Nr 198.
Marburg, Freitag, 18. August 1882.
xvn Jahrgang
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MkWsche jfitmiii.
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Deutsches Reich.
Berlin, 16. Aug. Gegenüber der Wiener Meldung englischer Blätter, wonach Fürst Bismarck neulich in Varzin einem fremden Diplomaten gegenüber beim Morgenspazierritt geäußert habe, er besitze nicht den Einfluß in Deutschland, den man ihm zumute, Deutschland sei in den Händen der Juden und Frauen, die eminent friedlich gesinnt seien, sagt die „Nordd. Allg. Zig.": Wir wollen, um dem eitlen Geschwätze ein Ende zu machen, erwähnen, daß Fürst BiSmarck kürzlich überhaupt keinen fremden Diplomaten in Varzin empsing und schon seit Jahr und Tag durch seinen Gesundheitszustand verhindert ist, zu Pferde zu steigen. — Gestern vormittag 11 Uhr wurde dem Geheimen Ober- Medizinalrat, Generalarzt 1. Klasse Dr. v. Langenbeck, welcher bekanntlich mit dem Schluß des Sommersemcsters seine ruhmreiche akademi'che Thätigkeit niedergelegt hat und im Begriff sicht, nach Wiesbaden überzusicdeln, von dem Unter-Staatssekretär des Kultusministeriums Lucanus und dem Ministerialdirektor Greiff in seiner Wohnung das Patent überreicht, durch welches demselben durch die Gnade Sr. Majestät des Kaisers und Königs der Charakter als Wirklicher Geheimer Rat mit dem Prädikat Exzellenz beigelegt ist. Der Unter-StaatSsekretär Lucanus überbrachte dem Scheidenden zugleich die herzlichsten Glück- und Segenswünsche seines Chefs, des Staatsministers v. Goßler, der zur Zeit in Tarasp weilt, und fügte namens des Ministeriums, dessen herrlichste Aufgabe die Pflege der Wissenschaft sei, die Versicherung hinzu, daß im Kreise desselben nicht nur die vollkommenste Freude, sondern auch stolze Befriedigung darüber herrsche, ihn — Herrn v. Langenbeck —, der in seiner Wissenschaft das Höchste geleistet, was des Menschen Geist und Hand vermöge, nun auch mit der höchsten Ehre geschmückt zu sehen, welche der preußische Beamte im Dienste des Königs und des Vaterlandes erringen könne. — Exzellenz v. Langenbeck gab in bewegter Weise den Empfindungen freudiger Ueberraschung und ehrerbietigen Dankes gegen seinen Königlichen Herrn Ausdruck. Herzliche Worte des Abschiedes von beiden Seiten schloffen den feierlichen Akt. — Seitens der Provinzialbehörden ist der vorjährige Erlaß des Ministers deS Innern über die Verpflichtung der Standesbeamten, vierteljährlich genaue Zählkarten über Geburten, Eheschließungen und Sterbefälle an das königliche statistische Büreau einzusenden, wieder in Erinnerung gebracht worden, und zwar mit dem Hinzufügen, daß es allerdings im Jntercffe der amtlichen Statistik unbedingt untersagt ist, die zur Einsendung an das statistische Büreau bestimmten Zählkarten zunächst an andern Stellen vorzulegen, daß dagegen an eine später ergangene Deklaration des gedachten Ministerial-Erlasses eine besondere Mitteilung der die Bewegung der Bevölkerung betreffenden
Nachrichten an Behörden und Beanite den Standesbeamten gestattet ist. Eine dienstliche Verpflichtung zu solchen Mitteilungen, bezw. zur Uebernahme von Nebenarbeiten der gedachten Art soll den Standesbeamten indessen nicht obliegen". — Die Einberufung der Ersatzreservisten erster Klaffe zur ersten, bezw. zweiten Uebung erfolgt gegenwärtig. Die Mannschaften haben sich wie folgt zu gestellen: Zur zehnwöchentlichen Uebung: Infanterie, Jäger und Pioniere am 23. August d. I. und Fuß - Artillerie am 1. Sept.; zur vierwöchentlichen Uebung: Infanterie und Jäger am 4., Fuß-Artillerie am 13. Oktober d. I. Die Mannschaften verbleiben in den dem Heimatsorte am nächsten gelegenen Garnisonen. Wenn Ersatzreservisten, welche zur zehnwöchentlichen Uebung einzuziehen sind, keine Gestellungsordre erhalten sollten, so sind diese verpflichtet, dies sofort ihrem Bezirksfeldwebel anzuzeigen. Die in diesem Jahre nicht zur Einziehung gelangenden Mannschaften des zweiten UebungsjahreS verbleiben für nächstes Jahr disponibel. Zurückstellungen auf gründ von Reklamationen sind für die erste Uebungsperiode unzulässig, dagegen können sie im zweiten Uebungsjahre erfolgen. — Bezüglich der Zulaffung von Nachnahmen von über taufend Mark im internationalen Verkehr hat der Minister für öffentliche Arbeiten bestimmt, daß sich bis auf weiteres nichts dagegen zu erinnern findet, wenn Nachnahmen gedachter Weise, welche erst nach Ausgleichung durch die Empfänger der Güter zur Auszahlung gelangen, in höheren Beträgen als tausend Mark zugelassen werden. Die Höchstbeträge sollen für jeden der Verkehre, in welchem ein Bedürfnis für die Zulassung höherer Nachnahmen vorliegt, bestimmt und unter den als zweiten Teil des bezüglichen Gütertarifs herauszugebenden besonder» Bestimmungen bekannt gemacht werden. — Wie verlautet, würde der auS den Oktoberwahlen hervorgehende neue preußische Landtag in diesem Jahre nicht mehr einberufen werden.
Königsberg, 14. Aug. Der Landesdirektor hat in Ausführung eines Provinzial - Landtag - Beschlusses im September 1881 dem Herrn Finanzminister eine Denkschrift, betreffend die Ergebnisse der Gebäudesteuer-Revision in Ostpreußen, mit dem Anträge überreicht: „Die königliche Staatöregierung wolle die Feststellung der von der Provinz Ostpreußen vom 1. Januar 1880 ab (infolge der vorgenommenen Revision) zu zahlenden Gebäudesteuer einer nochmaligen Prüfung unterwerfen und — nötigenfalls im Wege der Gesetzgebung — gegenüber der unverhältnismäßigen Erhöhung dieser Steuer Remedur eintreten lassen." Hierauf ist — wie die „Hart. Ztg." berichtet, im Juni vom Finanzministerium Bescheid ergangen. Der Herr Minister bemerkt, er wolle zur Zeit davon absehen, ob aus der in § 43 der Provinzialordnung dem Provinziallandtage verliehenen Befugnis, Anträge und Beschwerden, welche die Provinz oder einzelnen Teile derselben betreffen, an die
StaatSregiemng zu richten, die Kompetenz zur vorliegenden Beschwerde herzuleiten sei, da die Gebäudesteuer - Revision als ein über den Umfang der Provinz hinaus gehender allgemeiner Akt der Gesetzgebung und der zur Ausführung derselben getroffenen Anordnungen anzusehen sei. Dagegen habe der Herr Minister eine abermalige eingehende Prüfung der Ergebnisse der Gebäudesteuer - Revision in der Provinz Ostpreußen, sowie der gegen dieselben in der Denkschrift gemachten Ausstellungen veranlaßt. Die Prüfung habe nur auf die zutreffende Anwendung der Veranlagungsgrundsätze und die darnach erzielten Resultate im allgemeinen gerichtet werden können, da die gedachte Denkschrift es unterlassen habe, die erhobenen Ausstellungen durch thatsächliche Beweismittel zu begründen. — Das Ergebnis der Untersuchung sei, daß eine Ueberbürdung der Provinz Ostpreußen bezüglich der durch die Revision festgestellten Gebäudesteuer nicht anzuerkennen sei. Die Revision selbst sei nach Maßgabe der bestehenden gesetzlichen Vorschriften vollzogen worden, und muffe es daher bei derselben lediglich sein Bewenden behalten.
Kiel, 13. Aug. Man schreibt der „Tgl. Rundschau": „Gleichsam als ob man dem aufrichtigen Bedauern, daß die russischen Gäste durch die voreilige Verbreitung eines grundlosen Gerüchts in so unangenehmer Weise kompromittiert worden sind, einen Ausdruck geben wollte, fand gestern die Beerdigung eines verstorbenen zweiten Offiziers der rufstschen Panzerfregatte unter zahlreicher Beteiligung des hier anwefenden deutschen Flotten-Pcrsonals statt. Um 10 Uhr vormittags rückte vom Hafen eine Abteilung russischer Matrosen im Paradeanzug mit Gewehr und Hirschfänger vor die Leichenhalle des deutschen Marinelazaretts, woselbst sich daS disponible Offizierkorps der rufsifchen Fregatte mit einer Kompagnie unserer 1. Matrosendivision und zahlreich höheren und niederen Chargen, des gesamten Offizierkorps der Garnison nebst dem russischen Konsul, Herrn v. Bremen, versammelt hatten. Der Sarg, mit Blumen und Kränzen der Kameraden und auch mit Spenden deutscher Offiziere reich geschmückt, wurde dem Leichenwagen, welchen die russische Kriegsfiagge mit dem großen blauen Kreuz im weißen Felde bedeckte, übergeben. Ihm voran ordnete sich die Kapelle unierer Matrosendivision, sodann ein Chor russischer Matrosen mit dem Schiffs- geistlichen im Ornat an der Spitze, zum Zuge. Hinter der Leiche schritt der Kommandant der russischen Fregatte, ihm zur Seite der Kapitän zur See, Freiherr v. Reibnitz, und der russische Konsul; es folgten das russische und das deutsche Offizier-Korps und die beiden Matrosen-Abteilungen. Der Trauerzug bewegte sich mit dumpfem Trommelwirbel und Gesängen des Chors durch die Stadt zu dem Marinekirchhof hinaus nach der Leichenhalle. Hier wurde der Sarg aufgebahrt und geöffnet. Die Einsegnung erfolgte
Ei« Fraueuherz.
Orignial-Erzählung von ... .
(Fortsetzung.)
Jetzt erst bemerkte sie, daß er drei kleine Bouquets zusammengebunden hatte, nachdem er sie aus dem Korbe genommen. Wir haben nämlich vergessen, zu sagen, daß Graf Lindenau die einzigen großen Treibhäuser im Orte besaß und auf jeden Ball einen Korb mit Blumen für den Cotillon schickte. Die Moosrosen wählte er stets für Alber- titie aus. Heute waren in ihrem Bouquet auch andere Blumen.
„Wozu haben Sie sich die Mühe gemacht?" fragte sie, das Band lösend, welches die drei Bouquets verband, „ich hätte mir ja ein Bouquet aus dem Korbe nehmen können, wenn Sie doch kein besonderes für mich bestimmten?"
„Ich hoffte," antwortete er, „daß Sie vielleicht eines von mir behalten würden, wenn ich Ihnen mehrere brächte."
„Sie sind verletzt, weil ich das letztemal ihr Bouquet fortgab?"
„Wir kennen einander zu lange, als daß ich über etwas verletzt sein könnte, was Sie thun."
„Sie geben mir meine gestrigen Worte zurück," sagte sie lachend, „der Pfeil hat also getroffen."
„Ihre Pfeile treffen nur zu sicher, Sie sollten daher kein Spiel damit treiben."
„Es war kein Spiel; ich wollte Sie dafür bestrafen, daß Sie meinen Worten keinen Glauben schenkten."
„Ich habe mich daran gewöhnt," entgegnete er, „dies nur dann zu thun, wenn Sie in guter Laune sind."
„Warum das?"
„Fragen S>e sich selbst nach der Ursache, oder wäre es Ihr Wunsch, daß man Sie weniger günstig beurteilt, als Sie es verdienen?"
„Das Urteil der Leute ist mir gleichgültig," antwortete sie rasch.
„Sie fallen wieder in den Ton," seufzte er, „welcher jedes ernste Gespräch abschneidet."
„Das ist mein Wunsch, ich bin hier, um mich zu amüsieren."
„Und Ihnen gewährt nur rauschende Freude Vergnügen I" sagte er mit leisem Vorwurf, und sein Blick hatte etwas schmerzliches Trübes — „die Musik beginnt — Sie sind engagiert?"
„Ja; Sie nicht?"
Albertine fragte dies in gleichgültigem, beinahe wegwerfendem Tone, cs reizte sie, daß er um keinen Tanz bat, nicht einmal fragte, ob sie noch einen Tanz frei habe; aber kaum sah sie dcn Blick, mit welchem Lindenau auf ihre Frage anwortete, als sie es reute.
„Nein, ich bin nicht engagiert!" sagte er, und seine Stimme klang rauh, als lege das gepreßte Herz unwillkürlich einen tieferen Sinn in diese Worte.
Albertine wurde von ihrem Tänzer geholt; das Bouquet, welches Lindenau ihr gerreicht, blieb auf dem Stuhle liegen.
Als sie zurückkehrte, war der Graf verschwnnden. Als sie sich nach ihm umschaute, fühlte sie plötzlich etwas weiches unter ihrem Fuß. Sie schaute auf die Erde. ES war das Bouquet, welches sie mit ihrer Robe vom Stuhle gestreift und jetzt zertreten hatte.
Sie hob es auf, und als sie die zertretenen Blumen entfernte, bemächtigte sich ihrer eine bange Ahnung. Unruhe machte ihre Brust wogen und die Pulse rascher treiben. Sie ging durch den Saal; ihre Blicke suchten dm Grafen vergebens. Sie trat in ein Kabinett und überließ sich, aus einen Divan sinkend, einer trüben Stimmung.
Plötzlich hörte sie Schritte. Es war Lindenau, der durch die Spielzimmer gewandert war, um das Ende deS Tanzes zu abzuwarten.
Albertine schaute auf. Im ersten Augmblick hätte sie jubeln mögen, aber der Dämon mischte das Gefühl eitlen Triumphes in die Freude. „Er ist nicht der Mann," dachte sie, ihrer Angst spottend, „der sich loszureißen vermag."
„Sie hier? ich dachte, Sie hätten den Ball verlassen?" fragte sie, sich Kühlung zufächelnd.
„Woher vermuteten Sie das?" fragte er, und sein Auge hing an ihren Lippen, als erwarte eö von ihnm Entscheidung über Leben und Tod.
„Ich bemerkte Sie nicht im Saale."
„Hätten Sie mich vermißt? Albertine, fühlten Sie, daß ich Uiffache hatte, zu gehen, und hätte e« Ihnen leid ge- than, wenn Ihr bitteres Wort das letzte gewesen wäre, daS Sie heute zu mir gesprochen?"
Albertine war von dem Augenblicke an, seit ihre Besorgnis geschwunden, wieder heiter geworden. In diesem Mommte hatte sie bereits ihre Angst vergeffen und fiel wieder in die Gewohnheit, Lindenau's Vorwürfe mit Spott zu beanworten.
„Ja," lächelte sie, „ich habe Sie vermißt, denn ich bin leider daran gewöhnt, nach jedem Tanze eine kleine Vorlesung zu hörm, süß oder bitter, je nach Ihrer Stimmung —"
„Albertine," unterbrach er sie mit bebender Stimme, „reden Sie emsthaft, oder bei Gott, ich verzweifle daran, in Ihnen ein Herz zu finden. Sie wissen, daß ich Sie liebe, Sie haben mich tief gekränkt, jetzt dürfen Sie nicht spotten!"
(Fortsetzung folgt.)