Marburg, Donnerstag, 26. Oktober 1882
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Parlamentarismus irud Staatsschulden.
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Herrn v. Radowitz zum Gesandten bei der hohen Pforte. — Durch Bundesratsbeschluß vom 19. Mai 1869 wurde die bis dahin den Direktivbehörden vorbehaltene Ausfertigung von Freipässen über solche Musterwaren, welche aus dem freien Verkehr des Zollvereins für inländische HandlungS- häuser oder Fabriken aus- und nach gemachtem Gebrauche AuSlande zollfrei wieder zurückgeführt werden sollen, den Hauptämtern überlassen. Die gleiche Befugnis ist nun vom badischen Finanzministerium infolge eines von der Handelskammer Pforzheim ausgesprochenen Wunsches unterm 24. Mai d. I. dem Unter-Steueramte Pforzheim übertragen worden, nachdem die hierwcgen veranlaßten Erhebungen eine solche Kompetenzerweiterung als materiell unbedenklich hatten erscheinen lassen. Da indessen der Reichsbevollmächtigte für Zölle und Steuern zu Karlsruhe in höherem Auftrage auf die formelle Nichtübereinstimmung dieser Verfügung mit dem eingangs erwähnten Beschluß aufmerksam gemacht und die Herbeiführung nachträglicher Genehmigung des Bundesrats anheimgestcllt hat, so hat Baden jetzt eine dem entsprechende Beschlußfassung beim Bundesrat beantragt. Baden glaubt aber, daß die obersten Landes-Finanzbehörden generell für ermächtigt erklärt werden könnten, die den Hauptämtern zugewiesene Befugnis im Bedürfnisfalle auch einzelnen Nebenzollämtern an der Grenze und Zoll- und Steuerämtern im Innern beizulegen, und hat in diesem Sinne auch seinen Antrag gestellt. Nur im Falle der Ablehnung desselben beantragt Baden, die Uebertragung der bezüglichen Befugnis an das Untersteueramt Pforzheim nachträglich zu genehmigen. — In der heutigen Plenarsitzung des Bundesrats ist die Verlängerung des s. g. kleinen Belagerungszustandes in Hamburg um ein Jahr beschlossen worden. — Betreffs des neuen ReichStagsgebäudes wird gemeldet: Da die Expropriation des RaczinSkischen Palais, welche aus formellen Gründen notwendig ist, von dem Kaiser genehmigt ist, so wird die Freilegung des Bauterräns im Lauf dieses WinterS erfolgen können. Für die Grundsteinlegung ist vorläufig der Geburtstag des Kaisers ins Auge gefaßt. Der Bau selbst dürfte -v"ntuell unter Leitung des Architekten Wallot durch Staatsregie erfolgen. — Dem Landtag sollen sofort nach seiner Konstituierung der Etat und einige unwichtigere Gesetze vorgelegt werden. Das HauS werde, so nimmt man an, den Etat zum großen Teil in kommissarischer Beratung erledigen und dann eine Vertagung der Beratungen des Landtages eintreten, um dem Ende November wieder zusammentretenden Reichstage Zeit zur Aufnahme seiner Thätigkeit zu geben. Auf diese Weise hofft man ein gleichzeitiges Arbeiten beider Körperschaften zu ermöglichen, ohne eine Störung der Arbeiten der einen durch die Thätigkeit der anderen herbeizuführen. — Die „Kreuzzeitung« hebt hervor, daß das Attentat gegen den Baron Meyendorf in Livland mit einem Agrar- verbrechen nicht in Verbindung steht. Daß auf Herrn
Wenn dieses Anwachsen der Staatsschulden in dieser steigenden Weise so fort geht, so ist der Staatsbankerott eines Tages unzweifelhaft. Mit dem Parlamentarismus wächst also das Änleihewesen des Staates und den Nutzen davon haben die großen Bankhäuser, welche die Staatsanleihen vermitteln, und die Börse, welche mit den Wertpapieren spielt, indem sie ihren Kurs bald hoch, bald niedrig treibt, um bei diesem Wechsel bald durch Hausse-, bald durch Baissespekulationen zu gewinnen. — Parlamentarismus und Kapitalismus sind sehr eng mit einander verbunden und es ist deshalb nicht zu verwundern, daß die liberale kapitalistische Presse den Parlamentarismus lobt und ihm den ganzen Staat unterwerfen will, während die die Interessen des Volkes im Auge haltende konservative Presse sich bemüht, dieser verderblichen Wirkung des parlamentarischen Verschuldungssystems Einhalt zu thun. Wirksamer wird das erst geschehen, wenn dem Volke selbst die Augen über den engen Zusammenhang zwischen Parlamentarismus und Vermehrung der Staatsschulden und Staatsausgaben aufgehen. Jedenfalls könnte solche Erkenntnis vor Unterschätzung des Parlamentarismus uns bewahren.
Anzeigen nimmt entgegen: bi- Expedition d.Blattes, [a t u v.Annoncen-Bureaux B. Id- Dietrich u. Co. in JftoH und Hannover; Th. Dd'irich in Frankfurt a.M.; finafenftein u. Vogler in Frankfurt a- M., Berlin, Leipzig. Köln re.; Rudolf Rosse in Berlin, Frankfurt a. M. rc-
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Oberheffische Zeitung
Deutsches Reich.
Berlin, 24. Okt Der General der Infanterie von Fransecky, Gouverneur von Berlin, hat, wie die „N. Pr. Ztg.« hört, aus Gesundheitsrücksichten seinen Abschied nachgesucht. — Der Vizepräsident des Staatsministeriums und Minister des Innern v. Puttkamer ist nach Groß-Plauth in Westpreußen abgereist. Die Rückkehr desselben nach Berlin wird zu heute abend, spätestens zu Mittwoch früh erwartet. — Der neuernannte Staatssekretär des Auswärtigen Amtes, Staalsminister Graf Hatzfeld-Wildenbruch, ist am Sonntag früh von seinem Urlaub hier eingetroffen und hat die Leitung der Geschäfte des Auswärtigen Amtes übernommen. Schon gestern im Laufe des Tages machte derselbe mehreren Ministern seinen Besuch und heute früh erschien er in den Büreaus des Auswärtigen Amtes, welche jetzt bekanntlich zum größten Teil in den Räumen des ehemals v. Deckerschen Grundstückes untergcbracht sind. Der Graf hat bereits die neuen Diensträume seiner Charge bezogen, welche in der an der Königgrätzerstraße belegenen Villa, die früher von dem Geheimrat, jetzigen Regierungspräsidenten Tiedemann bewohnt war und welche reizend in dem umfangreichen Parke belegen ist, bezogen. Graf Hatzfeld wird, wie es heißt, vorläufig hier bis zur Rückkehr Sr. Majestät des Kaisers aus Baden - Baden verbleiben, um zunächst von dem Monarchen in seinem neuen Amte empfangen ju werden. Dann wird sich der Graf zum Reichskanzler nach Varzin und hierauf nach Konstantinopel zur Ueberreichung seines Abberufungsschreibens begeben. In eingeweihtm Kreisen erwartet man schon binnen kurzem die Ernennung des
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Die Liberalen thun immer so, als habe es die monarchische Regierung immer nur darauf abgesehen, groß: Ausgaben zu machen und daS Volk durch Steuern auszu- beuten, und sei deshalb der Parlamentarismus dazu da, der Regierung auf die Finger zu sehen, die großen Ausgaben zu verhüten und das Volk vor hohen Steuern zu schützen. Und das Volk glaubt auch vielfach noch dieses Märchen, daß der Parlamentarismus es vor Vermehrung fcer Staatöausgaben und Steuern schütze, weil es ihm ja so oft vorgesagt wird. Thatsächlich aber sind die Ausgaben, die Schulden und Steuern des Staates in ganz enormer Weise gewachsen, seit der Parlamentarismus eingeführt »erfitii worden ist. Der Parlamentarismus hat gerade die Vermehrung der Ausgaben und das Anleihen-System befördert. Wenn jetzt die Staatsbedürfnisse immer durch Steuern aufgebracht werden müßten, wie früher, so könnte das Volk die Steuern gar nicht mehr erschwingen. Statt dessen cbum werden alle Augenblicke neue Anleihen ausgenommen, sobald W eine besondere Ausgabe gemacht werden soll. Allein die Zinsen und Amortisationen dieser Anleihen, wie die Erhaltung der neuen Einrichtungen vermehren die regelmäßigen, laufenden Ausgaben und damit die Steuerlasten fortschreitend. __ Wie unwahr es ist, daß die Parlamente die Vermehrung ”. .71 der Ausgaben und der Steuerlast hindere, wie vielmehr »«rvW ßCrat.e das Gegenteil der Fall ist, das beweist die Thatsache, daß in allen Staaten seit Einführung des Parlamentarismus die Ausgaben und Schulden des Staates ganz enorm gestiegen sind. In Frankreich belief sich im Jahre 1816, also unmittelbar nach den großen Kriegen, die schwebende Staatsschuld auf 261 Millionen und 184127 Fr. Zu Anfang des Jahres 1844 war sie bereits auf 518 Mill.
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und 664709 Fr., im Jahre 1856 auf 785 Million 568093 Fr., im Jahre 1871 auf 961 Mill. 116962 Fr. i. freut gestiegen; von da ab sind sie bis zum Jahre 1882 weiter »am» auf 1187 Mill. 19 030 Fr. gestiegen, sovaß sich die Schuld »un« seit 1816 also um daö 41/2 bis 5fache vermehrt hat. In ___£ der Zeit von 1816—1844 stieg dieselbe um 257 Mill., dagegen in dem gleich langen Zeitraum von 1844—72 stieg sie um mehr als das Doppelte, nämlich um 572 Mill.
1881 Ira« > La« Laune
Der schwarze Robert ober
Meine Frau und ich.
Humoreske von E- C. (Fortsetzung.)
„Tändelei — Koketterie — harmlos . . . wenn es
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wahr ist, wenn hier nicht irgend ein firmamcnthoher Wahn- stnn vorliegt, wenn nur ein Schatten von Wirklichkeit an dem ist, was Sie mir da sagen, erwürge ich ihn mit diesen Händen I« tobte ich wütend. Tante Lina lenkte offenbar ein, — aber merkwürdig, je mehr sie abzuwiegeln suchte, desto wütender wurde ich . . . sie, deren offene Attacke mich nur bis zur Ratlosigkeit konsterniert hatte, sie erfüllte mich jetzt durch ihr schüchternes Zurückweichen mit miß- trauischer Wut! Sie wollte mir offenbar entschlüpfen und daraus witterte ich erst recht Verrat!
„Mäßigen Sie sich, machen Sie die Sache nicht schlimmer, als sie ist, und halten Sie sich an den wahren schuldigen,« ermahnte sie unruhig. „Sie selbst tragen die Schuld an der ganzen mißlichen Affaire."
„Ich?« schrie ich empört.
i .. »Noch mehr!« fuhr Tante Lina majestätisch fort, die
1 .’tcP augenblicklichen Sieg bemerkte, „Laura fühlte, was iii ” ’$r vorging — sie suchte diesen Menschen ungünstig Zusehen, sie machte ihn schlecht vor sich selbst und
। »Ja! Sie haben Laura vernachlässigt! Sie haben zu
diel Ihrer freien Zeit dem Verkehr mit jenem falschen Munde geschenkt — Laura fühlt sich darüber verletzt.«
! Das war richtig. Laura hatte sich oft über meine , Menschaftlichen Dispute mit Norden beklagt, meine Stu- । d"n mit ihm als ungalant gegen sie bezeichnet. Aber 'i ^rum . . . ich knirschte!
vor Ihnen, um vor seinem dämonischen Einfluß Schutz zu gewinnen!"
„Das ist wahr!« stöhnte ich. Laura hat oft ungünstig über Norden gesprochen, ihn oft getadelt wegen seines Leichtsinnes und seiner unbesorgten Junggesellen- Lebensweise.
„Aber Sie waren blind!« fuhr Tante Lina siegesbewußt fort: „Sie nahmen ihn in Schutz, sie verteidigten seine Fehler — wen müssen Sie heute am meisten anklagen ?«
»Ihn!« donnerte ich, ebenso wütend, wie weit entfernt, auf Tante Linas richterliche Logik einzugehen. „Ich ermorde ihn!«
„Mensch, richten Sie kein Unglück an!" schreckte Tante Lina noch einmal zusammen. „Sie werden doch nicht so unvernünftig sein, zu handeln, ehe Sie ruhig geworden
„Ruhig geworden! Wo ich ihn nicht einmal habe, noch ihn bekommen kann, um ihn zu erwürgen!"
„Gottlob!« machte Tante Lina, „ich ließe Sie auch nicht aus dem Zimmer, Neffe!"
„Keine Angst!« höhnte ich mit dem Lachen der Wut, „er ist sicher — ist verreist!«
„Auch verreist?" fragte Tante Lina neugierig.
Auch? Einen Augenblick war ich bei diesem Worte wie vom Donner gerührt, bann fuhr so etwas wie ein glühen- der Bolzen durch mein Gehirn. „Laura!" schrie ich von neuem auf, „meine Frau — wo ist sie?'
„Verreist," sagte Tante Lina fest.
„Wohin? Ich will es wissen — wohin ist sie?« „Nach — nach —« Taute Lina stockte und schien un- stcher, ob sie mir antworten solle.
„Nach Rotheim! Wie?« rief ich heftig.
„3a wohl, nach Rotheim!" nickte Tante Lina bestätigend.
„Rase ich — bin ich wahnsinnig — bricht das Weltall nicht über mir zusammen?!«
„Aber, was ist denn so etwas Schlimmes, nach Rot- Heim zu reifen?"
„Unglückselige, Verblendete — ahnen Sie, wissen Sie nichts? Norden ist gleichfalls nach Rotheim!«
Tante Lina erschrack heftig. „Aber Neffe," sagte fie bestürzt, „Sie werden doch das nicht in Beziehung zu Lauras Reife bringen wollen?«
„Nicht in Beziehung bringen?" schäumte ich. „Norden ist heute abend nach Rotheim gereist, zu einem, hören Sie, - Abenteuer, dem „schönsten und reizendsten der Welt«, wie er mir, hören Sie wohl, mir selbst mit boshaftem Lachen sagte!"
„Neffe!" fuhr Tante Lina empört auf, „Sie wissen nicht, was Sie sprechen — Sie beleidigen meine Nichte!"
„Beleidigen, ha! Sie fort nach Rotheim — Er fort noch Rotheim, in derselben Stunde — ein Billetchen rief ihn ob, während er mit mir, denken Sie doch nur, mit mir selbst Billard spielte — er las, er erschrack freudig — " war verwirrt, zerstreut, das Billet war von ihr, er rannte fort, fort nach Rotheim, wohin sie in demselben Augenblicke floh ... . soll ich noch zweifeln?"
»Neffe," sagte Tante Lina plötzlich sehr unruhig, „waS Sie da erzählen, klingt, ja schrecklich! . . . Wahrhaftig, Sie gehen zu weit, mäßigen Sie sich . . . Laura wird — Laura soll — Laura — sie befindet sich in Begleitung Tante Ulrikens . . ." (Fortsetzung folgt.)