Marburg, Sonnabend, 19. August 1883
xvii Jahrgang
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Staatsämter durch die Volksvertretung voraus.
Dieser unreifen, aus dem Mangel aller praktischen Erfahrung im Staatsleben entspringenden Vorstellungsweise trat eine konservative Richtung entgegen, welche als den unausbleiblichen Erfolg jener liberalen Bestrebungen mit Recht die Anarchie und daö Ende der Staaten bezeichnete. Aber die damalige konservative Richtung gewann auf die
Gesellschaft als gegen das liberale Staatsideal gerichtet war; drittens weil die konservative Richtung den wirklichen Mängeln des bestehenden Zustandes gegenüber die Augen überhaupt zu verschließen schien.
Als nun die Bewegung des JahreS 1848 zum Stillstand gekommen war, hatte sie als wichtigstes Ergebnis die Verleihung einer Verfassung in Preußen zurückgelassen, deren Wirksamkeit aber der liberalen öffentlichen Meinung aus denselben Gründen nicht genügte, wie früher die Wirksamkeit der Verfassungen in den Mittel- und Kleinstaaten. Zugleich geben die traurigen Erfahrungen, die man gemacht, der konservativen Richtung zum erstenmal einen breiten Halt in den Volksschichten.
In dieser Epoche nun, wo der Liberalismus entmutigt auf seine bisherigen Bestrebungen zurückblickte, wo die weiten Kreise, welche die öffentliche Meinung bildeten und trugen, zum erstenmal eine praktische Erfahrung im großen Stil gemacht hatten, die eine bittere Lehre enthielt, in dieser Epoche begann in den umfassenden Werken eines Staatsrechtslehrers die Selbstkritik des deutschen Liberalismus. Als eine solche Kritik darf man die Reihe systematischer Darlegungen bezeichnen, welche Rudolf Gneist dem englischen Staats- und Verfassungsbau gewidmet hat. Als akademischer Lehrer an der Universität Berlin bereits in bedeutender Wirksamkeit stehend, hatte derselbe daselbst das Jahr 1848 durchlebt und aus den Ereignissen desselben den Eindruck geschöpft, daß es sich um den Kampf zweier Grundformen der Gesellschaft handle. Daraus entsprang der Plan, zur Selbstbelehrung und zur Belehrung der in einem schweren und verworrenen Meinungskampf befangenen und leidenden Staatsgenossen an einer Geschichte des englischen Parlaments als des Musters aller liberalen Bestrebungen zu zeigen, unter welchen Bedingungen auf dem Boden der staatsbürgerlichen Gesellschaft eine lebendige Verfassung, ein lebendiger Anteil der Nation an ihrem Staat zustandekommt. Gneist überzeugt sich indes, daß einer Darstellung des Parlaments die Darstellung des Organismus der Staatsverwaltung vorangehen müsse, welche 1857 erschien. Das Ergebnis dieser ersten Untersuchung war aber die Notwendigkeit einer Darstellung der Kommunalverfassung oder der sogenannten Selbstverwaltung als der weiteren Grundlage, ohne welche Bestand und Wirksamkeit des Parlaments weder denkbar noch zu verstehen sind. Diese ersten Werke haben verschiedene Auflagen und mit denselben große Erweiterungen und Umgestaltungen erfahren. Anstatt endlich die Untersuchung deö englischen Staatswesens mit einer besonderen Geschichte des Parlaments abzuschließen, hat Gneist diesen Abschluß in einem in diesem Jahr erschienenen neuen Werk in Form einer alle früheren Untersuchungen über Zentralverwaltung und Lokalverwaltung, über Staatsämter und Kommniialeinrichtnng zusammenfassenden englischen Versassungsgcschichte gegeben.
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In der Gesamtheit dieser Werke, deren Entstehung einen Zeitraum von 30 Jahren umfaßt, hat der Ver- faffer eine Fülle tiefer, mit Scharfsinn und Gelehrsamkeit begründeter Anschauungen niedergelegt, welche auf die Auffassung vom Staat in Deutschland einen weitgehenden Einfluß geübt haben. Freilich sind die früheren Irrtümer des Liberalismus aus der Masse nicht verdrängt worden und vielleicht bis heute vorherrschend geblieben. Aber bei allen ernstlich denkenden Menschen, welche bis dahin im Großen und Ganzen ans dem Boden des Liberalismus standen, ist eine tiefgreifende Umwandlung in der Auffassung des Staates erfolgt, die schon begann, ehe die großen Ereignisse der Jahre 1866 und 1870 das Ihrige thaten, die Umwandlung vollständig zu machen. Aber auch die konservative Richtung hat mehrfach anerkannt, daß durch die Untersuchungen Gneists ein Jdeenkreis aufgeschlossen worden ist, welcher die konservative Anschauung zu erweitern, zu vertiefen und zu berichtigen geeignet ist.
Man kann allerdings nicht sagen, daß die Untersuchungen GneistS eine neue übereinstimmende Auffassung vom Staat, namentlich in bezug auf die jetzt vorliegenden Aufgaben des deutschen Staates auch nur in den Kreisen der unbefangen und ernstlich Denkenden jetzt schon zu Wege gebracht haben. Aber sie haben eine kräftige und wohlthätige Anregung zu einer ernsteren Staatsauffassung gegeben, die natürlich auch bereits zu irrigen Anwendungen Veranlassung geworden ist.
In einem Augenblick, wo der Versuch gemacht wird, den Liberalismus wieder einmal wie in einer vergangenen Epoche auf den Irrtümern dieser Vergangenheit zusammen- zufassen und ihn dem lebendigen, inzwischen tief veränderten Staat gegenüber zu stellen, kann eö von Wert sein, einige Hauptgedanken und Hauptresultate der Untersuchungen Gneists im Gegensatz zu Bestrebungen, die man künstlich wieder anfachen will, hervorzuheben. (Prov.-Corresp.)
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■ Der Wandel i« der Staa1sa«ffaff«vg.
H Nach dem Abschluß der napoleonischen Kriegsepoche Ms-ben fast alle die Staaten, welche damals den Deutschen » Rund heute das Deutsche Reich bilden, den Grund zu M einer neuen Gesellschaft gelegt, die auf der Gleichheit der »bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte beruhte. Immer U -llaemeiner erhob sich nun daö Verlangen der öffentlichen MMeinung nach einem Anteil dieser Gesellschaft an der Aus- W .(jung der Regierungsrechte in Gesetzgebung und Verwaltung. I -in den deutschen Mittel- und Kleinstaaten, wo diesem 1J verlangen durch Gewähr von Verfassungen entsprochen zu j fein schien, fand die öffentliche Meinung sich doch nicht 1 befriedigt, denn einmal sand man den Einfluß der VvlkS- f Vertretungen allzu beschränkt, zweitens aber, und dies war | wohl die Hauptsache, konnte sich ein Staatsleben, wie man U eS vor Augen hatte, nur in einer Gemeinschaft der deutschen i Staaten entwickeln, wie sie die damalige Bundesverfassung nicht zuließ.
Die erste Epoche der Kämpfe, welche sich anS dem
'^Gegensatz zwischen dem geltenden Staatsrecht und den Wünschen der öffentlichen Meinung entwickelten, sand ihren Abschluß mit dem Jahre 1848, vpn welchem Zeitpunkt an der Kampf zwar noch fortoauette, aber eine veränderte Gestalt annahm, namentlich durch die seitdem immer mächtiger gewordene Idee eines nationalen Gesamtstaates. t In der ersten Epoche ausschließlich, in der zweiten, "bis auf die Gegenwart reichenden, noch immer in weiten Kreisen faßte sich die Vorstellung der öffentlichen Meinung von dem Anteil der bürgerlichen Gesellschaft am Staat in dem Bilde einer durch diese Gesellschaft nach möglichst ausgedehntem Wahlrecht gewählten und mit möglichst großem, wenn nicht mit dem alleinigen Einfluß auf den RegierungS- gang versehenen Volksvertretungen zusammen. Da man als selbstverständlich annahm, daß bei einer wirklichen Ver-
Ei« Frautttherz.
Orignial-Erzählung von ... .
(Fortsetzung.)
Er sprach die letzten Worte unwillkürlich laut und in einem fast drohenden Tone.
Es standen Leute in der offenen Thüre, und eS schien Albertinen, als würden diese aufmerksam.
„Herr Graf," antwortete sie gereizt, indem sie sich stolz erhob, „Sie vergessen sich; wenn ein Scherz Sie verletzt hat, so ist es zum mindesten ungalant, mich hier zur Rede zu stellen."
„Verzeihen Siel" flüsterte er, „aber nur ein Wort."
Albertine blieb stehen, eS war ihr Wille nicht gewesen, sich also von ihm zu trennen, und da die Herren, welche in der Thüre gestanden, sich fortbewegten, schwand ihr Unmut.
„Nun?" fragte sie kokett lächelnd, als wolle sie damit die Wolke von seiner Stirne scheuchen.
Des Grafen Auge war zufällig auf das Bouquet gefallen. „Meine Blumen," sagte er, „sind welk geworden in Ihrer Hand, soll ich ihr Schicksal teilen und jede Stunde zittern, daß ich Ihnen eben so gleichgültig sein könnte?"
„Nein, Lindenau," antwortete sie mit Wärme, „Sie sehen ja, daß ich um Ihretwillen sogar meinen Tänzer warten lasse. Die Musik hat schon begonnen, also was . ollen Sie noch? — rasch —"
„Wenn ihre Gedanken dort sind," antwortete er auf den Tanzplatz deutend, „bann habe ich nichts zu sagen."
„Schon wieder so feierlich," seufzte sie mit einer ungeduldigen Bewegung.
ich^hier-W» tatsächlich oder gesetzlich in der Hand der Volksvertretung ink. ■* liegen müsse, so setzte jnan indirekt die Besetzung aller berg,
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„Albertine, wenn ein Funke von Liebe in Ihrem Herzen für mich ist, dann können Sie jetzt nicht tanzen I" rief er mit gepreßter Stimme und ergriff ihre Hand.
„Lindenau, machen Sie kein Aussehen; wir sind nicht allein, Sie erzürnen mich."
Damit entwand sie ihre Hand der seinen und eilte aus dem Kabinett.
Aber kaum war sie über die Schwelle hinweg, so mußte sie sich nach ihm umschauen. Sie erschrack. Die Farbe war von seinem Antlitz gewichen.
Sie wollte umkehren, aber ihr Tänzer hatte sie jetzt bemerkt, eine Sekunde später und sie schwebte in den Armen desselben durch den Saal.
Dreimal flog das Paar bei der Thür vorüber, und jedesmal schaute Albertine in das bleiche Antlitz des Grafen, der wie eine Statue in der Thür stand.
„Der Graf Lindenau scheint unwohl zu sein", bemerkte ihr Tänzer, als er sie zu einem Stuhle führte, „er sieht auffallend bleich aus. Sie sprachen vorhin mit ihm? klagte er?" fuhr der Kavalier fort, als Albertine nicht antwortete.
„Ich wüßte nicht, daß er etwas über sein Befinden gesagt hätte," antwortete sie zerstreut.
„Auch Sie haben Ihre heitere Laune verloren, gnädiges Fräulein."
„Ich? durchaus nicht," erwiderte sie, sich zum Lächeln zwingend. „Sie haben mich nur erschreckt; der Graf sieht wirklich auffallend bleich aus."
Das Gespräch stockte. Der Graf war von der Thür verschwunden aber das Auge Albertinens erspähte ihn im Gewühl der Gäste. Er unterhielt sich mit einer jungen Dame von großer Schönheit.
öffentliche Meinung fast keinen Einfluß. Einmal weil den —-—■_ Kreisen, welche sich den liberalen Bestrebungen anschlossen, 2 Gym^s fccr mäßigende und ernüchternde Einfluß der eigenen Er- 'gis
ist« fahrung fehlte; zweitens weil die konservative Richtung W stie^ hauptsächlich aus den Kreisen entsprang, welche zu der früheren ständischen Ordnung der Gesellschaft zurückkehrcn
IrJiaennimmt entgegen: L," Expedition d. Blattes, jC d.Annoncen-Bureaux fjt,. Dietrich u. Co. in E.«,( und Hannover; Th. Ärich in Frankfurt a.M.; fSenftein u Vogler in 4"^,furt a. M., Berlin, « Köln:c. Rudolf H’!9 m Berlin, Frank- ‘ jurt a. Hl. 1C-
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatte-, sowie d.Annoncen-Bureaux von G L. Daube u. C». in Frankfurt a.M.; Jügersche Buchhandlung daselbst; Hermansche Buchhandlung ♦ daselbst; Jnvalidendarkin Berlin; W. ThieneS in Elberfeld; C. Schlotte in Bremen.
Deutsches Reich.
Berti«, 17. Ang. Die „Prov.-Corresp." knüpft an ihren resümierenden Bericht über den Besuch unseres Kaiserin Ischl folgende Bemerkung: Alle angesehenen Zeitungen Deutschlands wie Oesterreich-Ungarns haben die freundschaftlichen Beziehungen der beiderseitigen Herrscher, von deren Herzlichkeit und Ungezwungenheit die diesjährige Begegnung in Ischl wiederum ein Zeichen gewesen ist, mit Urteilen der Sympathie und Befriedigung begleitet. Der Segen des Freundschaftsbundes der beiden Nachbarreiche für alle Angehörigen dieser Reiche ist bei dieser Gelegenheit aufs neue allseitig gewürdigt und hcrvorgehobcn werden. — Die Maßnahmen zum Schutze der Arbeiter in den Fabriken gegen Gefahren für Leben und Gesundheit wird eine Verordnung seitens des Bundesrats, wie sie früher bereit-
Albertine dachte nicht daran, daß die Dame dem Gra' fett Veranlassung gegeben haben konnte, ein Gespräch mit ihr anzuknüpfen, sie sah nur, daß er, nach dem Mienenspiel derselben zu urteilen, ihr etwas Verbindliches sagte, und, der Gedanke: er will dich eifersüchtig machen, — der blitzschnell in ihr aufgestiegen, ließ sie wieder lächeln. Sie fühlte sich wieder sicher.
Die Unruhe, welche sie während des ganzen Abend- geqäuelt, hatte ihre Reizbarkeit empfindlicher gemacht, sie befand sich in einer nervösen Aufregung, die aus einem Extrem ins andere sprang. Der Kavalier, der sich soeben über ihre Einsilbigkeit beklagt, sah sie plötzlich wieder mutwillig lachen; eine sarkastische Bemerkung Überjagte die andere; heiterer, übermütiger und schärfer war sie selten gewesen.
Es bildete sich bald ein kleiner Kreis von Herren bei dem schönen, geistvollen Weibe, das überall eine Zielscheibe für seinen Humor erspähte.
Graf Lindenau näherte sich dem Kreise, der so fröhlich lachte; er sah, daß Albertine diesen Frohsinn hervorgezaubert, und der schmerzlich-trübe Ausdruck seiner Miene wich; er starrte sie an, als erschrecke er vor ihr.
Albertine verstummte vor diesem Blick, der Scherz erstarb auf ihren Lippen, es erfaßte sie wie ein Schwindel, und erbleichend, zitternd schlug sie das Auge zu Boden.
Graf Lindenau hatte keine Silbe gesprochen, aber sein Blick hatte geredet; sie las die schmerzlichste Resignation in diesem Auge.
Er hatte der Gesellschaft den Rücken gedreht, noch ehe ihn jemand anders als Albertine bemerkt, und den Saal verlassen. (Fortsetzung folgt.)
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