tragen, der uns weiter befördern sollte, und es hatte unsere Lachlust erregt, als er, wir wollten ihn höflich verabschieden, den Hut zog, ruhig stehen blieb, di- Waggonthür auf eine Art hinter sich schloß, wie eS der Hausherr thut, wenn er alle seine Gäste eingelassen, und gutgelaunt sagte: wir wurden nnö seine Gesellschaft wohl bis Winterthur gefallen lassen müssen.
Bis zu genanntem Orte hatten wir nur etwas über eine Stunde zu fahren, aber die Minuten vergingen wie im Fluge, unser Mitreisender offenbarte sich als ein Mann von Welt, als ein Mann, den die Natur mit der angenehmsten Unterhaltungsgabe ausgestattet und es beschlich uns fast ein Gefühl des Bedauerns, als wir auf der Station auSstiegen, von der uns eine kurze Wagenfahrt zum Rheinfall führen mußte.
Auf Nimmerwiedersehen, tönte es in unseren Herzen und — es trug doch, wenn ich cS recht bedenke, etwas von Charakter eines AbenteuDs. an sich, als. wir, Tage waren vergangen, bei der Abfahrt von Zürich unfern jungen Fremden völlig unerwartet wieder auf dem Perron trafen, wo er mit allen Zeichen freudigen Erkennens unsere fünf Rcisekosierchen musterte, die einträchtig beisammen auf dem Perron lagerten, uns uns mit so offener Herzlichkeit entgegentrat, daß seine Begrüßung uns alle freudig anmutete, auf den Wangen der blonden Toni aber, dem Nesthäkchen unseres Kreises, ein helles Rot hervorzauberte.
Wieder fuhren wir eine Strecke zusammen, wieder verkürzte anregendes Geplauder die Zeit, der Ftemde, der das Deutsche mit ausländischem Accent sprach, ließ uns seine Nationalität erraten Wib lächelte fast beglückt, als Toni mit einem scheuen Ausblick der blauen Augen die Vermutung aussprach, einen Ungar in ihm zu erkennen,
er lächelte, verbeugte sich, nannte einen schwer auSzu- sprechenden Namen, den wir im nächsten Augenblick wieder vergaßen, sprach von Landbesihungen, die ihm zugehörten und hing sich dann sein Lederränzel um, da ihn der schrille Pfiff der Lokomotive über die Nähe der Station belehrte, an der er aussteigen mußte.
Ein Händedruck ringS im Kreise, er war uns ja jetzt schon ein alter Bekannter, ein Blick aus tiefen, dunklen Augen, der mir am längsten auf dem blonden Scheitel Tonis zu haften schien, auf dem daS Sonnenlicht in tausend goldenen Lichtern spielte, und wir waren wieder allein und hatten Muße, über unfern Reisegefährten zu plaudern. Hierhin und dorthin wurde geraten, woher er käme, wohin er ginge, niemand vermochte ja die richtige Deutung zu finden, und zuletzt, als das Gespräch stockte, überließ sich jeder seinen Gedanken und dem schauen in die reizvoll geschmückte Landschaft, die sich unfern Blicken darbot.
Seitdem war uns der junge Ungar nicht wieder wie ein Deus ex machina erschienen, und wenn sich unsere kleine Gesellschaft ein Reiseabenteuer ersehnte, so machte sie es hierin ganz, wie es kleine Kinder mit dem brennenden Feuer zu thun pflegen, es zieht sie an, Unkenntnis der Größe der Gefahr lockt, einen Kampf mit ihr zu bestehen und — die Wunde brennt, ehe man eS sich noch gedacht.
Von Brunnen aus, das seine ländlichen Häuser und stattlichen Hotels in den Fluten des Vierwaldstätter Sees spiegelt, fuhren wir in einem mit einem Pferde bespannten Wagen die Axenstraße entlang bis Flülen, von wo aus wir dann nach dem sieben Stunden entfernten Andermat, das schon zur Hälfte des St. Gotthard hinauf liegt, gelangen wollten. (Fortsetzung folgt.)
Deutsche- Reich.
Berlin, 5. Sept. Der Kaiser, von dem Kronprinzen und der Kronprinzessin, sowie von den Prinzen Friedrich Karl und Albrecht begleitet, ist um l3/4 Uhr mit großem Gefolge von hier nach Breslau abgereist. Prinz Wilhelm folgt ihm dahin erst am 7. Sept. nach. Der Kaiser hatte vorher im hiesigen Palais mehrere Vorträge entgegen; genommen. Gestern empfing der Kaiser auf Babelsberg zahlreiche militärische Meldungen, arbeitete dann längere »eit mit dem Geheimen Kabinettsrate von Wilmowski und konferierte mit dem Minister von Puttkamer. Vor und nach dem Diner hatte der Kaiser Ausfahrten gemacht. — Ueber den die Kaiserin betroffenen Unfall und dessen Folgen wird uns von glaubwürdiger Seite mitgeteilt, daß, als die durch Anwendung geeigneter Mittel anfangs geminderten Schmerzen, welche besonders von der linken Hüfte ausgehen, allmälig wieder stetig zunahmen, die Konsultation eines Spezialarztes für wünschenswert erachtet werden mußte. Auf Verlangen der Kaiserin wurde Professor Madelung, früher in Bonn, jetzt in Rostock, von dort berufen. Derselbe hielt nach genauer Untersuchung die Anwendung eines Gypsverbandes für unvermeidlich, um die Heilung der durch den Fall gezerrten und gedehnten Muskeln und Sehnen herbeizuführen. Gleich nach Anlegung dieses Verbandes hatte die Kaiserin noch gesteigerte Schmerzen zu leiden, doch sind diese seitdem in der Abnahme begriffen, und erscheint der Heilungsprozeß als ein normaler. Abgesehen von dem durch die unbewegliche Lage hervorgerufeuen großen Unbehagen ist das Allgemeinbefinden der Kaiserin durchaus befriedigend und giebt zu Besorgnissen keinen Anlaß. Außer dem Leibarzt, Geheimrat Dr. Velten, wird auf Wunsch des Kaisers auch Dr. Timann zur ärztlichen Pflege bei Ihrer Majestät auf Schloß Babelsberg zurückbleiben. — Die „Nordd. Allg. Ztg." schreibt: Nach Einführung des indultum clementinum für bett Delegaturbezirk bleibt noch bie Frage zu erledigen betreffs der neuerlich in der Diözese Breslau eingeführten Praxis, wonach der katholische Pfarrer die Trauung verweigert, wenn vor oder nach derselben ein altkatholischer Geistlicher eine auf die Eheschließung bezügliche Handlung vornehmen soll. Diese Praxis stütze sich auf die Instruktion vom 1. Februar 1864 welche angeblich 1879 auch den übrigen deutschen Bischöfen zugefertigt worden ist. ES sei darin aber mit keinem Worte die Verweigerung der Trauung angeordnet, sondern es soll nur von der evangelischen Trauung abgemahnt und unter Umstänoen geschwiegen werden. Mit diesen Bestimmungen stehe die neuere Praxis, welche eilten schweren Angriff auf die evangelische Kirche enthält, in Widerspruch. — Nach der „Kreuz-Zeitung" ist als Termin für die W ah lm ä nn er- Wahlen der 11. oder 12. Oktober und für die Wahlen
der A b g e o r d n e t e n der 18. ober 19. Oktober in Aussicht genommen.
Breslau, 5. Sept. Großfürst Wladimir von Rußland und seine Gemahlin sind mit ihrem Gefolge heute früh 6l/z Uhr hier eingetroffen und von den Spitzen der hiesigen Behörden, sowie von dem Generalgouverneur von Warschau, Grafen AlbediuSkl, und dem russischen Obersten v. Dahler am Bahnhofe empfangen worden. General-Feld- Marschall Graf Moltke trifft heute nachmittag 4 Uhr hier ein. — Der Erzherzog Salvator ist heute früh hier elu- getroffen. Se. Kgl. Hoheit der Prinz Wilhelm wird abends um 7 Uhr erwartet. Zahlreiche Menschenmasien durchziehen die via triumphalis und bilden in den Straßen, welche die Breslauer Garnifon bei ihrer heutigen Rückkehr aus dem Manöverterrain pafsiert, Spalier. — Der (Königliche Marstall während der Manöver-Kampagne in Schlesien.) Der Vize Oberstallmeister v. Rauch wird auch während der Manövertage persönlich den Dienst in der unmittelbaren Nähe des Kaisers übernehmen. Aus dem Königlichen Marstall von Berlin sind bereits in mehreren Extrazügen 86 Karrossiers, zum größten Teil Trakehner Rapphengste, und 36 Reitpferde nach hier bezw. Wohlau abgegangen. Unter letzteren befinden sich die Leibpferde des Kaisers: Fuchswallach „Alexander", die Fuchsstute „Surprise", die dunkelbraune Stute „Brunhild", die Rappstute „Dark Lady" und die braune englische Stute „Darling". Der Reitstall untersteht speziell dem Königlichen Major Meyer vom ersten Haniioverschen Dragoner - Regiment Nr., 9, welcher zur Dienstleistung beim Ober-Marstall kommandiert ist. Für den gesamten Marstall sind zwei Königliche Wagenmeister, ein Sattelmeister, 30 Kutscher und PiqueurS und 20 Reitknechte mit 40 Equipagen hier bezw. in Wohlau stationiert; die hiesige Abteilung wird vom Königlichen Stallmeister Herrn Gebhardt, jene in Wohlau vom Königlichen Stallmeister Herrn Nistltt dirigiert. Vom 9. Sept, ab wird der gesamte Manöver-Marstall hier konzentriert. Auf den beiden Paraden wird der Kaiser bett „Alexander" reiten, während als Manöverpferd „Brunhild" bestimmt ist. , Für den Kronprinzen von Oesterreich und den Großfürsten Wladimir werden gleichfalls Königliche Leibpferde gestellt. Mit der Aufmerksamkeit, welche der Kaiser seinen Gästen stets entgegenbringt, hat er für bie beiden genannten Fürstlichkeiten von siinem Hofsattler Grothe in Berlin kostbares Sattel- und Zaumzeug anfertigen lassen, und zwar für den österreichischen Kronprinzen in den Farben des 2. brandenburgischen Ulanen - Regiments Nr. 11, dessen Chef Erzherzog Rudolf ist, für Großfürst Wladimir, als Chef der thüringer Hu aren, in den Farben jenes Regiments. Die für den letzter» bestimmte Paradeschabracke macht sich besonders reich durch den breiten silbernen Besatz aus dem hellblauen Grunde; die Zänmung ist geziert durch eine prachtvolle Schuppenkreuzkette mit fliegenden Kehlriemen,
Halbmond und lang herabfallendem weißen Roßschweif, ein breites Panzernetz wird als Genickschmuck für das Pferd dienen. Alle Wagenfahrten wird der Kaiser in seiner gummiberänderten, mit vier Rapphengsten bespannten Kalesche, der ein Piqueur voraufreitet, zurücklegen. Die Frau Kronprinzessin wird als Vertreterin der Kaiserin sechsspännig mit zwei Spitzreitern fahren, während für die anderen anwesenden Fürstlichkeiten sieben vierspännige Equipagen a la Daurnont aufgestellt werden. Den Paraden beabsichtigt die Frau Kronprinzessin zu Pferde beizuwohnen und dabei die Uniform bet schwarzen Husaren, deren zweiter Chef die hohe Frau ist, anzulegen; da der Kronprinz während der Manöver sich und seine Suite auö seinem eigenen Marstalle beeilten macht, sind auS diesem unter Führung des krvnprinzlichen Stallmeisters Herrn Mehlet 14 Reitpferde hier bezw. in Wohlau eingetroffen. — Der Premierleutnant v. Löbenstein I. vom 1. Garde - Ulanen« Regiment ist mit einem Kommando von 66 Pferden au8 sämtlichen Kavallerieregimentern des GardekorpS und den nötigen Mannschaften Sonntag mittels Extrazuges nach Wohlau abgegangen. Diese Pferde sind dazu bestimmt, die den schlesischen Manövetn beiwohnenden fremdherrlichen Offiziere beritten zu machen.
Freiburg, 4. Sept. Das wat eine schreckensvolle Nacht für Freiburg und Umgebung, eine entsetzliche, unglücksvolle für Hunderte von Familien! Gestern (also Sonntag) um 10 Uhr vormittags langte der aus Colmar abgelassene Extrazug mit etwa 900 Teilnehmern hier an. Die Reise sowohl, als der Aufenthalt dahier war vom Wetter begünstigt und da außerdem noch aus Basel ein Extrazug hier anlangte, so wat Freiburg gestern sehr belebt und es herrschte allenthalben eine heitere Stimmung, die bis in die späte Nachtstunde andauerte. Der Colmarer Extrazug war um 8 Uhr 10 Minuten wieder von hier abgefahren. Das Bahngeleise w hier nach Hugstetten, bet ersten Station von hier, führt durch den sogenannten Mooswald; nachdem bet Zug etwa 5 Minuten durch die Waldung gefahren, kommt er an eine Lichtung, von dieser wieder in Waldung, um in vier Minuten in Hugstetten zu sein. Wie auf bet ganzen Strecke, so ist namentlich daS durch die Lichtung hinziehende Bahnplanum mehr abfallend, so daß der Dampf an dieser Stelle kaum notwendig. Hier, an dieser Lichtung, ist die traurige Stätte, die seit gestern abend von tausenden von Jammernden und Wehklagenden umstanden wird. Der Zug, der, wie bereits erwähnt, 10 Minuten Verspätung hatte und infolgedeffen schnellet als sonst fuhr, wollte eben aus der Lichtung in die Fortsetzung deö WaldeS einfahren, als die Maschine entgleiste und den aus 26 Waggons bestehenden Zug zu einem Trümmerhaufen machte, eine leidet sehr große Anzahl seiner Insassen unter diesem begrabend. Die Maschine fuhr nach links in die Wiese, nachdem die sie mit dem Zuge
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Brief
Nr 210.
Anzeigen nimmt entgegen: bie Expedition d. Blattes, sowie b.Annoncen-Bureaux o. Th- Dietrich u. Co. in Mffel und Hannover; Th. Diettich in Frankfurt a-M>; Qaafenftein u- Vogler in jtanlfurt a. M., Berlin, Leipzig, Köln rc.; Rudolf Moffe in Berlin, Frankfurt a. M- rc-
XVII Jahrgang
Marburg, Donnerstag, 7. September 1882
WnWHk jfitiniij.
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition b. BlatteS, sowie d.Annoncen-Bureank von G L. Daube u. Co. in Frankfurt a. M.; Jäaersche Buchhandlung daselbst; Hermansche ^Buchhandlung daselbst; Jnvaliderdank in Berlin; W. Thienes in Elberfeld: C- Schlotte in Bremen.
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(SrlAfint tÄnfiA an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JllustrirteS SanntagSblatt" durch die Expedition (K o ch'sche Erscheint täglich außer an den Werktagen naw v^nn ‘ $ b* Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. (excl. Bestellgebühr., - Insertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg.
Buchdrucker-.) bezogen -"arl^ou j^ebifan zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adreffen werden 25 Pfg. berechnet-
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Ans den Höhen von Andermal.
Der Wirklichkeit nach erzählt von A- Gnekow-
Ich hatte mich vier Damen angeschloffen, die schon lange den Plan gefaßt, eine Reise nach der Schweiz zu unternehmen, und da wir uns alle seit Jahren kannten, gesund, voller Humor und harmonischer Beziehungen zu einander waren, versprach uns die Ausführung des Planes eine schöne, genußreiche Zeit.
In der That hatten wir anfang September des vorigen Jahres, nachdem wir die Reise wirklich in Szene gesetzt, schon viel des Lohnenden auf unserer Tour genossen, waren bei Hellem Himmel über den Bodensee gefahren, hatten das Brausen und Rauschen des Rheinfalls an uns vorüberklingen laffen, die Regenbogenfarben gesehen, bie das Sonnenlicht barauf spielen ließ, Zürichs Straßen mit den altehrwürbigen Häusern burchwandelt unb befanden uns endlich am Vierwaldstätter See, ohne daß wir, wie bedauernd von einigen Mitgliedern unserer Gesellschaft geäußert wurde, bisher ein wirkliches Abenteuer erlebt hätten.
Daß sich uns in Romanshorn, als wir jenseits de« Bodensees gelandet und ziemlich ratlos auf unseren Handkoffern saßen, bie Frage hin und her erwägend: „Was wird nun werden, wollen wir nach Ragatz und Pfeffers oder nach dem Rheinfall gehen," daß sich uns da ein junger Mann zugesellte, der uns schon lange, wie tch gesehen, mit feinem Lächeln beobachtet hatte uns der uns nun auf ebenso ungezwungene wie liebenswürdige Art seinen Rat anbot, daö war am Ende doch kein Abenteuer zu nennen. Es war einfach nur amüsant gewesen, daß er uns bereitwillig unser Gepäck in den Eisenbahnwagen ge-