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Marburg, Sonnabend, 28. Oktober 1882
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Großer Wahlsieg der Konservativen.
Obgleich der Ausfall der Wahlen ein günstiges Ergebnis für die konservative Sache voraussehen ließ, so sind die Erwartungen noch übertroffen. Hundertdreiunddreißig Sitze sind der konservativen Partei zugefallen, während die freikonservative Partei um einige Stimmen verstärkt aus dem Wahlkampfe hervorgegangen ist, das Zentrum seine hundert Sitze behauptet und der Fortschritt sein bescheidenes Deputat von stebenunddreißig Sitzen nicht überschritten hat. Die Nationalliberalen haben die Zeche bezahlt und mit Recht. DaS Wahlbündnis mit den Fortschrittlern ist der größte Irrweg, auf den der berühmte Führer der Nationalen feine Partei bis jetzt geleitet, das preußische Volk hat dem Fürsten Bismarck und dem Minister v. Puttkamcr sein vollständiges Vertrauensvotum gegeben.
Auch in unserer Provinz hat die konservative Sache den Sieg errungen, es sind alle Sitze behauptet, die zwei liberalen Kandidaten gehören dem äußersten rechten Flügel an und der in Hanau mit vieler Mühe gewählte Fortschrittsmann, der bekannte Wahlbruder der Sozialdemokraten, verdankt seinen Sitz den — Nation al li beraten; die in der Wahlagitation mit uns verbundenen Kreise Wetzlar und Biedenkopf haben ebenfalls konservativ gewählt.
Hoffen wir, daß diese entschiedene Wendung zum Bessern in jeder Richtung, zum Heile unseres Volkes gereichen möge.
Auf der Wache erzählte ich den Vorfall und erzählte das keifende Weib ihn, welche sich bei ihren Erfolgen noch weit mehr in die heilige Mutter-Entrüstung hineingercdet hatte, als zuvor. Da sich nichts schlimmes ergab, so wäre ich wohl allenfalls gegen ein Schmerzensgeld an den heulenden Jungen enllaffen worden, wenn nicht die Männer dazwischen getreten wären und gegen mich cingeworfen hätten: ich sei davongerannt wie ein Dieb, hätte eine Droschke nehmen und gleich nach der Bahn fahren wollen, wo in einer halben Stunde ein Courierzug abgehe —- das sei verdächtig, und sie verlangten Feststellung meiner Persönlichkeit!
Mich hatte bei der ganzen Sache am meisten interessiert, daß auf dem Westbahnhof in einer halben Stunde ein Zug abgehen solle. In dem Wachtzimmer hing ein Fahrplan und während also nach mir telegraphiert wurde, um zu konstatieren, ob ich wirklich ich sei, studierte ich den Fahrplan. Richtig, in jetzt noch 15 Minuten ging ein Courierzug ab, der in Rotheim hielt, und ich konnte nicht mit I Ich schäumte! Ich bat und überredete, ich bot Kaution, wenn man mich entlaste, aber das machte die Beamten nur mißtrauisch und sie erklärten, von ihrer Instruktion keinen Finger breit abweichen zu wollen. In drei Stunden gehe ja noch ein Zug nach Rotheim: Nacht sei es so wie so, ehe ich dort ankomme — weshalb ich denn da so sehr eilet
Schäumend hielt ich aus — zwei Stunden lang! Ich hätte am liebsten ein paar grandiose Excesse an den Möbeln d.r Wachtstube ausgeübt, um nur meiner inneren Wut irgend eine kleine Erleichterung zu verschaffen — aber dann hätten sie mich am Ende noch nicht fortgelassen und ich mußte ja nach Rotheim I Nicht vernünftige Ueberl.gung hielt mich zurück, rin paar Fensterscheiben der Wachtstube zu zertrümmern und vielleicht mit den Helmen der Beamten einige GaSarrne zu zerschlagen, wozu ich unendliche Lust
welche der bisherigen Wirtschaftspolitik zugestimmt haben, besonders auf die Grundsätze dieser Politik wie auch auf die Ideen lenkte, welche für die Sozialresorm seitens der Negierung aufgestellt worden sind, so wird das Wahlresultat auch über die Grenzen Preußens hinaus als von größerer Bedeutung erachtet werden können. Das System der Schutzzölle und der indirekten Besteuerung, die Versicherung der Arbeiter gegen Krankheit und Unfälle, wie überhaupt eine bessere Gestaltung der sozialen Verhältniffe durch gerechtere Verteilung der Steuern und durch positive Maßnahmen zu gunsten der wirtschaftlich Schwachen hat durch die preußischen Wahlen eine entschiedene Anerkennung erfahren, wenn auch der preußische Landtag nicht direkt zur Lösung aller dieser Aufgaben berufen ist, obwohl er an seinem Teile viel dazu beitragen und darauf hinwirken kann.
Die Wahlen, für welche seitens der regierungsfreundlichen Parteien vornehmlich die Kaiserliche Botschaft vom 17. November als Programm ihrer Politik aufgestellt war, haben dargcthan, daß die Kaiserlichen Worte und Gedanken mächtigen Widerhall in dem preußischen Volke gefunden haben. Die Kaiserliche Botschaft wird daher auch für die Parteien, welche sich auf sie berufen haben, in der praktisch politischen Thätigkeit die vornehmste Richtschnur ihres Verhaltens bilden müssen, wenn sie im Sinne und Geiste der Mehrheit des preußischen Volkes, zumal ihrer Auftraggeber, handeln wollen.
Auch diejenigen, welche sich der Reformpolitik widersetzt haben, werden in dem Eintreten der Mehrheit des preußischen Volkes für die Grundsätze der Kaiserlichen Botschaft gewiß einen Fingerzeig für ihr Verhalten erblicken müssen. Wenn die Liberalen stets dieses Zeugnisses des Volkes eingedenk bleiben, anstatt sich durch Fraktionspolitik und Fraktionsinteressen auf Abwege bringen zu lassen, dann kann es nicht fehlen, daß die kommenden drei Jahre, während welcher das neugewählte Abgeordnetenhaus thätig sein wird, in der Verwirklichung der Reformpolitik auch wirkliche Fortschritte aufweisen werden.
sich in Bewegung; ein Mann fiel dem
| Es wird dem Liberalismus nichts helfen, diese That- sache zu verdunkeln und den Versuch zu machen, das Wahlresultat als ein durch künstliche Mittel herbeigeführtes, nicht den wahren Stand der öffentlichen Meinung auSdrückendcs Ergebnis auszugeben. Die Unmöglichkeit, mit künstlichen Mitteln, auch wenn sie noch so rücksichtslos und agitatorisch angewandt werden, der öffentlichen Meinung eine bestimmte Richtung vorzuschreiben, ist gerade durch das Wahlergebnis erwiesen worden: sonst hätte eS den Herren Richter und Genossen, die in der Agitation daS Menschenmögliche leisteten, nicht an Erfolg fehlen können.
Das neugewählte Abgeordnetenhaus wird jedenfalls sich durch nichts von der Ueberzeugung abbringen lassen, daß das Mandat der Mehrzahl seiner Mitglieder im großen und ganzen auf eine Unterstützung der Reformpolitik gerichtet ist. Der Liberalismus hat mit seinem Eifer, mit welchem er diese Politik bekämpfte, selbst dafür gesorgt, daß das Ergebnis so und nicht ander« ausgelegt werden kann.
ES erwächst hieraus der neugewählten Landesvertretung die Pflicht, sich darüber klar zu werden und sich zu vergegenwärtigen, welche Ziele die Reformpolitik verfolgt.
Vor allem wird die Steuerreform ins Auge zu fasten sein. Das Land erkennt das Bedürfnis einer Steuerreform und namentlich die Notwendigkeit einer Entlastung der untersten Klassen der Steuerzahler an. Nicht minder ist in dem Wahlergebnis eine bejahende Antwort auf die vor den Wahlen aufgestellten Fragen zu erblicken, ob auch die Gemeinden das Bedürfnis einer Entlastung empfinden und ob das Schulgeld abzuschaffen sei.
In welcher technischen Weise diese Ziele zu erreichen seien, darüber hat das Land nicht entscheiden wollen und sollen. Wohl aber hat eö mit seinem Votum dem Abgeordnetenhause die Pflicht auferlegen wollen, den Bemühungen der Negierung zur Erreichung dieser Ziele sich ernstlich anzuschließen und der allgemeinen Anerkennung von der Notwendigkeit der Entlastung die Fragen der technischen Ausführung unterzuordnen. Wenn die Landesvertretung sich stets dessen erinnert, dann wird sich durch ein allmähliches schrittweises Vorgehen auch etwas Positives erreichen lassen.
Ebenso ist in den Wahlen eine Zustimmung zu der versöhnlichen Kirchenpolitik der Regierung und zu deren Fortsetzung zu erblicken.
Das Festhalten an der Selbstverwaltung unter Revision derjenigen Bestimmungen, welche den Verwaltungsorganismus zu beeinträchtigen und die Selbstverwaltung unpopulär und unpraktisch zu machen drohten, ist von dem Lande durch die Wahlen befürwortet worden.
Wenn man ferner bedenkt, daß der Liberalismus seine Hauptangriffe gegen die Negierung und diejenigen Parteien,
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t Reformpolitik.
Die Wahlen haben erwiesen, daß die Stimmung des Volks entschieden der Reformpolitik der Regierung zugeneigt und nichts von der liberal-fortschrittlichen Opposition gegen diese Politik, geschweige denn von der parlamentarischen Herrschaft etwas wissen will. Selbst da, wo fortschrittlichliberale Kandidaten ihren bisherigen Besitz erhalten haben, zeigt sich eine starke konservative Gegenströmung, welche auch ihnen als Beweis für die zunehmende Abneigung gegen die Politik und das Verhalten des Fortschritts dienen kann.
Der schwarze Robert
oder
Meine Fra« «nd ich.
Humoreske von E. C. (Fortsetzung.)
Außer mir vor Wut ballte ich die Depesche in der Faust zusammen und schleuderte sie wie eine Bombe von mir, ^daß sie einem kleinen Jungen ins Gesicht flog, der darüber erschrocken zur Seite taumelte und in ein helles Gebrüll ausbrach. Schwarzer Robert, jetzt! Empörend! Hole den Schwarzen Robert der Teufel mitsamt der Schröderscheu Buchhandlung und dem kleinen Jungen I — Dessen Mutier, die hinter ihm ging, brach in laute Schimpfreden gegen mich aus und rief nach einem Schutzmann. Ich freute mich ordentlich darüber, daß sie sich so ärgerte, denn eö war förmlich Balsam für meine eigene Wut; aber die Leute wurden aufmerksam. Soeben hielten zwei Männer sie an und fragten, was los sei. Sie erzählte ihnen schreiend meine unmotivierte Mißhandlung ihres Jüngsten, der mir gar nichts gethan, und ich benutzte die Zeit, um meine Schritte- zu beschleunigen und mich aus dem Staube zu machen. Aber das fiel auf — die Männer schimpften und kamen hinter mir her. Ich rannte auf eine Droschke
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allen Post-Anstalten, auf dem Lande auch den Landpostboten, entgegengenommen.
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zu, denn ich hatte weder Zeit noch Muße, mich aufhalten iu lasten, ich mußte nach dem Westbahnhof. Meine Hast siel noch mehr auf; die Männer stürmten schreiend und schimpfend mir nach, das Weib mit Ich sprang in die Droschke und schrie dem Kutscher zu: Westbahnhof!" — Der Wagen setzte
da war er aber auch schon umringt, WMII» v.« Pferde in die Zügel, eS wurde nach einem Schutzmann geschrieen, alles lärmte und tobte, ich mit — ich glaube, '.ch wäre noch regelrecht gelyncht worden, wenn nicht im äußersten Moment ein Schutzmann als mein Retter erschienen wäre, der mich aufforderte, mit zur Wache zu kommen. Ich war arretiert!
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Deutsches Reich.
Berlin, 26. Okt. Der Kaiser ist nachmittags um 2 Uhr nach Ludwigslust abgereist. — Der „Reichs-Anz." veröffentlicht eine Bekanntmachung, durch welche der kleine Belagerungszustand in Hamburg, Altona, Harburg, für Teile der Kreise Pinneberg, Stomarn und da« Herzogtum Lauenburg auf ein Jahr verlängert wird. — Die „Nordd. Allg. Ztg." meldet: Von feiten Rußlands stehe die Entscheidung darüber bevor, daß über die russische Flußgrenze eingehende Fahrzeuge vom Zolle befreit bleiben, insoweit verspürte, sondern die Furcht, dann heute nicht mehr nach Rotheim zu kommen I Zwei fürchterliche Stunden vergingen, dann wurde festgestellt, daß meine Angaben stimmten und ich wurde entlasten. Ich schwankte hinaus, nahm eine Droschke, rief dem Kutscher zu: „Nach dem Westbahnhof!" und fuhr ab. Meine Kraft war fast gebrochen.
In einer Stunde ging wieder ein Zug über Rotheim, nur ein Bummelzug, aber er war doch besser wie keiner! Den Courierzug, der vor zwei Stunden abgegangen, hatte ich in der Wachtstube abgcsessen!
Ich ließ mich im Wartesaal nieder, um die Stunde hinzubringen und bestellte mir beim Kellner eine Flasche Sherry. Ich hätte mir lieber eine Flasche Selterwasser bestellen sollen, aber ich bestellte Sherry. Der Kellner fragte, ob eS nicht Portwein sein könne — Sherry führten sie nicht. Ich zankte heftig auf ihn los, daß sie nicht einmal Sherry hätten. Es wäre mir eigentlich egal gewesen, ob es Port oder Sherry sei, aber es gewährte mir doch eine Gcnugthuung, mich ärgern zu können. Der Kellner sagte ganz betreten, ich möchte entschuldigen, er habe nicht ge- mußt, daß der Herr keinen Portwein tränke, worauf ich ihm erwiderte, er sei nicht recht gescheit, ich tränke sehr gern Portwein und er möge ihn mir bringen. Er brachte die Flasche und ich leerte sie, indem ich die Stunde damit füllte. Es war etwas viel von dem schweren Wein und er würde mich zu andern Zeiten etwas aufgeregt haben. Heut aber pah! Es war so viel ungeheure Aufregung in mir, daß die Flasche Portwein von ihr verschlungen wurde, wie ein Tropfen heißen Wassers von einem glühenden Kanonenrohr! Wenn man in einem feuerdurchwogten Krater auch noch ein Schwefelholz anzündet, da soll das wohl wärmen!
(Fortsetzung folgt.)
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