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JHarßurg, Donnerstag, 21. September 1882
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ümciaennintint entgegen • bi" iSrpebition d. Blattes, foiiv d.Annoncen-Bureaux d LH- Dietrich u. Co. in und Hannover; Th.
Dietrich in Frankfurt a.M.; Laasenstein u. Vogler in Irnnlfurt a. M-, Berlin, 57,-zig, Köln rc.; Rubols Messe in Berlin, Frank- furt a. M. rc.
OhechkWsk ZeitW.
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition b Blattes, sowie d Annoncen-Bureaux von G 8. Daube u C». in Frankfurt a. M ; Jägersche BuchhaMung daselbst; Hermansche jBuchhandlung daselbst; Jnvaliderdank in Berlin; W. Tdienek in Elberfeld; C- vchlotte in Bremen.
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Der moderne Industrialismus.
Auf Gewerbe und Industrie beruhen allerwarts Handel und Wandel. Daö Gewerbe arbeitet in der Regel auf Bestellung für die Nachfrage, die Industrie in der Regel fürs Lager zum Angebot. Wer sich Kleider, Möbel u. s. w. anfertigen lassen will, wendet sich an das Gewerbe; wer diese Gegenstände fertig sucht, an die Industrie. Im allgemeinen wird die Industrie, da sie in Massen und für Angebot produziert, immer geneigt sein, minder haltbare Waren zu liefern, um die Abnutzung derselben und zugleich neue Nachfrage rege zu erhalten, felbstverständlich bei ent- prcchend billigeren Preisen. Gewerbe und Industrie müssen, jedes in seiner Art, auf soliden Geschäftsprinzipien beruhen, wollen sie ihrer Aufgabe inmitten der nationalen Wirtschaft gerecht werden, wobei sie mit einander konkurrieren, sich aber auch zugleich gegenseitig ergänzen. Gefährdet in ihrem Gedeihen werden sie indessen durch einen dritten Konkurrenten, durch einen jedweder Gesamtwirtschaft nachteiligen Feind, durch den Industrialismus.
Eine Definition des modernen Industrialismus zu geben, ist nicht ganz leicht, denn er tritt unter taufend Gestalten auf und nimmt immer neue Formen an. Er kennt nur einen Zweck und einen Grundsatz: raschen und reichen Gewinn zu machen, und in diesem Streben spekuliert er auf die Not und das Unglück, auf die Dummheit und Beschränktheit der Menschen, indem er die Waren qualitativ oder quantitativ verfälscht. Im Grunde genommen lebt der Industrialismus weit weniger von seiner gewerblichen, als von seiner spekulativen Thätigkeit. Eine leidliche Definition des Industrialismus verdankt man Herrn A. Lammers in Bremen, dem bekannten Manchestermann, welcher in Nr. 9 der „Gegenwart" vom Jahre 1882 den unglücklichen Versuch machte, gewisse UnfallverstcherungS- gesellschaften von dem Vorwurf, das Unglück der Arbeiter auSzubeuten, weißzuwafchen, indem er wörtlich schrieb:
. Das ist eine Sentimentalität ohne Sinn. Wie viele ErwerbSstände leben nicht von dem „Unglück" ihrer Mit
menschen! man kann beinahe sagen, alle ohne Ausnahme. Der Arzt von den Krankheiten, der Lehrer von der Unwissenheit, der Advokat von Rechtsstreitigkeitcn, der Bäcker und der Schlächter vom Hunger, der Kartoffelbrenner wie der Bierbrauer vom Durst, sämtliche Offiziere von der Kriegsgefahr..." Und in einem Berliner liberalen Bürgerverein frug unlängst ein Gesinnungsgenosse des Herrn Lammers mit gleicher Miene: „Ziehen nicht die Aerzte ihren Gewinn ans den Leiden ihrer Mitmenschen? Sind eö nicht die Krankheiten, durch welche sie Geld verdienen?"
Wer solche Fragen aufwirft, muß die Menfchen für dumm halten und selbst höchst oberflächlich oder unsittlich denken; denn wenn es wahr wäre, daß die Aerzte, Advokaten, Lehrer, Bäcker, Brauer rc. aus dem Unglück, der Unwissenheit, auö dem Durst und Hunger rc. ihrer Mitmenschen ihren Gewinn zögen, so würde man im Interesse des wirtschaftlichen Gedeihens des Volkes recht viel Unglück, Unwiffenheit, Hunger, Durst rc. herbeizuwünschen haben, damit Erwerb und Gewinn sich vermehrten.
Jndeffen, jene Fragen wollen beantwortet sein und so sagen wir: Ja, es giebt Aerzte, Advokaten, Bierbrauer, Aktiengesellschaften rc., welche von der Not, dem Unglück oder der Dummheit der Mitmenschen leben. Das sind die Anhänger des modernen Industrialismus, Aerzte, welche die Krankheiten nicht heilen, sondern vorsätzlich in die Länge ziehen, Advokaten, welche mit Hilfe der Prozeßlust ihrer Klienten aus jeder Streitigkeit Dutzende von Prozeffen entwickeln, Bierbrauer, welche ein schlechtes, dursterweckendes Gebräu anfertigen, Unfallversicherungsgefellschaften, welche mit dem armen, verkrüppelten Arbeiter lange Prozesse führen und ihn zuletzt um sein gutes Recht bringen; gewisse grundsatzlose Händler mit fertigen Kleidungsstücken, welche nach einmaligem Anziehen zerreißen; Wanderlagerbesitzer und verwandte Unternehmer für den Vertrieb wert- und zweckloser Gegenstände, Geheimmittelfabrikanten, Kunstweinproduzenten, Börsenjobber, Gründer, Wucherer u. dgl. m., welche Unglück, Unwissenheit, Mangel und allerlei Bedürfnisse der Menschen, ohne die geforderte und verheißene Abhilfe zu fchaffen, auSbeuten und zur Bereicherung benutzen.
Leider hat dieser Industrialismus in Deutschland große Fortschritte gemacht, den Gewerbestand in Verfall gebracht, Treu und Glauben in Handel und Wandel vielfach vernichtet und sich fo emporgeschwindelt, daß angesehene Volkswirte wie LammerS u. a. eö als eine „Sentimentalität ohne Sinn" zu bezeichnen wagen, wenn man die Exzesse des Industrialismus beklagt und dessen Grundsätze als unsittliche und entsittlichende bezeichnet.
Nicht von dem Unglück und nicht von den Bedürfnissen ihrer Mitmenschen sollen Gewerbe und Industrie in Ehr
lichkeit leben, sondern von der Beseitigung deS Unglücks durch Heilung der Krankheit rc. und von der Befriedigung der Bedürfnisse durch Lieferung reeller, preiswürdiger, zweckentsprechender Ware. Daran denkt der Industrialismus nicht, welcher lediglich seinen Gewinn im Auge hat. Er lebt von dem Mißbrauch des öffentlichen Vertrauens, und wenn das Publikum nicht klug wird, so wird zunächst die Verwaltung, später auch die Gesetzgebung, daran zu denken haben, ob man nicht jenen schwindlerischen Jndustrialisten ein wenig daö Handwerk legen kann, damit deren böses Beispiel nicht weiterhin gute Sitten verderbe.
Der Industrialismus ist mächtig durch liberale Gesetze begünstigt worden, die unter dem Einfluß der Bamberger, Lasker und ähnlicher Leute fertig gemacht wurden. Kommt eö dazu, daß diese wieder daS große Wort führen können, dann hoch der Eigennutz, hoch die Arbeit, die, statt reelle Werte zu schaffen, die Früchte geschaffener Werte ausbeutet. Hilf Dir selbst, sagte der Fuchs, uno biß der Henne den Kopf ab I (D. T.)
Deutscher Reich.
«erlitt, 19. Sept. Die „Nordd. Allg. Ztg." stellt die Meldung der Blätter, Geh. Rat Kinel aus dem Reichs- eisenbahnamte sei nach dem Reichslande gereist, um den Zustand der dortigen Bahnen zu untersuchen, dahin richtig, daß Kinel, der nicht dem Reichseisenbahnamte, sondern dem dem Staatöminister Maybach unterstellten Reichsamte für die Verwaltung der Reichsbahnen angehöre, die alljährlich ihm aufgetragene Prüfung der Reichsbahnen vornehme.— Daß man vielfach versucht, den Eindruck, welchen die schreckenerregenden statistischen Zahlen über die Thätigkeit des Steuerex-kutors hervorgebracht haben, abzuschwächen, darf keine Verwunderung erregen. Wenn nun aber immer wieder mit Geflissentlichkeit darauf hingewiesen wird, was einzelne Private, industrielle Unternehmungen rc. gethan, nm ihre Arbeiter davor zu behüten, daß sie dem Exekutor verfielen, indem die Steuer für Letztere auögelegt wurde, so geht man dabei wieder einmal sehr einseitig zu Werke. Denn man vergißt, seinen Lesern mitzuteilen, daß in vielen Gegenden auf dem Lande stehend-r Gebrauch schon längst war und noch ist, daß der Gutsbesitzer und der Bauer für ihre Tagelöhner und ihr Gesinde die Steuern bezahlen; teilweise wird es sogar im Lohnvertrage festgestellt, daß der Brodherr die Steuer zu tragen habe. Wenn nun aber, trotz dieser privaten Initiative für gewisse Teile des Arbeiterstandes die Exekutorstatisiik noch solche Zahlen auf- weist, wie sie es thut, dann ist der vorhandene Notstand doch durch jene, so sehr dankenswerte Initiative eben nur
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Auf bett Höhe» bott Anbermal.
Der Wirklichkeit nach erzählt von A. Gnekow (Schluß.)
Ich halte Dich, fuhr er mit verklärtem Lächeln fort, und nun laß ich Dich nimmer; wie lange dauerts und Christmeß kommt, wenn'S dann weiß bei uns ist, kein Fremder mehr fährt, führ' ich Dich ein in mein Haus und häng' Dir die silbernen Ketten um, die Du mir heimgeschickt hast in Trotz und Aergernis. Meine Mutter, weißt Du, meine Mutter war auch aus dem Bernerland, und keine Treuere gab's, wo man auch suchen wollt'. Und weil Du daher kommst in ihrer Tracht, hab' ich Dich aus- erfehen, und ich hab' gelacht, als die andern gemeint, Du schst nach dem Rudi und Dein Sinn stände nach ihm. Nun blick' mir in's Auge, mein Mädchen, recht nah und recht lange, und sag's dann, daß ich thöricht gehandelt, wenn ich all' die Jahre lang den Tag vertrauert, an dem man gesagt, Du hättest den andern gefreit, daß Du nur mich gemocht, und daß Du's nicht so gemacht, wie die Liebste des Malers, die sein Herzblut getrunken, daß er hineingemußt in den See, den tiefen, tiefen See der vier Rantone. H .
Abermals eine Pause, Toni lehnte sich weit über den Sterbenden, ihr Gesicht war selbst so bleich wie das einer Toten, aber ein seltsamer Zug von Energie lag daraus, als sei sie willens, etwas durchzusetzen, gegen daS sich weibliche Scheu und ängstliche Zaghaftigkeit wieder auflehnten.
Veroni liebt Dich, Joseph, sagte sie leise, und wenn Du stirbst, wird sie'S nie überwinden und eS wird sie Dir nachziehen, denn sie gehört Dir von nun an bis in alle Ewigkeit. _
Gedämpft gilt ein Lachen über die Lippen des Sterbenden, und nie in meinem Leben hörte ich etwas so trauriges, wie diese Laute der Freude in der düsteren Stille
des Krankenzimmers, nie berührte mich etwas so weh, wie dies letzte Aufflackern irdischen Behagens, daS — doch nur einer Täuschung galt.
Und wenn’S bann zu Ende geht, murmelte der Kranke mit halbgeschlossenen Augen, legst Du die Hand auf meine Stirn und Veroni, seine Arme breiteten sich au8, weit, weit, bann nennst Du mich noch einmal Deinen Sepp, wie auf der Platte, von der Tell hinabsprang, die Sonne leuchtet dazu, die Blumen duften und die Wellen des Sees kommen zu uns heran und singen ihr Hochzeitslieb.
Toni erschauerte leise und ihr Auge tauchte sich mit banger Frage in baS des Ungarn, ber ihr nach kurzem Zögern beschwichtigend zunickte.
Der Athem deS Sepp war kürzer geworden, stoßweise nur kam es aus ber zerschmetterten Brust unb ein unaussprechlicher Zug von Sehnsucht und Angst legte sich über seine Züge. Jetzt kommt's, hauchte er abgebrochen, schwarz, ganz schwarz, daS ist wieder der Rudi, der mich in's Elend stößt, daS ist der Rudi, den sie in's Gefängnis gesteckt haben, wie mir gestern und heu' ber fremde Herr und die Dame erzählt, die Dame, die Dir so ähnlich sah, Veroni. Und wenn er nur käme, um mich zu schrecken und wieder zu verschwinden, aber er bleibt, er nimmt mit die Veroni, ihre Hand fühl' ich nicht mehr, baS Wort blieb sie mir schuldig und — das ist der Tod!
Er schlug noch einmal die Augen auf, groß und weit, und umpfing mit einem vollem Blicke ber Liebe das blonde Haupt Tonis, das sich über ihn geneigt unb ihm mit blaffen Lippen ein leises Wort zugeflüstert hatte. Dann lag er still, kälter und kälter würbe bie Stirn, auf ber bie weißen Finger Tonis ruhten unb ohne Tobeskampf ging er hinüber in bas Reich, wo alle, alle Herzensstürme schweigen.
Am andern Tage fuhren wir hinab nach Flüelen, mit unS der Ungar, den wir alle liebgewonnen hatten in seiner
edlen Männlichkeit, seinen ritterlichen Manieren, seinem Heldenmute. AuS den schroffen Felspartieen, ringS um Andermal herum kamen mit allgemach wieder in das lieblich, mit Obstbäumen reich bestellte Thal, in dem bie Reuß ihren AuSgang nimmt, und wie bet menschliche Geist nun einmal elastisch unb für neue Eindrücke empfänglich ist, schwand auch uns die Erinnerung mehr unb mehr für bog Traurige, das wir hinter uns gelassen, und Freude an der herrlichen Gotteswelt, Freude auch an dem Liebesglück, das unverkennbar aus den Blicken unseres jungen Freundes leuchtete, wurde in uns wach.
Nur als wir im Dampfschiff auf den tiefblaugrünen Fluten des Vierwalestädter SeeS dahinglitten und an der Tellsplatte vvrüberkamen, zog uns allen daS Herz in wehem Empfinden zusammen unb wir sandten einen trüben Blick bortv/^nauf, wo Treue geschworen und nicht gehalten wurde.
Dsie Wellen aber fangen ihr uraltes Lied weiter und weilrogrc^, von den Gipfeln ber Berge schaute bet ewige Schnet'.cherab, und unter der Tellsplatte war es, wo bie Hanb des Ungarn sich leise ausstreckte, Toni die ihre mit tiefem Erglühen hineinlegte und ihre Mutter freundlich zu den Kindern hinüberlächelte.
Heut' ist die blonde Toni schon die Gattin des schlanken Ungarn, heut' weilt sie schon mit ihm auf dem stattlichen Edelsttze, der ihm in der Heimat gehört, für das nächste Iaht aber haben wir eine Wiederholung ber schweizer Reise geplant, nur baß bann wohl nicmano von uns nach einem besonderen Abenteuer sich sehnen wirb, daß wir eS vermeiden werden, den schwarzen Rudi als Kutscher zu nehmen, falls er schon aus dem Gefängnis entlassen wurde, und daß es uns Freude machen wirb, einen Grabhügel mit frischen Blumen zu schmücken, ber ein teu res Männerherz auf Andermal deckt.