Marburg, Mittwoch, 25. Oktober 1882
xvii Jahrgang
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erstreckenbe Kompensation zwischen ben gemäßigt-liberalen unb konservativen Elementen herbeizuführen; eö werben baher bie in ben einzelnen Wahlkreisen bestehenden konservativen Minoritäten sich zu entscheiden haben, was ihnen die patriotische Pflicht dieser Stunbe gebietet. Schon kürzlich haben wir die Mahnung besonders an biese Kreise gerichtet, nicht etwa deshalb, sich in den Schmollwinkel der Wahlenthaltung zu stellen, weil für ihre eigene Partei ein günstiges Resultat der Wahlen in ihrem Wahlkreise nicht zu erhoffen sei. Die bisher uns zugegangenen Nachrichten bezeugen bereits, daß diese Mahnung befolgt worden ist. Heute ist eö aus denselben damals beigebrachten Gründen Pflicht für die Konservativen, ihre Minoritäten überall dort, wo es sich um die Entscheidung zwischen gemäßigten und extremen Liberalen handeln kann, sofort für die Gemäßigten einzusetzen, ganz ohne Rücksicht darauf, ob für sie selbst bei einem solchen Verfahren hier und da ein Mandat mehr oder weniger abfällt. Wir sagen, eS sei das Pflicht der Konservativen, und mit Recht; denn eS kann und darf gerade von ihnen verlangt werden, daß sie erkennen, eS sei für das Wohl des Vaterlandes — durch die Unterstützung der gemäßigten gegen die radikalen Liberalen ein Abgeordnetenhaus zu erzielen, in dem die ersteren einen gewichtigen Faktor bilden, der eS nicht prinzipiell ablehnt, in das Gebiet der angeregten großen Reformen praktisch sich einzulassen — ersprießlicher, als wirklich vielleicht die Aussicht zu haben, einen eigenen Kandidaten in die Stichwahl gegen einen Radikalen zu bringen, um dann mit Wahrscheinlichkeit gegen ihn in derselben zu erliegen. Wohl wiffen wir, daß diese Pflicht der Selbstverleugnung keine leichte ist, aber wir haben das Vertrauen, daß die Konservativen, die schon wiederholt in entscheidender Stunde die richtige Wahl zu treffen gewußt haben, zwischen der politischen Notwendigkeit, wie sie vom Wohle deö Vaterlandes erheischt wird und Parteiintereffen oder Parteimaximen, auch jetzt klar erkennen werden, wie sie ihre staatserhaltenden und -ausbauenden Grundsätze am wirksamsten zur praktischen Geltung bringen können. Der Dank des Vaterlandes wird den Männern, die es über sich gewinnen, in dieser entscheidenden Stunde Selbstverleugnung zu üben, für die Erfüllung dieser schwersten Aufgabe gewiß nicht fehlen. — Nach den letzten hier eingetroffenen Nachrichten über ben Ausfall ber Wahlen ist es kaum noch zweifclha t, baß bie liberale Partei in bisheriger Stärke vielleicht durch ein paar Mitglieder verstärkt, in dem neuen Landtage erscheinen wird. Die letzten Nachrichten aus den Pro inzen Sachsen und Brandenburg lauten fast überall für die Konservativen sehr günstig, so daß eö sicher ist, daß im neuen Abgeordnetenhause bie konservative Fraktion mit bem Zentrum und ben Polen, ja sogar ohne bie letzteren, über die absolute Majorität
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verfügen und sonach nicht der Unterstützung der Freikonservativen bedürfen wird. — Die „Kreuz-Ztg." giebt über den Ausfall der Wahlen im Regierungsbezirk Potsdam folgende Zusammenstellung: West- und Ostprignitz 312 kons., 220 116. Wahlmänner, Ruppin-Templin 384 kons., 78 lib., Prenzlau-Angermünde 376 kons , 89 lib., Ober- und Nieder-Barnim 503 kons., 261 lib., Potsdam 123 kons., 61 lib., Osthavelland (Spandau) 188 kons., 147 lib., Westhavelland - Brandenburg - Zauch - Belzig 313 kons., 268 lib., Jüterbogk-Luckenwalde 153 kons., 82 lib., Teltow» BeeSkow-Storkow 514 kons., 158 liberale Wahlmänner. — Ueber die durch Gambetta hervorgerufene Deutschenhetze schreibt die „Kreuzztg.": „Es ist ein Beweis, wie tiefe Wurzeln bie von unserer Regierung verfolgte Friedenspolitik bereits in unserem Volke geschlagen hat, daß jene Verfolgungen und Hetzereien nicht mehr Aufsehen bei uns erregen, daß man sie vielmehr nur mit pathologischem Interesse als eine innere Angelegenheit Frankreichs behandelt; doch wird dies nur bis zu einem gewissen Punkte möglich sein und sollte eS zu einer ernsteren Auffassung dieser Dinge kommen, so möge Frankreich sich deshalb bei diesem Gedanken bedanken." — Am gestrigen Tage waren in Lehrte gegen 300 hannoversche Bauern zu einem ersten hannoverschen Bauerntage versammelt. Die Versammlung bekannte sich ohne Rückhalt zu dem Grundsätze, in Zukunft von der politischen Parteifarbe ihrer für die parlamentarischen Körperschaften zu wählenden Vertreter zunächst abzusehen und ihre Wahl davon abhängig zu machen, wie sich die Kandidaten zu den landwirtschaftlichen Fragen, im speziellen zur Frage ber Entlastung der Landwirtschaft stellen. Alle Beschlüsse wurden mit Einhelligkeit gefaßt. Dem Fürsten Bismarck wurde ein Telegramm übersandt, welches das Gelöbnis enthielt, daß die hannoverschen Bauern die neue Wirtschaftspolitik, so viel an ihnen liegt, kräftig unterstützen werden.
— Die Wiener „Presse" vom 20. d. M. kommt in ihrem am 19. geschriebenen Leitartikel noch einmal auf die „preußischen Landtagswahlen" zurück. In dem Artikel heißt es u. a.: .... AuS dem Streite um gesetzgeberische Vorlagen ist ein Streit über das in Preußen geltende konstitutionelle Prinzip entstanden und nicht Bismarck hat sich den Doktrinen vergangener Tage zugewendet, sondern der Fortschritts - Liberalismus hat die englischen Dogmen des Konstitutionalismus, die in vielleicht ferner Zeit einmal in Deutschland zur Geltung kommen mögen, antizipiert — gegen daS klare heutige Verfassungsrecht. Der Fortschritt behauptet, die Regierung des Landes muffe sich nach den Grundsätzen der parlamentarischen Mehrheit richten, die Extremen erheben sogar den Anspruch, daß die Majorität der Krone ihre Räte stelle; der Kanzler behauptet, der königlichen Gewalt stehe die politische Direktive zu. Die gcschicht-
Der schwarze Robert oder Meine Fraa und ich. Humoreske von E. C. (Fortsetzung.)
Deutsche« Reich.
Berlin, 23. Okt. Die Rückreise des Kaisers von Baden-Baden nach Berlin ist nunmehr endgültig auf morgen abend 63/< Uhr angefftzt; bie Ankunft Hierselbst erfolgt Mittwoch früh 9% Uhr. — Zur Feier des Geburtstages ber Prinzessin Wilhelm fand gestern im Marmor- Palais Familientafel und abends bei ben kronprinzlichen Herrschaften im Neuen Palais eine musikalische Soiree statt. — Die „Nordd. Bllg. Zig." schreibt: Durch den Ausfall ber preußischen Wahlmännerwahlen ist eine Situation geschaffen, welche erheischt, baß nun auf dasjenige, waS theoretisch über Wahlbündniffe gesagt und geschrieben worden ist, praktisch bie Probe gemacht werde. Die Bedeutung eines richtigen Abschlusses der Wahlbündniffe, um der in den Wahlmännerwahlen dokumentierten Stimmung des Landes auch in den Wahlen ber Abgeordneten den allein praktisch-politisch verwertbaren Ausdruck zu geben, ist wohl nie so groß gewesen, als in diesem Augenblicke die Urwähler haben im Großen und Ganzen ihre Meinung dahin ausgesprochen, daß sie die Furcht der radikalen politischen Opposition vor einer „maßlosen Reaktion" nicht teilen, sondern erkannt haben, daß daS Heraufbeschwören des Reaktionsgespenstes nichts weiter war, als ein oppositionelles Wahlmanöver, denn sie haben einsehen müssen, daß eS absolut au jeder Thatsache fehle, welche im Stande gewesen wäre, dem SchreckenSrus: „Die Reaktion bricht herein" Berechtigung zu verlangen. Wenn nun infolge dessen auch zur Stunde schon feststehen dürfte, daß eine erhebliche Verstärkung ber Radikalen nicht eintreten wird, ja sie vielleicht zu sorgen haben werden, ihre bisherige Stärke zu behaupten, daß eine wesentliche Linksschiebung selbst innerhalb der Linken Seite des Hauses kaum noch zu besorgen ist, so tritt doch ganz besonders an die konservativen Elemente des Landes eine ernste Forderung der Selbstverleugnung heran. In sehr vielen Wahlkreisen, wie?. B. in Breslau und Halle, liegt die Sache praktisch so, daß eine Verbindung der konservativen und gemäßigt- liberalen Stimmen noch in letzter Stunde im Stande sein kann, cs zu verhüten, daß die Mandate den politisch und wirtschaftlich Extremen in tie Hände fallen. Bei dieser Sachlage haben die konservativen Parteien die ernste patriotische Pflicht, in richtiger Erkenntnis, daß gerade ihnen ihre staatserhaltenden Grundsätze eS verbieten, das Partei- Interesse über daS Wohl des Ganzen zu stellen, selbstlos Hand anzulegcn, um jene gemäßigt-liberale Partei zu unterstützen, die durch sehr viele Berührungspunkte mit ihnen In innigster Beziehung steht. In diesen wenigen Tagen bis zum Vollzüge der Abgeordnetenwahlen ist eS ja kaum denkbar, daß noch Verhandlungen gepflogen werden könnten zu dem Zwecke, um eine über verschiedene Wahlkreise sich
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AlS ich fünf Minuten sprachlos damit zugebracht, abzuwarten, ob mich vielleicht ein Geologe fände, kam soweit wieder Bewegung über mich, daß ich etwas thun konnte. Ich stürzte in'S Zimmer und schrie athemlos: „Laura 1 Wo ist Laura?!"
Tante Lina saß auf dem Sopha, ernst, feierlich, durchaus ohne Anfall und blickte gefaßt auf mich hin. „Mäßigen Sie sich, Neffe, beruhigen Sie sich," sagte sie würdevoll, „Sie werden alles hören."
kleine Tändelei, hervorgerufen durch das Gefühl der Vernachlässigung, oder um die Eifersucht zu ihrer Verbündeten zu machen," fuhr sie besänftigender fort: „Aber Gefahr ist im Verzüge — Hilfe thut not!"
„Eine jugendliche Verirrung — eine kleine Tändelei — Eifersucht.... alle Heiligen, sprechen Sie denn im Ernst, reden Sie von einer bestimmten Person ....?" rief ich noch entsetzter aus und traute meinen Sinnen gar nicht. —
„Ja!" bestätigte sie sehr gewichtig, von einer ganz bestimmten Person — Ihr Freund, Sie Leichtsinniger — waren sie denn blind . . .?*
„Mein Freund — ?"
„Ihr einziger, Ihr bester Freund, mit dem Sie viel verkehren..."
„Norden — schrie ich entsetzt auf und fuhr von dem Korbe empor, wie von der Tarantel gestochen.
„Norden, ja wohl, ich glaube, das war der Name."
„Es kann — es könnte kein anderer fein, ich verkehre ja mit niemand außer ihm!"
„Nein, nein, ich entsinne mich ganz genau, Norden war der Name, den sie nannte! beteuerte Tante Lina sehr bestimmt.
„Den sie nannte?" rief ich außer mir, „sie hat ihn selbst genannt, hat es zugestanden?"
„Neffe," sagte Tante Lina feierlich, „als ich heute sah, daß Ihr Euch gezankt, werden sie bewundert haben, mit welcher Zurückhaltung ich es ablehnte, mich in Eure kleinen Differenzen zu mischen."
„Ja wohl!" stöhnte ich zustimmend.
„Aber Sie hatten sich in mir geiäuscbt," fuhr sie selbstbewußt fort, „ich thal nur so — ich erkünstelte diese Gleichgiltigkeit, denn ich ahnte, wußte längst, daß irgend
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux Don® L.Daube u.So. in Frankfurt a. M ; Iiigerscht Buchhandlung daselbst; Hermansche,Buchhandlung daselbst; Jnvalidendank in Berlin; D. Thiene? in Elberfeld: C. Schlotte in Bremen.
„Wo ist Laura?" wiederholte ich in höchster Erregung.
„Verreist!"
„Verreist? Weshalb, wohin?"
„Sie werden sich auf einige Zeit von ihr trennen müssen!" sagte Tante Lina ruhig und fest.
etwas auf Lauras Herz lastete I Diur wollte ich erst sehen, erforschen, was er sei, ehe ich mich entschiede, wie ich handeln sollte, wo nicht zu handeln ihr mir beide viel zu herzlich lieb seid."
„Sie wußten längst — ?" fragte ich und hielt mir mit beiden Händen den brennenden Kops.
„Was denken Sie von meinem Frauenblick?" sagte sie stolz und verächtlich, zugleich mit marmor- schwerer Betonung und tiefem, überzeugungsvollem Pathos. »Ich wußte alles! Mein Entschluß war gefaßt, noch ehe der Anfall kam! Bitte, reichen Sie mir doch einmal die Hoffmannstropfen herüber! Als Sie fort waren, nahm ich Lama ins Gebet; ich sagte ihr alles, was ich ihr zu sagen hatte, zart, andeutend, schonend, aber wohldurchdacht und fest. In heißen Thränen floß — danke, stellen Sie die Flc-sche nur hier her — In heißen Thränen floß ihre Reue vor mich hin, in schmerzvollen Worten ihre Vorwürfe gegen Sie, der Sie durch eigeneü Fehler sie zu dieser Unverständigkeit verleitet, unb zerknirscht schlüpfte der Name Norden von ihren Lippen!"
„Norden!" schrie ich außer mir und meinen Sinnen nicht trauend: „Schurke — ist eS denn möglich — ich schösse ihn nieder wie einen Hund, wenn es wahr wäre!"
„Lieber Neffe, Sie werden doch kein Malheur anrichten!" sagte Tante Lina erschrocken.
„Kein Malheur anrichten — nach dem, was Sie mir da gesagt!" höhnte ich wütend.
„Die Sache ist ja noch nicht so schlimm, als c6 Ihnen im ersten Augenblick erscheint," lenkte Tante Lina ein. „Noch beschränkt es sich ja aus eine kleine Sympathie — waS denken Sie — eine harmlose Tändelei, vielleicht nur eine jetzt ängstlich bereute Koketterie . . ."
(Fortsetzung folgt.)
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Erscheint täglich außer an ben Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für daS Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JllustrirteS So««tagSblatt" durch die Expedition (K o ch'fche Buchdruckerei) bezogen 2*/t Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 60 Pfg. (excl. Bestellgebühr.; — JnsertionSgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg. Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet.
„Trennen — ?!"
„Seien Sie ein Mann; die Sache ist ernst. Ihr eigenes Wohl sowie dasjenige Lauras erfordern eS."
„Warum? Was ist vorgefallen?"
„Sie stehen auf dem Punkt, LauraS Liebe zu verlieren, — hören Sie wohl, an einen andern zu verlieren — vielleicht schon verloren zu haben!" sagte Tante Lina feierlich und erhob sich.
„Zu haben? — An einen andern?" taumelte ich entsetzt zurück, stolperte dabei über einen von Tante Linas Garderobcnkörben, der schon wieder im Wohnzimmer stand, und setzte mich unwillkürlich etwas heftig auf denfelben nieder. „Herrgott im Himmel, was sprechen Sie da?!'
„Noch ist eö wohl nur eine jugendliche Verirrung, eine kindische Zerstreuung ihres unerfahrenen Sinnes, eine