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Alarkurg, Sonntag, 22. Oktober 1882
xvn Jahrgang
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Der Kanal de la Manche - Tnnnel «nd Helgoland.
(Aus Paris)
Das am 12. in London publizierte Blue Book enthält den Bericht des Generals Wolselcy, des Siegers von Tel- el-Kcbir, über das Projekt dcö Kanaltunnels. Dasselbe giebt zu vielen Kommentaren Anlaß, aus denen von neuem hervorgeht, daß man jenseits des Kanals nicht so begeistert für die Entente cordiale ist, wie diesseits. Ueber die Sache selbst sagt Wolselcy u. a.: „Wenn man einen Tunnel zwischen Frankreich und England herstellt, würde man die prinzipale Verteidigung Englands zerstören, auf die wir am meisten rechnen: den Kanal. Man würde die Flotte, jetzt unsere größte Stärke, außer Wirkung setzen. Man vereinigt uns mit dem Fcstlande und zwingt unS, wie die Kontinentalmächte eine Militärmacht zu werden, das heißt: die allgemeine Dienstpflicht einzuführen und unser Budget mit enormen Kosten zu belasten. Mit dem Tunnel würde man zwischen Frankreich und England eine direkte unzerstörbare Kommunikationslinie Herstellen, die weder von einer Armee, noch von einer Flotte angegriffen werden und nur unbrauchbar gemacht werden kann, wenn man sie noch vor dem Ausbruch deS Krieges zerstört. Da es aber in der Natur unserer Gesetze, unserer Gewohnheiten und unseres VolkszeisteS liegt, einen Krieg beinahe für eine Unmöglichkeit zu halten, so glaube ich nicht, daß wir jemals bei einer kriegerischen Zeitwendung zeitig genug bereit sein werden, den Kanal zu zerstören. Die Gefahr ist da, daß die Franzosen, — oder die Nation, welche einmal in Calais den Eingang des Tunnels besetzt hielt, — sich durch einen Handstreich seiner Ausmündung in England bemächtigen. Dadurch würde Dover der Brückenkopf einer Jnvasions- armee werden, und der Feind könnte alle Streitkräfte dorthin schaffen. Wir würden aufhören, eine unabhängige Nation zu sein, weil wir nicht eine genügende Armee entgegenstellen können, noch in kurzer Zeit eine solche schaffen könnten, welche im stände wäre, der französischen Armee zu widerstehen. Was die Okkupation des Tunnels durch einen Handstreich betrifft, so halte ich dieselbe für eine sehr leichte Operation, wenn sie unerwartet ausgeführt werden kann." In weiterem wird ausgeführt, daß es nicht weife sei, die Sicherheit Englands einer kosmopolitischen Aktiengesellschaft anzuvertrauen, daß die Alpindurchstiche nicht als Präzedenzfälle betrachtet werden könnten, daß alle Naturalisationsverträge keine positive Garantie gewährten, daß man das Heil Englands nicht einer einzigen Festung Überlasten dürfe, daß die Invasion durch den Tunnel nur von einer glücklichen Uebcrrumpelung abhänge, die nicht ohne Beispiel in der Geschichte wäre; daß es unmöglich sei, die ZerstörungS- minen geheim zu halten, oder während einer langen Zeit die Wachsamkeit zu erhalten, mit welcher alle komplizierten
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Vorsichtsmaßregeln zu jedem Augenblick bereit gehalten werden müssen und daß man endlich es nicht verhindern könne, daß sich das englische Volk beim geringsten Kriegslärm der thörichtesten Panik hingebe.
„Ist es nicht komisch, daß den großen Besieger Egyptens ein solches Gefühl der Kleinmut befällt, bei der bloßen Möglichkeit, sich vielleicht eines TageS mit einer europäischen Armee messen zu müssen?" — ruft man in Paris staunend aus. Aber wie man gewohnt ist, allen politischen Betrachtungen eine pikante Spitze nach Deutschland hin beizugeben, so führt matt das eben nicht sehr schmeichelhafte Mißtrauen der Engländer gegen die Franzosen auf die deutsche Er- oberungSlust zurück. England wisse recht wohl, daß ihm von Frankreich niemals Gefahr drohe, aber Deutschlands maßlose Pläne schreckten nicht vor einer Landung in England zurück. Deshalb wollte man auch Helgoland trotz allen Bittens nicht an Deutschland herauSgeben. — Heligo- land steht int Augenblicke im Vordergründe des Interesses und fast alle Blätter weihen dieser „Zwingburg der deutschen Marine" eine Betrachtung. Besonders wird auf die Wichtigkeit hingewiesen, welche diese Position in einem deutsch- französischen Kriege gewinne. Jm Jahre 1870 und 1871 habe man dort unter dem Schutze der neutralen Flagge Kohlen und Lebensmittel aufnehmen können, und durch Signale von dort aus sei man von jeder Bewegung der deutschen Flotte in Wilhelmshaven und vor den Mündungen bet Eider, Elbe und Weser unterrichtet worden, so daß die Blokade fast gefahrlos fei. Der Jubel, daß auf diesem Fels im deutschen Meer (Nordsee) die großbritannische Flagge fast angesichts der deutschen Küste weht, ist natürlich groß. Die unselige Leidenschaft der Revanche hat den Franzosen auch den letzten Nest von politischem Erkennungsvermögcn, in dem sie ohnehin nie exzellieren, geraubt. England mag dem französischen Nationalgefühl einen Faustschtag nach dem anderen versetzen; das unglückliche Volk ist taub und blind dafür, denn alle seine Gefühle sind paralisiert durch die Monomanie der Rache. Die Begeisterung für Congo ist — soweit hier nicht das Fix- und Jobbergeschäft von neuen Gründungen In Rede steht, sehr bald geschwunden, besonders seitdem man weiß, daß außer Stanley und Brazza auch noch Portugal als Konkurrent des Goldlandes auftritt. Auch dieser KolonialparoxismuS hatte seinen chauvinistischen Hintergrund. Man ist jetzt sicher, daß Deutschland dort nicht Besitz ergreift und damit ist die Sache erledigt; was weiter ausber Kolonie wird, und ob Engländer, Belgier und Holländer, oder Portugiesen doit Vorgehen, das ist dem in der Wolle gefärbten Chauvin ganz gleichgültig. Dasselbe Schauspiel wiederholt sich jetzt mit Raiatea, einer zur Gruppe der Gesellfchaftsinseln gehörigen Insel. Es wurde
das Gerücht verbreitet, Deutschland habe die Absicht dort zu kolonisieren, und da eö zweifelhaft ist, welche Macht wohl eigentlich einen Anspruch auf ihren Besitz machen könnte, so raten französische Blätter der Regierung, die englischen Besitzrechte anzuerkennen; nur damit der Erbfeind nicht dorthin komme. ,
Frankreich bietet augenblicklich ein Bild von innerer polltrscher und sozialer Zeriffenheit, wie es flagranter wohl zu keiner Epoche der Vergangenheit aufzuweifen ist. Denn in den Bürgerkriegen der ersten Revolution war immer eine gewaltige Zentralmacht im Konvent oder in den Klubö vorhanden. Heute bekämpfen sich die herrschenden republikanischen Parteien unter einer ohnmächtigen Regierung aus ihrer Mitte mit derselben Heftigkeit untereinander, wie sich die verschiedenen sozialistischen Schulen und Richtungen untereinander bekämpfen. In Montceau sts mtnes ist der Belagerungszustand erklärt, und in Macon ist ein Armeekorps zusammengezogen. In Lyon, diesem hlstorrschen Arbeiterzentrum, wird der Aufstand öffentlich gepredigt, und bereits haben Verhaftungen statt- gefunden. (U. a. von Bordat, Redakteur eines sozialistischen Blattes.) Die Royalisten endlich rüsten am Hellen Tage und verbreiten Plakate, die das Volk zu den Waffen rufen. Und unter diesen aus so entgegengesetzten Elementen bestehenden Parteien, die sich anschicken, untereinander bis auf den letzten Blutstropfen zu bekämpfen, herrscht nichts desto weniger ein gemeinschasiliches Gefühl, und ein unsichtbares gemeinsames Band könnte sie alle vereinigen. Aus keinem Bankett der Royalisten fehlen unter dem Luienbanner und der Standarte des Papstes neben der Büste des Roy die schwarz verschleierten Wappenschilder von Elsaß und Lothringen, und in den sozialistischen Krei- sen steht es fest, daß die deutschen Sozialdemokraten ihren französischen Brüdern das gestohlene Eigentum wieder zu- ruckgeben werden. In der republikanischen Partei endlich wetteifert man trotz der sonstigen gegenseitigen Befehdung um die Palme des Chauvinismus. Unter solchen Verhältnissen ist es für einen F aktiousführer, der nach der Alleinherrschaft strebt, nicht schwer, den Punkt zu erkennen, wo der Hebel angesetzt werden muß. Die gambettistische Presse unterläßt es daher auch nicht, von Zeit zu Seit ohne j-de andere Veranlassung Frankreich an die große Aufgabe der Zukunft, an die Revanche zu mahnen und im Chorus fallt die gesamte Presse bann jedesmal in den Schlachtgesang ein. Die Presse spielt die Rolle des persischen Sklaven, der zu «bestimmten Stunden dem XerxeS die Worte vorsagen mußte: „Herr, vergiß der Athener nicht I" — Auch das war ein Ruf zur Rache; ihre versuchte Ausübung wurde bekanntlich auf dem Felde von Marathon blutig bestraft. 7R-B1
Der schwarze Robert ober
Meine Frau nud ich.
Humoreske von E. C. (Fortsetzung.)
So war Tante Lina und so kam sie uns zum Besuche. Unter den gemischten Gefühlen, welche mich bei ihrem Anblick bestürmten, spielte Schreck und Bestürzung keine geringe Rolle. Ich wußte, daß es jetzt mit dem Haushalte vorbei fei, wußte, daß ich für die nächste Zeit den Schwarzen Robert nicht werde in die Hand, noch viel weniger in den Kopf nehmen können und wußte, daß mir in dem Apfel- smenkriege mit meiner Frau ein neuer furchtbarer Gegner ausgetreten sei — oder auch ein neuer gewaltiger Bundesgenosse, je nachdem Tante Lina Partei nahm! Sie hatte geschellt und war vom Mädchen eingelaffen worden, ohne daß wir es in unserer Hitze bemerkt; sie hatte schon mehrmals vergeblich geklopft und endlich durch ein energisches Trommeln an der Thür von ihrer Anwesenheit Kunde gegeben. Sie hatte jedenfalls einen Teil unser s Streite- draußen mit angehört und in mir fieberte eS bei dem Gedanken, was nun alles kommen werde, wenn sie etwa auf Seite LauraS trat, welche dadurch in ihrem Unsinn bestärkt mürbe, oder wenn sie auf meine Seite trat und der Sache eine Spitze verlieh, die LauraS heikle Stimmung jUm Aeußersten treiben mußte I Inzwischen hatte sie Laura und mir einen schallckiben Begrüßungskuß gegeben, ohne scheinbar die Situation zu beachten, welch' überraschende Zurückhaltung mich mit einer mißtrauischen Beklommen- heil erfüllte, hatte ihre beiden großen Garderobekörbe in °as Kaffeezimmer stellen, einige andere Reifekoffer mitten ’n den Salon plazieren lassen, weil sie dort am besten au6 bem Wege seien sieben Stück Handgepäck dem Mädchen bvrläufig in der Küche aufzubewahren gegeben, bis sie sie chr später wieder abverlangen werde, setzte sich nun inmitten
des Zimmer« auf eii en Garderobekorb nieder, weil ihr die Polsterstühle zu weich feien und sagte unbefangen: „Ihr habt Euch ja gezankt, Äinberl'7
„O nicht doch .... eine kleine Meinungsverschiedenheit --" entschuldigte ich verlegen.
„Die mir daö Herz bricht!" schluchzte meine grau ergänzend.
„Nicht der Rede wert.....wegen einer Partie
Schach —*
„Die mit mein ganzes Unglück enthüllte I"
„Herje!" sagte Tante Lina gedehnt und legte feierlich die Hände zusammen.
„Aber Laura!" ermahnte ich fiebernd.
Ich wußte, jetzt müsse eö losgchcn! Gespannt blickte ich auf Tante Lina, deren hochgezogene Brauen, wie mir bekannt, Gewitterwolken waren, auS denen im nächsten Moment der Blitz irgend eines zündenden Gedankens zucken mußte. Von ihr hing es ab, wie die Schlacht geschlagen werden solle; die Richtung, welche sie einschlug, mußte bestimmen, ob eS ein Seekrieg, eine Landschlacht, oder allen- falls ein Gefecht mit LufballonS werden solle. Ein Widerstreben gab es bei ihr nicht, ste riß alles mit sich fort. Ich warf mich also moralisch in Positur, machte mich auf das Aeußerste gefaßt und nahm mir vor, meinen Mann zu stellen, ob sie nun für oder gegen mich Stellung nahm. — Sie blickte uns beide einen Augenblick scharf an, erhob sich bann majestätisch und sagte ruhig: „Laßt das, Kinder; ich will mich nicht in Euere kleinen Streitigkeiten mischen."
Ich stand vollkommen starr I Ich hatte geglaubt, Tante Lina ganz zu kennen und ich sah, daß ich ste noch nicht auSstudicrt hatte! Alles hatte ich erwartet — aber das nicht! Das Ungeheuerlichste hätte mich durchaus gerüstet gefunden — nun kam aber nicht das Ungeheuerlichste, son
dern das Natürlichste und ich geriet außer Fassung! Da soll ein sterblicher Mensch noch wissen, woran er ist
Meine grau war gleichfalls so erstaunt über die unerwartete Wendung der Dinge, daß sie erschrocken zu meinen aufhörte, sich emporrichtete und sich die Augen rieb — ich weiß nicht, ob um ste zu trocknen ober weil sie zu träumen glaubte I
„Ich bin sehr angegriffen von ber Reise," sagte Tante Lma, ohne im geringsten von ber ungeheueren Wirkung
SU nehmen, welche sie hervorgebracht, „Ihr könntet mir wohl em Zimmer einrichten, damit ich's mir ein bis- flen bequem machen kann."
Laura erhob sich und ging an die Arbeit. Wir besaßen znm Glück ein überflüssiges Zimmer, das in solchen gälten als Fremdenzimmer benützt werden konnte und das nach einiger Mühe in den von Tante Lina gewünschten Stand gesetzt war. Es mußte nur auf ihr Bitten ein Schrank herausgenommen und dafür eine Kommode hineingesetzt werben, in welcher meine grau zwar Tischwäsche an bewahrte, bte Tante Lina jedoch mit Leichtigkeit anderweitig plarier-n zu können erklärte, worauf sie stch'ö nicht nehmen ließ, dieselbe eigenhändlg im Salon in das Porzellanspind zu packen, dessen Inhalt sie dafür auf dem Sophatisch aufbaute. Dann wurde das gesamte Gepäck in ihr 2im- mer geschafft, bis auf drei Hutschachteln, welche sie am sichersten vor dem Zerdrücktwerden in ber Speisekammer an jtoet Schinkenhaken aufhängen zu können erklärte, unb wahrend ich bann von Schweiß triefte unb meine grau mit dem Dienstmädchen an das nachträgliche Aufräumen des hi allen Stuben hervvrgezauberten Chaos ging, legte sich Tante Lina im Wohnzimmer auf das Sopha unb bekam einen Anfall, wobei ste mich ihr beizustehen bat.
(Fortsetzung folgt.)