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Nr 2'42

Iftacßutg, Sonnabend, 14. Oktober 1882.

xvn Jahrgang

Anzeigen nimmt entgegen: bi: Expedition b. Blattes, fo.vn d.Annoncen-Bureaux v. Th- Dietrich u- Co. in Knssrl und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a.M.; Haasenstein u. Vogler in Frankfurt a- M., Berlin, Leipzig, Köln rc.; Rudolf Masse in Berlin, Frank­furt a. M. rc.

WkllfkMe jfitimg.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatter, sowie d-Annoncen-Bureaux von G 8. Daube u. Go. in Frankfurt a. M.; Jägers chc Buchhandlung daselbst; Hermansche,Buchhandlung daselbst; Jnvalidendank in Berlin; W. Thiener in Elberfeld: C. Schlotte in Bremen.

Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für da- Quartal mit der wöchentlichen BeilageIllustrirteS SouutaaSblatt" dur-b die Krvedition lK o ck'tck- Buchdrucker--) bezogen 2'/. Mark, durch di- Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark äOPfg. (efc[ I8eftenflebü&c) 3n^rtion5gebür8r bie gespÄtene HtUe 10 «fa

Für tn der Expedition zu -rthe-lende Auskunft und Annahme von Adreffen werden 25 Pfg. berechnet. 8 ö Vl8

Herr von Bismarck und die Fortschrittspartei.

Unter diesem Titel erschien (bei Alexander Duncker in Berlin) soeben ein Schriftchen in losen Blättern auS der Konfliktszeit (18621866) für da« Volk. Wer sich den Widerspruch gegen die großen Pläne Bismarcks in jener Zeit von der preußischen Fortschrittspartei vergegenwärtigen will, dem sei dieses Schriftchen aufs wärmste empfohlen. ES bietet aus der Vergangenheit ein so beachtenswertes Bild für die Gegenwart, daß jeder Einsichtige wohl zu dem Wunsche kommt, cS möge nach weiteren zwanzig Jahren die dann lebende Generation nicht ein gleich abfälliges Urteil über unsere Zeit und deren Widerspruch gegen Bismarcks Pläne auf die Tagesordnung zu setzen nötig haben, wie wir eS jetzt über jene jüngste Vergangenheit thun müssen, um die falschen Wege deS Fortschritts und Liberalismus von damals wie noch heute zu kennzeichnen.

Wir lassen aus dem Schriftchen daS neunte Blatt in seinen 4 Abschnitten hier folgen.

1. von Bismarck und Virchow.

Der Abgeordnete Virchow meinte einmal während der Konfliktszeit, eS sei notwendig, dem Monarchen zu zeigen, welchen Ratgeber er an dem Ministerpräsidenten habe. Vielleicht ist cs umgekehrt nicht ganz nutzlos, dem Volke zu zeigen, welch scharfsinnigen Politiker eS an dem Ab­geordneten Virchow besitzt. Diesem Zweck dienen am besten einige eigene Aussprüche deS berühmten Professors. Der­selbe äußerte in der Adreßdebatte über die Dänische Frage: Durch die Politik des Ministerpräsidenten sinkt Preußen zu einem Satelliten Oesterreichs herab, denn e« ist ja Oesterreich, welches Preußen tn seine Bahnen zwingt.... Die Politik, die Herr von Bismarck nach außen verfolgt, greift bis an den Bestand des Staates heran; es handelt sich für uns um einen Akt der Selbstzerstörung."...Ich kann nur das eine hinzufügen, daß cS dem Minister» Präsidenten gelingen möge, unter den Diplomaten Europas eine ähnlich anerkannte Stellung zu finden, wie ich sie wenigstens gefunden habe unter meinen Spezialkollegen." ... (Bravo.)Bis jetzt ist es ihm nur gelungen, durch die antinationale Politik, die er betreibt, einige Sympathieen in England zrt gewinnen." ...Ohne Kompaß stürmt er in das Meer der äußeren Verwickelungen." (Sehr gut.) Er ist gekommen aus der Fremde ohne irgend ein be­stimmtes Programm und hat noch jetzt keine Politik." ... Ich kann nicht umhin, darauf aufmerksam zu machen, daß, wenn der Herr Ministerpräsident vielleicht glaubt, durch die Mannigfaltigkeit und Wechselbarkeit seiner Politik das große Ideal an der Seine zu erreichen, er sich eben darin täuscht." ...Der Ministerpräsident hat keine Ahnung von einer nationalen Politik." ...Wir aber wünschen, daß von der Armee eine neue Schmach entfernt bleibe, daß sie nicht von neuem dazu benutzt werde, um

scheinbar vorzugehen, und dann durch die zünftige Diplo­matie wieder zurückgcführt zu werden." Dieses Gemisch von Unverstand und Böswilligkeit hatte Herr von Bismarck von sich abzuwehren. Er bedeutete Herrn Virchow, daß ihm dem Ministerpräsidenten das Gebiet der Ana­tomie fremd sei, während Herr Virchow nicht nur von nationaler, sondern von der Politik überhaupt nichts verstände.Ich glaube wirklich ohne Ueberhebung", fügt Herr von Bismarck bei,diese Dinge verstehe ich besier." (Große Heiterkeit.)Das Verständnis für Politik ist gewiß auch in anderen Ländern nicht weiter verbreitet als bei uns (Unruhe), aber es findet sich in anderen Parla­menten selten dieser Grad von Entschlossenheit im Bilden und Aussprechen von Ansichten gepaart mit demselben Maße von Unkenntnis der Dinge, wie bei uns." (Große Heiterkeit.) Herr Virchow replizierte noch einmal:Was die Politik anbetrifft, so werden wir das abwartcn, die Zeit wird lehren, daß Herr von Bismarck nicht im Rechte war."

2. Noch ei« Bündnis des Ministerpräfideuten.

Um die Leidenschaften des Volkes durch alle Mittel gegen Herrn von Bismarck aufzureizen, bestand ein sonder­barer Sport der Fortschrittspartei darin, dem Minister­präsidenten neben dem Bündnisse mit dem Kaiser von Oesterreich noch ein solches mit dem Fürsten der Unterwelt zuzuschreiben. So behauptete Herr Virchow:Der Ministerpräsident ist dem Bösen verfallen, ohne von ihm wieder loskommen zu können", und die damalige Süd­deutsche Zeitung, ein Blatt, welches auch sonst von falschen Vermutungen und unwahren Behauptungen zu leben pflegte, wurde fromm und verflieg sich zu der gottesfürchtigen Ex- hortation:Gott würdige jetzt den krontragenden Mann (König Wilhelm) im Interesse aller seiner Deutschen der Gnade besonderer Erleuchtung, daß er den Versucher (die Riesenschlange, den Bitzmarck) von sich weise, der ihm die Reiche dieser Welt in' Aussicht stellt, im Falle er seinen Ratschlägen folgen wolle. Er stärke jeden von unö, daß eS keiner Seele an Willen und keinem Willen an Kraft fehle, sich dem Verderben, wenn eS naht, wie ein Fels in den Weg zu stellen!"

3. Ei« fortschrittliches Urteil über die Armee.

In einem hervorragenden fortschrittlichen Blatte war acht Tage vor der Einnahme von Düppel folgendes zu lesen:

DaS Feuer gegen die Düppeler Schanzen dauert fort, ohne daß, wie eS scheint, bis jetzt ein Erfolg erzielt worden wäre, der einen Sturm angängig machte..... Der

Fehler liegt bei den Preußen darin, daß in ihren Armee- ReglementS eine gewisse Lücke besteht; sie sind nämlich vor­trefflich für den Exerzierplatz und die Kaserne, aber nur nicht für den Kriegsfall berechnet. Jedermann, vom

General bis zum Rekruten herab, hat sein Reglement vollständig im Kopf, aber eS paßt leider nicht für die fatalen Verlegenheiten, in welche die Preußen durch die dänische Bosheit versetzt sind."

ES rächt sich jetzt an der preußischen Armee daS ihr durch die Junker aufgezwängte Kamaschentum, das auch den Oesterreichern 1859 schweren Schaden brachte. Die deutschen Armeen haben daö vortrefflichste Material an Mannschaften, sie sind lange gedrillt, gut gerüstet, trotzdem entsprechen sie im Felde nicht den gehegten Erwartungen; woran liegt dies anders, als an den junkerhaften und bureaukratischen Einflüssen, die sich in den Oberkommandos, den Verwaltungen und den Offizierkorps festgenistct haben. Bei den Oesterreichern ist es seit 1859 unvergleichlich besser geworden, dagegen steht es damit in der Preußischen Armee noch übel genug; die Soldaten sind intelligent, tapfer und ausdauernd, in manchem Lieutenant mag das Zeug zu einem Feldherrn stecken, aber die Führung durch einen achtzigjährigen Marschall und einen prinzlichen General können die Armee nicht zum Triumphe führen". So wurde kurz vor dem glorreichen Siege von der Armee und ihrer Führung gesprochen, und diese schmähenden Worte gingen weiter durch eine ganze Reihe fortschrittlicher Zeitungen!

4. Zerstreute Blüten fortschrittlicher Politik in der dänische« Frage.

Die jetzige Regierung kann für Schleswig-Holstein gar nichts thun. (Waldeck.)

Die Preußische Politik wird jetzt durch die persönlichen Antipathieen und Partei-Interessen des Herrn v. Bismarck bestimmt. . . .. (Sehr wahr!) Das Preußische Volk hat mit der Politik dieses Ministeriums nichts gemein, wir werden alle uns zuständigen Mittel anwenden, um dieser verwerflichen Politik entgegenzutreten .... im öster­reichischen Dienste und für österreichische Zwecke die Preußische Politik zu leiten, das ist ll!eupreußischer (BiSmarckscher) Stolz. . . . Wir wissen ja schon längst, daß Ineses Ministerium mit jedem Schritte, gleichviel ob in der in- nern oder äußern Politik, ein Stück Preußisches Land zertritt, wir wissen längst, daß Preußen in den Händen dieses Ministeriums zur Ohnmacht oder zum Selbstmorde verurteilt ist; wir ziehen die Ohnmacht dem Selbst­morde vor. ( mann.)

, Wenn Preußen einmal gezeigt haben wird gegen Groß­mächte, daß cs eine Großmacht ist, dann sprechen Sie wieder davon; bis dahin wollen wir darüber schweigen. (Virchow.) (Sehr wahr; sehr gut!)

Der Ministerpräsident hat weder au der Börse, noch im Volke Kurs, ist somit ein Wertpapier, das zum Speku­lieren sich nicht eignet. (R e i ch e n h e i m.)

Der schwarze Robert ober

Meine Frau und ich.

Humoreske von E. G. (Fortsetzung.)

Ich stürzte aus dem Zimmer und eilte in mein ArbeitS- gemach. Richtig! da lag der Schwarze Robert in einzelnen Blättern auf dem Tisch, steif, jedes Blatt in eine andere Wellenlinie gebogen, fest wie von Appretur, stark gebräunt, fast knusperig an den Ecken mit großer Regelmäßigkeit angesengt und mit einigen perlgroßen Brandlöchern ver­sehen, die mit einem außerordentlich hübsch schattierten Rande von brandbrauner Nuancierung umgeben waren.

Meine Frau war mir gefolgt und sagte äußerst klein­laut:Bist Du böse, lieber Mann?"

Ich schluckte hinunter, was mir in dem Augenblicke in die Kehle kam, und sagte krampfhaft:Nein. Du Du hm Du hast eS ja gut gemeint*

Ja! sehr!" versicherte sie naiv.

Ich werde die Sache ganz noch einmal abschreiben," sagte ich schluckend.Ich ich bin nicht böse--ich

werde mich gleich an die Arbeit machen."

Laura mußte wohl merken, daß ich schluckte. Sie that weiter gar nichts, sondern ging ^anz still und niederge­schlagen fort, nur leise vor fif föte dificnb: --AH- dieser Robert ist ein UnglückSmens.g^^n. "und sie wischte sich eine Thräne aus dem M a

Ich war allein. Ach. r-- -^.heiratet zu sein --aber allein zu fein, ist manchmal auch ganz hübfch!

Ich beschloß, den unglücklichen Robert, der nun schon ertränkt, zerzupft, geröstet und verbrannt worden war, ein andercSmal abzuschreiben und vorerst in der Erzählung fortzufahren, um dem unverkennbaren Winke deS Schicksals, den cS mir in Gestalt meines zeitigen Alleinseins gegeben,

auch ja Folge zu leisten. Denn: was Du von der Minute ausgeschlagen ... und so weiter. Ich setzte mich also nieder und schrieb.

So war der Abend des schrecklichen TageS herein­gebrochen, der ein Hochzeitstag hatte sein sollen und zu so schauerlichem Todestag geworden war, als ein neues Ereignis eintrat, das die Schloßbewohner abermals in daS höchste Erstaunen versetzte. Am Thor der Burg erschien Ludwiga, die alte Zigeunerin, und meldete, daß sie in wichtiger Botschaft den alten Grafen zu sprechen begehre. Sie war seit langem, seit Jahr und Tag, verschwunden, verschollen gewesen und niemand hatte erwartet, sie noch einmal von ihrer Wanderschaft zurückkehren zu sehen, bis sie so unvermutet gerade am heutigen ereignisvollen Tage sich im Schloßhofe meldete. Es war, das wußte jeder­mann, ein eigen Ding mit diesem Zigeunerweibe. Seit Menschengedenken hatte sie sich als Wahrsagerin, Bettlerin und Kräuterfrau in der Gegend umgetrieben, bald auf Wochen hinaus in geheimnißvollen Wanderzügen abwesend, bald unvermutet wieder auftauchend, ohne daß man wußte, wann und woher sie gekommen, von dem strengen alten Grafen nicht nur, wenn auch mürrisch und mit ersichtlichem Widerwillen, geduldet, sondern auch, anscheinend in ge­heimer Botschaft, von ihm empfangen. Jetzt nun war sie länger als man sich dessen je zu erinnern vermochte, ver­schwunden gewesen, so daß man sie längst für gestorben oder verschollen hielt und kaum noch ihrer gedachte, als sie heute urplötzlich wieder erschien und den Grafen zu fehen verlangte. Dieser jedoch ließ sie heut, was er sonst nie gethan, barsch abweisen, mit dem Befehl, daß sie sich fürder nie mehr auf dem Schlosse blicken lassen solle. Die Alte hatte aber gekichert und gesagt: man möge dem gnädigen Grafen nur übergeben, was sie ihm hier aus

fernem Lande mitbriuge und dann werde sie auf der alten Stcinbauk an der Pforte ein kleines Weilchen warten, ob er sich vielleicht doch noch eines anderen besinne und ihre Botschaft hören wolle, Damit hatte sie ein zerknittertes Stückchen weißen Z-uges aus dem Beutel an ihrer Seite genommen und es dem Diener übergeben, welcher ver­wundert darin ein Stück Spitzenzeuz erkannte: anscheinend den abgerissenen Teil einer Spitzenmanschette, wie man sie damals nach spanischer Sitte trug. Kaum hatte der alte Graf das Zeug von dem alten Diener erhalten, als er in solche Aufregung geriet, daß er mit dem Rufe:Wo ist die Alte? haltet sie fest, ich muß wissen, woher sie daS genommen!" selbst auf den Vorhof hinauSeilte, und, unbe­kümmert um die lauschende Dienerschaft, der Zigeunerin schon von weitern seine erregte Frage zurief.

Habt Ihr es erkannt, gnädiger Herr?" erwiderte die Alte forschend.Gut, ich weide Euch sagen, waS Ihr zu hören begehrt laßt mich in daS Gemach Eures gnädigen Hrn. Sohnes führen, ich muß e« Euch dortsagen."

Weshalb daS?" fragte der Graf düster,weißt Du, waS geschehen ist?"

»Ich weiß, daß Euer Sohn tot ist, ermordet und 'ch weiß, daß Ihr Euch in demjenigen irrt, auf den Ihr wegen der That denkt!" erklärte die Alte, unterwürfig aber in festem Ton.Führet mich hin, führet mich hin und sehet zu, waS ich Euch dort weisen werde."

Komm!" Der Graf schritt hastig voran, gefolgt von der keuchenden und hüstelnden Alten, gefolgt aber auch von den neugierigsten unter den Dienern, die scheu von weitem an der Thür des ZimmcrS stehen blieben und lauschten, da der Graf, absichtlich oder in Vergessenheit, die Thür deS Gemaches nicht hinter sich schloß.

. (Fortsetzung folgt.)