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Nr 230
Marburg, Dienstag, 24. Oktober 1882
XVII Jahrgang
Anzeigen nimmt entgegen: bi: Expedition d.Blattes, [o vi. d.Annoncen-Bureaux y. Th- Dietrich u. Co. in jkasitl und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a-M.; Haasensteiu u. Vogler in Frankfurt a. M-, Berlin, Leipzig' Köln rc.; Rudolf >Mffe in Berlin, Frankfurt o. M- rc.
AchesMe Zitmiz
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. BlatteS, sowie d.Annoncen-Bureaux von G 8. Daube u. C«. in Frankfurt a. M ; Jägersche Buchhandlung daselbst; Hermans che Buchhandlung daselbst; Jnvalidendank in Berlin; W. Thienes in Elberfeld; C. Schlotte in Bremen.
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Einiges ans den Verhandlungen der internationale« Konferenz znr Herbeiführung eines allgemeinen Friedens in Brüssel.
Schon früher haben wir Gelegenheit genommen, auf die im höchsten Maße problematische Thätigkcit der internationalen zur Zeit in Brüssel tagenden Friedenskonferenz hinzuweisen und fürwahr, der Gang der bisherigen Verhandlungen der Brüsseler Friedenskonferenz hat diese Anschauung nur zu sehr gerechtfertigt. Wir haben zu diesem Zwecke gar richt nötig, jenen Verhandlungen Schritt vor Schritt zu folgen, sondern wir brauchen uns nur an einige der bedeutsamsten Kundgebungen innerhalb dieser Konferenz zu halten. Der Vorsitzende derselben, der französische Theologe und Staatsmann Loyson, erklärte unter glänzender Beredsamkeit, daß die Konferenz ein Ideal erstrebe, wonach durch ein internationales Mittel, vielleicht durch die Armeen mehrerer verbündeter Großmächte, alle Arten von Friedensstörern zur Ordnung gebracht werden sollen. Also die Möglichkeit des Auftauchcns von Friedensstörern, wie Demagogen und Tyrannen, kann die internationale Friedenskonferenz nicht wegleugnen, und das Mittel, diese Ruhestörer unschädlich zu machen, das ist das Schwert der wohlgesinnten Mächte. Nun, da hat die Brüsseler Friedenskonferenz selbst den Beweis geliefert, daß der Frieden nicht in der Menschen Hand gelegt istl — Ferner sagte Herr Loyson: Abrüsten kann man in Europa erst dann, wenn eine Organisation unter den Mächten gegründet ist, die der moralischen Ordnung in und zwischen den einzelnen Staaten Geltung verschafft, denn wollte jetzt ein europäischer Staat abrüsten, so würde er einem Lamme gleichen, das sich in einer Gesellschaft von Wölfen befindet. Einen ähnlichen Gedanken sprach auch Fürst Bismarck schon vor Jahren aus, also ist es ganz klar, daß jeder Staat schon auS Gründen der Selbsterhaltung sein Heer bedarf und so lange bedarf, bis er die gründliche Ueberzeugung hat, daß ihm von seinen Nachbarstaaten keine Gefahren weder gegenwärtig, noch künftig drohen. Bei den in jedem Staate möglichen politischen Umwälzungen ist für einen solchen Fall aber gar keine absolute Wahrscheinlichkeit vorhanden — Herr v. Bühler erörterte nun vom deutschen Standpunkte auS seine Bemühungen für eine allgemeine Abrüstung. Dabei machte Herr v. Bühler darauf aufmerksam, daß Fürst Bismarck sich diesen Bemühungen gegenüber nicht ablehnend verhalte, aber zunächst Herrn v. Bühler aufgefordert habe, die Nachbarn Deutschlands zu seinen Abrüstungsideen zu bekehren. Auch ein sehr merkwürdiger Versuch, den Frieden zu stärken, wurde auf der Brüfieler Friedenskonferenz gemacht. Der Elsässer Tachard, der Schwiegersohn des Reichötagsabgeordneten Dolfuö, forderte in Uebereinstimmung mit seinem abwesenden Schwiegervater die Zustimmung der Friedenskonferenz zur Zurückgabe Elsaß » Lothringens an
Der schwarze Robert
oder
Meine Fran «nd ich.
Humoreske von E. C. (Fortsetzung.)
Ein „Anfall war" bei Tante Lina nichts bestimmtes, sondern etwas ungemein Wechsclvolles. Es gab nicht viele Kapitel der Pathologie, welche nicht schon einige ihrer Paragraphen zu Anfällen für Tante Lina hergegeben hatten. Heute war es ein Schluckauf. Irgend welcher unselige Zugwind im Eisenbahnwaggon hatte ihr denselben zugezogen und sie lag auf dem Sopha und schluckte. Nicht gerade, daß der Schluckauf sehr stark gewesen wäre, — er war im Gegenteil ganz schwach. Aber sie erklärte, eS sei Gefahr vorhanden, daß er stärker werde und eS sei ein regelrechter „Anfall". Da sie versicherte, sich den Magen verkältet zu haben, so mußte ich ihr daS Perlkiffen vom Ealonsopha auf den Magen zu legen geben, weil dessen Plüschrückseite am besten wärme; darüber deckte sie ihr wollenes Morgentuch, das ihr meine Frau aus dem einen Koffer heraussuchen mußte, und dann bat sie mich, zu ihrer Schwägerin Ulrike zu gehen und diese benachrichtigen, daß sie hier sei, da sie dieselbe möglichst bald sprechen wolle.
Ein Bote oder ein Brief hätt'S auch gethan. Aber ich ging lieber selber, — der Leser wird diese Galanterie begreifenI Ich ging gern. Man muß gefällig sein, man muß .... nun, kurz und gut, ich war froh, daß ich wegkam l
Als ich meine Bestellung bei Tante Ulrike hastig auS- kierichtet, spielte ich mit meinem Freunde Norden eine Partie Billard. Im Effö Erholung traf ich ihn. — Schöne Leserin! Halten Sie sich die Ohren zu, indem ich dieses Bekenntnis ablegcl Du aber, lieber Leser, wirst mich verstehen, wenn ich Dir sage: diese Carambolage war eine
Frankreich auf, da Elsaß-Lothringen doch nur ein Venedig für Deutschland sein könne. Ein Teil der Versammlung applaudierte, die Mehrheit zeigte sich diesem Vorschläge gegenüber aber ablehnend und Herr Loyson legte sich ins Mittel, um den Zwischenfall beizulegen, indem er hervorhob, daß die Konferenz nicht da sei, um Anklagen zu erheben, sondern um Versöhnung zu stiften zwischen allen Völkerschaften, auch zwischen Deutschen und Franzosen. Ein anderer Redner, General Türr, plaidierte für eine Gesellschaft des weißen Kreuzes, die in allen Ländern unter einflußreichen Personen Mitglieder werben und für die Verhinderung der Kriege Eintreten sollte. So konnte man bis jetzt in der Brüsseler Friedenskonferenz sehr verlockende Reden hören, denen indessen leider eine praktische Bedeutung nicht beigemefien werden kann.
Dmtsche- Reich.
Berlin, 21. Oki. Nach der „N. Pr. Zig." haben in einer Anzahl Wahlbezirke in der Provinz Brandenburg die Konservativen ihre bisherigen Sitze behauptet, ebenso in der Provinz Sachsen, wie in Merseburg, Querfurt, in Sangerhausen, in Kalbe, in welchem Wahlkreis der liberale Geh. Rat Dr. Engel in der Minderheit geblieben ist, in Nordhausen, wo der Jahre lange Vertreter der nationalliberalen Partei von einem Freikonservativen geschlagen worden ist. In Ostpreußen sind nach demselben Blatt die von den Fortschrittlern inne gehabten Sitze in dem Ne- giemngsbezirk Gumbinnen an die Konservativen verloren gegangen, ebenso die Wahlkreise Angerburg und Goldap, in welch' letzterem Kreise der bekannte Abgeordnete Dirichlct gewählt war. — Nach der „Nordd. Allg. Ztg." ist die Wahl Hänels nicht gesichert, da die Landbezirke sehr stark konservativ gewählt haben. In der Provinz Schleswig scheinen fast alle von der Versammlung zu Neumünster nominierten liberalen Kandidaten und zwei Fortschrittler mehr gesiegt zu haben. Die „N. Pr. Ztg." schreibt: „Auf 107 neue Mandate hatten die Liberalen ten Angriff eröffnet. Mindestens 70 wollten sie ganz gewiß gewinnen, um eine vereinigte liberale Majorität zu erlangen. An großen Worten hat man es bis zum letzten Augenblicke auf liberaler Seite nicht fehlen lassen. Um so mehr fallen nun die kleinen Thaten und Erfolge auf. Die Liberalen werden froh sein, wenn sie von den 107 neuen Mandaten nur 7 bekommen, vielleicht nehmen sie auch noch weniger. Mit einer liberalen Mehrheit ist es nichts, das kann mau heute schon sicher sagen. Von einer Majorität der Mittel- Parteien ist aber gar nicht mehr zu reden. Die National- Liberalen werden einige Sitze verlieren, die Freikonservativen werden jedenfalls nichts gewinnen. Im besten Falle dürften es beide Parteien auf 130 Stimmen bringen,
Naturnotwendigkeit I Es giebt im Eheleben Augenblicke, wo man dem Billard näher ist als sonst und eine Stunde frei hat an dem Tuche! — Wer sich frei von Sünden fühlt, werfe den ersten Ball auf mich!
Ja, ich vernachlässigte meine Frau, vernachlässigte Tante Lina und spielte Carambolage! Norden war mein einziger Freund, mein Hausfreund, der auch mit Laura von Jugend auf bekannt war und der im begriffe stand, mir in die reizenden Fesseln des sammetnen Ehejoches zu folgen, denn er hatte das Jawort der jüngsten Tochter des Geheimrats Braustg erhalten und in wenigen Wochen, wo das Trauerhalbjahr um einen verstorbenen reichen Onkel um war, würde, das wußte man, die jetzt noch nicht offizielle Verlobung stattfinden. Dr. Norden war Geschichtsforscher, ein äußerst liebenswürdiger Mensch, ziemlich leichtlebig, was Laura ihm sehr entfremdete, aber mir durch seine Geistesrichtung sehr sympathisch, und spielte famos Billard. Schade, daß er heute nicht noch eine zweite Partie spielen konnte, denn er war gerade so hübsch zerstreut, ich hatte die hundert Points ausnahmsweise gewonnen und freute mich darüber sehr! Indes mußte et fort, eine geheimnisvolle Angelegenheit rief ihn, ja, ja, ein galantes Abenteuer, das galanteste und reizendste der Welt, wie er mir lächelnd anvertraute. Ein Bote hatte ihm während des Spiels ein Briefchen gebracht, das er mit Ueberraschung, aber sehr geheimnisvoll gelesen, und dann hatte er so schlecht und so hastig gespielt, daß ich gewann, was mir nicht oft mit ihm passierte. Darauf halt« er mir vergnügt seine Mitteilung in'S Ohr geraunt, seine Zeche berichtigt und war fortgeeilt. — In den nächsten Tagen werden wir unS nicht sehen, er trete eine kleine Reise an, nach Rotheim, hatte er mir noch mit pfiffigem, geheimnisvollen Lächeln zuzeflüstert. Ich hatte bedenklich den Kopf geschüttelt und
während zur Majorität 217 gehören. Freikonservative und Nationalliberale, zusammen also ohne Fühlung nach rechts ober links, werden in dem neuen Abgeorbnetenhause zu einer selbständigen Aktion weniger fähig fein, als sonst. Die Nationalliberalen für sich haben mit dem Verlust einer Anzahl Mandate an Sezessionisten und Fortschrittler auch den letzten Rest ihres Prestiges verloren. Der Schwerpunkt der liberalen Seite des Hauses ist bedeutend nach links gerückt. Der 19. Oktober ist für den Abgeordneten von Bennigsen der Tag der größten Enttäuschung geworden. Wir halten so viel für sicher, daß die Konservativen im ganzen nichts verlieren werden; cS läßt sich eher auf einen Zuwachs rechnen. Erlangen die Konservativen, wie wir hoffen, wirklich einen numerischen Zuwachs im neuen Abgeordnetenhause, so wird die Stagnation auf dem Gebiete der wirtschaftlichen Gesetzgebung dann hoffentlich auch ein Ende nehmen. Die Regierung kann in dem neuen Hause eine Majorität finden, wenn sie will. Die liberale Opposition wird ihren Plänen ziemlich unschädlich sein. Die positive Entschcidung liegt bei den Konservativen, dem Zentrum und dem Teile der Freikonservativen, welcher den mittelparteilichen Illusionen entsagt hat und welcher nicht einmal sehr zahlreich zu sein braucht, um diese Entscheidung herbeizuführen." Die „Germania" führt aus, daß die bisherige konservativ-klerikale Mehrheit im Abgeordnetenhause wieder erscheinen werde.
Berlin, 21. Oft. Gestern nachmittag erschien im Marmor-Palais eine Deputation der Provinz Westpreußen, welche Ihren Königlichen Hoheiten dem Prinzen und der Frau Prinzessin Wilhelm das Hochzeitsgeschenk der Provinz — ein reiches silbernes Theeservice — überreichte. — Der Staatssekretär deö Auswärtigen Amts, Staatöminister Graf Hatzfclvt, trifft heute abend hier ein. — Durch den Rücktritt deö Geh. Rats Houffelle aus dem Kultusministerium sind einige Veränderungen von Bedeutung eingetreten. Au Stelle des Genannten ist Geh. Ober- Medizinalrat Dr. Kersandt Vorsitzender der medizinischen Prüfungskommission und der technischen Kommission für pharmazeutische Angelegenheiten geworden. Dann aber hat Medizinalrat Dr. Skrzecka für Geh. Rat Dr. Kersandt den Vorsitz in der pharmazeutischen Prüfungskommission erhalten. — Die Feststellung der Dienstzeit der preußischen Baubeamten für die Berechnung der denselben zustehenden Pensionen ist durch einen gemeinschaftlichen Erlaß deö Ministers der öffentlichen Arbeiten und deö Finanzministers vom 26. September d. I. allgemein geregelt worden. Aus den Bestimmungen der Verfügung, bereit Wortlaut im „Centralblatt für Bauverwaltung" mitgeteilt wurde, verdient hervorgchoben zu werden, daß die Behörden zur Sicherung der späteren Feststellung der Dienstzeit von den Baubeamten alsbald nach deren erster etatsmäßigen An-
„hm, hm!" gemacht, als mir der dreiviertel verlobte Bräutigam von einem galanten Abenteuer gesagt ... ich hatte ihn in den letzten Jahren für gesetzter gehalten und sah ihn nun gerade jetzt wieder in seinen Leichtsinn zurückfallen, Laura hatte also doch Recht mit ihrem Tadel — aber er war ja fort, ehe ich mich in dem belebten Lokal zu einer Moralpredigt hatte sammeln können l Indes sollte sie ihm nicht geschenkt sein, dem Leichtsinn, sobald wir unS Wiedersehen, sollte er sic schon tüchtig zu hören bekommen.
Ich wäre wirklich recht unwillig über ihn gewesen, wenn ich nicht meinen Kopf gleich wieder mit so vielen anderen Dingen vollgehabt hätte. Die Differenz mit meiner Frau lag mir zwar schwer auf dem Herzen und ich wußte, daß es noch einen heißen Kampf kosten werde, um diesen ersten ernstlichen Streit, wie ich eö als notwendig erkannte, zu meinen Gunsten zu entscheiden. Aber Tante LinaS taktvolle Neutralität, wie konnte ich daran zweifeln, war ja ein offenbares Wunder gewesen, das zu meinen Gunsten interveniert hatte, das gab mir Mut und klar präzisiert lag die Rede vor mir, mit der ich, wie ich mir vornahm, Laura ruhig, aber in bestimmt r Weise zur Verständigkeit zurückführen würde. — Himmel, wie dumm ist der Mensch manchmal — selbst, wenn er Philosophie studiert hat!
, AlS ich zu Hause ankam, erklärte mir daS Dienstmädchen, meine Frau sei fortgefahren — verreist.
Ich war eine Bildsäule. Nein, ich war ein Granit- block, ein Klumpen erstarrten Gußstahles, ein Unicum der Geologie, denn hätte mich in jenem Augenblicke ein Naturforscher gesehen, er durfte sich rühmen, den ersten wirklich versteinerten Menschen gefunden zu haben und ich wäre einem Museum einverleibt worden!
(Fortsetzung folgt.)