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Nr 236
Marburg, Sonnabend, 7. Oktober 1882
xvn Jahrgang
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, so,oi. d.Annoncen-Bureaux o. Th. Dietrich u. Co. in Kofs:l und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a.M.; Haasenstein u. Vogler in Frankfurt a. M-, Berlin, Leipzig. Köln rc.; Rudolf Stoffe in Berlin, Frankfurt a. M- rc-
(Olirrlicffifil)r jritmig.
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. BlatteS, sowie d.Annoncen-Bureaux von <8. L. Daube u. C«. in Frankfurt a. M-; JLgersche Buchhandlung daselbst; Hermansche ,Buchhandlung daselbst; Jnvalidendankin Berlin; W. TdieneS in Elberfeld; C. Schlotte in Bremen.
Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JllustrikteS LonntagSblatt" durch die Expedition (Ä o ch'fche Buchdruckerei) bezogen 2*/. Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 8 Mark 50 Pfg. (excl- Bestellgebühr.) — Jnsertionsgebühr für die gespaltene »teile 10 Bfa
.Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adreffen werden 25 Pfg. berechnet.
Für das vierte Quartal werden Bestellungen auf die
Oberhessische Zeitung
und deren Gratisbeilage
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Deutsches Reich.
Berlin, 5. Okt. Mit dem 1. d. M. sind die neuen Bestimmungen, betreffend die Besetzung der Subaltern- und Unterbeamtenstellen bei den Reichs« und Staatsbehörden mit Militäranwärtern, in kraft getreten. Wie man hört, liegt cs nunmehr in der Absicht der Post- und Telegraphenverwaltung, auch diejenigen Vorschriften einer Neubearbeitung zu unterziehen, welche bisher in betreff der Annahme, Anstellung und Beförderung der Anwärter für den Post- und Telegraphendienst zur Anwendung gelangten; bei der Telegraphenverwaltung waren seither in dieser Beziehung ungünstigere Bestimmungen maßgebend, als bei der Postverwaltung, und liegt es deshalb in der Absicht des Chefs dieser Verwaltung, für beide Dienstzweige gleichmäßige Grundsätze bei dieser Reform zur Geltung zu bringen. — Im Reichsjustizamt finden gegenwärtig eingehende Erhebungen und statistische Ermittelungen über die Wirkungen des Gerichtskostengesetzes statt, die sich namentlich darauf erstrecken, ob die kürzlich vorgenommenen Ermäßigungen der Gebühren von erheblichem Einfluß geworden, oder ob noch eine weitere Ermäßigung derselben, wie sie bekanntlich schon bei den Beratungen des Reichstags gefordert wurde, notwendig werden würde. — Zur Erzielung einer größeren Sicherheit des Publikums gegen FeuerSgefahr und fonstige Gefährdung soll auch in den Kirchen der ungehinderte Austritt durch die Thüren möglichst erleichtert werden. Die Landräte sind veranlaßt worden, dahin zu wirken, daß bei neu zu errichtenden Kirchen die Ein- und AuSgangSthüren nach außen hin aufschlagen, soweit keine besonderen Hindernisse dem entgegenstehen. Im Falle dies aber aus baulichen, ornamentalen und sonstigen Gründen notwendig sein sollte, erscheint es wünschenswert, vor den Kirchenthüren Winvfänge anzubringen, deren Thüren nach außen aufschlagen, und in diesem Falle thunltchst darauf zu wirken, daß die nach innen aufschlagenden Thüren während deS Gottesdienstes offen gehalten werden. Eine gleiche Einrichtung wird auch bei den bereits fertiggestellten Kirchen, deren Thüren nach innen aufschlagen,, anzustrebcn sein. Die Landräte werden beauftragt, den Kirchenvorständen und Gemeinderäten die Beobachtung dieser Maßnahmen zu empfehlen. Sollte in Fällen, wo nach Lage der Verhält
nisse eine besondere Gefahr für daS Publikum zu befürchten ist, einem Widerspruche der kirchlichen Behörden begegnet werden, so sollen die Landräte der Regierung hierüber Bericht erstatten. — Den unausgesetzten Bemühungen deS Kommissars des deutschen Reichs für daS Auswanderungswesen ist cs zu danken, daß der „Norddeutsche Lloyd" in Bremen, abweichend von dem früheren Usus, nach welchem jeder Zwischendeckpassagier eines Auswanderungsschiffes verpflichtet war, sich das erforderliche Bettzeug für die Reise selbst zu beschaffen, den Auswanderern auf seine Kosten für jede Koje einen Strohsack und Kopfkeil unentgeltlich liefert. Da weder das Stroh noch die Säcke ein zwciteömal benutzt werden dürfen, also eine etwaige Krankheitsübertragung ausgeschlossen ist, so ist die Einführung dieser Maßregel sowohl für die Passagiere, als auch für die Reederei nur von Vorteil. Dies hat sich mit solch erheblicher Evidenz herausgestellt, daß auch die übrigen deutschen Dampferlinien, wie wir hören, demnächst diesem Beispiel folgen und in ihren Auswanderungsschiffen eine gleiche Einrichtung treffen werden. Derartige direkte Dampferlinien für Passagierbeförderung nach Newyork rc. bestehen jetzt in Deutschland sechs, nämlich: der Norddeutsche Lloyd, die Hamburg- Amerikanische Paketfahrt - Aktiengesellschaft, die Hamburg- Südamerikanische Dampfschiffarts-Gesellschaft, die Kosmos- Linie, die Reederei von Edw. Carr und Komp. (Passagierexpedient Morris und Komp.) in Hamburg und der Stettiner Lloyd. — Die Bestrebungen dir Reichsregierung nach einer besseren Gestaltung des Welterbeobachtungsdienstes im deutschen Reiche, namentlich die Nutzbarmachung dieser Beobachtungen für das bürgerliche Leben, welche auf Anregung des Reichstages durch den bekannten Antrag der Abgg. v. Wedell-Malchow, Dr. Zinn und Genossen hervorgerufen wurden, dürften binnen kurzem zu einem Abschluß kommen, der darauf hoffen läßt, daß mit Hilfe der obersten Seebehörde eine genaue Organisation dieses Dienstes herbeigeführt, welcher der Landwirtschaft und Industrie ganz erhebliche Vorteile gewähren dürfte. Wenn nur auch die Wetterberichte der Seewarte besser würden; diesen Sommer über traf vielfach daö gegenteilige Wetter als das angekündigte ein.
BreSlau, 1. Okt. Gestern abend tagte im großen Saale des KonzerthauscS eine ziemlich zahlreich besuchte allgemeine Wählerversammlung, zu der alle Wähler Breslaus eingeladen waren, „welche einen Sieg der Fortschrittspartei und ihres Anhanges bei den bevorstehenden Wahlen zum Abgeordnetenhause nicht wünschen". Der Vorsitzende, Oberlehrer Schmidt, eröffnete die Versammlung mit einem begeistert aufgenommenen dreimaligen Hoch auf Se. Majestät den Kaiser. Demnächst verlas derselbe eine vom Vorstande des neuen Wahlvereins erlassenen Wahlaufruf, welcher auch für die bevorstehenden Wahlen wiederum die Parole ausgiebig „Gegen die Fortschrittspartei und ihren Anhang" und für die Wahl solcher Wahlmänner eintritt, die bereit
sind, zu einer Verständigung aller Parteien gegen die Fortschrittspartei und ihren Anhang die Hand zu bieten. Hierauf hielt der Reichstagsabgeordnete v. Kardorff-Wabnitz einen längeren Vortrag, in dem er in erster Reihe die Einwendungen der Herren Lasker, Meyer und Rickert in der tagö zuvor stattgehabten Versammlung gegen die Wirtschaftspolitik des Fürsten Bismarck zurückwies und im Gegenteil die Segnungen dieser Wirtschaftspolitik und die heute schon wahrnehmbaren guten Erfolge derselben näher erörterte. Auf den Ausspruch Rickerts, daß die unveränderte Erhaltung der bisherigen Klassensteuer in den preußischen Traditionen begründet sei, eingehend, glaubt Herr v. Kardorff, daß der Reichskanzler im kleinen Finger mehr von alter preußischer Tradition besitze, als die Herren Rickert und Lasker mit der ganzen Fortschritts- und Sezessionistenpartei zusammen genommen. Die gegenwärtige sezesstonistische Partei gehe, ebenso wie die Fortschrittspartei, entschieden darauf aus, ein parlamentarisches Parteiregiment an stelle der gegenwärtigen Regierung zu setzen. Speziell widerlegte Redner auch die Beschwerde der sezessionistischen Redner über die mang.lhafte Durchführung und die nur teilweise Einführung der Kreisordnung, ebenso die Beschwerde des Dr. Alex. Meyer bezüglich der Landgemeinde-Ordnung. Trotz der Versuche der fortschrittlichen und sezessionistischen Presse, den Fürsten Bismarck politisch zu diskreditieren, werde es demselben hoffentlich gelingen, die Ziele, die er sich in der Wirtschafts-, Steuer- und Sozialreform gesteckt habe, zu erreichen, ebenso auch den Kulturkampf zu beenden. Hierbei mitzuwirken, sei Sache der Wählerschaft durch die Absendung von Abgeordneten, welche Jm wesentlichen die Politik des Reichskanzler zu unterstützen bereit seien. Schließlich berührte noch Herr v. Kardorff die unliebsame, in der jüngsten Zeit aufgetauchte Frage der Mischehen; er hofft, daß das beste Mittel gegen die Propaganda der katholischen Kirche, die Belebung und Stärkung des evangelischen Bewußtsein, sich wirksam zeigen werde, und daß dieser unerfreuliche Zwischenfall die Beseitigung des Kulturkampfes nicht dauernd erschweren werde. — Herr v. Patow brachte schließlich ein von der Versammlung freudig aufgenommenes Hoch auf Herrn v. Kardorff aus und sprach den Wunsch aus, daß derselbe in Breslau kandidieren möge. Herr v. Kardorff erklärte, diesem ehrenden Wunsche nicht entsprechen zu können, und schlug seinerseits als Landtagskandidaten den hiesigen Bankier v. Wallenberg-Pachaly vor.
Witten, 3. Okt. Vor nicht sehr langer Zett hatte ein englisches Werk der holländischen Regierung 13000 Stück sog. „Exporthacken" zu liefern, mittels welcher in den Kolonieen der Boden bearbeitet wird. In diesem Artikel beherrschte England seit Jahren völlig das gesamte Absatzgebiet, und eine Konkurrenzfähigkeit der deutschen Distrikte, in denen Hacken fabriziert werden, war englischen Firmen gegenüber lange nicht mehr vorhanden. Das eng-
(Nachdruck verboten.)
Der schwarze Robert
ober
Meine Fran und ich.
Humoreske von E. C.
Die letzten Strahlen der heißen August-Sonne waren hinter dem Horizont verglüht; graues, regnerisches Abend- gewölk....
Soweit war ich im Schreiben meiner Erzählung gekommen, als ich unterbrochen wurde. Ein süßer, kleiner, weicher Arm schlang sich um meinen Nacken, ein blondwelliger Kopf lehnte sich über meine Schulter, zwei herzige, kirschrote Lippen drückten einen Kuß auf meinen bärtigen Mund und eine silberne Stimme tönte mir freundlich zu: „Was willst Du denn da schreiben, Männchen?"
Es war meine Frau. Mein herziges, liebes, kleines Weibchen! Wer empfunden hat, wie es thut, wenn man auf diese Weise gestört wird, der wird begreifen, was meine Antwort darauf war. Ich warf die Feder aufs Papier, daß sie einen großen, häßlichen Klecks machte, den ich für mein Leben gern hier hätte mit abdrucken laffen, da er ja in all' seiner Häßlichkeit so viel mehr reizende Poesie meiner Gegenwart umfaßte, als ich je niederzuschreiben vermöchte — ich warf also die Feder aufs Papier, ließ Arbeit Arbeit sein, umschlang mein Weibchen mit beiden frei gewordenen Armen, erwiderte herzhaft ihren Kuß und sagte, da mir gar nichts anderes änfiel: „Du mein süßer, kleiner Engel1"
«sie fühlte sich ungemein geschmeichelt. Denn, im gründe genommen, war die Sache ein kleines Experiment von ihr gewesen, das ihr höchlichst zur Zufriedenheit ge
glückt war und darüber freute sie sich sehr. Solche Experimente machen junge Frauen gern. Sie hatte versuchen wollen, wie wirksam ihre liebliche Gegenwart wohl inö Gewicht falle gegenüber den gefährlichsten beiden Gegnerinnen, welche ein junges Weib bei ihrem Manne zu fürchten hat: Arbeitszeit und Konferenz mit Gedanken aus höheren Regionen. Und das war außerordentlich glatt gegangen. Als sie sich mit ihrer reizenden Kußüberraschung auf die eine Schale meiner Sympathiewage gesetzt, war die andere Schale, die mit der Muse, so flink in die Höhe geschnellt, daß die rivalisierende Jungfrau Apollo's hinauf geflogen war bis zu ihrem entfernten Herrn und Meister, oder auch zu allen Teufeln, da ich mich in dem Augenblicke durchaus nicht darum scheerte, wohin sie kam.
Nachdem meine Frau die Sache auf diese Weise höchlichst zu ihrer Zufriedenheit erledigt sah, that sie ganz unschuldig, als ob gar nichts vorgefallen sei und fragte unbefangen:
„Störe ich Dich, Männchen?"
„Nein, meine liebe Laura!" Ich log damit meiner Frau entschlossen vor, daß sie mich nicht störe, womit ich natürlich eine ganz ungemein große Lüge sagte. Denn solch eine Frau mit ihrem Kommen und ihrem Kuße sollte mich nicht stören! Blicken Sie nicht mit wahrer Entrüstung auf solch eine Zumutung, schöne Leserin? Viel schuuichelhafter und dazu wahrheitsgetreuer wäre es gewesen, wenn ich gesagt hätte: Ei, freilich störst Du mich, so ungemein wie nur irgend etwas in der Welt mich stören könnte! Aber dann hätte sie mir einfach beinahe die Augen auSgekratzt oder sie hätte mindestens einen halben Tag lang geschmollt, was bekanntlich noch schlimmer ist. Frauen ziehen eben
| eine galant klingende Unwahrheit einer ungalant klingenden i Wahrheit vor, auch wenn diese eine wirkliche Galanterie enthält.
Da meine Frau erreicht hatte, waS sie erreichen wollte, nämlich mich zu stören und dabei die Versicherung zu erhalten, daß ihre Gegenwart ein unbedeutendes EtwaS sei, welches mir keine Störung verursache, hielt sie die Angelegenheit für genügend erledigt und ich würde nun wahrscheinlich zu meiner Augustsonne haben zurückkehrcn können, wenn nicht Lauras Blick, der wie ein revidierender Feldherr noch einmal prüfend über den Schauplatz ihrer siegreichen Aktion schweifte, dabei wieder auf mein Papier und den spannenden Anfang meiner Erzählung gefallen wäre. Nach dem weisen, strategischen Grundsatz, daß eS nicht genüge, einen Sieg nur zu erkämpfen, sondern daß die Hauptsache sei, ihn auch gründlich auszunutzen, beschloß sie, noch nicht so ohne weiteres von mir abzulasien und wiederholte, nach einem Augenblick deS Nachdenkens, leicht hingeworfen ihre Frage: „Was schreibst Du denn da, Männchen?"
Nun muß auch ein geschlagener Gegner noch verstehen, schnell seine Truppen wieder zu ordnen und Stellung zu nehmen, um sich nicht vom Gegner ganz aufreiben zu lassen. Ich nahm mich also zusammen, formierte aus den mir augenblicklich gebliebenen Hilfsmitteln rasch ein Artill riecorps schweren Geschützes und feuerte gleich als ersten Verteidigungsschuß ein Sprenggeschoß größten Kalibers ab in der Antwort: „Eine Spuckepisode, eine Schauergeschichte, liebe Laura!" Denn meine Frau ist nämlich, gottlob, graulich und hat mit Spuckgedanken nicht gern zu thun. (Fortsetzung folgt.)