Marburg, Sonnabend, 4. November 1882
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II ।
Oesterreich und die Heine« Balkanstaaten.
Seitdem Oesterreich mit der Besetzung von Bosnien und der Herzegowina festen Fuß auf der Balkanhalbinsel gefaßt hat, ist dem Verhältnisse der österreichischen Monarchie zu ihren kleinen Nachbarstaaten auf der Balkanhalbinsel, also zu Rumänien, Serbien und Montenegro — während Bulgarien erst in zweiter Linie in betracht kommt — eine schärfere Accentuierung aufgedrückt worden. Oesterreich ist wohl oder übel genötigt, sich mit diesen Staaten auScin- anderzusetzen, von denen namentlich Montenegro und Serbien die Erweiterung der österreichischen Machtsphäre nach Süden mit entschiedenem Mißtrauen betrachten. Was zunächst das Verhältnis Oesterreichs zu Montenegro anbelangt, so ist dasselbe, seit der österreichische Doppelaar seine Schwingen über Bosnien und Herzegowina breitete, stets ein sehr zwei« deutigeS gewesen. Montenegro reflektiert offenbar selbst auf die von Oesterreich besetzten Provinzen, deren Bewohner ja zum größten Teile gleich den Czernagorzen selbst, zum slawischen Stamm gehören und eö ist daher sehr erklärlich, daß die wiederholten Aufstände der österreichischen Südslawen nicht nur die Sympathieen, sondern auch die heimliche Unterstützung der Montenegriner und Czernagorzen gefunden haben. In Wien weiß man dies sehr wohl und wenn man hier dem wenig loyalen Verhalten Montenegros gegenüber Oesterreich bisher ein Auge zugedrückt hat, so dürfte doch die Zeit nicht mehr fern sein, in der Oesterreich genötigt sein wird, mit dem montenegrinischen Gerngroß ein ernstes Wort zu reden. Auch mit Serbien wird Oesterreich sich über kurz oder lang auseinandersetzen müssen, denn die antiösterreichisch gesinnten serbischen Radikalen gewinnen immer mehr an Einfluß, sie stürmen jetzt gegen daS österreichfreundliche Ministerium Porotschanatz an, welches allem Anschein nach einem abermaligen Kabinett RisticS wird Platz machen müssen. Mit Ristics aber, dem Haupte der radikalen Partei in Serbien, werden die alten Jnlriguen und Agitationen der radikalen Partei, die schon
Der schwarze Robert ober
Meine Fran und ich.
Humoreske von S. C. (Fortsetzung.)
Ich stockte. Ich wußte nicht, ob ich als Süßmilch mit meiner Wohnung weiter in, der Welt umherirren oder lieber in die Bahnen meines wirklichen Wohnsitze« einlenken sollte. Aber dort würde man ja auch nach einem HandlungS- reisendcn aüs Calcutta vergeblich recherchiert haben I Was also thun? Ich sagte daher bestimmt: „Wenn eS nötig ist und mir ein bestimmter Grund, darnach zu fragen, ent« gegengehaltcn wird, werde ich näheren Ausschluß über mich geben, eher nicht."
„So bitte ich Sie, mir zur Wache zu folgen."
Lauter Beifallssturm der Anwesenden stimmte dieser Entscheidung zu.
Also wieder einmal die Wache! Und eben läutete es zum drittenmale — ich mußte ja nach Warnstadt I Ich sagte daS dem Polizeimaun, aber er lachte. Das werde wohl Zeit haben müffen, erklärte er und ich ergab mich in mein Schicksal. Ich war schon ordentlich daran gewöhnt, arretiert zu werden! Er war nur auf mein Ersuchen so gütig, ä conto meiner Kasse eine Droschke zu nehmen und stolz fuhren wir beide dem traulichen Polizeiamt RotheimS zu.
Mein Entschluß war gefaßt, ich wollte mich dem Polizeidirektor selbst erschließen, wenigstens so weit erschließen, wie es meine Rotheimer Affairen und meinen wirklichen Namen betraf. Aber auch nur ihm, in welchem ich einen gebildeten Mann zu finden hoffen durfte — nicht den Ünterbeamten, welche weder die Macht hatten, eine Sache zart und mit Diskretion zu behandeln, noch deren Geschwätz ich meinen wirklichen Namen preiSgeben wollte. Ich verlangte, den Polizeidirektor persönlich zu sprechen und man sagte mir, er sei nicht anwesend, kehre erst abends zurück.
unter der .'Regierung Ristics an der Tagesordnung waren, gegen den österreichischen Nachbar wieder beginnen und daß hierdurch kein freundschaftlicheres Einverständnis Oesterreichs mit Serbien angebahnt wird, liegt auf der Hand. — Etwas besser nimmt sich das Verhältnis des DonaureicheS zu Rumänien aus, namentlich, seitdem Rußland durch die Besetzung Bessarabiens bei den Rumänen sehr in Mißkredit geraten ist, neigt Rumänien wieder m-hr nach der österreichischen Seite. Es giebt jedoch auch hier eine Partei, die gegen Oesterreich agitiert und eine Vereinigung Rumäniens mit den zahlreichen Rumänen erstrebt, die Süd - Ungarn bewohnen, sollte diese Partei in der rumänischen Regierung Einfluß erlangen, so wäre eine Trübung der Beziehungen zwischen Oesterreich und Rumänien die unvermeidliche Folge hiervon. Was endlich Bulgarien anbelangt, so tritt dessen Verhältnis zu Oesterreich zwar weniger hervor, zumal da beide Staaten nicht unmittelbar aneinander grenzen, aber eS sind sichere Anzeichen vorhanden, daß auch die Bulgaren Oesterreich gerade nicht mit freundlichen Blicken betrachten und eS kann darum nicht bezweifelt werden, daß gegebenen Falles die Bulgaren mit ihren Brüdern aus Montenegro und Serbien gemeinsame Sache gegen Oesterreich machen würden. Daß eS so bald dahin kommen sollte, dazu ist glücklicherweise noch keine Aussicht vorhanden, einesteils ist die Militärmacht Oesterreich-Ungarns diesen Staaten gegenüber denn doch zu imponierend und andernteilö ist auch Rußland nicht gesonnen, lediglich im Interesse einer Gebietsvergrößerung seiner „Brudernationen" auf der Balkan- Halbinsel sich in einen Krieg mit Oesterreich zu stürzen. Jedenfalls darf aber Oesterreich seinen kleinen Nachbarn im Süden nicht trauen und nur durch ein kluges und dabei entschiedenes Auftreten, nicht aber durch die bisherige dilatorische Weise, wird eS dem österreichischen Kaiserstaate gelingen, sich bei den kleinen Balkanstaaten in Respekt zu setzen.
Deutsche- Reich.
Berit«, 2. Nov. Eine im „Reichs-Anzeiger" veröffentlichte Königliche Verordnung von heute beruft die beiden Häuser des Landtags zum vierzehnten November ein. — Im Etat des Reichsamts deS Innern pro 1884/85 ist die Ausgabe für die Kommission für daS Sozialtsten- Gesetz auf die Hälfte reduziert, weil daS Sozialistengesetz am 30. September 1884 außer Kraft tritt. — Von der Vorlegung einer Militärstrafprozeßordnung an den Reichstag ist keine Rede. Falsch ist, daß die bayerische Regierung ihr öffentliches Gerichtsverfahren aufgeben will. — Die „Nordd. Allg. Ztg." schreibt: Das erfreuliche Wahlresultat
ist nicht durch die direkte Einwirkung der Regierung her« beigesührt worden, sondern eS ist die Wirkung der Kaiserlichen Botschaft. Bezeichnend ist, daß die Kaiserliche Politik überall, wo die dynastischen Gesinnungen tiefe Wurzeln haben, durchgeschlagen hat, nämlich in den altpreußischen Provinzen, wo man mit der Monarchie der Hohenzollern lange genug eingelebt ist. Nur daraus erklären sich die gewaltigen Majoritäten, die Einmütigkeit, mit der die ländliche Bevölkerung ihrem Könige entgegenkommt. Die- Gefühl fehlt natürlich in den neuen Provinzen und erklärt reichlich die fortschrittlichen Wahlen in Nassau und Schleswig-Holstein. Letzteres ist seiner alten Dynastie lange entfremdet. Nassau ist eine zusammengewürfelte Schöpfung der Rheinbundpolitik. Daß dort das Wort des Königs von Preußen bisher nicht dieselbe Wirkung hat, wie in den älteren Provinzen, ist menschlich leicht erklärlich und eö wird sich im Laufe der Zeiten ändern. Derselbe Mangel an monarchischer Fühlung mit der Dynastie liegt den Wahlen in den demokratischen großen Städten zu gründe. Diese monarchische Gesinnung ist In großen Städten durch sozialistische, fortschrittliche, republikanische und freihänd- lerische Umtriebe erschüttert und zeitweise verdunkelt. Die Eigenschaften der Bevölkerung in großen Städten und ihren Verwaltungen gravitieren in republikanischer Richtung. Wenn man die W-Hlen in Königsberg, Elbing, Danzig, Thorn, Posen, BreSlau, Liegnitz, Magdeburg, Berlin, Frankfurt a. O., Halle, Hagen, Hamm, Soest, Solingen, Elberfeld Barmen in Abzug bringt, bleiben für den Fortschritt und die Sezession nur 21 Sitze und dann erweist sich die gewaltige Majorität in den alten Provinzen, die sich für die Politik des Königs ausgesprochen, als um so schlagender. — Wie aus einem Reskript des Herrn EismbahministerS, das in einer Direktionssitzung der Rechten Ober-Ufer-Bahn zur Verlesung gelangte, hervorgeht, hat der Herr Minister znm 13. d. M. eine Konferenz der leitenden Direktoren der Schlesischen und Posener Eisenbahnen nach Berlin berufen, um über die fernere Ermäßigung der Kohlentarife zu beraten. Der Herr Minister betont, daß die bisherigen Herabsetzungen der Kohlentarife auf den Schlesischen Eisenbahnen den berechtigten Wünschen der beteiligten Kreise nicht entsprechen, namentlich seien die Reduktionen in .einzelnen Relationen von dem nach der ReichSverfassung anzustrebenden Einpfennigsatz noch weit entfernt, und vollends seien die Rechte Oder-Ufer-Eisenbahn, sowie die anschließenden kleinen Bahnen hinter den Ermäßigungen der Oberschlesischen zurückgeblieben und denselben nur insoweit gefolgt, als die Konkurrenz dies notwendig gemacht habe. Der Minister glaubt, die geplante
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Ingrimmig verweigerte ich jede Auskunft über mich, außer an ihn selbst und erhielt als Antwort darauf die Mitteilung, daß ich mich dann bequeme» müsse, bis zum Abend auf der Wache zu verbleiben. Die Beamte» schienen indes wenigstens von der stille» Ahnung durchdrungen, daß ich nicht gerade ein Räuberhauptmann, sondern wohl so etwas wie ein anständiger Mensch sei--cs geht doch manch
mal nichts über einen guten Polizeiblick! Sie boten mir au, daß ich gegen eine kleine Entschädigung ein gutes Zimmer beim Hausmann deS Gebäudes erhalten könne, in welchem man mich allerdings einschließe» müsse, und ich ging mit Freuden darauf ein. Ich erhielt ein reinliches Zimmer, der Hausmann versorgte mich auf meine Kosten mit allem gewünschten Essen und Trinken und eS wäre dort nach all' dem Erlebten ganz traulich gewesen — wenn man nur nicht eingeschlossen und wenn ich nur nicht nach Warnstadt gemußt hätte!
Der HauSmann brachte mir auch Lektüre — gegen Abend zum Beispiel daS Rotheimer Abendblatt. Ich blätterte es flüchtig durch und traute meinen Einen nicht, als ich wahr und wahrhaftig folgendes las: „Der rühmenswerten Aufmerksamkeit unserer Rotheimer Polizeibeamten ist eS heut gelungen, eines lange gesuchten gefährlichen Hochstaplers in der Person eines angeblichen HandlungS- reifenben Theodor Süßmilch aus Calcutta habhaft zu werden. Der gefährliche Mensch wurde kurz vor Abgang des Mittagszuges auf hiesigem BabnhofIast in flagranti erwischt , als er soeben im Begriff stand, sich mit einet ansehnlichen Beute per Bahn aus dem Staube zu machen. Man spricht von einer wahrhaft genial ausgeführten Fälschung eines Pfandbriefes über 7000 Thaler auf das HauS der bekannten hiesigen Firma Siegmund Habermann Söhne und von einem großartigen Diebstahl an Brillantringen. Der Verbrecher, ein Mensch von herkulischer Kraft, leistete übrigen« so heftigen Widerstand, daß er geschlossen cher Wagen nach dem Gefängnis transportiert
werden mußte. Ein Näheres hoffen wir unseren Lesern schon morgen mitteilen zu können."
Wütend schleuderte ich das Blatt in den fernsten Winkel de« Zimmers und wäre am liebsten mit dem Kopf durch die Thür gerannt I — Gerechter Himmel, was vermag so ein Reporter zu leisten — selbst ein Rotheimer 1
Eine Stunde später meldete man mir, daß der Polizeidirektor bereit sei, mich zu hören, und ich wurde zu ihm geführt. Der Direktor saß an seinem Tisch hinter einem Aktenstück und blickte mich einen Augenblick scharf an.
„Doktor L.l" rief er dann und nannte meinen wirklichen Namen, „ist cs möglich, Sie find eS?"
„Herr Kunzemann — Sie?" rief ich erstaunt zurück.
Es war Herr Kunzemann, ein alter Bekannter von mir, früher Beamter in R., der Vater eines meiner Studienfreunde, mit dem ich manch' frohe Stunde im Hause seiner Eltern verlebt.
„Wie zum Teufel kommen Sie benn als Theodor Süßmilch In’« Prison?" lachte er.
„ES ist eine etwas verwickelte Geschichte," erklärte ich. „Auf einem kurzen — kurzen Ausflüge begriffen, auf dem ich jemand — jemand überraschen wollte, schrieb ich mich mit einem Scherznamen in das Fremdenbuch ein, bot ja wohl von keiner polizeilichen Bed-utung, sondern nur für die Fremdenliste bestimmt ist. Nachher bemerkte ich, daß mir das Geld auägegangcn und war genötigt —"
„Ich weiß das, weiß das," lachte der Polizeidirektor lustig, „der BahnhofSwirt hat's hier ausgesagt in dem Aktenstück, und nun begreife ich alles 1 Aber Ihr Glück, daß Sie der sind, der Sie sind, das heißt, daß ich Sie kenne, sonst hätte ich Sie wahrhaftig festhalten müssen, bis Ihre rätselhafte Doppelperson aufgeklärt war, Sie leichtsinniger Spaßvogel; nun gut; hier ist Ihr Schein — natürlich sind Sie frei und natürlich sind Sie heule abend mein Gast." (Fortsetzung folgt )