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Marburg, Sonntag, 8. Oktober 1882
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Die Armee und die Parteien.
(Aus Paris.)
Den Herbstmanövern der Armee folgen in der Presse außer den sachlichen Berichten regelmäßig eine Reihe von Betrachtungen über die augenblickliche Kriegstüchtigkeit deS Heeres auf dcm Fuße nach. Auch in diesem Jahre hat cs nicht daran gefehlt, und bei dem exaltierten Charakter der Franzosen ist eS kein Wunder, wenn im großen Ganzen die bewunderungswürdigen Fortschritte der Reorganisation konstatiert werden. Ihr Korrespondent hatte Gelegenheit, daS Urteil eines Mannes zu hören, der die neu organisierte Armee Napoleons III. in den fünfziger Jahren, sowohl in den damals üblichen UebungSlagern, als auch später auf dem Schlachtfelde aus eigener Anschauung genau gekannt hat. Derselbe hebt zwar viele Unterschiede zwischen dieser und der jetzigen republikanischen Armee hervor, Unterschiede, die z. B. in bezug auf äußere Uniformität, Taktik, Alter der Soldaten, Beschaffenheit der Pferde, jedem in die Augen sprängen: — Aber in ihrem moralischen Gehalt (der Sinn des Wortes natürlich nur auf die Bedeutung als Truppenkörper angewandt) findet er eine merkwürdige Ucbereinstimmung. In der Kaiserlichen Armee jener Tage, bevor sie auf ihren Lorbeeren von Malakofi, Magenta und Puebla eingeschlafen und durch des Kaisers geschwundene Energie demoralisiert war, rühmt er eine Rührigkeit aller ihrer Elemente, eine Strebsamkeit der Geister, wie sie immer nur — in den Gebilden der Natur sowohl, als in denen der Menschheit — da gefunden wird, wo der Prozeß der Neubildung der Blüte unmittelbar vorangeht. Und diese rücksichtslose Energie beS VorwärtSstrebens, diesen rastlosen Ehrgeiz in jugendlichen Talenten, die ihre Vorbilder in Hoche und Marceau suchen, will unser Gewährsmann in den Reihen der heutigen französischen Armee wieder entdeckt haben.
Eine andere Analogie in den militärischen Schöpfungen des zweiten Kaiserreichs und der dritten Republik besteht in der gemeinsamen Verachtung und verdeckten Opposition gegen alle alten Generale. Damals hatte die Armee die
Genugthuung, die unbeliebten Marschälle deö gestürzten Regimes, die Lamoriciöre, Changarnier und Cavaignae ins Exil getrieben zu sehen, und während des Krimkrieges verfolgte der Spott mit Zuavenhumor unaufhörlich die algerischen Veteranenmarschälle, die Canrobert und Pelister. Heute hat man zwar keine Marschälle von Frankreich mehr in der Armee — Mac Mahon sähe man am liebsten in BazaineS Gesellschaft; denn alte Marschälle hätten Frankreich immer verraten, schon bei Leipzig und Waterloo; — aber man wittert eine orleanistische Marschallspartei unter den Generälen, die zwar einen Straßenkampf nicht fürchtet, wohl aber abgeneigt ist, den großen Krieg zu führen, der nach vollendeter Reorganisation als selbstverständlich gilt. Von patriotischen und weltgeschichtlichen Ideen getragen, will man sich von diesen Zukunftsmarschällen nicht wieder unter den Zopf einer neuen Auflage des Julikönigtums einfangen lassen. Von einem solchen hätte der Soldat nichts zu hoffen, als befchwerlichen, rühmlosen Dienst in Afrika und Nepotismus im Avancement. Trotz einzelner Parteizerklüftung ist daher daS republikanische Element für jetzt durchaus vorherrschend in dcm Offizier - Korps, und bei etwa eintretenden Ausnahmezuständen würde eine gesetzliche oder tatsächliche Diktatur kaum Widerspruch finden, vielmehr lebhaft begrüßt werden.
Am prononciertesten tritt diese Gesinnung bei einigen hervorragenden Generälen und bei den jüngeren Offizieren der Infanterie hervor. Da man in der Armee eine besondere Altersklasse für Avancement und Verabschiednng hat, so tritt der Unterschied zwischen „alten" und „jungen" viel prägnanter als wo anders hervor. So nennt man z. B. in der Infanterie diejenigen die „alten Offiziere", welche 1870 das vierzigste Lebensjahr überschritten hatten, und die heute, sofern sie noch aktiv, Generäle oder Obersten sind. Diese haben sich nun niemals an das neue Reglement vom 12. Juni 1875 gewöhnen können; neun Zehntel von ihnen erklären es für einen gefährlichen Unsinn, während die Heranwachsenden Elemente darin alles Heil der Zukunft sehen. Dieses Reglement, das während der Manöver so viel von sich sprechen machte und noch jetzt sein Nachspiel in der Affaire des General de Berge mit dem KriegSmtnister Billot findet, verleiht den Kompagniechefs sowohl im Garnisons- als im Felddienste größere Unabhängigkeit, als sie bisher besaßen, in der Absicht, das Gefühl der Selbständigkeit, welches gern zu eigener Initiative schreitet, zu heben. Zn der Garnison hat darnach der Hauptmann nur die formelle Verpflichtung, dem Bataillonskommandeur ein Diensttableau einzureichen, und dann an bestimmten Tagen seine Kompagnie in den bestimmten Dienstzweigen vorzustellen. Für die Gefechtsformation giebt das Reglement einen Ordre normal, eine typische Formation, welche zwar nicht absolut
obligatorisch ist, aber nach der man sich richten soll, wenn kein besonderer Umstand rät, sich davon zu entfernen. Hiernach bleibt den Kompagnieführern eine große Freiheit der Aktion überlassen; die Stabsoffiziere beaufsichtigen nur die Direktion und ebenso geben die höheren Kommandierenden nur die Direktion und das Eintreten der Reserven und anderen ihnen zu geböte stehenden Waffengattungen an, wobei sie immer das Ensemble im Auge haben sollen, ohne sich in die Details der Ausführung während des Kampfes selbst zu mischen. Gegen diese Verordnung wird nun viel gesündigt, namentlich bei den Manövern. In der Tirailleurlinie, bei den Soutienö und Detachements sind oft Brigade- und Divisionskommandeure zu finden, welche nicht nur die kommandierenden Offiziere, sondern auch die Unteroffiziere und Soldaten instruieren und dirigieren. Abgesehen davon, daß sie hiermit oft eine große Verwirrung anrichten, so geht auch der eigentliche Zweck der Manöver dadurch verloren, der doch sein soll, ein Bild des Krieges zu geben, die Offiziere an selbständige Leitung und die Soldaten an praktische Dienstausübung zu gewöhnen. Das Manöverfeld soll eben kein Exerzierplatz und keine Jnstruktionsstunde sein. Aber wohl viel Zirkulare wird der Kriegsminister noch erlassen können, ehe die alten Generale von ihrer liebgewonnenen Gewohnheit laffen werden.
Es ist vielfach bemerkt worden, daß Gambetta, der doch allgemein als Regenerator der Armee betrachtet wurde, in der letzten Zeit auf diesem Gebiete sehr wenig von sich hören ließ. Als nach dem jähen Sturz seines Ministeriums sein parlamentarisches Prestige so tief gesunken war, daß man ihn nicht einmal zu der so lange inne gehabten sehr einflußreichen Stellung eines Vorsitzenden der Budget- Kommission wiederwählte, und hier sogar seinen Nebenbuhler Wilson demonstrativ installierte: — so erinnerte sich doch bei der Wahl der Militärkommisston die Kammer wieder deL Mannes, der seit dem Bestehen der Republik unablässig für die Vermehrung der Armee eingetreten war, und man machte ihn fast einstimmig zum Vorsitzenden. Wenn Gambetta trotzdem während der letzten Session die Sache ihren Gang gehen ließ und keinen neuen Versuch machte, sein bekanntes Programm durchzusetzen, so ist der Grund davon nur in den Hindernissen zu finden, die sich gegen seine politischen Pläne auftürmten. Die Armee in ihrem jetzigen Zustande ist nach seiner Ansicht der fertige Rahmen, sie bildet die Kadres der Zukunftsarmee. Die Radikalreform, die ihr jetzt noch fehlt, ist die rücksichtslos und ausnahmslose Einführung der dreijährigen Dienstzeit. Das ist aber nur das verschleierte Lever en mässe und die Zeit dazu ist erst am Tage der Diktatur, am Vorabende der Mobilmachung reif. Daher begnügt sich auch die
demselben die Dinge aus dem dreißigjährigen Kriege gar keinen Platz mehr zu haben, mit denen er angefüllt gewesen und die ich mir ans ihm herzuholen gedacht hatte I Indes nahm ich mich zusammen und sagte mir: Du wirst den leeren Raum vor dir bis auf günstigere Situation als neutrales Gebiet betrachten und dich vorläufig mit dem begnügen, was Du vom Schwarzen Robert schon im Kopf hast. Es ist ja Zeit, daß Du endlich zu der Geschichte selber kommst--ich schrieb also. Und damit
gehe ich zum Anfang meiner Erzählung über.
Die letzten Strahlen der heißen Augustsonne waren hinter dem Horizont verglüht, graues, regnerisches Abendgewölk war heraufgezogen und in dem Schlosse der gräflich Markheimschen Familie, dem Schauplatze, auf welchem sich die nachfolgenden merkwürdigen Ereigniffe abspielten, flüsterten sich die Diener, Knechte und Reisigen in allen Halbdunkeln Gängen und Kammern allerlei noch viel dunkleres Getuschel zu. Es waren feit dem gestrigen Tage auf dem Schlosse Dinge vorgegangen, welche selbst in jenen rauhen, wenig empfindsamen Zeitläuften geeignet waren, die An- ;ehörigen des Schlosses in Schrecken, die ganze Umgegend n neugieriges Staunen zu versetzen. Heut mittag hatte n der Kapelle des Hauses die feierliche Vermählung deS ungen Grafen Otto von Markheim mit dem reichen Edel- räulein Margarethe von Sarbonne stattfinden sollen, welche hochgeborene junge Braut, ans italienischem Adelsgeschlecht entstammt, aus geheimem Grunde und ganz gegen Gebrauch und Herkommen, zu diesem Zweck schon seit einigen Wochen als Gast auf dem Schlosse geweilt hatte, anstatt, wie jedermann erwarten durfte, auf ihren eigenen Gütern statt denen des Bräutigams zu harren, um, nach dort vollzogener Vermählung, von ihm heimgeführt zu werden.
(Fortsetzung folgt.)
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Der schwarze Robert
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Meine Fra« »nd ich.
Humoreske von E- C.
(Fortsetzung)
Als ich den „Schwarzen Robert" begann, war ich mir zwar noch nicht recht klar gewesen, ob ich ihn komisch ober schauerlich behandeln würbe. Der Stoff, ber in einigen vergilbten Aktenstücken aus bem Archive einer mir brfreunbeten altadeligen Familie vor mir lag, war sehr interessant, aber war so spukig-abenteuerlich, baß man bie Sache sowohl ernst, wie auch, in anbetracht unserer höchst aufgeklärten Zeit, satyrisch lustig behanbeln konnte. Ich hatte eigentlich Anwandlung verspürt, bem letzteren ben Vorzug zu geben — aber nun kam meine Frau, welche sich ungemein gern über lustige Geschichten amüsiert unb die mir gewiß nicht von der Seite gegangen wäre, wenn sie gehört hätte, baß ich eine fröhliche, heitere Geschichte nach ihrem Geschmack zu probnzieren im Begriff sei. Das wäre nun zwar eine höchst angenehme Gesellschafterin gewesen; da ich aber bie selbstverständliche Schwäche besitze, an der Seite meines Frauchens mich nicht in anderweitige Thätigkeit des Kosens unb ber Galanterie vertiefen zu können, was mir sicherlich weder Männlein noch Fräulein unter meinen liebenswürdigen Lesern verdenken wird, so wäre ber Schwarze Robert entweder ungeschrieben geblieben, ober ich mußte mich entschließen, ihn inS „Grauliche" hinüber zu spielen. Ich entschloß mich also rasch hierzu, zog in Gedanken bem Schwarzen Robert ein entschieden schauerliches Gewand seiner eigenen Farbe an und hielt ihn meiner Frau als ein freundliches „apage angele!“ Entgegen. Nun konnte ich ihn doch wmigstenö schreiben, wenn auch traurig 1
Aber die Arithmetiker, die schon alles Mögliche und
Unmögliche zu berechnen erfunden haben, sind uns leider bie Kunst, bie Frauen zu berechnen, noch schuldig geblieben. Ich merkte dies alsobalb aufs neue, benn ich ward zu meiner Überraschung inne, daß ich bie Rechnung wieder einmal ohne ben Wirt oder vielmehr ohne die Wirtin gemacht hatte. Meine Frau sagte nur: „Hn, eine Schauergeschichte ! Da ist es nur gut, baß es nicht Abeub ist, sonst graulte ich mich unb bliebe nicht bei Dir, sondern liefe fort unb schlösse mich in mein Zimmer ein! So aber werbe mich zusammennehmen und bei Dir bleiben! Weil cs so lieb und gut von Dir ist, daß Du so etwas Grauliches bei Tage vornimmst, nicht abends, wo ich gern neben Dir fiee! Das fordert eine Belohnung: schreibe nur weiter, ich setze mich hier aufs Sopha und sticke!"
Ich bekam noch einen Kuß als Extragratifikation und setzte mich mit etwas langem Gesicht zur Arbeit nieder, während meine Frau mir gegenüber auf dem Sopha Platz nahm und emsig mit ber großen, blanken Nadel durch die Stickerei dahin huschte. Sie mußte mir jedeSmal ins Auge fallen, wenn ich dasselbe einen Moment vom Schwarzen Robert erhob, um mir vom leeren Raum vor mir Rats zu erholen. Das war nun unstreitig eine höchst anmutige Ausfüllung des leeren Raumes, der sonst nur mit Schauer- gebanten aus bem breißigjährigen Kriege angefüllt war — aber — merkwürdig! — unsere physikalischen Gesetze sind so wunderbar durchgreifend, daß sie manchmal sogar auch auf das rein Geistige, nicht nur auf das Materielle Anwendung finden. Zum Beispiel das Gesetz von der Undurchdringlichkeit. „Der Raum, welcher von einem Dinge eingenommen wird, kann nicht gleichzeitig von einem andern Dinge eingenommen werden." Und stehe da: Seit der leere Raum vor mir, aus dem ich mir meine Gedanken zu holen pflegte, von dem reizenden jungen Dinge eingenommen war, das dort auf dem Sopha saß und stickte, schienen in