Nr 261.
Marburg, Dienstag, 7. November 1882
xvii Jahrgang
Anzeigen nimmt entgegen: bi: Expedition d. BlatteS. foai. d.Snnoncen-Bureaur 0. Th. Dietrich u. Co. in Vflff-'t und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a-M-; Hausenstein u. Vogler in Frankfurt a. M-, Berlin, Leipzig, Köln rc.; Rudols -Roffe in Berlin, Frank» furt a. M. rc.
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Anzeigen nimmt entgegen: dir Expedition d. BlatteS, sowie d.Annoncen-Bureanx von 8. Daube u. E». i» Frankfurt a. M; Jägersche Buchhandlung daselhK; Hermansche Buchhandlung daselbst; Jnvalidendank in Berlin: W. Thiene- in Elberfeld: tt. Schlotte in Bremen.
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Aussichten des deutsche« ParlameutarismuS.
Als die letzivergangene Wahlbewegung liberalerseits auch die alte Forderung nach parlamentarischer RegierungS- weise in Preußen und Deutschland wieder auffrischte, bestimmte diese Wahrnehmung einen geistvollen Publizisten, in kurzer Darlegung evident nachzuweisen, daß die Verwirklichung dcS parlamentarischen Systems in Deutschland nicht bloß für jetzt, sondern für alle Zukunft unmöglich sei*). Wir haben auch vor kurzem auf diese Broschüre bereits aufmerksam gemacht.
Inzwischen hat daS Wahlergebnis vom 26. Oktober er. die liberalen Hoffnungen zu Grabe getragen, so daß selbst die Fortschrittspartei in der nächsten Zeit das Geschrei nach Parlamentsherrschaft verstummen lassen möchte. Indes geht die Bedeutung der qu. Broschüre über die momentane politische Konstellation weit hinaus, und deshalb schien eS unS angezeigt, auf die kleine Schrift — von der, beiläufig bemerkt, bereits ein zweiter Abdruck nötig geworden — noch einmal zurückzukommen. Hoffentlich wird eine ausführlichere Analyse derselben dazu beitragen, verhängnisvolle Irrtümer, die fortdauernd über die Forderung des „reinen" Parlamentarismus im Schwange find, von Gmnd aus und für immer zu beseitigen.
Nur ungern verzichten wir aus räumlichen Gründen darauf, einige Proben des vortrefflichen Sarkasmus zu reproduzieren, mit dem einleitend die Selbstgefälligkeit der Liberalen geschildert wird, welche Politiker, die große grundlegende Arbeit der Jahre 1867—70 und 1871—77 als ihr Werk betrachtend; angeblich die Zwecke des leitenden Staatsmannes im voraus bezeichnet und so vorbereitet haben wollen, daß das Verdienst ihrer Erreichung und Verwirklichung zum mindesten als ein geteiltes angesehen werden müsse. Und dieser großen Verdienste ungeachtet rühmen sich die liberalen Mitkämpfer des Kanzler» eines solchen Gradeö von Selbstlosigkeit, daß sie nicht nur in praxi, sondern auch in thesi den Satz anerkannt, daß die Zeit für eine parlamentarische Regierung in Deutschland noch nicht gekommen sei, und daß eö sogar zweifelhaft erscheine, ob das heutige Geschlecht eine solche überhaupt erleben werde.
Unser Verfasser läßt sich indes durch solche Vorspiegelungen oder Selbsttäuschungen nicht irre führen; er untersucht, ob diese angebliche Wandlung und Ausreifung der Parteien wirklich und in dem behaupteten Umfange stattgefunden habe.
So lange zwischen dem leitenden StaatSmanne und den die Mehrheit der Gebildeten repräsentierenden liberalen Parteien (die Konservativen haben niemals die Parlamentsherrschaft erstrebt) Uebereinstimmung bezüglich der zunächst
♦) Aussichten des deutschen Parlamentarismus. Leipzig, Verlag von Duncker und Humblot
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zu lösenden Aufgaben bestand, fehlte zu einer förmlichen Probe auf das Exempel die Veranlassung. Länger als ein Jahrzehnt ließ man die entscheidende Frage nach der Grenze der parlamentarischen Machtsphäre unberührt, weil dieselbe nicht praktisch wurde. Alle Anzeichen sprechen indes dafür, daß eS mit einem Verzicht auf eine prinzipielle Auseinandersetzung auf die Länge doch nicht geht. Darum eben stellt sich der Verfaffer die dankenswerte Aufgabe, die Gründe klar darzulegen, welche die Verwirklichung des parlamentarischen Systems in Deutschland für alle Zeit unmöglich machen. Zu dem Ende faßte er die äußeren und inneren Gründe zusammen, welche jene Möglichkeit ausschließen, bezeichnet das Verhältnis der einzelnen Fraktionen zu jener Forderung und zieht endlich die aus solcher Betrachtung sich ergebenden Konsequenzen.
Zunächst befestigt ein Exkurs auf die parlamentarische Entwickelung in den außerdcutschen Ländern des europäischen Kontinents uns in der Ueberzeugung, daß für eine Betrachtung, welche sich über die mit dem parlamentarischen Systeme gemachten Erfahrungen kontinentaler Großstaaten orientieren will, nur Frankreich, Italien und Oesterreich- Ungarn übrig bleiben. Daß namentlich England, welches im Anfang unseres Verfassungslebens von den Liberalen als nachahmungswertes Muster gepriesen zu werden pflegte, wegen ganz anders gearteter Grundbedingungen seiner Existenz für UNS hierbei nicht mehr in Frage kommen kann, wird heute von jedem politisch Gebildeten bereitwilligst eingeräumt.
Die eingehenden Betrachtungen, welche unsere Broschüre demgemäs allein über die parlamentarische Geschichte der genannten drei Ländern anstellt, erscheinen unS nach Form und Inhalt als ein publizistisches Meisterwerk. Um so mehr bedauern wir, bei demselben nicht länger verweilen zu können, nur da» möchten wir erwähnen, daß ausgiebige» statistisches Material die Argumentation unterstützt. Beispielsweise wird nachgewiesen, daß in Frankreich seit dem 4. September l§70, also binnen 12 Jahren, stattgefunden haben: 11 Wechsel in der Leitung der auswärtigen Politik — je 13 in der Verwaltung des Kriegs- und JustizwesenS; ferner daß 27 Minister des Innern, 14 Finanzminister, 12 Marineminister fungiert haben, und daß 14 Veränderungen in der Leitung deS Unterrichtswesens und je 17 in der Verwaltung der öffentlichen Bauten und des Handels eingetreten sind.
Als das Gesamtresultat dieser über die parlamentarischen Verhältniffe Frankreichs, Italiens und Oesterreich-Ungarn» angestellten Betrachtungen ergiebt sich, daß das parlamentarische Regierungssystem in keinem Großstaate deS europäischen Kontinents zur wahrhaften Konsolidation gelangt, sondern überall hinter den gehegten Erwartungen zurückgeblieben ist. Haben nun etwa Deutschland und Preußen Aussichten, durch Annahme dieses Systems zu günstigeren
Ergebnissen zu gelangen und die im übrigen Europa zutage getretenen Nebel zu überwinden? Die mit aller Entschiedenheit auf diese Frage gegebene verneinende Antwort wird in folgendem begründet.
Zunächst kommen die Schwierigkeiten unserer internationalen Lage in betracht. Eine Abwendung der mit denselben verbundenen Gefahren ist nur unter der Voraussetzung denkbar, daß die auswärtige Politik de« Deutschen Reichs mit der bisherigen Festigkeit und Konsequenz weitergeführt werde. Veränderungen im System der auswärtigen Politik, wie sie andere Länder im Verlaufe des letzten Jahrzehnts durchzumachen gehabt, vermag das Deutsche Reich nicht auszuhalten. Die Parteien haben bei uns bisher allerdings eine gewiffe Zurückhaltung bewiesen, die freilich mehr notgedrungen, als freiwillig war. Und insbesondere haben auch die Parteien der vorgeschritten liberalen und klerikalen Opposition ihre Neigung, dem Reichskanzler auch in seine auswärtige Politik drein zu reden, häufig genug verraten. Solchen Gelüsten gegenüber wird eö für alle Zukunft gelten, das ausschließliche Recht der Krone auf Leitung der internationalen Reichspolitik zu „stabilisieren". Und das um so mehr, als, im Grunde genommen, jede unserer Parteien ein System „natürlicher" Allianzen für das Deutsche Reich in petto hat, daS sich nicht auf dem Boden wirklicher Interessen aufgebaut, sondern nach sogenannten Tradittonen eingerichtet hat. An solche Direktiven darf die auswärtige deutsche Politik nicht gebunden sein.
Aber neben der Unabhängkeit seiner auswärtigen Politik von den Wechselfällen des parlamentarischen Lebens ist die Existenz des Deutschen Reichs bedingt von dem Bestände einer großen Armee, und ein Militärstaat verträgt eine parlamentarische Regierung nicht.
„Die deutsche Armee wird sich immer und vor allem als Armee des Kaisers und König» fühlen, nie eine andere, als eine militärische Leitung dulden und an dem Tage, wo sich das ändern sollte, aufhören, die deutsche Armee zu sein. Neigung und Fähigkeit mit dem Parlamente zusammen zu wirken und namens deö obersten Kriegsherrn die Bedürfnisse deS KriegSorganiSmuS mit denjenigen de» StaateS und der Nation in Uebereinstimmung zu bringen, haben die Spitzen des deutschen Offizierstandes bei sich zu entwickeln gelernt: Parlamentsbefehle entgegen zu nehmen und ParlamentS-Generale zu erziehen, wird die deutsche Armee niemals lernen."
Zu diesen beiden wichtigen, der konsequenten Durchführung des parlamentarischen Systems in Deutschland widerstrebenden Momenten tritt als drittes Hinzu, daß in keinem der deutschen Einzelstaaten das parlamentarische System hergebracht war.
Der schwarze Rotert oder
Mei«e Fra« «ad ich.
Humoreske von 0. C. (Fortsetzung.)
„Himmel — und Dein galantes Abenteuer?"
„Das? Hahaha I Das war daS galanteste Abenteuer von der Welt: meine Verlobung, in welche, obgleich die Frist noch nicht ganz um war, Papa auf gestern abend, ElisenS Geburtstag, ganz im Stillen eingewilligt hatte."
„Gott im Himmel, ist das möglich!"
„Mit den Damen fuhr ich noch bei mir vor, um mir einen schmuckeren Hut und Handschuh anzulegen. Meine Sachen hatte ich schon nach dem Bahnhof vorausgesandt und expedierte nur rasch noch eine Depesche an meinen Vorgesetzten, daß ich den bewilligten Urlaub anträte."
„Aber Laura — wo ist denn um Himmelswillen nun Laura?"
„Ich habe sie nicht mit meinen Augen gesehen!"
„Sie ist doch aber fort — nach Rotheim l"
„Nach Rotheim? Auch?" fragte Norden verwundert. „Und da — ?'
„Da ist sie verschwunden l"
„Verschwunden? Teufel noch einmal, wo ist sie denn?" „Ich weiß e« nicht — fort — unauffindbar I" Da unterbrach ein lauter Schrei unfern DsSput.
Wir blickten stutzig auf. Aus dem parkarttzen Hintergründe des Gartens kam hastig eine junge Dame auf uns zngeeilt. Ohne in ihrer sichtlichen Bestürzung, welche fie zeigte, von mir Notiz zu nehmen, wandte sie sich erregt an Norden und rief ihm zu: „Eine schlimme Nachricht, Fritz, Du wirst eine schlimme Nachricht erhalten!"
„Was ist'S?" fragte Norden gespannt, von ihrer Bestürzung offenbar unruhig gemacht. WaS mich betraf, so trat ich mit einer leichten Verbeugung einige Schritte zurück, um nicht zu stören.
„Deinem Freund ist ein Unglück zugestoßen!" rief die junge Dame aufgeregt.
„Meinem Freund? — Welchem?" fragten Norden erschreckt und warf einen scheuen Seitenblick auf mich. Ich bemerkte ihn und trat unwillkürlich einen Schritt näher.
„Er hat — Fritz, denke Dir nur: er hat sich da» Leben genommen!" sagte die junge Dame bedauernd.
„DaS Leben genommen? —Wer, wer denn?" Norden fragte das sehr gespannt und ich trat bescheiden wieder einen Schritt zurück.
„Hier, lies!" sagte die junge Dame statt aller anderen Antwort und überreichte ihm ein Zeitungsblatt, in welchem sie ihm eine besondere Stelle markierte. Norden las. Dann schlug er in hellem Erstaunen die Hände zusammen, daß er das Zeitungsblatt zwischen ihnen zerknitterte, wie ich die Depesche der Schröderschen Buchhandlung, und rief, auf mich hinstarrend: „Mann, Mensch, ist e» denn möglich! Komm, lies und staune — aber nein, halt, verzeiht, daß ich euch noch nicht vorgestellt: — meine Braut, Fräulein Elise Bra^sig!"
Ich trat näher und verbeugte mich. Die junge Dame knixte sehr ernst und feierlich ihren Gruß zurück.
„Und dies hier" — fuhr Norden fort, auf mich w isend und mit einem seltsam zuckenden Mienenspiel im Gesichte: „Dies hier, liebe Elise, ist mein Freund, Dr. Viktor L. aus R."
„Wie?' schrie die junge Dame fast erschreckt auf, „Sie sind nicht tot?"
„Toi?" fragte ick furchtbar erstaunt und riß die Augen weit auf.
„Hier, lies!" sagte Norden, mir da» Zeitungsblatt reichend und im Gesicht mit einer Mischung von allen mögliche» Ausdrücken kämpfend. „Ich glaube, ihr seid alle miteinander in ein TollhauS verwandelt worden!"
Ich la». Dann lehnte ich mich wieder einmal, in Stein verwandelt, sprachlos an das Gartengitter. WaS ich gelesen hatte, im gestrigen Abendblatt der R.'er Zeitung, war folgendes:
„Notgedrungene Anzeige. Der Dr. xfiil. Viktor L. auS R. hat sich Dienstag gegen Abend au« feiner hiesigen Wohnung entfernt, vermutlich und wie durch Thatfachen erwiesen ist, um nach Rotheim zu reifen. Er ist daselbst nicht eingetroffen, seitdem auch nicht in seine Wohnung zurückgekehrt und trotz aller Nachforschungen keine Spur von ihm aufzufinden gewesen. ES liegt dringende Vermutung vor, daß er sich da« Leben genommen. Alle diejenigen, welche über den Verbleib des Unglücklichen Auskunft zu geben wiffen, werden dringend gebeten, ihre Nachrichten, um nahe Verwandte zu schonen, denen die Sache für den Augenblick noch verschwiegen werden soll, mir unter folgender Adresse hierher gelangen zu lasten: Frau Linq Kickebusch, Rentiere, zur Zett Seestraße 85 bei Dr. L."
Hier sollte eine genaues Signalement meiner Person und meiner Kleidung.
Norden unterbrach meine Sprachlosigkeit mit der lachenden Frage: „Nun sag' mir, ist euch allen zusammen der Verstand durchgegangen oder nicht?"
„Ich weiß Nicht!" stöhnte ich. „Ich weiß nicht, wa« ich sagen, wie ich mir da» alles erklären soll 1" (Fortsetzung folgt )