um halb ein Uhr kam sie. Wir rtffen fie aus und lasen. Sie lautete:

Frau ist verreist. Nach Rotheim."

Stummes gegenseitiges Anblicken. Stumme Ratlosigkeit.

Jetzt sagte auch Norden kleinlaut:Nun ist freilich nicht mehr zu zweifeln: Deine Frau ist wirklich nach Rot­heim und ist dort, weiß der Himmel wohin, verschwunden! Fahre nicht nach ;9t., fahre nach Rotheim und suche sie dort mit Hilfe des alten Kunzemann. Nötigenfalls laß dort eine solche Annonce in« Blatt rücken, wie diejenige Deinetwegen, aber vernünftiger!" (Fortsetzung folgt.)