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Marburg, Freitag, 27. Oktober 1882
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Wollte man das allgemeine gleiche und unmittelbare Wahlrecht für die preußischen Abgeordnetenwahlen einführen, so müßte doch in betracht gezogen werden, ob die bisherige Ernennung von 2 bis 3 Abgeordneten durch einen und denselben Wahlkreis bei unmittelbaren Wahlen zulässig wäre und ob anderenfalls die verkleinerten Wahlkreise sich für die Anwendung dieses Verfahrens eignen. Einerseits wird die direkte Wahl durch die Kleinheit des Wahlkreises allerdings vereinfacht, weil es leichter ist, eine Allen bekannte Persönlichkeit aufzufinden. Aber bei der Einführung des allgemeinen und unmittelbaren Wahlrechls wurde, namentlich auch durch den damaligen Bundeskanzler, darauf hingewiesen, daß die Größe der RetchSwahlkreise in Verbindung mit dem allgemeinen und unmittelbaren Wahlrecht die Wahl nur auf Personen von Ansehen und Verdienst fallen lasten werde. In den kleineren Wahlkreisen fehlt leicht das unmittelbare, numerisch oder moralisch herbeigcführte Gleichgewicht der verschiedenen sozialen Elemente, welchen das Drciklaffcnsystem gerecht zu werden ein Versuch ist. ES ist daher zu fürchten, daß in kleinen Wahlkreisen das Resultat der direkten und gleichen Wahl öfter sehr einseitig auSfällt.
Mit diesen Gesichtspunkten ist die Frage noch nicht erschöpft. Sie können aber einen Fingerzeig geben, daß die Lösung nicht so einfach ist, als sie in den jüngsten Tagen mehrfach hingcstcllt wurde.
liche Stimme sich ganz anders gegen dasselbe erhoben hätte, als cs der Fall gewesen ist. Man wird ohne Widerspruch sagen dürfen, daß in diesen dreiunddreißig Jahren die Abgeordnetenhäuser die wechselnden Stimmungen des Volkes im wesentlichen zutreffend ausgediückt haben.
Was man an dem Wahlverfahren jetzt auf einmal unerträglich finden will, sind die unbequemen Formalitäten: die indirekte Wahl, das Dreiklastensystem, die mündliche Stimmabgabe anstatt der schriftlichen.
Die Tadler machen sich doch die Aufgabe des Ersatzes zu leicht, wenn sie ohne weiteres das Reichswahlsystem für die Bildung des preußischen Abgeordnetenhauses Vorschlägen.
Von liberaler wie von konservativer Seite haben Männer von ernster patriotischer Gesinnung auf die Gefahren der häufigen Wiederholung einer in alle Volksschichten, getragenen Erregung hingewiesen, welche die kurze Periode der Reichstagswahlen mit sich bringt. Auch mit aus solchen Hinweisungen entnahm die Staatsregierung den Grund zu ihrem Vorschlag einer vierjährigen Legislaturperiode in Verbindung mit der zweijährigen Budgetperiode. Die dcS« fallsigen Vorschläge der Staatsregierung haben keine Zustimmung gefunden. Um so bedenklicher wäre es aber, die Aufregung der allgemeinen gleichen und unmittelbaren Wahl in der kurzen Periode von drei Jahren regelmäßig zweimal in das preußische Volk zu tragen durch die Reichstagswahl und durch die Landtagswahl.
Denn wie auch über die Formalitäten des preußischen Wahlverfahrens geurteilt werden mag, die Heftigkeit des Wahlkampfes wird bei dem letzteren jedenfalls vermindert, ohne daß das Resultat immer geändert wird. Die Urwähler finden leichter den Mann heraus, mögen sie nun bloß nach Partcirückstchten oder nach Rücksichten der allgemeinen Vertrauenswürdigkeit verfahren, den sie von einer kleinen Gemeinschaft aus in den WahlmannSkörpcr senden, als sie den Abgeordneten finden können, den sie mit einer großen Gemeinschaft wählen sollen. ES müssen daher im letzteren Fall weit mehr Mittel aufgcboten werden, den Wähler zur Entsch.'idung für einen bestimmten Abgeordneten zu bewegen, und das Aufgebot dieser Mittel durch zwei oder meistens durch drei bis vier Parteien in einem und demselben Wahlkreis macht die Agitation so aufregend.
Dieser Umstand kann unmöglich unbeachtet bleiben, wenn der Schritt erwogen werden soll, das Reichswahlrecht au' die preußischen Wahlen zu übertragen.
Es sind aber noch andere Punkte ernstlich zu beachten.
Bei der Vergrößerung des Staats im Jahre 1866 hat man unter der Dringlichkeit der damaligen Verhältnisse die Wahlkreise und damit die Mitglieder des Abgeordnetenhauses einfach nach dem bisherigen Verhältnis der Abgeordneten zur Bevölkerung vermehrt. So zählt das Abgeordnetenhaus einige dreißig Mitglieder mehr, als der Reichstag.
Wahlsysteme.
Bei der diesmaligen Erneuerung deS Abgeordnetenhauses ist lebhafter als bei irgend einer früheren Wahl in der TageSprcsse das für Preußen geltende Wahlsystem verurteilt worden. Man konnte es sich leicht machen mit der Verurteilung, da man sich auf einige Aeußerungen deS Reichskanzlers berufen durfte, welche ungünstig für das preußische Wahlsystem lauten. Ebenso leicht, wie die Gründe der Verwerfung, glaubte man den Ersatz für das preußische Wahlsystem bei der Hand zu haben: man empfahl ohne weiteres die Annahme des Reichswahlsystems.
Die Staatsregierung hat dieser Frage zwar immerfort volle Aufmerksamkeit geschenkt, aber eine Anregung zu ab- änderndcn Gesctzvorschlägen ist innerhalb der Staatsregierung bisher nicht erfolgt, aus zwei leicht erkennbaren Gründen. Erstlich ist die preußische Gesetzgebung seit dem Jahre 1866 — die Periode seit Erlaß der Verfassung bis zu dem eben genannten Jahr war zu einer Reform des Wahlgesetzes noch weniger geeignet — ununterbrochen durch dringende Aufgaben anderer Art in Anspruch genommen worden, die weniger Aufschub litten, als die schließlich formale Regelung des Wahlverfahren; denn darüber herrscht ein vielfaches Einverständnis, daß die Verschiedenheit der Wahlsysteme auf die Zusammensetzung der Parlamente zwar von Einfluß ist, daß aber dieser Einfluß lange nicht so weit gehe, als man zu Zeiten wohl angenommen hat.
Ein zweiter Grund, der es erklärlich macht, weshalb die Staatsregierung an eine Reform des Wahlsystems die Hand zu legen zögerte, sind die inneren Schwierigkeiten, welche einer befriedigenden Lösung dieser Aufgabe entgegenstehen.
Sicherlich kann ein Vorwurf nicht erhoben werden wegen Beibehaltung einer Einrichtung, deren Funktion, welchen Einwänden sie auch unterliegen mag, jedenfalls ein Abgeordnetenhaus aus der Wahl hervorgehen läßt, das im wesentlichen die Stimmungen und Wünsche des Volkes ab- spiegclt. Wäre dies nicht der Fall, so hätte das Wahlgesetz zur Bildung des preußischen Abgeordnetenhauses nicht drciunddreißiz Jahre bestehen können, ohne daß die öffent-
Jch schob die Depesche in meine Brusttasche. Allein? Wo? In einem Restaurant, einem Cafö, einem recht entlegenen, unbesuchten. — Aber in welchem? Nun, eö war ja kein Mangel daran: in dem ersten besten, das ich auf meinem Wege treffen würde I Auf meinem W ge? Wohin wollte ich denn? Richtig, zu Norden. Vielleicht traf ich ihn noch, vielleicht war noch kein Zug nach Rotheim gegangen, vielleicht konnte ich erforschen, wo er bis dahin weilte. Wenn cs mir gelang, ihn aufzuspüren . . . Hölle und Teufel, es wurde furchtbar! Nur schnell weiter, jede Minute ist von Wichtigkeit! Ich stürmte dahin, daß ich die Hälfte der mir begegnenden Passanten anrannte, aber eS ging mir noch zu langsam. Ich sprang in die erste Droschke, die ich antraf, und rief dem Kutscher zu: „Rosenallee 76! Schnell!"
„Rosenallee?" sagte der Kutscher verwundert, „die ist ja hier gleich —"
„Fort!" donnerte ich ihm zu, und der Wagen setzte sich ordentlich erschrocken in Bewegung. Ich hätte den Gaul peitschen mögen, um seinen Gang zu beschleunigen! Ich malte mir, um meiner Wut genüge zu thun, in Gedanken vor, daß ich Norden noch in seiner Wohnung treffe. Hei, dann! Entweder schossen wir uns sofort in seinem Zimmer oder ich erdrosselte ihn! O, welche Wollust mußte daS sein, ihn zu packen — so, bei seinem langen Halse, um den er immer so elegante Stehkragen trug — und ihn... .
Aber da hielt der Wagen schon. Ich hatte in meiner Aufregung gar nicht bemerkt, daß ich nur hundert Schritt von der Rvsenallce entfernt in die Droschke gestiegen war. Hastig sprang ich hinaus; meine Hand zitterte so, daß ich kaum den Kutscher zu bezahlen vermochte; dann flog ich die Stiege hinauf und pochte.
Die Wirtin öffnete mir — Norden war verreist nach
Der schwarze Robert ober
Meine Fra« und ich.
Humoresle von E. C. (Fortsetzung.)
„Tante Ulrikens — ja und seiner! Aber . . . a ich in der meinigen soll sie sein — ich fahre nach Rotheim!" schrie ich, von einem plötzlichen Entschluß gepackt. Mit einem Satz war ich an der Thür, stülpte den Hut auf, den Ueberrock hatte ich noch gar nicht abgelegt, stürzte hinaus, schloß die Thür hinter mir ab, um Tante Lina durch die momentane Gefangenschaft an jeder Intervention zu verhindern und war im nächsten Augenblick auf der Treppe. „Neffe, Stesse, so warten Sie dock, hören Sie doch, was ich Ihnen sage!" vernahm ich sic noch hinter mir schreien: schon aber flog die Entrsethür hinter mir ins Schloß, und ich stürmte die Treppe hinunter..
Auf dem Hausflur traf mich der Telegraphenbote und überreichte mir eine Depesche.
Eine Depesche! Himmel, was umfaßt dieses Donner- wort in solchem Augenblick! Ein Signal der Spannung und der Neugier immer, ein Agens des Erschreckens und des bangen Staunens oft, ist eS in solchem Moment ein juckender Blitz, der vor di« Augen niederschlägt, blendet, verstört — entsetzt auf daS Donnerkrachen harren läßt, das ihm vernichtend folgen muß. Eine Depesche! Aufschluß gewiß, aber welch' ein Aufschluß würde eS, konnte sein? Sollte ich sie öffnen, hier? Ich stand schon auf ter Straße, als ib sie noch zögernd in der Hand hielt! Sollte ich die furchlbrreu Worte hier lesen, die ganze vorüberflutende Menschenmenge zum Zeugen der Erregung machen, mit der ich tiefe Worte vernehmen würde, sie nur vernehmen konnte? Nein, ich will mit ihnen allein sein!
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Anzeigen nimmt entgegen: bi; lüppebition b. Blattes, fo.ui. d.Annoncen-Bureaw v. Th. Dietrich u. Co. ir Kaff:l unb Hannover; Th Dietrich in Frankfurt a.M. naufenftein u. Vogler ii Frankfurt a- !i)l . Berlin Lci, zig, Köln rc-; Rubol
Messe in Berlin, Frankfurt a. dJt. rc-
Deutsches Reich.
Berlin, 25. Okt. Der Kaiser ist wohlbehalten um 3/zlO Uhr hier cingetroffen; von der Wtldparkstation bis hierher wurde er von dem Kronprinzen begleitet. — Der Prinz Arisugawa von Japan hielt nachmittags feierliche Auffahrt bei Hofe und wurde von dem Kaiser in besonderer Audienz empfangen. Zu Ehren desselben fand später ein größeres Diner bei dem Kaiser statt, woran auch der Kronprinz und die übrigen Prinzen deS Königshauses teilnahmen. — Nach der Spezial-Entscheidung des Ministers des Innern ist die Hundesteuer sowohl nach wissenschaftlicher Begriffsbestimmung, als auch nach dem geltenden preußischen Staatsrechte den direkten Steuern beizuzählen und es sind demgemäß servisberechtigte Militärpersonen des aktiven Dienststandes zur Entrichtung einer derartigen als Kommunalsteuer erhobenen Abgabe nicht verpflichtet. — Der Finanzminister Scholz ist von Varzin hierher zurückgekehrt, und es wird jetzt erst an die Fertigstellung deS Etats herangetreten. ES handelte sich um einige formelle Punkte, zu welchen die Zustimmung des Ministerpräsidenten eingeholt werden mußte. Auch über die weiteren finanziellen Vorlagen sind jetzt Festsetzungen getroffen worden. Wie verlautet, wäre zunächst eine Novelle zum Klaffen- Rotheim. Nachmittags war ein Bote gekommen mit einem eiligen Briefchen, erzählte sic mit geschwätzig, den sie, da der Doktor nicht im Hause war, ihm tn's Cafö nach- gesandt hatte.
Ja wohl, der verdammte Brief! Ich hörte daS wütend mit an und fragte mechanisch: „Und dann?"
Dann war der H-rr Doktor später in einer Droschke vorgefahren gekommen, war hastig hinaufgesprungen und hatte sich einen neuen Cylinderhut und ein Paar neue Helle Glacechandschuh geholt, um wieder fortzueilen.
£), dieser Schurke! Seinen neuen Cylinderhut geholt — Helle Glacechandschuh ... mir war, als werde ich mit denselben in demselben Augenblick geohrfeigt und ich fühlte, daß mein Gesicht ganz rot wurde!
„Die Droschke hielt unterdes unten," erzählte die Wirtin geschwätzig weiter, „eö saßen zwei Damen darin, anscheinend eine junge und eine ältere dicke."
Furchtbar! Tante Ulrike war dick. Ich taumelte fast! „Und dann?" knirschte ich mechanisch noch einmal.
„Dann hat er nur noch meinem Sohn eine Depesche zu besorgen gegeben und ist fortgefahren," erklärte die Wirtin harmlos.
Ha, die Depesche! Sie war also von ihm, nicht von ihr? Teufel, ich hatte sie ja ganz vergessen! Was stand darin? Was konnte mir der Schurke melden, welchen Aufschluß sollte ich erhalten? Wütend stürmte ich fort, die Treppe hinunter, riß dabei die Depesche aus der Tasche, riß sie auf und las:
„Wenn Schwarzen Robert nicht bis übermorgen erhalten, verzichten darauf. Entrüstet über Verzögerung. Kaufen anderes an und machen Sie für Schaden verantwortlich. Schröeersche Buchhandlung."
(Fortsetzung folgt.)
Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- unb Feiertagen. Preis für daS Quartal mit ber wöchentlichen Beilage „IllustrlrteS SonntaaSblatt" burck bie Ervebition («ock'lcke Buchdruck-re» bezogen 2'/. Mark burch bi- Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 W(ejcL- >8«onSgebü“ für bie gSene ®e W’’* Für in ber Expedition zu ertheilende Auskunft unb Annahme von Adressen werden 25 Psg. berechnet. V 8"
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition b. Blattes, sowie b.Annoncen-Bureanx von G L. Daube u. Go. in Frankfurt a. M; Jägersche Buchhanblung daselbst; Hermansche Buchhandlung daselbst; Jnvaliderdank in Berlin; W. ThieneS in Elberfeld: 6. Schlotte in Bremen.
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