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Marburg, Donnerstag, 12. Oktober 1882

xvil Jahrgang

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Anzeigen nimmt entgegen: di: Expedition d. Blattes, fg'uiv d.Annoncen-Bureaux o. LH- Dietrich u. Co. in jfßfJjt und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a-M-; Hnasenstein u. Vogler m Frankfurt a. M-, Berlin, Seidig, Köln ic.; Rudolf Mofse in Berlin, Frank- * " furt a. Jt- k.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatte-, sowie d.Annoncen-Bureaux von G L. Daube u. Co- in Frankfurt a. M.; JSgersche Buchhandlung daselbst; Hermansche ^Buchhandlung daselbst; Jnvalideudank in

Berlin; W. Thiene- in Elberfeld; C. Schlotte in Bremen.

Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für da- Quartal mit der wöchentlichen BeilageJllnstrtrteS SmmtagSblatt" durch die Expedition (Ä o ch'fche Buchdruckerei) bezogen 2*A Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 60 Pfg. (cxcl. Bestellgebühr.) Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg.

Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adreffen werden 25 Pfg. berechnet.

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Politische Bruanenvergiftung

erkennt mit Recht dieSchles. Ztg." in der von den Preß­organen der prinzipiellen Opposition konsequent verfolgten Tendenz, stets und immerdar die Gemüter zu verwirren, Unzufriedenheit zu schüren und dem Volke die Freude am Vaterlande zu verderbe». Man nehme die Folianten irgend einer Zeitung dieses Genres zur Hand, und man wird nie eine Epoche in ihrer Vergangenheit entdecken, in welcher sie nicht mit der Negierung unzufrieden war, nicht stets zu tadeln, zu mäkeln und zu verdächtigen hatte. Sämt­liche, auch die allerliberalsten Ministerien von 1848, haben in dieser Beziehung die gleichen Erfahrungen gemacht wie die Männer, welche während der beiden Dezennien an der Spitze der Geschäfte standen. Man rühmt heute im liberalen Lager die Jahre, während deren Fürst Bismarck im Einvernehmen mit den Nationalliberalen operierte und jene Gesetze geschaffen wurden, an denen zu rütteln der wahrhafte Liberalismus" als ein Sakrilegium betrachtet. Nun aber greife man zu den fortschrittlichen Blättern aus jenen Tagen. Da finden wir um uns nur an ein uns zunächstliegcndeS Beispiel zu halten periodisch wiederkchrende Artikel unter der AufschriftInnere Zu­stände", deren jeder in einem Ton gehalten ist, als ob die Wogen der Reaktion und der Polizeiwirtschaft jeden Augen­blick über unserem Preußen zusammenfchlagen würden. . . . Die Tendenz der Brunnenvergiftung tritt aber mehr noch in dem zu tage, was Blätter dieser Art verschweigen, als in dem, was sie sagen. Bei der Beurteilung von Gesetz- Entwürfen oder von Akten der Regierung wird stets nur irgend ein Moment, sei es noch so winzig, herauSgesucht, an dem die oppositionelle Kritik ihre Widerhaken einsetzen kann. Das Ganze wird nie alS Ganzes gewürdigt, das Gute, selbst in den Augen des Fortschritts Gute, wird nie anerkannt. . . . Aehnlich wie in der Presse ist es in den Parlamenten: auch hier hat die politische Brunnenvergif- tungSgescllschaft ihre rührigen Agenten. Heute gedenkt man auf oppositioneller Seite rühmend jener Tage, da Camp­hausen, der liberale Manchestermann, da Achenbach, der stets so warm für die Privateisenbahnen eintrat und so mild über daö Gründerireiben urteilte, die Geschäfte lei­teten; als aber diese Herren alle noch am Ruder waren, hat Herr Eugen Richter, die Perle des Fortschritts, in ganz derselben höhnischen Art Opposition gemacht wie heute......

Heute wird eS dem Fürsten Bismarck zum schweren Vor­wurf gemacht, daß er fein altes Steuerreformprojekt mit der Politik der Schutzzöllner und Agrarier verquickt, daß er in ganz andere Bahnen eingelenkt habe. Davon aber schweigt man weislich, daß man den Fürsten in diese Bahnen durch die Rot des Vaterlandes hineingedrängt habe. . . . Seine höchste Blüte erreicht das Geschäft der politischen Brunnenvergiftung durch die Künste jener

fahrenden Politiker", die während der Wahlepoche im Lande umherziehen und in Versammlungen Stegreifreden halten, um oppositionelle Stimmung zu machen. Alle Artikel, welche auf solchem Wege zu Markte' gebracht werden, von den gröbsten Erzeugnissen der Firma E. Richter und Kompagnie wie in Kassel am Montag abend bis zu den kurz voraufgegangenen feinsten Sortimenten der Herren E. Lasker und A. Meyer, wie auch des Herrn Westerkamp im Rathaussaal zu Marburg, finden dank­bare Abnehmer, und warum auch nicht, sind es doch reiche Gaben des Geistes dieser Männer, die sie den versammelten Parteifreunden spenden.

Die Wahlversammlimg -er Liberalen tu Marburg ist von Herrn Westerkamp dazu benutzt worden, um sachliche und persönliche Angriffe gegen den seitherigen konservativen Abgeordneten zu bezwecken, denen wir ent­gegenzutreten gezwungen sind, nachdem die betreffende Rede von dem Redner imMarburger Tageblatt" veröffentlicht ist. Herr Westerkamp sagt: man solle keinen Land rat wählen, eine Mahnung, die man öfters, wenn es sich um die Wahl eines konservativen Landrats handelte, gehört hat, die aber die Liberalen selbst nicht befolgen, wenn sie einen liberalen Landrat (z. B. Delius, Knebel rc.) zum Ab­geordneten wählen. Die Besorgnis, daß unlautere Motive die Wähler leiten könnten, ihren Landrat zu wählen, kann bet jedem Beamten oder Staatsdiener, der eine einflußreiche Stellung hat, ebenso wie bei dem Landrat erhoben werden, die Erfahrung hat seither gelehrt, daß in unserm Wahl­kreise die Frage für oder gegen den Landrat von ganz anderen Einflüssen beherrscht gewesen ist, als von Rücksichten auf die amtliche Stellung des Landrats. Herr Westerkamp sagt dann weiter mit der ihm eigenen Unverfrorenheit: der Landrat sei nicht unabhängig und nicht selb­ständig. Indem er diesen allgemeinen Satz ausstellt, scheint er nicht zu wissen, daß es auch liberale Abgeordnete giebt, welche Landräte sind und denen bis jetzt noch kein Haar gekrümmt ist und er kennt, was wir ihm als Hannoveraner nicht übel nehmen, die hiesigen Verhältnisse nicht, er weiß nicht, daß der Landrat das ganze Jahr seinen Kreis zu vertreten und für dessen Interessen oft direkt gegen seine vorgesetzte Behörde zu kämpfen hat und daß gerade der jetzige Landrat, sowie sein Vorgänger sich durch diese energische Vertretung die Liebe und Achtung des Kreises erworben haben und aus diesem Vertrauen heraus zu Abgeordneten gewählt worden sind. Was der Herr Westerkamp über die Abhängigkeit der Landräte von der yiegierung und den Einfluß auf ihren Willen sagt, gilt in derselben Weise von fast allen übrigen Beamten und ist, wie alle solche allgemeine Urteile, unrichtig es kommt eben alles auf den Mann an! Warum sagt

aber Herr Westerkamp:ein Landrat könne von der Regierung nach Ostrowo versetzt werden"? warum erinnert er heute an den Colonus und seine Folgen? Hat denn nicht die Regierung in voller Gerechtigkeit den sehr hart geschmähten Liberalen die Genugthuung gegeben, den Urheber nach Ostrowo zu versetzen? Was hat daö mit der Person unseres hochgeachteten, bei allen Parteien persönlich ge­schätzten jetzigen Landrats zu thun? Ist ein solcher per­sönlich gehässiger Angriff auf denselben auch nur im geringsten provoziert?

Herr Westerkamp hätte sehr wohl gethan, d i e Erinne­rung zu unterdrücken wir fürchten, die Verse des ColonuS spuken bei der diesjährigen Wahl wieder ganz gewaltig im Lande!

Nun macht Herr Westerkamp dem Abg. Schreiber einen Vorwurf aus seiner Rede über die Aufsicht über die Gemeindeverwaltung, ob sie der künftige KreiSauSschuß oder der Landrat in den neuen Provinzen haben solle? Hier ist nun Herr Westerkamp vollständig ins Haberfeld geraten. Er beruft sich auf die Autorität des Abg. Petri vom Fort­schritt mit dem Zusatz, dermaligen Senatsprästdent in Kassel wir dagegen berufen uns auf die Autorität des Fürsten Bismarck,dermaliger Reichskanzler und Ministerpräsident", der uns in politischen Dingen eine ebenso bedeutende Autorität ist, wie sie uns der Abg. Petri nie gewesen. Fürst Bismarck hat im Herren­hause denselben Gedanken einige Tage später ausgesprochen, als der Abg. Schreiber es im Landtage gethan hat.

Herr Westerkamp hat nun offenbar keine Ahnung davon, dafi wir in Hessen eine sehr freie selbständige und u n a b- häugige Gemeindeverwaltung haben, während in den Krcisordnungsprovinzen daö Gegenteil der Fall und viele Gemeindeverwaltungssachen in der Hand der Aufstchtö- Jnstanz liegen, daß die Gemeindeaufsicht hier und dort etwas wesentlich verschiedenes ist und sich hier Line Leute finden werden, welche als E h r e n a m t die Gemeinde­rechnungen abhören wollen das wesentlichste Geschäft unserer GemeindeaufstchtSinstanz. Es gehört eine starke Verdrehung deS Sinnes jener Rede dazu, wenn man daraus den Nachweis liefern will, der Abg. Schreiber habe der hiesigen Bevölkerung zu nahe treten wollen. In diesen Angriffen des Herrn Westerkamp giebt sich eine gewisse Verbissen­heit kund, eine absichtliche Ungerechtigkeit, welche verschweigt, daß der Abg. Schreiber bei allen Gelegenheiten mann­haft für die Interessen seines Kreises im Landtag einge­treten ist. Einen viel wohlthuenderen Eindruck macht Herrn Weste» kamps Lobrede auf die Verdienste des liberalen Kandi­daten Siebert. Daß die Liberalen an ihm derbesten Einen aus ihrer Mitte" ins Feld gestellt, wird allgemein aner­kannt. Wir können von unserem Standpunkte aus ihm noch in einem speziellen Punkte ein günstiges Zeugnis auS-

5 zu K° r 1882.

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Der schwarze Robert

oder

Meine Fran und ich.

Humoreske von E. C. (Fortsetzung.)

Ich drückte also das Manuscript, so gut es ging, zwischen Löschblättern ab und breitete die einzelnen Papiere zum Trocknen auf dem Schreibpulte aus. Dann ging ich wieder zu meiner Frau. 1

Sie hatte Kopfschmerzen.

Leser, weißt Du, was das sagen will? Kopfschmerzen einer jungen Frau sind der zweite Grad in einer Steige­rung, welche lautet:

1. Grad: böse sein,

2. Grad: Kopfschmerzen,

3. Grad: Weinkrampf, welcher in anomalen Fällen denn in welcher Grammatik kämen nicht Unregelmäßigkeiten vor, zumal in der unberechenbar unregelmäßigen GesühlS- grammatik einer jungen Frau! welcher also in anomalen Fällen auch lauten kann: in Ohnmacht fallen ober: von Barbar und Unglücklichsein phantasieren mit obligatem Händeringen. Kopfschmerzen sind daS Visier, welches die Frau eisern niederschlägt, wenn ihr Mann sich unterstanden, den Fehdehandschuh, den ihre gekränkte Empfindsamkeit hingeworfen, aufzuheben, oder auch nicht aufzuheben, und eS nun ;jum ehelichen Turnier geht, oder auch eS nicht dazu geht. Kopfschmerzen sind der EntoutcaS, den die Frau aufspannt gegen den Gewitterregen alles AergerS, den der Mann äußern könnte, aber nun lieber hinunter- schlucken muß; wie gegen alle Sonnenstrahlen seiner Freund­lichkeit, die von diesem medizinischen Schirm der leidenden Gattin abblitzen, wie Schießbaumwolle von der bloßen Hand: ohne sie zu versengen. Kopfschmerzen einer jungen Frau endlich sind ein Leiden, von welchen weniger

der Frau als vielmehr dem Manne der Kopf weh thut. O weibliche Kopfschmerzen!.....

Unter den vielen Mitteln dagegen, welche sämtlich nichts helfen, ist ein häufig angewendetes auch: Luft. Nämlich, daß der Mann an die Luft geht. Da dieses Medikament jedoch, pure angewendet, für den zarten Ge­schmack einer jungen Frau viel zu bitter sein würde, so muß sie, wie Chinin, in eine möglichst süße Enveloppe ein­gewickelt werden. Die Medizin nämlich, das Frauchen muß in Seidenpapier eingewickelt werden! Man nimmt als Enveloppe am besten den plötzlichen Einfall:Ei der Tausend, ich wollte Dir doch schon immer das unb das mitbringen, daö könntest Du gerade morgen brauchen, und da ich eben so wie so einen Geschäftsgang vorhabe, fo werde ich es doch gleich besorgen.

Dann geht man, nach einem freundlichen, aber unbe­fangenen und nicht zu intensiven Adieu (da ein solches bei Kopfschmerzen leicht zu gefährlichen Kontroversen führen würde) hinweg, bleibt etwas lange fort und kommt mit dem bewußten das und das möglichst ohne merkbare Be­fangenheit wieder. DaS Mittel ist probat und hilft regel­mäßig nichts.

WaS mich betrifft, so wählte ich Apfelsinen. ES waren die ersten int Jahr und meine Frau ißt sehr gern Apfel­sinen. Zudem waren sie noch ziemlich teuer und es war mir daher gestattet, in ihnen diejenige Wahl zu treffen, die ich zur Fünszehn-Pfennig-Zeit der Orangen nicht hätte treffen dürfen, ohne mich großen Unannehmlichkeiten in Gestalt der Frage auszusetzen, ob ich etwa glaube, mein Unrechtdamit" wieder gut machen zu können 1 Ich kaufte also drei sehr schöne Apfelsinen und ließ mir gleich­zeitig vom Apotheker ein Stück Englisch-Pflaster auf den Schnitt in meinem Zeigefinger kleben, der mich schmerzte.

Zu Hause wieder angekommen, legte ich die Apfelsinen triumphierend vor meiner Frau nieder, die, den Kopf auf- gestüi t leidend an einem Tische saß, und wartete lächelnd ab, was sie sagen werde.

Herje!" schrie sic entsetzt auf, ohne die Apfelsinen zu beachten:Was hast Du beim an Deinem Finger?"

Nichts, gar nichts, liebes Kind!" beschwichtigte ich lächelnd:Ein kleiner Schnitt--steh doch die schönen

Apfelsinen, die ich Dir mitgebracht habe!"

Du hast aber ein Pflaster darauf?!" jammerte meine Frau ängstlich und betrachtete meinen Zeigefinger mit einem Entsetzen, als sei er ein Abbild des Grausens.

Nur zum Schuh, uur zum Schutz, mein Engel!" lachte ich freundlich.Ich habe es mir in der Apotheke auflegen lassen, weil ich den Finger dann bequemer brauchen kann. Die Apfelsinen....."

Ach laß mich doch mit den dummen Apfelsinen zu­frieden, wie bist Du denn nur unterwegs dazu ge­kommen, Dich so fürchterlich zu schneiden?"

Ich habe mich ja gar nicht unterwegs geschnitten," sagte ich ein wenig kleinlaut und ein wenig mißgestimmt über meine Apfelsinen:Ich habe mich vorhin ein bischen geritzt, an dem Glase."

An dem Glase! Herrgott, am Ende ist Glas in die Wunde gekommen! rief meine Frau erschreckt, schob die Apfelsinen urnstandsloS beiseite unb beschäftigte sich ange­legentlich mit meiner Hand.Weshalb hast Du denn das vorhin nicht gleich gesagt Du hättest den Finger in kaltem Wasser baden sollen!"

Es ist ja nicht nötig, Kind!" versicherte ich etwas nervös,daö arme Schnittchen ist nicht der Rede wert!" (Fortsetzung folgt.)