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iitarfmrg, Donnerstag, 28. September 1882
xvii Jahrgang
Anzeigen nimmt entgegen: di- Expedition d. Blattes, soivi- d.Annoncen-Bureaur v. Th- Dietrich u. Co. in jlrtffil und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a-M.; (iaafenftcin u. Bögler in Frankfurt a. M-, Berlin, Leipzig. Köln rc.; Rudolf Stoffe in Berlin, Frankfurt a. M- rc-
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Der schwarze Robert
oder
Meine Fra« «ub ich.
Original - Humoreske von M- C.
Eine jüdische Stimme über die politische Aufgabe der Juden.
In der vorletzten Nummer der „Allgemeinen Zeitung dcS Judentums", welche von dem Rabbiner Dr. Philippson in Bonn herausgegeben wird, fand ein Artikel über „die Juden und die politische Lage" Veröffentlichung, der nicht verfehlt hat, ein gewisses und berechtigtes Aussehen zu machen. Man ist gewohnt, die Juden, wenigstens diejenigen, die als Abgeordnete in den Parlamenten sitzen, und diejenigen, welche in politischen Versammlungen, bei den Wahlvorbereitungen und sonst öffentlich ihre Stimme erheben, fast ausnahmslos in den Reihen der Gegner der Regierung zu finden. Um so mehr mußte es überraschen, einmal eine Stimme aus jüdischen Kreisen zu vernehmen, die vorurteilsfrei und mit großer Besonnenheit den Juden ihren Platz an einer ganz anderen Stelle anweist. Der Verfasser des Artikels hat sich zwar nicht genannt, aber die Redaktion der gedachten Zeitung versichert, daß derselbe gleich im Beginn der antisemitischen Bewegung nachdrücklich für seine Glaubens- und Stammesgenossen eingetreten sei: seine Worte dürften daher in diesen Kreisen gewiß Beachtung finden, aber auch über dieselben hinaus als ein Zeichen von Besonnenheit und Einsicht gewürdigt werden.
Der Artikel entwickelt zunächst, wie sich das Leben innerhalb des Judentums im Laufe deö Jahrhunderts verändert hat. Das alte orthodoxe Judentum, das sich selbst genug und in der vollkommenen Integrität seines Familienlebens einigermaßen abgeschlossen war und doch teilnahm an allen Errungenschaften des Zeitalters, dieses Judentum ist, wenn nicht schon ganz vergangen, so doch gewiß im Vergehen begriffen. Dagegen ist das Judentum ganz und voll und mit Zähigkeit und Energie in das Leben der großen Welt eingetreten. „Im geeinten deutschen Reich nehmen wir", sagt der Verfasser, „an unermeßlich Großem teil, und wenn Deutschland dem Manne unendlichen Dank schuldet, der seine Einigung herbeigeführt, dann müssen
ihm die Deutschen jüdischen Glaubensbekenntnisses noch um so viel dankbarer sein, als er mit der deutschen Einheit auch zugleich das Bollwerk geschaffen hat, welches die Teilnahme der Juden an den Aufgaben der Gegenwart wie der Zukunft gewährleistet." Der Artikel führt an einer andern Stelle dann weiter aus, daß in keiner Religion der politische Begriff des „Von Gottes - Gnadentums" so zum Ausdruck gebracht sei, wie in der jüdischen. Das bewiesen schon die Gebete, welche an den höchsten Feiertagen üblich seien. Das Judentum sei zu allen Zeiten im besten Sinne königötreu gewesen, um so mehr, als es, erwerbslustig, am Bestehenden hängend und intelligent, wie es sei, bis in die neueste Zeit hinein in dem starken Schutz des KönigStumS seinen eigenen Vorteil gewährleistet gewußt habe. Die staatssozialistischen Pläne, welche der deutsche Reichskanzler zum Wohle der Armen und des Arbeiters zu verwirklichen strebe, seien schon in der mosaischen Gesetzgebung vorgezeichnet gewesen. Das schon hätte die Israeliten zu unbedingten Anhängern der BiSmarckschen Sozialpolitik machen müssen. Die Wohlhabenheit deö Judentums müsse dasselbe zur staatserhaltenden, nicht umsturzsuchenden politischen Partei hinziehen, seine Intelligenz müsse es von den Verlockungen des DemagogentumS schützen. Anfangs sei es auch so gewesen; als aber der Antisemitismus aufgetaucht, da hätten die „linken" Parteien, stets bereit, Stimmen zu angeln, das Judentum ins fortschrittliche Lager gezogen, wo man allerdings schöne Reden gegen die Antisemiten gehalten, aber nichts für die Juden gethan habe, während allein die Staatsgewalt, das Ministerium, die „Rechte" cs gewesen, welche den tatsächlich geschaffenen Wandel herbeigeführt hätten, nur allerdings ohne den Lärm, den die Linke stets mache, wenn sie glaube, etwas erreicht zu haben.
Der Aufsatz kommt dann noch zu der Nutzanwendung mit bezug auf die bevorstehenden Landtagswahlen: es sei die Aufgabe der Juden, für das staatserhaltende Prinzip einzutreten, welches allein die Wohlfahrt der Nation und damit auch die der Juden zu fördern im stände sei, für das Prinzip also, welches mit der Macht des Staates für die Bedürfnisse der Angegriffenen und Schwachen eintrete und welches seine Grundlage in den sozialistischen Bestimmungen der mosaischen Gesetzgebung finde.
„Alle Berücksichtigungen" — so schließt der Aufsatz — „sprechen dafür, daß eö die Aufgabe der Juden nicht sein darf, die Feinde der Regierung zu vermehren, daß sie vielmehr bei den bevorstehenden Landtagswahlen in den Reihen derjenigen gefunden werden müssen, welche ihre Bemühungen von unten herauf beginnend und das Wohl der Schwachen fördernd, für die Erhaltung und den Ausbau des Staates eintretcn, als des großen Gemeinwesens, das wir an die Stelle deö kleineren der Vergangenheit, der jüdischen Ge- meinde als solcher, setzen durften." — Diese verständige jüdische Stimme ist leider noch sehr vereinzelt!
Das Eiseubahuuuglück bei Essegg.
Wir entnehmen dem „Pester Lloyd" über die schreckliche Katastrophe folgende traurige Details: Die Drau- Brücke, die das Unglück verschuldet hat, ist eine baufällige Jochkonstruktion; sic bietet in ihrem gegenwärtigen Zustande ein gräßliches Bild der Verwüstung. Das dritte Joch vom linken Ufer haben die Wellen verschlungen, und der Riß, der durch den Einsturz enstanden, ist etwa sechzig Klafter breit. Inmitten dieses gähnenden Schlundes, nur etwas weiter vorn, ragen die Dächer von vier Waggons aus dem Waffer hervor, während die Lokomotive und der Tender gänzlich im Wasser verschwunden sind. Am rechten Rande des Risses hängt ein Waggon an der Kuppelkette in die Tiefe hinab, während fünf andere Waggons, die den Schluß deö Zuges bildeten, entgleist auf dem Brückenkörper stehen. Der übrige Teil des Zuges liegt teils im Wasser, teils wurde er von den Fluten fortgeschwemmt. Mit bebender Stimme erzählen die überlebenden Zeugen der schrecklichen Katastrophe den Hergang der Sache. Aus ihrer Darstellung und aus den verläßlichen amtlichen Quellen stellt sich der Sachverhalt folgendermaßen dar:
Der verunglückte Eisenbahnzug bestand aus fünfzehn Waggons, und zwar aus sechs Personenwagen, einem Postwagen, einem Sammelwagen, dem Packwagen und sechs LastwaggonS. Die letzteren, in welchem sich die Husaren- Urlauber befanden, waren unmittelbar an den Tender an« gekoppelt. Als der Train bei dem unglückseligen drittletzten Brückenjoche anlangte, da stürzte das Joch selbst und das Mrauf liegende Brückenfeld unter riesigem Gekrache in die die Lokomotive und der Kohlenwagen ihnen nach ; per Letztere riß nun auch die Lastwagen, in welchen die
Husaren reisten, mit sich. Der erste Wagen, in welchem sich siebenundzwanzig Mann befanden, rollte donnernd in den Strom, der zweite Wagen, der mit dreißig Mann beladen war, stürzte ihm nach und fiel gerade auf den ersten, welcher durch den heftigen Anprall total zertrümmert wurde, — zum Glück für die darin befindlichen siebenundzwanzig Soldaten, welche durch die von der Wucht deö zweiten Wagens geschlagenen Breschen sich in den Strom stürzten und sämtlich ans Ufer schwammen. Dagegen wurden von den dreißig Husaren des zweiten Waggons blos fünf gerettet, die übrigen fünfundzwanzig erlitten den schrecklichen Tod. Als sie die Gefahr sahen, unter der entsetzlichen Last der Waggons zu ersticken, schlugen sie die Fenster und Thüren ein und — ertranken. Im dritten Wagen befanden sich siebzehn Husaren, von welchen sechzehn entkamen und nur Einer umkam. Zu bemerken ist, daß keiner der Geretteten mit ganz heiler Haut davongekommen, alle erlitten mehr oder minder bedenkliche Verletzungen, die bei siebzehn sogar besorgniserregender Natur sind. Auch ein Zimmermann, der mit der Reparatur der Brücke beschäftigt war, zur Zeit der Katastrophe sich in der Nähe der Unglücksstelle befand, stürzte hinab und wurde von den Wagcnkolossen zerschmettert, der Unglückliche hieß Johann FranciSci; er hinterläßt sieben Waisen. Der Maschinenführer des verunglückten ZugeS wurde durch den ungeheuren Ruck von der Lokomotive geschleudert und siel seitwärts von dm Wagen in den Strom; der Steuerman eines in der Nähe ankernden Schleppschiffes rettete ihm und einem Husaren unter eigener Lebensgefahr das Leben. Der Heizer der Lokomotive erfaßte in seinem Sturze einen Telegraphendraht und hing daselbst in der peinlichsten und qualvollsten Situation zwischen Himmel und Wasser, bis er gerettet wurde.
Deutscher Reich.
Berlin, 26. Sept. Bei Sr. Majestät dem Kaiser findet heute ein größeres Diner statt, zu welchem die hier anwesenden Minister und Staatssekretäre Burchardt und Stephan, die Unterstaatssekretäre Busch und Meinecke und andere Notabilitäten, sowie mehrere Generale geladen sind. — Fürst Biömarck soll sich, wie der „Magd. Ztg." berichtet wird, mehr als je von dem Gange der inneren Politik, namentlich von Aeußerungen über das Programm und die Vorlagen, welche dem preußischen Landtage zu machen seien, zurückhalten und cs durchaus Herrn v. Puttkamer und seinen Kollegen überlaffen, wie dem Landtage gegenüberzutreten sei. Andererseits — und wie dem Blatte scheint, mit größerem Rechte — behauptet man, der Kanzler halte zurück, bis der Ausfall der Wahlen, deren Leitung er Herrn v. Puttkamer überlasse, die Regierung vor eine klare Situation gestellt habe. — Es darf als sicher angesehen werden, daß vom Kultusministerium dem Landtag ein Lehrer-Pensionsgesctz vorgelegt werden wird. Man ist mit dieser Absicht bereits im vorigen Jahre umgegangen und die Vorarbeiten waren so weit gefördert, daß schon im Frühjahr die technischen Punkte des Entwurfs zum Abschluß gebracht waren. Der finanzielle Aufwand, den das Gesetz erfordert, wird sich auf 4 bis 5 Millionen Mark belaufen. — Der „Wiener Montags Revue" wird von hier aus geschrieben: „Der Rücktritt des Legationsrats Lothar Bucher aus dem Staatsdienste dürfte int Laufe der nächsten Wochen stattfinden. Die Meldungen über angebliche Friktionen desselben mit seinem obersten Chef sind jedoch unbegründet. Die Ursache seines Austrittes ist vielmehr in der Strenge des aufreibenden Dienstes zu suchen, höchstens wirkte vielleicht auch ein Mißvergnügen über einzelne Vorkommnisse und über einzelne Persönlichkeiten in Buchers bisherigem Wirkungskreise mit. Hierbei wäre jedoch keinesfalls an die beiden ihm übergeordneten Herren zu denken." — Die Magistratskommission, welche über die Neueinteilung der Stadtverordneten-Wahlbezirke verhandeln soll, ist bereits am Sonnabend unter dem Vorsitze des Oberbürgermeisters von Forckenbeck zusammengetreten und hat sich dahin geeinigt, daß die neuen Wahlbezirke möglichst abgerundet sein und eine annähernd gleiche Wählerzahl haben sollen, daß aber die historischen Stadtteile nach der Stadtbezirkseinteilung möglichst zu erhalten seien. Eine Subkommission wurde schließlich beauftragt, auf gründ früherer Entwürfe ein neues Projekt für die BezirkS- einteilung aufzustcllen. — Der „Nationalzeitung" zufolge einigte sich eine große Anzahl Stadtverordneter in einer gestern stattgehabten mehrstündigen Privatversammlung über eine dem Magistrat für die Festigkeit bei der Behandlung der Auflösungsfrage auözudrückcnde Anerkennung, sowie über eine den Standpunkt der Versammlung darlegende
In den ersten 10 Minuten nach der Katastrophe bot nach Beschreibung der Augenzeugen die Unglücksstätte daö bewegte und rührende Bild eines kolossalen Kampfes auf Leben und Tod, die Luft, noch zitternd von dem Donnern der eingestürzten Brücke und der hinabgesunkenen Massen, war von den markerschütternden Jammerrufen der Bedauernswerten erfüllt, die mit allen Kräften vor dem Tode in den Wellen Rettung suchten. Ein Waggon, dessen Verkoppelung abgerissen war, wurde durch die Fluten wcgge- schwemmt; ein braver Matrose ruderte dem Waggon in einer Zille nach nnd sprang auf dessen Dach, um die eventuell darin Befindlichen zu retten; in diesem Moment erfaßte den Waggon ein Wirbel, er kippte um und der wackere Matrose fiel ins Wasser. Ein hunderistimmiger Schrei des Entsetzens entrang sich der Brust der zahlreichen Menschen, die unterdessen vom Ufer Kähne, Nachen und Zillen losgebunden hatten, um den Bedrängten zu Hülfe zu eilen. Zum Glück war rasche Hülfe zur Hand, und der Matrose, der seinen Edelmut schier mit dem Leben bezahlt hätte, wurde aus dem Waffer gezogen. Die Retter, darunter insbesondere Lieutenant Hrumpa, (das „Frdbl." nennt ihn Purkas), der Kommandant des verunglückten Militärtransportes, arbeiteten mit übermenschlicher Kraft und heldenmütiger Ausdauer, und nur ihren Anstrmgungen dankt man es, daß das Unglück nicht noch mehr Opfer gefordert. AlS besonderes Glück muß auch der Umstand bezeichnet werden, daß der Sammelwagen, der zwischen die Lastwagen und die Personenwaggons eingeschaltet war, infolge des Ruckes entgleiste und dadurch verhinderte, daß auch der übrige Teil des ZugeS hinabstürzte.
Beim Rettungswerke selbst unterliefen ganz merkwürdige Episoden. Mehr als einmal hing da ein Menschenleben