XVII Jahrgang
Marburg, Sonnabend, 9. September 1882
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dürfnis der Steuerreform zu genügen, sowohl, fürs erste wenigstens, behufs Deckung der wachsenden Staatsleistungen, als behufs Erleichterung des Druckes der jetzigen Steuern. Herr v Bennigsen beruft sich auf einen Entwurf, welcher auf ähnlichen Basen vor zwei Jahren im preußischen Finanz- ministerinm zur Reform der Klassen- und Einkommensteuer wie der Gewerbesteuer ausgearbeitet und den Provinzial- Behörden zur Begutachtung mitgeteilt worden sei. Herr v. Bennigsen übersieht, daß eine gewissenhafte Finanzverwaltung die Gangbarkeit aller Wege prüft, und daß ein zum Zweck der Prüfung ausgearbeiteter und nur vertraulich innerhalb der Verwaltung mitgeteilter Entwurf noch nicht einmal den Entschluß zu einem gesetzgeberischen Versuch, geschweige ein bindendes Bekenntnis, einschließt.
Die Empfehlung des bezeichneten Weges fällt demnach ausschließlich auf die Verantwortung des Herrn v. Bennigsen, und die Empfehlung kann nur Befremden erwecken. Es ist eine auffällige Selbsttäuschung, darin Gerechtigkeit zu sehen, daß man den Teil des Einkommens, welcher au« Kapitalbesitz fließt, überall höher zu belasten vorschlägt. Unsere Voreltern sahen die Haushaltungen als schlecht geführte an, die neben dem Zehrpfennig und Ehrenpfennig die Zurücklegung eines Notpfennigs versäumten. Heute wird der Notpfennig nicht mchr in Schränken verwahrt oder in Kellern vergraben u. s. w., sondern angelegt, d. h. zinstragend. Will man diesen Notpfennig unbarmherzig höher besteuern, so wird er in vielen Fällen nicht mehr zurückgelegt werden. Dies wird unterbleiben teils aus Unwillen über die höhere Steuer, vornehmlich aber aus Besorgnis, der EinschätzungSkommisston immer wieder über den Verbleib des Notpfennigs Rechenschaft geben zu müssen, wenn die Not wirklich gekommen ist.,.
Di- Staatsregierung wird die Bemühungen fortsetzen, die Einnahmen, welche zur Steuerreform, namentlich zur allmäligen Beseitigung der Klassensteuer von unten auf, erforderlich sind, auf dem Wege indirekter Abgaben zu beschaffen, und die gefundenen Modalitäten den Vertretungskörpern annehmbar zu machen.
Aber die Staatsrcgierung weiß sehr wohl, daß bei Steuern sehr viel auf den guten Willen, auf die vorteilhafte Meinung der Besteuerten ankommt. Sollte Herr v. Bennigsen in der Lage sein, einen allgemeinen Enthusiasmus zu erregen für Selbstdcklaratiou jeder Art des Einkommens und Vermögens, für rigoristifche Strafen bei jeder Art von dabei unterlaufendem Irrtum oder Täuschung, für inquisitorische Kontrolle der gemachten Angaben in bezug auf ihre Genauigkeit, so würde am Ende freilich die Staatsregierung sich die Frage verlegen müssen, ob sie trotz schwerer Bedenken aller Art dem angesehenen Führer der nationalliberalcn Partei auf diesem Wege folgen dürfte.
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Wohl bem, auf dessen Liebesfrühling die Sonne der Erwiderung niederscheint, dessen lockender Ruf: „Komme zu mir I' ein Echo im verwandten Herzen findet; aus dem Versagen kommt leicht ein selbstsüchtiges Jnstchverstnken, aus der Enttäuschung zaghafte Mutlosigkeit, Knospen und Blüten, die der L-nz versprach, ersterben unter rem Eises- hauch, der über sie hinwcht und — es sind doch nicht alle geharnischte, wehrhafte Naturen, die aus einem Kampfe mit Leib und Schmerz als sieghafte Helden hervorgehen.
Auch der junge Engländer hatte geliebt, ein stolzes, schönes Mädchen, raS mit seinen Eltern an die User des Sees gekommen war, um Welt und Menschen kennen zu lernen, und das sich die Huldigungen des Malers gern gefallen ließ, weil sie seiner Eitelkeit schmeichelten, zu seinen Triumphen einen neuen hinzufügend, eS angenehm unterhielten.
Wie oft hatte das Mädchen ihm im neckischen Spiele die weißen, kleinen Hände gelassen, nach denen er verlangend gegriffen, wie oft mit den feinen Fingern eine Locke seines blonden Haares zurückgestrichen, wie oft sich näher an ihn geschmiegt, wenn ein Wetter am Himmel heraufzog und Donner und Blitz sie auf einfamen Spaziergängen überraschte.
In des Mannes Herzen wurzelte die Liebe, die er er- toioert glaubte, immer fester und fester, in dem des Mädchens wuchs die Befriedigung an seinen Erfolgen, bis es der Tändelei müve wurde, ein anderer kam, ein anderer seine Beachtung auf sich zog und der arme Maler zur Seite geworfen wurde wie ein Spielzeug, dessen man über-
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Die Provinzial-Korrespondenz" bringt in dieser Woche Nr IV "her Artikelserie über die „Klassensteuer". Diese letzte, anscheinend den Abschluß der Artikelserie bl dende, Betrachtung des Blattes über das genannte Thema laute :
Muß nach allen vorangegangenen Ausführungen die Klassensteuer als eine Abgabe bezeichnet werden, deren Erhebung einst durch die Not gerechtfertigt war, heute aber einen solchen Rechtfertigungsgrund nicht mehr besitzt und welche was am schwersten ins Gewicht fällt, der betroffenen Bevölkerungsschicht heute einen wirtschaftlichen Nachteil zu- fügt, der höher anzuschlagen ist, als im dritten und vierten 3ahrzehent unseres Jahrhunderts, so gebührt es sich, die Mittel des Ersatzes aufzusuchen. Denn nur um einen Ersatz kann es sich handeln, nicht um einen solchen Erlaß, welcher die Staatseinnahmen um den Betrag der Klaffensteuer vermindern würde; dazu sind die Anforderungen an die StaatSleistungen zu hochsteigende geworden.
In den vorangegangenen Ausführungen ist erwähnt, wie bei der Einführung der Klassensteuer von den Gegnern derselbeti eine stärkere Belastung der höheren Stände befürwortet wurde. Diese Belastung ist inzwischen in bedeutendem Maße eiligetreten. Es fragt sich, ob die völlige Befreiung der klassensteuerpflichtigen Bevölkerung durch die entsprechende Höherbelastung der wohlhabenden Stände erstrebt werden darf.
Es fehlt nicht an Stimmen, welche diesen Weg anraten. Aber so, wie dieselben sich meist vernehmen lasten, ist ihnen eine Uukunde der einschlagenden Verhältnisse anzumerken, welche ihren Ratschlägen nahezu jeden Anspruch auf Beachtung entzieht. Wollte der Staat, wie diese Ratschlage zu empfehlen sich getrauen, seinen Bedarf überwiegend dem großen Kapital entnehmen mittelst hoher progressiver Vermögenssteuern, Erbschaftssteuer, prozentualer und progressiver Besteuerung der Börsengeschäfte u. f. w , so würde er den größten materiellen Hebel jeder eigentlichen Zivilisation, nämlich die Kapitalbildung, und das zu derselben gehörige Operatiovsseld des Kapitals auf seinem Boden zerstören. Die Folge einer solchen Steuerpolitik würde sein, daß das deutsche Volk zum Teil sich der Kapital- bildung entwöhnte, um wirtschaftlich und ebenso in allen anderen Beziehungen unaufhaltsam auf die Stufe der Barbaren zu sinken. Ein anderer Teil, welcher dem Trieb der Kapitalanlage, als dem Erbteil einer langen Kulturgewohnheit zu folgen sortsahren würde, dürfte sich dazu den Boden des'Auslandes aufsuchen, ohne dadurch der zunehmenden heimatlichen Barbarei zu steuern.
Es darf wunder nehmen, daß die Anhänger der deutschen Freihandelsschule, die so wachsam sind, wo sie ein Stück Sozialismus zu sehen glauben - ohne zu unterscheiden, ob et« sich um wahren oder falschen Sozialismus handelt —
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Auf den Höhen von Andermal.
Der Wirklichkeit nach erzählt von A. Gnekow (Fortsetzung)
Viel hatte ich schon und vergeblich gesprochen, da trat Toni aus dem Halbdunkel hervor, indem sie bisher hinter mir gestanbett, ein voller Strahl der Sonne fiel auf ihre hohe schlanke Gestalt, bie rosigen Farben ihres Gesichtes, auf ihre ganze blonde, liebliche Schönheit, unb unter dem Sonnenstrahle schwanben bie Schatten, bie beS ManneS Stirn gebeckt unb nur in ben Augen, bie wie gebannt an meiner Gefährtin hingen, hafteten sie weiter unb ließen sie fast schwarz erscheinen in düsterer Erregung.
»ehn Minuten später fuhren wir in unserm Wägelchen bergab zu den Damen am Landungsplätze, die uns mit lautem Jubelruf begrüßten unb es nicht unterließen, Toni mit tausend Neckereien zu umringen, als ich ihnen erzählte, daß wir ihr allein den Triumph zu danken hätten, ben wir über Joseph davongetragen.
Das Mädchen blieb aber schweigsam, so ausgelassen unb munter es sonst auch sein konnte, unb schweigsamer noch verhielt sich unser Kutscher, der bie Leinen nachlässig in der Hanb ruhen ließ unb mit verlorenen Blicken tn bie bläulich angehauchte Weite starrte.
Es war schon viel gewesen, daß er uns die Bedeutung des Kreuzleins erzählt, das am Vierwaldstätter see stand, ich aber ließ mir an der knappen Kürze seiner Rede doch nicht genügen, mich interessierte das Schicksal des armen Mannes, dessen Grab der weite, tiefe See geworden unb da ihn der Kutscher gekannt haben mußte, wie nur aus i seinen Worten klar geworben schien, wandte ich mich noch- i mals zu ihm und fragte:
Lebte der englische Maler schon seit längerer Zeit hier in der Gegend?
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nicht auf ihrem Posten gesunden werden, wo eS sich um einen der gefährlichsten, zum falschen Sozialismus führenden Wege handelt. Der Trieb der Kapitalbildung ist kein Naturtrieb, sondern eine Eigenschaft, welche der menschliche Charakter durch die Kultur erwirbt, und welche gepflegt und geschont sein will. In einem großen Teil der Menschheit, vielleicht in dem zahlreichsten, erheben sich ganze Be- völkerungs chichten noch nicht über ein leichtsinniges ober ein resigniert stumpfes aus ber Hanb in ben Mund leben. Fängt man an, bie Gewohnheit ber Kapitalbilbung mit Hinbernissen zn umgeben unb gleichsam Strafen barauf zu setzen, so könnte man selbst bei einem Kulturvolk überraschend, schnell zur Ausrottung tiefer Eigenschaft gelangen, und bamit bes ersten Hebels ber Kultur.
Es kann unter Sachkennern kaum ein Wiberspruch sein, daß auf ben Trieb der Kapitalbilbung nichts so zerstörenb wirken müßte, als inquisitorisches Einbringen in die wirtschaftlichen Verhältnisse behufs hoher Besteuerung gewisser Vermögensformen.
Der falsche Sozialismus hat immer progressive Einkommensteuern unter spezieller Belastung des Einkommens anS sogenanntem fundierten Kapital verlangt. Der falsche Sozialismus wußte dabei wenigstens, was er that: er wollte zur Expropriation ober zur Vernichtung bes inbici- duellen Kapitalbesitzes gelangen. Dabei war ber falsche Sozialismus, abgesehen von der Verkehrtheit seines Zieles, in bet Voraussetzung befangen, baß es einen Staub großer Kapitalbesitzer unb eine vermögenslose Masse gäbe. Schriftsteller, welche ben Sozialismus auf eine wissenschaftliche Basis zu stellen suchten, haben zugegeben, baß bie Ansammlung bes Kapitals in ben Hänben Weniger ein Prozeß sei, ber jetzt noch in ber Vollziehung begriffen erscheine, nach dessen Vollendung erst zur Expropriation der Kapitalisten namens ber Gesellschaft geschritten werden könne.
Die neuesten Lobredner der auf inquisitorisches Eindringen in die Arten unb Größen beö Einkommens unb Vermögens basierten Steuern können nun nicht, wie die naiven Fanatiker bes falschen Sozialismus, den gewichtigen Umstand übersehen, daß daö Vermögen im engeren Sinne, das sogenannte fundierte Kapital, in den verschiedensten Maßen verteilt ist. So haben wir denn am 15. Juni im Reichstag aus dem Munde des Herrn v. Bennigsen gehört, man müsse einen Unterschied machen zwischen dem, was der Einzuschätzende in dem einzelnen Jahre erwirbt ans irgend einer Thätigkeit, unb dem, waö er au8 ererbtem ober früher erworbenem Vermögen an Zinsen ober Renten einzunehmen hat, man müsse untersuchen, ob bie Skala eine richtige sei, ob nicht bie Gleichmäßigkeit der Sätze zu wett gehe, ob nicht bie mittleren und unteren Klassen gegenüber ben höheren erleichtert werben müßten.
Auf tiefe Weise glaubt Herr v. Bennigsen bem Be-
Sepp kehrte uns sein Gesicht zu, so jäh, so hastig, baß ein leises Zittern durch Tonis Gestalt glitt unb seine Augen fixierten mich eine Minute hinburch so bringlich, als wolle er ergründen, wie weit in meiner Seele bas Interesse für die Beantwortung der Frage ging, die ich ihm soeben vorgelegt.
WaS er gefunden haben mochte, ich weiß es nicht, er ließ bie Peitsche burch bie Luft sausen, baß ihr Knall ein vielfaches Echo in ben Felsen weckte, ber Schimmel in einen rascheren Tritt verfiel, bie Schellen, bie das Pferd trug, lauter ertönten, unb bann sprach er in seinem schweizer Idiom, das un6 nur schwer verständlich war und fast in sich hinein, als gönne et uns nicht die Kenntnis ber Geschichte, wohl eine Viertelstunde, ohne baß es uns ermüdete, ober wir nötig gehabt hätten, ihn noch burch eine Frage zu unterbrechen.
Uralt, wie das Murmeln und Singen der Wellen im tiefen See, uralt wie ber Schnee, ber ewige Schnee, ber bie Gletscher krönt, war ber Inhalt bes Berichtes, ben Joseph uns gab. So lange bie Welt steht unb denkende, fühlende Wesen sie bevölkern, hat wohl in jedes Menschen Dasein einmal ber fröhliche, beseligende, alles verklärende Ruf getönt: „Dein Frühling, Dein Liebesfrühling kommt ! und tausend Keime, bie noch unentwickelt, verborgen im Grunde ber Seele geschlummert haben, Keime beö Wohlthuns, ber Nächstenliebe, ber offene Blick für fremdes Leib, ber feste Wille, Glück um sich zu verbreiten, wo man selbst so glücklich ist, sie kommen ungeahnt balb zur herrlichsten Entwickelung.
Es ist ein Blühen und Prangen In stiller Nacht aufgegangen, Wie ist es so wundersam.--