Nr 211
Marburg, Dienstag, 17. Oktober 1882
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alle ehrlich denkenden Liberalen auf, unS in diesem Kampfe zur Seite zu stehen.
Gegen diese Tiraden geht nun die .Morgenzeitung", das nationalliberale Blatt, zu Felde und sagt:
Fragen wir nach den eigentlichen Zielen der Fortschrittspartei, so ist es vor allem „Freiheit", Freiheit für Alles. Daß wir auf politischem Gebiete nicht gerade geknechtet sind, beweist die Rede- und Versammlungsfreiheit, wie sie bei der von Herrn Richter gehaltenen Rede selbst zu tage trat. Im Augenblicke glaubt aber die Fortschrittspartei sich vorzugsweise berufen, die wirtschaftlichen Freiheiten zu vertreten. Dahin rechnet sie auch die Freiheit des Börsenschwindels, deS Wuchers und der Güterschlächterei. Sie bekämpft auch mit dem größten Eifer das vom Fürsten Bismarck geplante UnfallverstcherungSgesctz. Durch dasselbe würde unseren Arbeitern eine Wohlthat erwiesen werden, wie sie bisher die Geschichte noch nicht gekannt hat.
Auch noch eine andere Freiheit verficht die Fortschritts- Partei, die Freiheit der Sozialdemokraten, durch ihre heillosen Lehren das Volk zu vergiften. Denn wenn auch die Fortschrittspartei die Sozialdemokraten nicht liebt, da letztere ihren Freunden, den Börsenmännern, zu Leibe wollen, so scheint sie es voch für nützlich zu halten, wenn durch die Aufhetzungen der Sozialdemokraten das Reich in steter Unruhe erhalten wird. Sie hat daher jederzeit wider die gegen die Sozialdemokratie erlassenen Gesetze gestimmt.
Eine ähnliche Stellung nimmt die gedachte Partei zu dem Kirchenkampfe ein. Begreiflicherweise ist dem ächten Fortschrittler alles kirchliche ein Greuel; und er möchte am liebsten die Kirche völlig vom Staate trennen, in dem (allerdings sehr irrigen) Gedanken, damit die Kirche als Faktor unseres öffentlichen Lebens ganz zu beseitigen. Als in der letzten Reichstagssession der Abg. Windthorst einen Antrag auf Wiederaufhebung dieses Gesetzes stellte, machte die Fortschrittspartei eine Schwenkung, stimmte für den Antrag Windthorst und brachte so in Verbindung mit den Klerikalen und den Konservativen eine Mehrheit für die Aufhebung jenes Gesetzes zu stände. Ohne Zweifel bestimmte ihre Ansicht der Wunsch, dem Fürsten Bismarck eine Verlegenheit zu bereiten. Aber wo blieb denn da die „Ueberzeugungstreue" ?
Wir kommen schließlich zu dem, was in dem politischen Treiben des Abg. Richter jeden feinfühlenden Menschen am schmerzlichsten berühren muß. Durch alle seine Reden zieht sich, wie ein roter Faden, ein charakteristischer Zug: der brennende Haß gegen den Fürsten Bismarck, der ja auch vor nicht langer Zeit ihn in die Worte: „Fort mit Bismarck!" ausbrechen ließ. Nun möchten wir unsere Mitbürger, die Herrn Richter zu huldigen geneigt sind, einmal ernstlich fragen: wollten sie denn wirklich — vorausgesetzt, daß sie es könnten — Fürst Bismarck fortzujagen? — Muß man denn das lebende Ge-
,Ernst Heinrich? Entsetzlich! Und von — von Ihm?" Von Ihm?"
So muß Sorbcnna sterben!" murmelte der Graf dumpf.
schlecht daran erinnern, was Fürst Bismarck ist. Fürst Bismarck ist zur Zeit der bedeutendste Mann in Europa. Er hat Deutschland zu einer nie geahnten Höhe erhoben. Er hält die diplomatischen Fäden des ganzen Weltteil« in feiner Hand. Er hat seit 12 Jahren unter schwierigen Verhältnissen unserem Lande die Segnungen des Friedens bewahrt. Alle Welt bewundert ihn und beneidet uns um seinen Besitz. Unser Kaiser erkennt und ehrt seine Größe, sich nie von ihm trennen zu wollen. Selbst die Franzosen, die ihn hassen, können ihm ihre Bewunderung nicht versagen. Neben Luther ist er der größte aus dem Volke hervorgegangene Mann deutscher Geschichte. Und nun stellt ein Mann, der vorerst doch nichts weiter für sich hat, als daß er ein gewandter und geschickter Redner ist, offen sich hin und ruft: „Fort mit Bismarck!"
Und nun lese man einmal die Rede Richters!
Daß es in Deutschland Menschen giebt, deren ganzes Dichten und Trachten dahin geht, den Fürsten Bismarck nicht etwa in einzelnen Ansichten zu bekämpfen, sondern ihm in allem und jedem entgegenzutreten, ihm daS Leben sauer zu machen, Alles, waS er thut, zu bekritteln und zu verunglimpfen, und ihn persönlich zu kränken, ist — wir brauchen den gelindesten Ausdruck — eine tiefe Demütigung für die deutsche Nation. Diejenigen aber, welche solchem Menschen zujauchzen, nehmen teil an dieser Demütigung ihres Vaterlandes!
Wir sagen: Bravo! Morgenzeitung! Seit lange haben wir so verständige konservative Gedanken dort nicht gelesen! Aber die Moral von der Geschichte ist: kommt eS zur Stichwahl zwischen dem konservativen und dem fortschrittlichen Kandidaten — daun wählen die Rationalliberaleu de« Fortschrittler! Darüber mache sich niemand Illusionen!
Liberale Wahlfrenndschaft.
In Kassel sind die Töne deS liberalen Wahlgezänks sehr scharf geworden und wir sehen unS staunend dieses Schauspiel an. ES ist uns unvergeffe», daß bei den vorigen ReichStagSwahlen die ganze liberale Armee von dem rechten Flügel der Nationalliberalen bis zu den Sozialdemokraten einschließlich gegen uns im Felde stand, brüderlich vereint, cs ist uns sehr erinnerlich, daß Herr von Bennigsen für die jetzigen Wahlen die Parole aus- gegeben „nur keinen Konservativen wählen!", wir glaubten danach „die große liberale Partei" werde einträchtig und einmütig in die Schlacht ziehen und heute — ein lebhaftes Wahlgezänk unter den feindlichen Brüdern! Führen wir einige Proben hier vor. Die „Kaffeler Ztg.", das fortschrittliche Blatt, schreibt:
Richter — sagt das Blatt — traf mit mächtigem Streich den Gegner, und wie vernichtend der Streich gewesen ist, das zeigt die verzweifelnde Art, wie dieser den schweren Schlag abzuwehren sucht. — —----
Man spreche uns angesichts dieser Kandidatur nicht mehr von Gemeinsamkeit der hiesigen liberalen Parteien;— wir hatten ein freundschaftliches Verhältnis mit den hiesigen Nationalliberalen angestrebt in der Voraussetzung, daß diese den Zug der Zeit verstehen und sich voll und ganz ohne den konservativen Hintergedanken auf den liberalen Standpunkt stellen würden.----------
Statt dessen soll jetzt das alte Spiel, das mit unS getrieben wurde, ehe die Fortschrittspartei hier ihre Fahne entfaltete, wieder erneuert werden, — der alte früher mit Glück versuchte Kunstgriff: uns unter dem Deckmantel deS Liberalismus ins konservative Lager hinüberzuführen.-------
Der Herr Professor hat mit dem Gedanken der Bildung einer Mittelpartei, die auch die Freikonservativen umfassen soll, seine Karten verraten. —-------
Der Herr Professor hat noch nicht vermocht, sich von dem Vorwurf zu reinigen, daß er s. Z. für die Kandidatur deS Oberpräsidenten v. Ende eingetreten ist.----
Wenn dem Herrn Profeffor die liberale Sache wirklich so sehr am Herzen liegt, warum ergreift er denn nicht das Nächstliegende: die nationalliberale Sache dort, wo er sie zu führen hat, in Marburg gegen die Konservativen zu verteidigen, warum kandidiert er nicht in Marburg?
Freikonservativ in Marburg,—liberal angehaucht in Kassel, — ein Konservativer mit liberalem Firniß,— das ist die Signatur deS Kandidaten der hiesigen nationalliberalen Partei.-------------
Mit der Kandidatur EnnecccruS haben wir keine politische Gemeinschaft, wir betrachten sie als schlimmeren Gegner als die offenen ehrlichen Konservativen und fordern
Ich werde Euch alles sagen," raunte ihm die Alte scheu zu. „Ich werde Euch das Geheimnis des Schrecklichen enthüllen! Führt mich an das Totenbett Eures Sohnes, dort will ich Euch weisen, was Euch das dunkle Rätsel lösen wird!"
„Schnell, komm!" Der Graf durchschritt hastig einige Zimmer, öffnete den schwarzverhangenen Trauersaal und trat ein. Das Weib folgte ihm, die Thür sorgfältig hinter sich schließend. Sie befanden sich in dem einsamen Prunkgemach, . das heute das Totenzimmer des jungen Grafen geworden. Düstere, kalte, öde Stille lag wie bleischwer ringsum, bleich fiel das Dämmerlicht durch die geschloffenen Scheiben auf das Antlitz des Toten und auf die stummen Mienen der beiden Gestalten an seiner Bahre; in furchtbarer Spannung blickte der Graf auf das zerlumpte Weib, von dem er hier die Lichtung so tiefen Dunkel« erhalten sollte, das ihn noch umgab.
Otto von Markheims Leiche ....
Hier klopfte es leise an mein Zimmer.
Ich stutzte etwas. Meine Phantasie, ganz bei der
„Forscht er nach seiner Tochter?"
„Er weiß, daß sie entronnen! Man vermutet sie — bei ihm!"
Deutsche- Reich.
Berlin, 14. Okt. Unser Kaiser wird in längstens acht Tagen hier erwartet, um dann die Winterrestdenz in Berlin zu nehmen. Ueber den Zeitpunkt der Rückkehr der Kaiserin ist eine Bestimmung noch nicht getroffen. — Der Kaiser hat auf Anlaß deS von dem Geheimen Rat Hahn herausgegebenen Buches „Zwanzig Jahre" Gelegenheit genommen, seine Genugthuung darüber auszusprechen, daß derselbe in einem kurzen Rückblick auf die Wirksamkeit deS Fürsten Bismarck deffen eminente Verdienste um das engere und weitere Vaterland dem Volke nochmals vor Augen geführt habe. — Die Ernennung deS Grafen Hatz- feldt zum Staatssekretär des auswärtigen Amtes und zum preußischen Staatsminister, sowie die Ernennung des Herrn von Radowitz zum Botschafter in Konstantinopel wird be- stätigt. Dem Vernehmen nach tritt an die Stelle des Herrn von Radowitz in Athen der bisherige preußische
Der schwarze RoSerl
oder
Meine Frau und ich.
Humoreske von E. C. (Fortsetzung.)
Er schloß hastig die Thür hinter der entweichenden Dienerschaft und blicb mit der Alten allein. „WaS bringst Du mir für Kunde," fragte er, die Zigeunerin scharf anblickend, „ist unser Geheimniß entdeckt?"
„Noch ist eS sicher! Aber hütet das Archiv I Wenn die greife Thurnika ihn erblickte..."
„Schweig' von ihr, nenne den Namen nicht!" fuhr der Graf heftig zusammen.
„So lebt sie noch?" fragte die Zigeunerin lauernd.
„Sie lebt! Suche sie auf, sobald Du mich verlassen. Geh' die Stiege hinan zum stillen Turm, dort weilt sie verborgen--Du weißt, ich betrete ihn nicht, diesen
Unglücksteil des Schloffes."
„Glaub's wohl, glaub's wohl!" kircherte die Alte. „Wär' auch nicht gut, heut, nachdem Ihr das KräuSlein erhalten, das ich Euch gebracht!"
„Ha, diese Krause!" zuckte der Graf auf. „Weib, sprich, — hei dem furchtbaren Bande, das Dich an das Geheimnis unseres Hauses feffelt, beschwör' ich Dich, künde mir die Wahrheit: wer gab Dir jene Handkrause, die, wie Du weißt, mir eine furchtbare Botschaft ist?"
„Ernst Heinrich brachte sie mir auf schweißbedecktem Gaule!"
„Hütet Euch" warnte die Alte sich scheu umblickend. »@r steht unter des Mächtigen Schutz!"
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Sache, war in der That ein wenig erregt.--DaS
Klopfen an meiner Thür, das sonst im Hause nicht üblich war, kam mir ordentlich unheimlich vor, und ich glaubte mich getäuscht zu haben. Da pochte es abermals, noch leiser.
Ich legte ganz verwirrt die Feder nieder, strich mir über die Stirn und fragte unsicher: „Ist denn jemand da?"
Es pochte zum drittenmal, etwas bestimmter.
„Herein!" schrie ich ärgerlich, — unwirsch über die Constemiertheit, in die mich bei meiner Phantasieversunkenheit die plötzliche Störung versetzt hatte, und verwundert über die ungewohnte Form dieser Störung, von der ich mir momentan gar nicht erklären konnte, was sie zu bedeuten habe.
Die Thür öffnete sich ein klein wenig, nur so weit, daß sich unser Mädchen für Alles schüchtern hindurch schieben konnte. DaS Mädchen schob sich schüchtern hindurch, blieb verlegen an der Thür stehen und sagte stotternd: „Der Herr —der Herr will doch wohl nicht gestört
„Wein!" rief ich ärgerlich zurück, „gewiß nicht! WaS willst Du denn?"
„Ich dachte — der Herr will doch gewiß nicht gestört sein, ich — darf ihn daher wohl nicht zum Kaffee rufen, und — und — und da . . . ." sie stockte.
„Nun, zum Henker, was willst Du denn nun eigentlich von mir?" schrie ich erbost.
„Und — da wollte ich lieber erst fragen, ob ich dem Herrn vielleicht den Kaffee — Kaffee hier herein bringen sollte . . . ." schluckte daS Mädchen verlegen.
(Fortsetzung folgt.)
„Der Thor! — Und Ludmilla von Warnburg?" „Fragt den Grafen! In einer Stunde ist er hier!" „So bringe heimlich Botschaft an Margarethe!" „Margarethe, ha, die schmucke Braut? Ich weiß nicht, ich's kann!" sagte die Alte und trippelte ängstlich hin und her. „Ich wero's, werd's, wenn mirs's gelingt!"
„Du mußt, eS darf nicht anders sein und wenn eS Dein Leben kostet!" drängte der Graf heftig. „Und von ihm weißt Du nichts?"
Anzeigen nimmt entgegen: di: Expedition d. Blattes, s o a,n d.Annoncen-Bureau' o.^fb- Dietrich u. Co. i und Hannover; T!
Dietrich in Frankfurt a.M Hnosenstein u. Vogler i Frankfurt a. M., Berlii vcixzig, Köln rc.; Rudo Moste in Berlin, Frankfurt a. -DL ic.
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition b. Blattes, sowie d.Aimoncen-Bureaux von G L. Daube u C«. in Frankfurt a. M; Jägersche Buchhandlung daselbst; Hermans che Buchhandlung daselbst; Invalider dank in Berlin; W. Thienes in Elberfeld; C. Schlotte in Bremen.
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