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Kr 106

xvn Jahrgang

Marburg, Dienstag, 22. August 1882

Anzeigen nimmt entgegen: bie Expedition d. Blattes, sowie b.jlnnoncen-'Bureaut » $b- Dietrich u. Co. in gaffet und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a.M.; Haasenstein u. Vogler in Frankfurt °- M., Berlin Leipzig, Köln rc.; Rudolf jjtoffe in Berlin. Frank­furt a. 2k- re-

Oiiechessljllic jritmig.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d- Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux von G L. Daube u.Co- in Frankfurt a. M.; ISgersche Buchhandlung daselbst; Hermansche Buchhandlung daselbst; Jnvalibendoi k in Berlin; W. Thiene» in Elberfeld: C- Schlotte in Bremen-

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f Für Arbeiter, Handwerker und Laudleute.

Was die Oppositionsparteien auf die bevorstehenden Landtagswahlen einzusetzen vorgeben, ist, in Wahrheit zu reden, nicht weit her. Allen aufgewendeten Anstrengungen rum Trotz fehlt das, was ein Berliner fezessionisttfcheS Blatt neulich den „großen Zug" in der Wahlbewegung nannte. AuS dem Deutschen ins Deutsche übersetz^ hetßt daS: „die von den liberalen Führern ausgegebenen Schlag- und Losungsworte wollen bei der Masse der Wähler Nicht mehr verfangen", seit diese Masse sich auf ihre wirklichen Interessen zu besinnen begonnen hat. Das gilt von den gewerblichen Arbeitern ebenso, wie von den städtischen Hand- wcrkcrömeistern und von den Vertretern des kleineren und mittleren ländlichen Grundbesitzes.

Für die Stellung, welche der Stand der gewerb­lichen Arbeiter den bevorstehenden Wahlen gegenüber cinnimmt, ist der Natur der Sache nach maßgebend, daß die Regierung, welche man namens der populären Interessen bekämpfen will, dieselbe ist, welche die Gesetzentwürfe be- treffend die Unfallversicherung und betreffend die Kranken­kassen eingebracht und dadurch ein neues Kapitel in der Geschichte der Sozial-Gesctzgcbung eröffnet hat. Auch wo die Arbeiter diesen Entwürfen gegenüber eine gewisse Zurück­haltung beobachten zu müssen glauben, gestehen sie ein, daß der Reichskanzler mehr für sie zu thuu im Begriffe ist, als jemals seitens der liberalen Parteien geschehen ist, und daß sie (die Arbeiter) zum mindesten keinen Grund haben, die Gegner des arbeiterfreundlichen Staatsmannes zu unterstützen.

Was die Handwerker-Kreise anlangt, so bricht sich innerhalb dieser mehr und mehr die Ucberzeugung Bahn, daß die Sache des kleinen und mittleren Gewerbes ihre eifrigsten und verständnisvollsten Freunde auf der kon­servativen Seite habe. Die Errungenschaften der Novelle zur Gewerbe-Ordnung vom Jahre 1878 und dcö Jnnungs- gesetzeS vom Juni v. I. hat das Kleingewerbe fast aus­schließlich denjenigen Politikern zu verdanken, welche heute als „Reaktionäre" verschrieen werden; die entscheidenden Paragraphen beider Gesetze haben den Fortschrittlern und radikalen Freihändlern von den Konservativen und von den diesen verbündeten Mittel - Parteien förmlich abgerungen werden müssen.

Dem Landmanne einzuredm, daß seine Interessen im fortschrittlich-liberalen Lager besonders gut aufgehoben seien, hat die Demokratie bisher nur zeit- und versuchsweise gewagt. Dasür wird den ländlichen Wählern mit desto größerer Unerschrockenheit vorgeredet, von konservativer S:ite würden ihnen nur trügerische Schcinvorteile geboten: wirt­schaftliche Einrichtungen, die die Kaufkraft der städtischen Bevölkerung lähmten und dadurch der ländlichen Produktion (die doch auf die städtischen Abnehmer angewiesen fei)

Ein Fraueuherz.

Orignial-Erzählung von ... .

(Fortsetzung.)

Wir unterlassen cs, den Eindruck zu schildern, welchen dieses Schreiben auf Albertine machte, als ihre Blicke cs zuerst hastig überflogen, um der Angst des Herzens zu genügen. Die Gewißheit, daß ihre Ahnung sie nicht be betrogen, legte sich eiskalt auf ihre Seele, und das Gefühl der Oede dnrchfröstelte das zitternde Herz, aber die'Gewiß­heit, so tötlich sie auch die letzte Hoffnung traf, befreite sie doch von den beängstigenden Zweifeln, und das war schon eine Linderung. AlbertincnS Charakter war einer von denen, welche ein Gefühl durch das andere beherrschen, bei denen'daS eine auflodert, während da« andere erbebt. Die Sonne des Augenblicks läßt die Farben in diesem PriSma wechseln. Albertine sah sich von der Mutter beobachtet, und während das Auge den Brief noch einmal überlas, rang das Herz nach Fassung und suchte auS diesen Zeilen etwas heraus, das den Sturm der Gefühle beschwichtigen oder ihm dock eine einzige Richtung geben könne.

„Ein sonderbares Schreiben," sagte sie endlich, den Bries auf den Tisch legend, „Graf Lindenau weiß sich zu helfen, da er einen Korb befürchtet, teilt er benf eiben aus "

„Tinchen," rief die Mutter erschreckt, indem sie die Tochter anftarrte, „diese Herzlosigkeit ist eine Maske, vor der ich schaudere; cs ist nicht weiblich, nicht menschlich, also jedes Gefühl zu verleugnen; oder hätte ich mich getäuscht, liebtest Du ihn nicht? Doch ich sehe es an der Blässe Deiner Wangen, an dem Zittern Deiner Glieder, der Schmerz schreit aus Deinen Zügen, ob Du Dich auch zum Lächeln zwingst! Albertine sei wahr, damit ich nicht vor Dir zu erschrecken brauche."

größeren Schaden bereiteten, als durch Zölle auf das Ge­treide und das Vieh des Auslandes jemals eingebracht werden könne. Von denjenigen Dingen, die für den Land­mann zunächst in betracht kommen: Herabsetzung der direkten Steuern, Minderung der kommunalen Lasten, Vorkehrung gegen die zunehmende Bodenzcrsplitterung und gegen die Ueberschuldnng des Grundbesitzes (welche durch unzweck­mäßige Erbfolge - Ordnungen systematisch gefördert wird), von diesen Dingen zu reden, hüten die Fortschritter sich, denn in allen diesen Fragen haben sie sich als entschiedene Gegner der Interessen des ländlichen Grundbesitzes gezeigt.

Bei solcher Lage der Dinge ist in der Thal nicht zu verwundern, wenn die Werberufe der fortschrittlichen Wahl- büreauö ihr früheres Publikum nicht mehr finden. Der Handwerksmeister, der städtische Arbeiter, der Landmann, — sie alle haben an ihren nächsten Interessen die sichersten und besten Maßstäbe für die Beurteilung dessen, was ihnen von den verschiedenen Parteien geboten wird. Der Fort­schritt aber hat nichts zu bieten als die Forderung neuer „Volks- und FreihcitSrcchte". Dieselben bestehen bekanntlich der Hauptsache nach darin, daß noch öfter wie bisher gewählt und die Tyrannei der Fortschrittspartei etabliert werden soll. Die Zeiten, in denen die Leute an solcher Speise Geschmack finden, sind hoffentlich vorüber!

Deutsche« Reich.

Berlin, 19. Aug. Das Befinden der Kaiserin ist gut und die Beffernng fortschreitend. — Ein kürzlich er­gangener Erlaß des Finanzministers bestimmt, daß als Sicherheit für gestundete Zölle ober sonstige Abgaben in Zukunft anstatt ber nach beit bestehenden Vorschriften zu­lässigen Wertpapiere auch Depotscheine der Reichsbank zu Berlin über solche Wertpapiere angenommen werden sollen. — Die Unteroffiziere und Mannschaften des Benrlanbten- . standeS bleiben für diejenigen Monate steuerfrei, in denen sie zur Uebung eingczogen waren, sofern sie selbst ober ihre Angehörigen nur wegen beS Betriebs eines Gewerbes ober ber Landwirtschaft ober an Grunb- ober Kapital­vermögen veranlagt sind. Eine schriftliche Reklamation ist nicht erforberlich; eS genügt einfach die Vorzeigung des Militärpaffcö ober eine Steuerquittung dcS lausenden Steuerjahrcs. — Seitens der Postverwaltung wird auf den Mißbrauch hingcwiesen, Briefe mit frei zu bezeichnen, ohne sie mit Marken zu versehen, dafür aber den Porto­betrag in den Briefkasten zu werfen! Solche Beträge werden als „gefunden" behandelt und der Polizeibehörde übergeben, während für den unfrankierten Brief das dop­pelte Porto erhoben wirb. — Wie wir hören, nehmen die Erwägungen der Regierung wegen Ausfindigmachung eine« für das Abgeordnetenhaus geeigneten Bauplatzes ihren

„Liebe Mutter", antwortete sie bitter lächelnd, „Du redest, als ob ich ihn bitten folle, daß er mich nicht verschmähe."

„Albertine, ich .rede nicht von ihm, sondern von Dir. Du weißt, daß er Dich nicht verschmäht, daß er Dich liebt trotz Deiner grausamen Launen; aber ich erschrecke vor ber Kälte Deines Herzens; denn selbst in dem Falle, daß er Dir gleichgültig wäre, müßtest Du doch jetzt Teilnahme für einen Mann fühlen, der durch seine Liebe zu Dir un­glücklich geworden. Jede Zeile des Briefes zeugt von seiner Liebe, uns Du kannst spotten?"

„Glaubst Du," erroieberte Albertine errötend, „daß ich keinen Stolz besitze? In jeder Zeile liegt ein Vorwurf ; er scheint sich einzubilden, daß man ihn lieben muffe, es klingt, als ob er entsagt, weil er mich für unwürdig seiner Ge­fühle hält, und er entschuldigt sogar seine Schwäche, als klage er sich dessen an, mich trotz meiner Gleichgültigkeit mit seiner Liebe zu beehren; er beutet an, baß er ohne Dein Zureben vielleicht schon früher abgebrochen, hätte. Wie mochtest Du ihm zureden! Warst Du so wenig stolz auf mich, baß Du glaubtest, ich würbe ohne ihn unglücklich fein? Wie mochtest Du ihm Hoffnungen machen, ober gar ihm meine Hanb versprechen, noch ehe er cs ber Mühe wert hielt, mich von seinen Ansichten in kenntniß zu setzen?"

Fran von Ernsbach war verlegen. Sie hatte alles Andere erwartet, als ihre Tochter zur Anklägerin werden zu sehen. Die Heftigkeit ihrer Tochter machte sie irre. „Lindenau fragte mich," antwortete sic zögernd, indem ihr Blick in dem Herzen der Tochter zu lesen versuchte, „um Rat; denn er glaubte, daß die Tochter vor der Mutter keine Gcheimniffe habe. Er gestand mir, daß et Dich liebe, und baß Dein Wesen gegen ihn halb ermunternber, bald znrückweisenber Natur fei. Er bat mich, Dein Herz

Fortgang. Es wird eine bem preußischen FiSkuS gehörenbe Baustelle in Aussicht genommen werden und zwar besteht nach wie vor die Absicht, beide Häuser des Landtages räumlich näher zu bringen. Die Staatsregierung hatte den Antrag des Präsidiums auf Errichtung eines neuen Abgeordnetenhauses vor Einbringung desselben gebilligt, und da die Notwendigkeit eines Neubaues allseitig zuge- standcn ist, so wird voraussichtlich schon in der nächsten Session die Regierung einen bestimmten Vorschlag den beiden Häusern zugehen lassen können. — ES bestätigt sich, daß die 'Regierung jetzt keinen Schritt in der Staats- psarrerfrage thun wird. Hervorgehoben wird, daß sie keinen Anlaß dazu habe, und ebensowenig biete sich jetzt eine Handhabe zum Eingreifen auf Grund der Maigesetze. — In Berlin weilen gegenwärtig die 24 hervorragendsten am Bau des Gottharbtunnels beteiligten italienischen In­genieure, welche mittelst Extrazuges von Turin hier ange­langt sind und im Zentralhotel logieren. Die Führer ber Exkursion, Professor Sangalli, Dr. E. Taisoni unb Kapitän T. Cagnassi, sind in der italienischen Botschaft empfangen worden. — Wie der „Germania" versichert wird, ist die Nachricht, baß in Warschau bie Cholera auSgebrochen sei, unbegründet. Dagegen meldet daS „Westpr. Vbl.", baß in Seefeld in Westpreußen schon drei Fälle der Cholera nostras konstatiert worden seien, doch hat keiner derselben einen tötlichen Verlaus genommen. — Nach ber „Kreuz- Zeitung" sind bie Nachrichten, wonach zwischen dem Kaiser von Oesterreich und dem König von Italien eine Zu« kammenkunst in Ancona stattfinben werbe, unbegründet.

Kiel, 19. Ang. Die deutschen Kriegsschiffe „Gneisenau" und „Zicten" sind heute früh von Kiel nach dem Mittel­meere abgegangen.

Wittenberg, 18. Aug. Am 7. Juni 1876, als bem 200jährigen Todestage Paul Gerhardts wurde von der Konferenz für innere Mission im ehemaligen altsächsischen Kurkreise angeregt, in hiesiger Stadt, der Hauptstadt dieses Kreises, dem frommen evangelischen Liederdichter, welcher bekanntlich in unserer Nachbarstadt Gräfenhainchen geboren worben ist, in einer Anstalt für private Krankenpflege ein bleibendes Gedächtnis zu stiften. Ein mit ber Ausführung bieses Vorhabens beauftragtes Komitee hat bie nötigen Mittel gesammelt, um ben Bau eines Anstalthanses, in welchem namentlich auch nicht ganz unbemittelte Kranke gegen Zahlung eines Pflegegeldes Aufnahme finden sollen, das aber zugleich auch einigen Diakonissinnen als Heim­stätte zu dienen bestimmt ist, beginnen zu können. Die hiesigen städtischen Behörden haben bereitwillig einen geeig­neten Bauplatz unentgeltlich zur Verfügung gestellt, und gestern nachmittag wurde denn feierlich ber Grunbstein zu dem Hanse in Gegenwart der Mitglieder des Komitees, der ciußclabcncn Vertreter unserer beiden kommunalen zu erforschen, ob ein Anderer glücklicher sei, als er; er bat mich, für ihn zu wirken, und mein Herz jubelte, als ich sah, wie innig Du geliebt wurdest von einem Manne, den ich hochachte. Ich beobachtete Dich, und eS schien mir, aü ob er Deinem Herzen nicht fern stehe; gerade der Umstand, daß Du ihn launenhaft behandeltest, ließ mich vermuten, daß er Dir nicht gleichgültig sei; ich sah, daß es Dich betrübte, wenn Du ihn kränktest, unb ich sagte ihm, baß Dein Herz nichts von den Launen wisse, mit benen Dein Uebermut spiele; ich sprach meine Uebcrzeugung auS unb war so glücklich in der Hoffnung, .Euch mit einander ver­bunden zu sehen."

Frau von Ernsbach stockte, ihre letzten Worte klangen wie etn Seufzer.

Albertine kämpfte sichtbar mit einer tiefen Bewegung, unwillkürlich seufzte auch sic, aber — wie erschrocken vor der Klage, die ihren Schmerz verriet, färbte sich ihr Antlitz rot. Sie fühlte, daß Alles verloren, und es galt jetzt, die Wunde in der Brust zu verbergen.

„Gute Mutter", sagte sie, den Arm um deren Nacken schlingend, „sorge nicht um mich, denn ich habe nichts ver­loren. Er war mir nicht gleichgültig, aber mein Herz war seiner Gefühle nicht klar bis zu diesem Augenblick, und jetzt fühle ich mich von diesen Zweifeln befreit, ich fühle, daß Lindenau, so sehr ich ihn achte, nicht der Mann ist, der mich glücklich machen könnte. Gestern glaubte ich ihn lieben zu können, heute bin ich im Klaren darüber, daß die Stimme des Zweifels die richtigere war; ein Mann der nicht mir vertraut, sondern einen Vermittler sucht, der es nicht wagt, sein Ziel zu erreichen, den jeder Scherz ver­wundet, der ist nicht für mich, cs hätte eine trostlose Ehe gegeben." (Fortsetzung folgt.)