Marburg, Donnerstag, 19. Oktober 1882
Nr 2A6
xvii Jahrgang
*) Leipzig, Verlag von Duncker und Humblodt, 1882.
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für Deutschland glaubt jedenfalls der Liberalismus nicht; er behauptet nur au« Opportunitätsgründen, daß er nicht danach strebe. Wenn das wahr ist, dann wäre eS seine Pflicht, daß er auch ausdrücklich darauf verzichtete und diesen Verzicht in der politischen PraxiS be- t h ä t i g t e. Der Liberalismus müßte dann in dem Parlament nicht einen Faktor erblicken, welcher den Beruf hat, der Krone die Rechte und die Macht allmälig streitig zu machen und einzuschränkcn, sondern er müßte vielmehr bestrebt sein, dafür zu sorgen, daß das Parlament als ebenbürtiges Element neben dem Beamtentum, welches von ihm kontrolliert und korrigiert, nöligenfalls angespornt oder gezügelt wird, unter der vis major der Krone fungiert. Die parlamentarische Herrschaft hat nirgends Segen gestiftet; wo sie trotzdem nicht geschadet hat, verdankt man den ruhigen Fortgang der Maschine dem Beamtentum. DaS Parlament soll und muß diesem gegenüber, als dem Vertreter der Staatsinteressen, ein Gegengewicht bilden und ein „Organ für die Sammlung und Formulierung der Ansprüche und Wünsche der verschiedenen Bevölkerungsund Interessengruppen" sein. Wenn der Liberalismus dies erst anerkannt und demgemäß auf weitere Beschränkungen der Machtsphäre der Krone verzichtet hoben wird, dann wird er auch mit Recht sagen dürfen, daß er die parlamentarische Herrschaft weder erstrebt, noch als sein Ideal oder überhaupt als „Ideal" betrachtet.
Znm Wahltermme
19. Oktober, morgens 9 Uhr, ersuchen wir Wähler, sich präzis und zahlreich einzustellen denjenigen Wahlmännern ihre Stimme zu
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geben, zu denen sie das Vertrauen haben, daß sie den konservativen Abgeordneten wählen werden. Entschlage sich niemand dieser ersten Pflicht des Staatsbürgers.
Der Liberalismus
„ ist — augenblicklich wenigstens — gegen den Vorwurf, ' daß er nach dem „parlamentarischen Regiment" strebe, sehr empfindlich. Er giebt sich alle mögliche Mühe, dergleichen Bestrebungen in Abrede zu stellen und als nicht vorhanden zu bezeichnen, offenbar weil er überzeugt ist, daß der Glaube an das Streben nach diesem Ziele, wenn er im Volke allgemeiner verbreitet wäre, ihn um allen Kredit bringen und bei den Wahlen den Kürzeren ziehen lassen würde.
In Wahrheit können die Unschuldsverstcherungen niemanden täuschen, der einen etwas tieferen Einblick in unsere politische Geschichte gewonnen und den wahren Grund der gegenwärtigen liberalen Oppositionsstellung erkannt hat. In einer soeben erschienenen Flugschrift „Die Aussichten des deutschen Parlamentarismus" *) wird in sehr treffender Weise charakterisiert, wie die gesamten politischen Anschauungen und Gewohnheiten der Liberalen von der Vorstellung durchtränkt sind, daß die parlamentarische Regie- rungsweise nicht nur die zu erstrebende, sondern die eigentlich zu Recht bestehende sei, und daß der Mangel eines „parlamentarischen Regimes" eine schwere Rechtsverletzung in sich schließe. Der Liberalismus will angeblich auf die parlamentarische Regierung verzichtet haben. Trotzdem bewegt sich seine ganze Praxis auf dem Boden der Anschauung, als ob wir jene Negierungsform eigentlich schon hätten ober als ob dieselbe nur zu Unrecht uns vorenthalten würde.
Die Liberalen thnn, als seien sie eine gestürzte Regierungspartei: sie reden von „Konzessionen" an die Regierung, von „Steuerbewilligungen", von den „Interessen" ihrer Fraklion. Unzählige Abstimmungen haben bewiesen, daß sie sich hierbei nicht immer von sachlichen Rücksichten, sondern von dem Interesse ihrer Partei leiten lassen, insofern sie damit die Erhöhung ihrer Macht anstreben. Sie lassen sich in ihren Reden wie in ihrem ganzen Verhalten von der Vorstellung beherrschen, daß sie einen Kampf gegen die Regierung zu führen haben; bei Differenzen sind sie sogleich bereit, „Krisen" und „Konflikte" zu sehen, —
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D e r schwarze Robert
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Meine Fran und ich.
Humoreske von E- C. (Fortsetzung.)
„Nicht mehr fesseln, nur mehr der Zeit in Anspruch nehmen, liebes Kind, das mußt Du nicht mit einander verwechseln I" beschwichtigte ich freundlich. „Um Dir aber zu beweisen, wie wenig ich Dich darüber vergesse, bring' das Schachbrett und laß uns unsere Partie spielen I"
„Schach!" rief meine Frau jubelnd aus und schlug freudig die Hände zusammen. „Du willst mit mir spielen? Und Dein schrecklicher Robert — ?"
„Mag warten!" lächelte ich. „Nach der Partie gehe ich um so fleißiger an ihn und hole die kleine Versäumnis bald nach."
„Herzensmann l" Laura flog mir jubelnd um den Hals und flog dann jubelnd au» dem Zimmer, um daS eschach- brett zu holen.
Ich hatte ihr diese kleine Konzession machen müssen, nicht wahr, lieber Leser? Etyer vielmehr nicht wahr, liebe Leserin? Sollte ich meine guten Vorsätze gleich damit beginnen, daß ich mich wieder als Tyrann zeigte? — Meine Frau spielte sehr gerne Schach; ich auch. Seit unserer Verydira.ung spielten wir jeden Nachmittag nach dem Kaffee unsere Partie, sollte ich so grausam sein, sie gerade heut' nach all' dem Vorgefalleneu und nach meinen kaum gefaßten guten Vorsätzen ausfallen zu lasten? Doch gewiß nicht! Ich ließ ten Schwarzen Robert bei Seite rochieren, stellte den Turm meiner Galanterie vor ihn und
i jagte mir, daß ich ja nachher den Grafen Sorbenna anf-
als ob unsere Staatseinrichtungen denen der rein parlamentarisch regierten Starten vollständig konform roätai. Die jetzt von ihnen erstrebte Majorität wird ja. auch nur als ein Mittel zu dem Zweck betrachtet, Regierungspartei zu werden und ten Staat von Ministern, die ihrer Partei entlehnt sind, regieren zu lasten.
Die fortgesetzte Pflege dieser Anschauungen beruht auf der unseren Liberalismus tief durchoringenden Ueberzengung, daß der reine Parlamentarismus die höchste Stufe der Vollkommenheit, und daß die Fähigkeit unserer Parteien zum reiner. Parlamentarismus ein Merkmal vorgeschrittener Bildung sei. Ein Teil der Liberalen gesteht zu, daß unser Parteiwesen „noch nicht" reif hierzu sei, weil es zu sehr zersplittert ist, — aber daß jener Zustand der sogenannten Reife ein erstrebenswertes Ideal ist, davon ist der Liberalismus tief durchdrungen.
Wenn er trotzdem sich über den „Vorwurf" des Strebens nach parlamentarischer Herrschaft entrüstet stellt, so trägt ' er eben der im Volke verbreiteten großen Abneigung gegen den Parlamentarismus Rechnung. Diese Abneigung beruht nicht nur auf den Erfahrungen des eigenen Landes, wo es ja nicht an kläglichen Versuchen gefehlt hat, den Parlamentarismus in Gang zu bringen, sondern auch auf der Kenntnis der Erfahrungen, welche die parlamentarisch regierten Großstaaten hiermit gemacht haben.
Die erwähnte Broschüre lenkt den Blick auf die Entwickelung der Geschichte des Parlamentarismus in Frankreich, Italien und Oesterreich - Ungarn und entwirft ein anschauliches Bild von den mehr oder minder großen Verwüstungen, die derselbe überall angerichtet hat. Wir müssen diese Kapitel, obgleich die interessantesten, hier übergehen, können sie aber dem Studium aller Politiker auf das Angelegentlichste empfehlen.
Von besonderem Interesse ist der Nachweis, daß Deutschland bei seiner internationvlen Lage absolut nicht im Staude sein würde, die Sprünge des Parlamentarismus, wie sie andere Länder gezeigt haben, Sprünge, die jede Kontinuität der Entwicklung unmöglich machen, zu ertragen und die Aufgaben seiner inneren und äußeren Politik zu lösen, wenn die parlamentarische Herrschaft bei uns etabliert würde. Weder für die auswärtige Politik, noch für bett ungeschmälerten Bestand unseres Heerwesens, noch für die Lösung der sozialen Frage würde die parlamentarische Regierungsform ersprießlich oder auch nur möglich sein.
Speziell würde die von Deutschland zuerst als Staatsangelegenheit in die Hand genommene Lösung der sozialen Frage zum schlimmsten Ziele führen: denn die Parteien, die um die Herrschaft kämpfen, würden bei dem Mangel eines jeden autoritären Einflusses des Königl. Regimentes nicht rechtzeitig sich zu Opfern entschließen können und schließlich ernste Gefahren heraufbeschwören.
An die Unmöglichkeit der parlamentarischen Herrschaft
tret-n lassen könne, der gleich durch eine Erkennungsszene mit Ludmilla von Warnburg den Leser mitten hinein....
Da kam Laura mit dem Schachbrett!
Ich schreckte empor wie ein ertappter Sünder, beim ich hatte mich schon wieder mitten in ben Wirrnissen des Schwarzen Robert befunben. Zum Teil ärgerte ich mich batüber, — konnte mich benn der Unglücksmensch nicht ein halbes Stündchen in Ruhe lassen, um mich auch einmal meiner Frau zu widmen? Zum Teil aber bedauerte ich auch, daß Laura nicht noch eine einzige halbe Minute fort« geblieben, mir hatte soeben die Szene zwischen Sorbenna und Ludrnillen so deuttich vorgeschwebt, noch einen Moment und ich hätte sie im Kopf gehabt .... nun kam das Schachbrett l Ich trippelte nervös mit den Füßen, aber ich nahm mich zusammen.
Meine arme Frau merkte zum Glück nichts. Sie erklärte mir freundlich und mit schelmischen Blick, sie werde nun auch eine von meinen schönen Apfelsinen beim Spiel essen, worüber ich mich sehr geschmeichelt fühlte, und dann stellte ich die Apfelsinen auf, während meine Fran ihre Figuren schälte ....
Aber nein doch! Was bin ich verwirrt! Ich stellte die Figuren auf, während meine Frau ihre Apfelsine schälte! Ich war an jenem Tage so zerstr ul, ich dachte wahrhaftig lauter Unsinn.
Wir spielten. Ich glaube nicht, daß es die beste Partie war, tote ich in meinem Leben gespielt, denn ich machte mehrere ersichtliche Fehler und soeben hätte mir Laura bequem einen Turm schlagen können, wenn sie nur ihren Läufer aus seiner verdeckten Stellung hervorgezvgen hätte. Ich ärgerte mich darüber .... jyi«.-! nicht; sondern ich ärgerte mich ei
Anzeigen nimmt entgegen: bi' Expedition d.Blatte«, [o.vi. d.Annoncen.Bur-aux o. Tb- Dietrich u. Co. in Fossil und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a M.; Hausenstein u. Vogler in Frankfurt a. M., Berlin, Leipzig, Köln rc-; Rudolf Messe in Berlin, Frankfurt a. M. ic-
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Hund glichen, in. Ei gen Fü ten bei
Deutsches Reich.
Berlin, 17. Okt. Gegenüber der Aenßernng des „Schwäb. Merkur", baß der gesamte Radikalismus von dem Ergebnis der Wahlen einen großen Umschwung der inneren Politik zu gunsten seiner Ideen hoffe, schreibt die „Nordd. Allg. Ztg.": Die Regierung, mit Bismarck an der Spitze vertritt die Politik, zu welcher sich der König in öffentlichen und amtlichen Aktenstücken rückhaltlos bekannt hat. In pflichtmäßiger Vertretung dieser Politik kann kein Ausfall der Wahlen die Regierung des Königs irre machen. Zustände, wonach eine konstante Majorität existiert, welche auf die Entschließungen des Königs und der Negierung einen gewichtigen Einfluß haben würde, liegen bei uns nicht vor. Keine Partei besitzt die Majorität. Die Parteien zersplittern sich in Fraktionen. Unter solchen Umständen ist nicht anzunehmen, daß der Ausfall der Wahlen selbst bann, wenn er eine überwiegend oppositionelle Majorität brächte, die Politik der Regierung auö ben Geleisen werfen und ihr eine der bisherigen widersprechende Richtung anweisen würde. Die Politik der Regierung wird unverändert bleiben, wie immer die Majorität im Landtage sich gestalte. Erhalten die vorgelegten Gesetze nicht die Mehrheit, so kommen sie eben nicht zu Stande. Die Politik des König« und der Negierung kann zwar cS nicht sah! Wie kann man so unaufmerksam fein! „Paß doch auf!" sagte ich unruhig. „Du hättest mir soeben den Turm nehmen können!,,
„Wie so denn?" fragte sie harmlos und schob ein Stückchen Orange in ben Mnnb.
„Wenn Du Deisten Läufer gezogen hättest."
„So?" sagte sie gleichgültig. „Die Apfelsine stört mich — sie schmeckt aber auch gar zu schön!"
Wie gleichgültig sie bas sagte! Nämlich bas von dem Läufer; benn das von der Apfelsine sagte sie mit dem gnttjen Interesse eines ächten Leckermäulchens. — Unsinn! Wie man sich nur von einer Apfelsine so ab lenken lassen kann! Sie spielte heut' wirklich schlecht, sie bemerkte nicht einmal, daß ich soeben in Gedanken falsch rochiert hatte, was ich erst beim nächsten Zuge sah und nun nicht mehr rebressieren konnte. Ich spielte auch ein bischen zerstreut, das i|t wahr; aber ich that's nur, weil ich an den Schwarzen Robert bachte und ihre Apfelsine mich störte. Ich wartete mit nervöser Spannung darauf, daß sie sie endlich verzehrt haben würde, damit sie bann aufmerksamer spiele .... aber verwünscht! Die Apfelsine war so schön, daß sie sie mit einem wahren Hochgenuß behandelte. Langsam, jedes Stückchen einzeln bedächtig, schob sie die Häppchen in den Mund, dabei in tiefes Sinnen versunken, — aber anscheinend im Sinnen an die Apfelsine, nicht an daS Spiel! Ist einem Menschen schon so etwas vorgekommen? Ich wünschte, ich hätte», heute morgen etwas Gescheiteres gethan, als Apfelsinen gekauft!
Wahrhaftig, meine Frau kaute und schmatzte und be- schäsiigte sich so ernsthaft mit der unseligen Orange, wie ein leckerhaftes Kind mit einem Bonbon! Aus «erger griff wütend ihre Königin an, und indem sie mit bet einen
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Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition b. Blattes, sowie b.Annoncen-Bureaux von G L. Daube u Go. in Frankfurt a. M; Jügersche Buchhandlung daselbst; Hermansche ^Buchhandlung ♦ daselbst; Jnvalidendankin Berlin; W. Thiene- in Elberfeld: G- Schlotte in Bremen.
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