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Marburg, Mittwoch, 4. Oktober 1882
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«n,eigen nimmt entgegen: di' Expedition d. Blattes, („jji, d.Ännoncen-Bureaux ' ;h. Dietrich u. Co. in
>[ und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a.M.; 5'aosenstein u. Vogler ,n $, J|furt a. M., Berlin, El Köln ic.; Rudolf oüoffe in Berlin, Frank
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Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. BlatteS, sowie d.Annoncen-Bureaux von ®. 8. Daube u. C». in Frankfurt a. M.; Jäaersche Buchhandlung daselbst; Hermans che Buchhandlung daselbst; Jnvalidendanl in Berlin; W. Thienes in Elberfeld: C. Schlotte in Bremen.
Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JllustrirteS SonutagSblatt" durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen 2*/t Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. (excl. Bestellgebühr.) — Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg.
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Overhesfische Zeitung
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Die Ursache des Unglückes.
(Aus Tirol.)
Waö doch jetzt, da das Unglück zum zweiten und drittenmal ins Land gekommen, die Zeitungen über die Ursachen der Ueberschwemmungen zu berichten wissen! Die einen sagen, daß die österreichische Regierung nichts für die Flußkorrcktionen gethan habe. Die andern meinen, daß die schlechten Forstgesetze an der Waldverwüstung und also auch an den Ueberschwemmungen schuld tragen. Beides ist nicht wahr oder nicht genau. In Oesterreich wird sogar sehr viel für Regulierung und Eindämmung der Flüsse gethan. Was nicht von Reichswegen geschieht, das besorgen die einzelnen Kronländer und Gemeinden oder umgekehrt. Auch in Tirol und gerade in Südtirol ist schon manches in dieser Richtung geschehen. Doch was nützen auf die Dauer die kunstgerechtesten Uferschutzbauten, wenn sich das korrigierte Flußbett nach und nach wieder erhöht, die Erhöhung der Dämme nötig macht und durch seine über die Thalfluren sich erhebende Wassermenge die angrenzenden Kulturflächen versumpft und versauert? Was nützten die vielen Millionen, welche für die Regulierung der Teiß verausgabt wurden, da der Strom die fertige Arbeit der Ingenieure und obendrein die Stadt Szegedin vernichtete?
Auf dem Papier kann man leicht die schönsten Loblieder auf die vollendete Hydrotechnik anstimmen und die genauesten Berechnungen über die Waffermenge und Stoßkraft des Flusses, über die Widerstandskraft der Ufer und Dämme u. i. w. anstellen. Wer lange Jahre im Hochgebirge als Ingenieur thätig war und nicht mit den rücksichtsvollen ober beschränkten Augen doktrinärer und serviler Zunftgenossen das Leben des Wassers beobachtet hat, der wird alle jene schönen Berechnungen und Profile mit anderen Augen betrachten als der Bewohner, der unten entfernt von den Alpen im Tieflande lebt; für einen Strom, der sich im langsamen Lauf durch eine weite Ebene dahinzieht, sind allerdings die gewöhnlichen Schultheoricen und Bauratsschablonen eher am Platze. Aber der Wechsel des Wasserstandcs, der mehr unv mehr zwischen den Extremen,
zwischen steigender Hochflut und schiffahrtsgefährdender Seichtigkeit sich bewegt, zeigt dem weitsichtigen Beobachter auch bei den leichter und genereller zu behandelnden Stromläufen an, daß die größten Werke der Wasserbaukünstler und die sichersten Kalkulationen nach und nach als eitel sich erweisen, ihren Zweck verfehlen oder doch nur mehr stückweise erfüllen. Die eifrigen Pegelmessungen an den schiffbaren Flüssen und Kanälen bestätigen unsere Anschauungen.
Alle Erscheinungen drängen dazu, die Korrektion der Flüsse in erster Linie nicht dem Hydrotechniker katexochen, sondern dem Forstmann auf den Gebirgen und im Hochland zu übertragen, in jenen Bezirken nämlich, aus denen die Ströme in der Ebene ihre Hauptalimentation beziehen. Nur der Forstmann in den höheren Regionen — nicht zu verwechseln mit den höheren Regionen der Büreaukratie! — vermag die Alimentation gleichmäßig zu regeln, so daß die befruchtenden und schiffbaren Flüsse jederzeit ihre regelrechten Portionen erhalten, nicht gar zu viel und nicht gar zu wenig, immer gerade genug, daß sie auf den volkswirtschaftlichen Organismus und den Haushalt der Natur und der Menschen nicht schädlich wirken. Der Schöpfer hat die Gebirge meist so gestaltet, daß sie zur Bezähmung der Wildwasser zu dienen vermögen. Die Runsen, Falten und Tobel sind dazu da, um die mit außerordentlicher Schnelligkeit und Gewalt abstürzenden Niederschläge durch Stauungen und Verbauungen in ihrem wilden Laufe aufzuhalten, die Wasfer zu sammeln und weiterzuleiten, nachdem sie das mitgebrachte Gerölle und Geschiebe zurückgelaffen haben.
Die beste Stauung und Verbauung und das beste Wasser-Reservoir ist der Wald. Schon die große Natur des Gebirges zeigt dem verständigen Menschen an, daß nur eine große Flora und Fauna für sie passe. Im Gebirge sind die großen Pflanzen und Tiere zuhause. In den Alpen gedeiht das schönste Vieh und wächst das beste Holz. Aber die Menschen sind nicht mehr aus diesem Holze geschnitzt. Die Menschen sind andere geworden. Die Biederkeit hat sich vielfach in Falschheit, die Zufriedenheit in Habsucht verwandelt. Die Menschen können sich einander nicht mehr lieben, wie also sollen sie das Vieh zu lieben vermögen? Und weil sie dies nicht mehr vermögen, so entziehen sie dem Vieh und den Mitmenschen die Quelle des Lebens, die Vegetation, die Nahrung der Triften, den Schutz der Thäler, den Regulator der Temperatur, den Veredler des Klimas, den schönen Wald, den der gütige Schöpfer aufgcbaut hat „so hoch da droben".
Die liberale Manchesterlehre, der willkürliche Individualismus, die wirtschaftliche „Freiheit" zersetzt und zerstört in bin Menschen das Bewußtsein der Verantwortlichkeit gegenüber den Mitmenschen, gegenüber der Gesellschaft, dem Volke und dem Staat. Man zersetzt und zerstört die Natur wie die Gesellschaft und den Staat.
Ja man zersetzt die Menschheit und zerstört die Humanität, obschon man sich deö Kosmopolitismus rühmt. Die besten Gesetze nützen wenig, welche den Menschen das verlorene Bewußtsein der Verantwortlichkeit aufzwingt. Vereinzelte Organisationen und Gesetze bringen diese Wirkung nicht hervor. Die Staatsbahnen sind beispielsweise solche Organisationen, und doch ereignet sich auf denselben ein Unglück um das andere, eines furchtbarer als das andere, aller Warnungen, Reglements und Strafen ungeachtet, und immer führt das mangelnde Bewußtsein der Verantwortlichkeit ein neues Unglück herbei. Die Forstgesetze in Oesterreich sind ein weiterer Beweis. Wir haben ein ideal's Forstgesetz, es fehlt auch nicht an tüchtigen Forstleuten, aber der Wald verschwindet trotz aller Warnungen, Vorschriften und Strafen. Keiner denkt an die gemein- schädlichen Folgen, sondern nur an den augenblicklichen Privatnutzen, der noch dazu in sehr vielen Fällen nur ein eingebildeter Nutzen ist. Keiner denkt daran, und wenn er daran erinnert wird, so spaßt er mit König Ludwig XV.: „Nach uns mag die Sündflut kommen!"
Die Vorboten der Sündflut sind schon da. Die Ueberschwemmungen vernichten ganze Thalschaften, sie werden ganze Länder Heimsuchen, und noch die Gesellschaft und den Staat überfluten. Die momentanen Regungen des Mitgefühls für die Verunglückten — ein Wiederschein des verloren gegangenen Bewußtseins der sozialen Verantwortlichkeit — vermögen kaum denen zu helfen, für welche sie zunächst bestimmt sind. Eine dauernde Hilfe kann nur die Verbauung der unberechenbaren Wildwasser bringen. Wer einen Verstand hat zum Verstehen, der versteht uns. (R.-B.)
Deutsches Reich.
Berlin, 2. Okt. Die „Nordd. Allg. Ztg." schreibt: Lothar Bucher, der seine letzten Urlaubstage in Varzin zubrachte, ist von dort zurückgekehrt und hat seine Geschäfte wieder übernommen. — Die bereits vielfach besprochene Verfügung des Handelsministers an die Handelskammern, wonach dieselben in ihren Berichten nichts über Verhandlungen mit anderen Staaten betreffs Abschluß von Handelsverträgen mitteilen sollen, lautet wörtlich: „In neuerer Zeit sind mehrfache Gutachten, die von Handelskammern und kaufmännischen Korporationen mit bezug auf den Abschluß von Handelsverträgen auf amtliche Anregung erstattet worden waren, in die Jahresberichte dieser Korporationen ausgenommen oder auch in der Tageöpreffe zum Gegenstand der Erörterungen gemacht worden. Wenn über dasjenige, waö bei dem Abschlüsse handelspolitischer Verträge für Deutschland wünschens- und erstrebenswert ist, öffentlich Aufschluß gegeben wird, und wenn dabei einzelne Fragen, wie dies in jüngster Zeit geschehen, in einer
Schwarzbliittcheu.
Von Karl Schrattenthal. (Fortsetzung)
VI.
„Run, armes Herz, vergiß der Qual, Run muß sich alles, alles wenden!"
Uhland.
Wir saßen lange in traulichem Gespräche beisammen und bemerkten kaum, daß die Sternlein am Himmel wach wurden. Alle waren in der heitersten Stimmung und auch meine Schwermut war gewichen, um so mehr, da Schwarzblättchen ganz außer sich vor Freude war, daß ihr Bruder in so kurzer Zeit zum Offizier befördert wurde, welche Beförderung ich sogleich nach dem geschilderten Gefechte im Lazarethe erhielt. Doch bald schwand meine durch die süße Freude des Wiedersehens erzeugte gute Laune, denn meine gute Mutter begann mir von den verschiedenen Bewerbern zu erzählen, die sich während meiner Abwesenheit eingefun- den hatten; ein günstiges Resultat, meinte sie lächelnd, sei jetzt noch nicht zu verzeichnen, da Schwarzblättchen eine Ee Jungfrau werden wolle. In mir regte sich ein finsterer Dämon, meine Schwester verstummte und ich erhaschte nur dvn Zeit zu Zeit einen Blick aus ihren Augen, der mir zur Genüge sagte, wie unglücklich sie sich fühle. Mein Bater, der diese Verstimmung merkte, sagte, sich erhebend, zu mir: „Ich habe jetzt noch einige Dinge zu erledigen; bevor Du zu Bette gehst, laß es mir durch einen Diener Melden, ich habe sehr wichtiges mit Dir zu besprechen!" ^>r klangen die Worte, die sehr ernst gesprochen waren, wie ein Todesurteil. Ich dachte nicht anders, als daß mein Vater das Geheimnis unserer Herzen entdeckt hätte und nun kommen wolle, mir die schreckliche Tragweite eines wichen unnatürlichen Empfindens klar zu machen. Es
duldete mich nicht länger im Gemache. „Liebe Mutter", sagte ich, „ich will Dich in Deinen Gewohnheiten nicht stören, begieb Dich zur Ruhe, ich will noch ein wenig meinen lieben Park ansehen."
„Darf ich mit Dir gehen, lieber Bruder", rief Schwarzblättchen aufathmend.
„Gewiß, teure Schwester", entgegnete ich, „ich habe Dir noch manches zu sagen." Wir küßten die Mutter und schritten in den Park. Ich sog die frische Abendlust gierig ein, als hätte ich mich mit ihrem würzigen Hauche stärken wollen, für die bitteren Augenblicke, die nun kommen sollten. Schwarzblättchen stützte sich auf meinen Arm, ich führte sie zum Grabe der Tante Bertha. „Setze Dich zu mir, liebes Kind," sprach ich, mich auf den Rasen nieder- lassend, „Du wirst vielleicht staunen, weshalb ich gerade diesen Ort wähle, doch steh, hier, am Ruheplatz der Freundin unserer geliebten Mutter, hatte ich Dir mein Innerstes enthüllt; hier hatte ich Dir die Gefühle geosienbart, die meine Brust zerrütten, die mir die höchsten Wonnen des Lebens, doch auch des Daseins größte Qualen kennen lehrten. Ich liebe Dich mit vielleicht »och mehr erhöhter Glut, wie ehedem, doch ich habe gekämpft — und eine scheinbare Ruhe erlangt. Mit dieser Ruhe sollst auch Du mich nun hören, mein Kind, denn ich habe Dir viel Schmerzliches zu sagen. Schwarzblältchen, es ist das letztemal, daß wir beisammen sind. Es thut nicht gut, im Feuer zu schüren, und das geschieht, wenn wir uns sehen und sprechen; eS thut nicht gut, Wunden aufzureißen und das geschieht, wenn wir uns nahe sind. Ich weiß, Du teilst meine Anschauung. Du denkst ebenso wie ich, Du mußt eS billigen, wenn ich von Dir gehe. Ich bin Soldat geworden, das will ich auch bleiben und will hinausziehen in die Welt, hinaus, damit ich dem Zauberkrei e Deines Augcs entfliehe, damit
ich nicht täglich und stündlich mich zu überzeugen brauche, wie unvergleichbar schön und gut Du bist und wie ich der Glücklichste werden könnte, wenn — Du nicht meine Schwester wärest! Du wirst mit der Zeit Ruhe und Fassung gewinnen, vielleicht einem Dir würdigen Mann Deine Hand reichen und so einer edlen Bestimmung nachkommen!"
„Bruder, geliebter Bruder", sprach das unglückliche Mädchen mit mehr Ruhe, als ich erwartet hatte, „ich muß Deinen Entschluß billigen, es kann nicht anders sein. Trennung ist unser Los. Folge Deinem schönen Berufe, als Krieger für das Vaterland einzustehen mit Gut und Blut. Doch glaube von mir nicht, daß ich im stände wäre, mit einem unlöschbaren Gefühl d-r Liebe für Dich mit einem ungeliebten Manne an den Altar zu treten. Ich kann auch in anderer Weise den kleinen Wirkungskreis ausnützen, der mir als Weib zu geböte steht. Ich bin nicht mehr das mutwillige Schwarzblättchen, ach, daß ich es nicht mehr sein kann! Geh mit Gott, meine Liebe, mein Gebet wird Dich überall hingeleiten. Diese Trennung hat meine letzten Lebensfreuden geknickt — doch es kann nicht anders sein!" — Erschöpft und in Thräuen ausbrechend lehnte sie ihr Haupt an meine Brust, in der das Herz den unsäglichen Leiden erlegen zu sein schien.
„Es kann anders fein und es soll auch anders fein I" ertönte plötzlich die Stimme meines Vaters, der aus dem Dunkel der Bännte hervortrat. Der Mond hatte sein Licht auf das edle Gesicht des noch sehr stattlichen Mannes geworfen; er stand da mit dem Ausdrucke der höchsten Freude in ben Zügen und blickte auf uns herab, die wir uns fest und innig umschlungen hielten und nicht wußten, wie uns geschah.
(Schluß folgt)