Marburg, Sonntag, 24. September 1882
Rr 223
XVII Jahrgang
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Die Verbreitung des Getreides ans der Erde.
Die geographische Verteilung der Cerealien auf der Erde hängt von ganz bestimmten Verhältnissen ob und ist hierbei der Hauptsache nach maßgebend das Klima eines Landes, verbunden mit besonderen örtlichen Verhältnissen. Bei näherer Betrachtung der Verbreitung deS Getreide- ergeben sich ganz bestimmte Zonen, in denen stets Eine Getreideart besonders vorrherrscht und vorzüglich zur Bereitung des BroteS verwendet wird und demgemäß haben die wichtigsten Gctreidearten, wie der Hafer, der Weizen, die Gerste, der Roggen (Korn), der Reis und der Mais, jede ihr Ge- biet, in welchem vorwiegen die eine oder die andere der genannten Cerealien gebaut wird. WaS nun zunächst die äußersten Grenzen für den Getreidebau überhaupt anbelangt, so wird in Europa über den 70. Breitengrad hinaus kein Getreide mehr gebaut, in Asten bildet der 60. Breitengrad diese Grenze und in Nordamerika schließt der Getreidebau ungefähr mit dem 57. Breitengrad ab. In allen nördlich von den genannten Linien liegenden Ländermassen, also zum größten Teile im nördlichen Polarzebiet, ist der Getreidebau demnach ganz unmöglich und dementsprechend findet auch in den Ländern der südlichen Polarzone kein Getreidebau statt. Auch in mehreren Ländern am Aequator wird kein Getreide gebaut, aber einfach deshalb nicht, weil bie Natur hier pflanzliche und tierische Nahrungsmittel °hne jede Kultur in reichlicher Fülle spendet. Wenig Getreide wächst in Afrika jenseits des südlichen Wendekr.iseS, sowie auf den Inselgruppen westlich von Ceylon und Malabar, hier verhindert die ungeheure Sonnenglut die Entwickelung deS Getreides, denn ehe sich noch die Aehreu
hat man sogar in egyptischen Mumien gefunden. Im Verein mit dem Hafer hat die Gerste ihre Herrschaft in Europa und Asien bis fast an den Polarkreis ausgedehnt, wo sie der niedrigen DurchschnittStcmperatur und dem steilen Boden zum Trotz ein wenn auch nur kümmerliches Dasein führt. . In den nördlichsten Gegenden Europas und Asiens ist daher auch die Zone zu suchen, in welcher die Gerste neben dem Hafer ausschließlich herrscht; ihre Heimat läßt sich jedoch nicht mit Sicherheit angeben.
Neben der Gerste ist der Hafer die verbreiteste Ackerpflanze in den gemäßigten und kalten Strichen aller Weltteile. Den Hafer kann man als die ursprüngliche europäische Brotfrucht bezeichnen, denn Kelten und Germanen kultivier- ten den Hafer schon vor 2000 Jahren, also zu einer Zeit, wo man im größten Teile von Europa noch nichts von dem Bau der anderen Cerealien wußte..
Von den Ländern jener Völker aus scheint sich der Hafer rasch nach den übrigen Erdteilen verbreitet zu haben und nur in ganz heißen Ländern, namentlich in solchen mit weiten sumpfigen Niederungen, wie Egypten, Indien, dann den westindischen Inseln vermochte er, das Kind des Nordens, keinen Fuß zu fassen, deshalb war auch der Hafer den Egyptern, Hebräern, Griechen und Römern unbekannt. Seit der Einführung nahrhafter und besserer Cerealien wurde indessen der Hafer immer mehr auf magern Boden und in unwirtliche Gegenden zurückgedrängt und wenn er auch in nördlichen Gegenden in großen Quantitäten angebaut wird, so dient er doch meist nur als Futterpflanze für die Haustiere, wenn schon in manchen Gegenden das aus Hafer bereitete Brot den ärmeren Volksklaffen als NahrungS- mittel dient. (Schluß folgt.)
f Der konservative Wahlaufruf.
Wir haben gestern an der Spitze unseres Blattes den Wahlaufruf gebracht, welchen die Zentralleitung der konservativen Partei erlassen. In folgendem geben wir die Kritik, welche von einer sehr zuständigen Seite darüber gefällt wird.
Die Stellung, welche der konservative Wahlaufruf gegenüber dem Liberalismus einnimmt, kann angesichts der Stellung, zu welcher sich die „große vereinigte liberale Partei" nun schon seit Wochen entschlossen hat, nicht Wunder nehmen, ja sie muß als berechtigt und begründet anerkannt werden.
Die liberalen Parteien wollen einig sein, sie haben sich zu gemeinsamem Vorgehen gegen die Konservativen verbunden, sie erkennen Niemanden mehr als liberal an, der einen Konservativen wählt. Ob das alles bei den Wahlen und in der Praxis wirklich so sein wird, bleibe dahin gestellt, — man hat wohl Grund, daran zu zweifeln.
Aber da die Liberalen absolut einig sein wollen, werden sie es sich auch gefallen lasten müssen, nach ihrer leitenden Partei — der Fortschrittspartei — beurteilt zu werden. Sie werden sich nicht beklagen dürfen, wenn nun die Konservativen ihnen gegenüber eine gleich schroffe Stellung einnehmen, und wenn die Konservativen die Liberalen als das nehmen, was sie sein wollen, als eine einige Partei, welche grundsätzlich den Konservatismus bekämpft.
Der konservative Wahlaufruf stellt ihnen nun eine Quittung aus, indem er die Liberalen als seine Gegner proklamiert.
Nicht genug hiermit, bekämpft er den Liberalismus auch mit derselben Methode und denselben Mitteln, die dieser nun schon seit Wochen anzuwenden sich gestattet hat. Und gerade deshalb erscheint uns der Aufruf der Konservativen sehr zeitgemäß: er beweist, daß sie von den Liberalen endlich etwas gelernt haben.
Was nützen die vorsichtigen Haarspaltereien, gedrehte und gewundene Sätze, welche sich nach Belieben dehnen laffen, was nützen Ankündigungen, wie sich die Fraktion zu einzelnen Entwürfen stellen wird. Von dieser Küchen
entwickeln können, hat die Sonne meist die Blätter, welche die Cerealien treiben, schon versengt, so daß eö auch zu keiner Körnerbildung kommen kann.
Die Höhengrenze für den Getreidebau ist sehr verschieden und hängt in erster Linie ebenfalls von klimatischen Verhältnissen ab. An der Ostseite des Himalaya, in einer Höhe von über 3000 Metern, gedeihen noch Weizen, Gerste und ReiS, in gleicher Höhe gibt es auch in den Anden noch wohlbestellte Getreidefelder. In den nördlichen Alpengegenden reicht die Grenze für den Getreidebau bis ungefähr 1160 Meter, in den Zentralalpen schon bis 1600 Meter und in den südlichen Alpen bis 1800 Meter. Selbst in Deutschland weichen die Grenzen für den Getreidebau noch ziemlich bedeutend von einander ab, denn während z. B. das Getreide am Harz, auf der Hochebene von Clausthal bei 560 Meter seine höchste Erhebung findet, gedeiht im Erzgebirge in der Gegend zwischen Oberwiesenthal und GotteSgab, also in einer Höhe von durchschnittlich 900 Meter, der Hafer noch vortrefflich.
Die Verbreitung nun der einzelnen Getreidearten auf der Erde ist sehr verschieden und hängt dies zum Teil davon ab, welche Quantität Wärme die Pflanze zu ihrer Entwickelung gebraucht. Gerste z. B. reift nicht mehr in Gegenden, in denen die mittlere Temperatur unter 8 Grad sinkt, oder wo sie sich über 22 Grad Wärme erhebt — teils hängt die Verbreitung von der Art und Weise der Kultivierung der einzelnen Cerealien ab.
Die größte geographische Verbreitung hat die Gerste, welche man überhaupt wohl auch als die älteste Ackerpflanze betrachten kann, denn schon die alten Egypter und Indier bauten die Gerste seit undenklichen Zeiten und ihre Körner
zettel-Manier hat Der konservative Aufruf glücklicherweise Abstand genommen.
Er packt vielmehr derb und kräftig zu, indem er aus hunderten von Kundgebungen und Anzeichen die richtigen Schlüsse auf die Ideale und Ziele des Liberalismus zieht, und diese in ihrer Nacktheit den Wählern zur Wahl und Entscheidung vorhält: „Herrschaft des Parlaments, konfessionslose Volksschulen, kein Schutz den wirtschaftlich Schwachen, keine Erleichterung der unteren Volksklaffen und der produzierenden Stände von dem harten Druck der direkten Steuern, keine Herabminderung der schwer empfundenen Volksschullasten, keine Maßregel zur Erhaltung eines kräftigen Bauernstandes und des ehrlichen soliden Handwerks".
Das sind alles freilich schwere Anklagen, — aber sie bilden den Extract von allem, was in liberal-fortschrittlichen Reden im PaAament und in Volksversammlungen, in Zeitungen und in Flugschriften gepredigt worden und tagtäglich noch gepredigt wird; man muß nur zu lesen und zu hören verstehen. Alle jene Anklagen können mit Dutzenden von Beispielen belegt werden.
Die fortschrittlich liberalen Blätter sind außer sich über die Art und Weise, wie ihre Partei hierdurch öffentlich charakterisiert worden ist. Sie hätten doch lieber in einem anderen Lichte erscheinen mögen. Man könnte ihnen antworten: .„Wie Du mir mir, so ich Dir." Die Scklag- worte „Reaction" und „konservativ-klerikale Coalition", mit der die Liberalen bisher ihre ganze Wahlagitatian unterhalten haben, werden eben einfach mit gleicher Münze wiederbezahlt. Aber mit diesem Vergleich würde man den Konservativen Unrecht thun. Denn so wahr die Anklagen sind, welche sie vor dem Volke gegen den Fortschritts- Liberalismus erheben, so unwahr ist der Vorwurf von dem Streben nach „Reaktion" und dem Vorhandensein einer „konservativ-klerikalen Koalition."
Noch ein Punkt erregt den Mißmut der fortschrittlich- liberalen Blätter, daß nämlich die Konservativen auch ihre Stellung in der Wirtschafts-, Gewerbe- und Sozialpolitik bei den Wahlen zu verwerten gedenken. Man hält ihnen entgegen, daß der Landtag mit diesen Fragen nichts zu schaffen haben werde. Nun, vor drei Jahren wollten die Liberalen auch den Streit um wirtschaftliche Fragen aus der Wahlagitation fernhalten, weil sie hierin Vorteil für sich erblickten. Und doch haben diese drei Jahre Landtagsarbeit fast in jeder Sitzung bewiesen, wie tief jene Fragen auch in die preußische Gesetzgebung eingreifen. Die Stellung zu den übrigen Hauptfragen des politischen Lebens läßt sich heute gar nicht mehr von der Stellung trennen, die die Parteien zu der Wirtschafts-, Gewerbe- und Sozialpolitik grundsätzlich einnehmen: vor allem in der Steuerpolitik ist diese Stellung von Ausschlag gebender Bedeutung.
Aus der Aufnahme, welche der konservative Wahlaufruf bei den Liberalen gefunden, werden die Konservativen ersehen, in welchen Punkten die Liberalen besonders empfind
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sich sind und für ihre Sache Schaden und Nachteil befürchten. ES wird in ihrem Interesse sein, diese Punkte im Wahlkampf besonders hervorzukehren und damit den kräftigen Vorstoß, den sie mit dem Aufruf gemacht, nach allen Seiten hin nachhaltig auszunutzen. Die konservativen Ziele müssen vor Verdunkelung, Verdächtigung und Mißverständnissen, welche die Liberalen über sie verbreiten, geschützt werden; das Volk soll und muß erfahren, daß auf der konservativen Fahne vor allem die Parole steht:
Hoch das Königliche Regiment! Schutz den wirtschaftlich Schwachen!
Bom Differenzenschwiudel a« de« Börse«.
Es wird jetzt mit allen Mitteln für die Börsen vorgebaut. Man scheint zu fürchten, daß dem Schwindel nun doch ernstlicher zu Leibe gerückt werden könnte. Auch der „Deutsche Juristcntag" hat sich über den Differenzspielschwindel an den Börsen vernehmen laffen, und zwar hat er sich dahin resolviert, „daß es sich nicht empfiehlt, Differenzgeschäfte zu verbieten oder zu beschränken". Es wird darauf weiter zurückzukommen sein.
Unsere offiziöse oder offizielle Nationalökonomie weiß von den Börsen im ganzen noch recht wenig; sie fängt eigentlich erst an, sich dieses Ungeheuer etwas näher anzusehen. Eine Arbeit vom Privatdozcnten Dr. Struck in Straßburg über „die Effektenbörse" (Bd. III. der „Staatsund sozial - wissenschaftlichen Forschungen" von Schmoller. 1881) ist eine der ersten systematischen wissenschaftlichen Arbeit aus diesem Gebiet.
Ueber „Differenzgeschäfte" enthält diese Untersuchung auf Seite 29 die folgende eigentümliche Auseinandersetzung, welche wir hier zunächst wörtlich anführen, indem wir vor- auSsenden, daß Dr. Struck seine Erläuterungen hauptsächlich auf die Berliner und die Londoner Börse (Stock Exchange) bezieht. Am angeführten Ort heißt es also:
„Die Mehrzahl der auf der Stock Exchange abgeschlossenen Geschäfte, nach einer Schätzung &/6*) der Gesamtsumme, zielt nicht auf reelle Transaktion ab, sondern die Absicht der Parteien geht nur darauf aus, an den erwarteten Kursänderungen zu gewinnen. Bei alledem ist jeder Vertrag auf wirkliche Lieferung und Zahlltng gerichtet; eine das Gegenteil besagende Klausel kommt nicht vor, so daß beim Abschlüsse gar nicht erkannt werden kann, ob das Geschäft ein spekulatives oder kapitalistisches. Allein der Verpflichtung zur Abnahme und Hingabe können die Parteien sich leicht dadurch entledigen, daß sie noch vor dem Liquidationstermine eine dem ersten entgegengesetzte« Geschäft abschließen, d. h. auf das EngagementSgeschäft die Realisation folgen laffen.... Durch jenen Akt wird nun die Verpflichtung zur Lieferung und Zahlung auf den
*) Anderweit- Schätzungen und Konstatierungen, z.B. für die Berliner und Wiener Börse, lauten noch ungünstiger.