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xvii Jahrgang

Marburg, Sonntag, 17. September 1882

Nr 21»

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Die Politik auf -er «auiucheujagd.

(Korrespondenz aus Paris.)

Während in allen Blättern das neue RegiemngS-Pro- aramm lebhaft diskutiert wird, bringt der Telegraph schon wieder eine sensationelle Nachricht, welche einen erneuten Beweis von der Rührigkeit des KabinettschcfS liefert. Der Präsident der Republik, Grevy, hat den Konseilprä- sidenten Duclerc zur Kaninchenjagd nach Mont-sous-Vaudrey eingeladen, und dieser wird sich in den nächsten Tagen dorthin begeben. Wilson, der Schwiegersohn des Präsi­denten, einer der angesehendsten Politiker im republikanischen Lager, weilt bereits dort, und Freycinet, der Exkonseil- Präsident vom jüngsten Datum, wird ebenfalls erwartet; andere Berichte nennen auch noch Jules Ferry unter den eingeladenen Jagdgästen. Außer Freycinet und Duclerc geht auch der Kriegsminister Billot zum 19. d. M. nach Mont-fous-Vaudrey. Nach anderen Nachrichten wäre auch Say eingcladen. Freycinet wird jetzt als Haupt der Libe­ralen betrachtet. Die Antigambettisten aller Schattierungen möchten ihn gern in die Rolle des Oppositionsführers nach englisch-parlamentarischem Muster drängen, wonach er zu­gleich als der Totengräber und Nachfolger des aktuellen Kabinetts angezeigt wäre. Wenn er aber jetzt die Ein­ladung annimmt und mit Duclerc in den friedlichen Jagd­gründen der Vogesen zusammentrifft, so liegt die Vermutung sehr nahe, daß er nicht gewillt ist, jene von seinen Partei­genossen ihm zugedachte Rolle zu spielen, und daß er viel­mehr seinen Frieden mit dem neuen Kabinett schließen wird.

Allgemein ist es aufgefallen, daß Grevy jetzt zum ersten- male seit seiner Präsidentschaft aus dem passiven Zustande seiner unbedingten Parteilosigkeit heraustritt. Er geht ernstlich daran, das Programm des Kabinetts: Versöhnung der republikanischen Gruppen, durch persönliche Initiative zu unterstützen. Dieses Hervortreten des Präsidenten der Republik mit seiner Person, daS man unter der Präsident­schaft Thiers und Mac-MahonS als unkonstitutionell be­zeichnete, wird auf zwei Gründe zurückgeführt. AIS In den Tagen des Interims nach Freycinets Sturz sich durchaus niemand finden wollte, der das schon halb zerbrochene Steuerruder des bedenklich ins Schwanken geratenen StaatS- schiffeS übernehmen wollte, befand sich der arme Präsident ohne Regierung in großer Verlegenheit. Sein einziges politisches Geschäft war außer formeller Namensunter­zeichnungbisher gewesen, den Auftrag zu neuen Kabinetts­bildungen und die Demission deS abgetretenen zu vollziehen. Fünfmal hatte er diese Operation glücklich zu stände ge­bracht; nun trat der Fall ein, wo die Verfassungsmaschine versagte, und wo er sich absolut außer stände sah, seiner konstitutionellen Präsidentenpflicht, ein neues Kabinett zu dekretieren, zu genügen. Da war guter Rat teuer, und er

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den aller intimsten gerechnet werden, alltäglich Bericht er­statten über jede Bewegung Duclercs. Eine andere Spezial­leitung führt durch den Mont CeniS nach Brindisi (ihre Verlängerung bis Alexandrien ist von den Engländern okkupiert). Dort sammelt ein Agent die übers Meer herschwimmenden Gerüchte auS Egypten und sendet sie direkt nach Clarense in GambettaS Villa., Gegenüber der­selben über den See fort erheben sich die hohen Schnee­alpen am Rhonethal, die einstmals Hannibal mit seinem Heere und seinen Elephanten und später der General der Republik Bonaparte mit seinen schweren Geschützen über­schritt. Die Bilder Hannibals und Napoleons und ihr endliches Schicksal mögen daher wohl oft den rastlosen Exdiktator in seinen Träumen am blauen See umgaukeln. Möge die herrliche Natur, die ihn umgiebt, und die mit tausend Zungen Liebe und Frieden predigt, auch ihren be­schwichtigenden Einfluß auf sein sanguinisches Temperament ausüben! (R.-B.)

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Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition b. Blattes, sowie d.A nnoncen-Bureaux von G L. Daube u. Go. in Frankfurt a. M; Jügersche Buchhandlung daselbst; Hermansche >Buchhandlung daselbst; Jnvalidendankin Berlin; W. Thienes in Elberfeld: C- Schlotte in Bremen-

mußte sich entschließen, Bedingungen anzunehmen. Duclerc wollte das schwierige Amt übernehmen, aber nur für den Fall, daß Grevy sich entschlösse, mit dem ganzen Gewicht seiner Persönlichkeit und Stellung für die Politik des neuen Kabinetts einzutreten. So hat dieses einen festen Hinter­grund erhalten; es kann nicht spurlos nach parlamentarischer Schablone verschwinden. Sein Sturz würde auch diese Basis die Stellung des Präsidenten der Republik erschüttern. Das Kabinett steht insofern fester als alle seine Vorgänger seit 1879, weil sein Sturz unfehlbar eine Krisis herbeiführen würde, die einen klaffenden Spalt in dem Gebäude der dritten Republik aufdecken würde, und weil gerade die republikanischen Parteien diese Krisis fürchten; sie werden sich lieber vor den Autoritäten beugen, als eS dahin gelangen zu lassen. Der andere Grund, warum Grevy sich geneigt zur persönlichen Teilnahme an der Politik zeigt, ist in seinem innigen Freundschaftsver­hältnis zu Duclerc zu suchen. In einer gemeinschaftlichen politischen und geschäftlichen Wirksamkeit hat die Vergangen­heit ein festes Band um beide geschlungen. Duclerc war schon oftmals der Ratgeber des anspruchsloferen Grevy gewesen, und dieser hatte niemals Ursache gehabt, die Be­folgung eines solchen Rates zu bereuen. Was ist daher natürlicher, daß nun, wo die beiden Dioskuren in gemein­samer Wirksamkeit das Schicksal Frankreichs leiten sollen, die persönlichen Maßnahmen derselben sich gegenseitig ganz und voll unterstützen werden. Duclercs Talent, Herzen zu gewinnen, wird gerühmt, ebenso seine Kunst, den Ein­druck der Offenheit zu machen und dabei seine eigenen Ab­sichten zu rerbergen. Auch an praktischer Ueberzeugungsgabe soll es ihm nicht fehlen. Die nächste Zeit muß es crweifen, ob ihm dieConciliation" gelungen ist.

Während man, mit diesen Verföhnungsgedanken im Herzen, in den Vogesen dem harmlosen Kaninchen nach­stellt, hat sich der Leiter der politischen Regie von seinem Platze hinter den Koulissen entfernt, um einige Tage Sommerfrische in dem herrlichen Chateau de Erstes am blauen Löman-See zu genießen. Dort auf dem klafstfchen Boden der Dichtung, wo einstmals der alternde Roussödu seine Leidenschaft für die Gräfin d'Hondetot in dem Roman La nouvelle Heloise verewigte, und wo Byron später den dritten Gesang des Childe Harold dichtete, weilt der Exdiktator zur Zeit der Weinlese mit besonderer Vorliebe. Gerade auf der Stelle, wo der Sage uach der Kastanien­hain stand, in dem Julia und St. Preux schwärmten, ist jetzt ein Telegraphenbureau eingerichtet, das sich unmittel­bar neben dem Salon GambettaS befindet. Eine Spezial­leitung geht nach Paris direkt in die Ministerien des Innern und der Justiz, von wo auö die Chefs dieser beiden Ressorts, die Herren Falliercs und DeveS, die zu zu dem Hinabstcigen in die Tiefe ausrüstcten, mit Taschen­tüchern den Stock fest an den Ledergurt, den er trug, zu befestigen suchten und mit zitternden Händen das Schloß des Gurtes prüften, ob cs auch Widerstand leisten würde, wenn der Fuß einmal ausglitt und die Schwere des Kör­pers darin hing. Toni war dicht an der Seite ihrer Mutter auf die Kniee gesunken, ihre Augen suchten einen Halt zwischen den wildverworren flatternden Wolken am Himmelszelt und der Mond, der nur einmal noch mit falbem Lichte hervortrat, beleuchtete ihr von Thräncn über- strömteS, bleiches Gesicht. Ich weiß nicht, wie mir selbst in jenem Angenblicke des Schreckens ein Gefühl der Be­wunderung für die rührende Schönheit unserer jungen Ge­fährtin kam, aber ich empfand, daß ich fast dasselbe willens war auszusprechen, was der Fremde sagte, der ihr flüsternd zurief: Beten Sie für mich l

Und bann, wie soll ich lencs vorsichtige Hinabtasten an der steilen Felswand zu beschreiben vermögen, wie soll ich von den Gefühlen Auskunft geben können, die uns durchzitterten, die wir an einem schwachen Stocke das Leben eines Mitmenschen zu halten versuchten, wie Auskunft geben über jene bangen Minuten, in denen wir nur ein keuchen­des Athmen, keinen Laut, kein Wort vernahmen, bis plötz­lich der Fremde aufschrie: Mein Fuß berührt ihn, aber tote soll ich ihn fasten, mich bücken und ihn herausbringen auf den Weg? Am äußersten Ende des Stockes ruhten schon krampfhaft fest unsere Finger, keinen Zoll breit vermochten wir weiter nachzttlassen, es schien nicht anders möglich, als daß der Mann wieder zurückgestiegen kam, um noch wet­tere Mittel und Wege zur Rettung zu überlegen, und doch ertönten, während wir noch zögerten, deutlich die schwachen Worte zu uns herauf: Um Gotteswillen heft, mir wird so wüst im Kopf, der Schwiitdel kommt und ich stürze hinab in dm Abgründ l

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Aus -e« Höhen von Andermal.

Der Wirklichkeit nach erzählt von A- Gnekow- (Fortsetzung)

Wer bedarf hier der Rettung, kann ich helfen? ich meine die Hülfe zweier Hände ist immer etwas wert, wenn cs gilt, ein Unglück zu verhüten und ein solches scheint mir hier vorzulicgen. Wie aus dem Boden gewachsen stand eine hohe Männergestalt plötzlich zwischen uns, grö­ßer noch als sie vielleicht in Wirklichkeit war, in dem Zwie­licht erscheinend, das der bald hervortretende, bald wieder verschwindende Mond über die Erde warf und mit Ränzel und Kontenstcck bewaffnet, die in ihm einen Fußgänger, Touristen, vielleicht auch einen Handwcrksburschen, wie er uns damals in seiner durchnäßten Kleidung, dem tief in bic Stirn gedrückten Strohhut erschien, erkennen ließen. Und wäre er ein Räuber, einer jener Männer gewesen, von denen der Scpp gesagt, sie verständen eS rasch nach Messer und Revolver zu greifen, wir hätten sein Kommen ebenso freudig begrüßt, wie wir eS bei diesem, augeuscheinlich harm­losen Wanderer thaten, denn er hatte recht gesagt, .um zwet Hände mehr war es UNS zu thuu, die sich krafttg und energisch bei dem Werke der Rettung regten.

Hut und und Gepäck deS Fremden lagen gleich daran, nachdem wir ihm den Sachverhalt kurz mitgetetlt, wett fortgeichleudert, er selbst aber kniete neben nur am Boden, hörte mit mir das leise, leise Stöhnen, sprang dann auf und bat flüsterud: Schieben Sie den Hacken meines langen Bergstockes durch den Gurt, der meine Joppe zu- sammcnhält und halten Sie daran fest, ich selbst aber wtll, so weit es geht, hinabsteigen und sehen, was sich sur den Unglücklichen thun läßt, der meiner Meinung nach nicht allzutief gefallen zu sein scheint.

Es waren schreckliche Minuten, in benett wir den Mann, der fein Leben für die Rettung eines andern einsetzen wollte,

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Deutsches Reich.

Berlin, 15. Sept. Das Programm, welches der konservative Provinzialverein für Schleswig-Holstein nach seiner Konstituierung von Neumünster aus ax den Herrn Reichskanzler richtete, hat Letzterer nach Mitteilung des Kieler Tgbl." durch folgendes Schreiben beantwortet: Varzin, den 12. September 1882. Das durch Euer Wohlgeboren mir übermittelte Telegramm des konservativen Provinzialvereins für Schleswig-Holstein habe ich mit 6er« kindlichstem Danke erhalten. Ich freue mich, daß in dieser Mitteilung gerade die Treue zu Sr. Majestät dem Kaiser und Könige und zur kaiserlichen Botschaft in den Vorder­grund gestellt wird; denn für die Zukunft des Reiches und der deutschen Staaten ist die Wahrung und Hand­habung der monarchischen Regierungsrechte nach Maßgabe der preußischen und der deutschen Verfassung wichtiger als die Definitionen der Parteiunterschiede, durch welche die in ver­schiedenen Fraktionen verteilten Anhänger der Monarchie ihre Trennung dokumentieren und verschärfen, v. Bismarck". Durch ministerielle Verfügung ist bett Regicrungs-Präst- benten, Regierungen u. s. w. von bet Beschwerdeeiner auf dem Gebiete ber Zentralheizungs-Anlagen mit bestem Erfolge wirkenden Gcschäftsfirma" bavoit Kenntnis gegeben worden, daß es dieser bei den fiskalischen Bauten trotz vielfacher Bemühungen bisher nur in seltenen Fällen ge­lungen fei, gegenüber einer anderen mit denselben Ein­richtungen sich beschäftigenden, von den bauausführenden Behörden häufig einseitig bevorzugten Firma sich Geltung zu verschaffen.Wenngleich in manchen Fällen", so lautet die betreffende Verfügung,wefentlich fachliche Gründe zur _ju 1

Die Wagenleine! zitternd, schaudernd stieß der Kutscher unserer Gefährtinnen neben mir die Worte hervor, und um der Auskunft willen, die er uns in jen,m Momente gab, verzieh ich dem Manne viel von dem schrecklichen Un­gemach, das er veranlaßt.

Die Leine kam, wurde hcrabgelassen und hing einige Augenblicke schlaff in der Lust, während der Fremde zu unS herauf rief: Jetzt kommts darauf an, ob der Stock mich auöhält, ich muß die Felszacken loslassen, um die Hände frei zu haben und mir die Seine um den Leib schlingen zu können!

Athcmlose Stille, fester noch wie vorher versuchten sich unsere Finger um Stock und Seine zugleich zu schlin­gen, dann gabs einen kleinen Ruck an letzterer, sie ließ nach und wir fühlten an ihr das Gewicht des Mannes hängen, während der Stock, den er wohl losgebunden, frei und unbehindert in der Suft schwebte.

Wenn jemals einer meiner Seser kurz, ganz kurz vor einem Ereignisse gestanden, von dem er wußte, daß die nächste Minute unbedingt Entscheidung darin bringen müsse, und daß diese Entscheidung ebenso gut entsetzlich unheilvoll, wie freudig ausfallen könne, bann hat er eine Idee von den Gefühlen, die uns burchwogten, während wir in völliger Finsternis an dem Rande des Abgrundes geschaart standen.

Kein Laut wurde gesprochen, kein Kopf wandte sich dem andern zu, wie festgemaucrt wurzelte der Fuß in der Erde, nur der heiße Athcm der Nachbarn streifte das Ge­sicht und zuweilen stöhnte Jemand auf in der Dual der Ungewißheit. Der Regen hatte nachgelassen, auch der Sturm war ruhiger geworden, aber die schmale Mondsichel kam dennoch nicht hervor, ber Himmel blieb nachtschwarz und von dem, waS unten vorging, war nichts zu bemerken.

(Fortsetzung folgt.)