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Marburg, Mittwoch, 9. August 1882.

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Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, s owie d.Annoncen-Bureaux v. Th- Dietrich u. Co. in Kassel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a-M-; Haasenstein u. Vogler in Frankfurt a. M-, Berlin, Leipzig, Köln rc.; Rudolf Stoffe in Berlin, Frank­furt a. M. rc.

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Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition b. Blatte-, sowie d.Annoncen-Bureaux von G L. Daube u. Co- in Frankfurt a. M ; JSgersche Buchhandlung daselbst; Hermansche Buchhandlung daselbst; Invalidendarkin Berlin; SB). ThieneS in Elberfeld; C. Schlotte in Bremen.

Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JllnstrirteS SouutagSblatt" durch die Expedition (K o ch'fche Buchdruckerei) bezogen 21/* Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. (excl- Bestellgebühr.) — Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg.

Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet-

Eiu neues Kabinett und die alten Ränke.

Wie oft ist Gambetta schon nach Entlarvung einer Jntrigue in der großen Mehrzahl der Blätter für einen politisch toten Mann erklärt worden und doch ist er immer wieder von neuem da und treibt die Parteibewegung. Man kann sagen, die politische Geschichte Frankreichs in den letzten Jahren ist die Geschichte von GambettaS Jntriguen. Auch jetzt scheint die Entrüstung allgemein, denn die Sackgasse, in die Frankreichs äußere Politik hineingetrieben wurde, ist offenbar nur auf seine Ränke zurückzuführen.

Ob Ferry und Sah die Gambettisten nur benutzen wollten, um zur eigenen Ministerpräsidentschaft zu gelangen, oder ob sie direkt im Auftrage des Parteichefs handelten, bleibt im gründe genommen gleichgültig. Immer war ihr Handeln unloyal und perfide, sie werden hoffentlich eine Zeitlang von der Bildfläche verschwinden, wenn nicht Say noch veranlaßt wird, nachträglich über sein Budget Auf­schluß zu geben, mit dem man sich in der aufregenden Zeit der Kabinettskrisis leider gar wenig beschäftigt hat.

In der Kammer hat sich inzwischen der moralische Katzenjammer nach der aufwallenden Stimmung am 29. Juli eingestellt, der aber wohl verschwinden wird, sobald man neue Gesichter auf der Ministerbank sehen wird. Das ist dann wieder für den Augenblick etwas Neues und Pikantes; Egypten wird auf eine kurze Zeit vergessen. Die volle Beschämung wird für die Kammer- erst eintreten, wenn sie binnen kurzem gezwungen sein wird, Freycinets Programm seinem Nachfolger bewilligen zu müssen. Denn das ist ihr jetzt schon klar geworden, daß dieses Programm ein eminent friedliches war, und daß eö nur beabsichtigte, an der gemein­schaftlichen Besetzung deS Kanals, worüber das Einver­ständnis der Großmächte bereits erzielt war, teilzunehmen. Daß Freycinet das nicht klarer ausgesprochen hat, bleibt ein taktischer Fehler. In solchen Augenblicken der Ent­scheidung muß der Lenker der Geschicke eines Landes ohne jede Nebenrücksicht vor dem Lande die ganze Wahrheit auS- sprechen, und hätte er das gethan, so würde heute die Situation eine andere sein. Er wußte genau, daß er Ferry und Say nicht trauen durfte. Wie kam er dazu, in diesem wichtigen Moment sich von ihren falschen Ratschlägen um­garnen zu lassen? — Doch diese Oraisons funebres über das dahingcschwundene Ministerium werden mit einem Schlage aus der Presse verschwinden, sobald der neue Konseilprästdent sein Programm enthüllen wird. Was aber nicht verschwinden wird, daS sind GambettaS Jntriguen, die auch der neuen Regierung daS Leben schwer machen werden. Say, als Vertreter deS WelthanseS Rothschild r ' als besonderer Vertrauensmann der Börse, will vor n Englands Aktion in Egypten durch Frankreichs .alischem Beistand bcispringen. Eine europäische Be­setzung deS Kanals wäre aber jetzt, wo der Kanal schon thatsächlich in den Händen der Engländer ist und von den

Der Erbe des Blutes.

Erzählung von Emma Händen.

(Fortsetzung)

„Für Sic, Frau Werner, und die Kinder werde ich immer sorgen, so lange, bis Ihr Mann ein Unterkommen hat. Was ihn betrifft, so haben Sie allerdings Recht, denn da er sich mir nie gefügt hat, wird er auch wenig die Rückkehr in die alten Verhältnisse wünschen. Aber das Kind hat mir da den rechten Weg gewiesen; der Einzige, der ein Gnadengesuch für ihn einreichen kann, bin ich, und ich werde cs thun, ob­gleich erst wenig mehr als die Hälfte seiner Strafzeit um ist." —

Der Graf begnügte sich nicht damit, schriftlich ein Gnadengesuch bei dem Landesfürsten einzureichen, sondern er ging erst nach der Strafanstalt, in der der Unglückliche seine fünfjährige Haftzeit abbüßte, um mit dem Gefängnisprediger über ihn zu sprechen. Derselbe lobte ihn sehr und versicherte, der Gefangene sehe seine Schuld ein, bereue dieselbe und werde die Anstalt als ein anderer, befferer Mensch verlassen, selbst wenn es noch vor Ablauf der ihm zuerkannten Straf­zeit sei; er könne sich nur freuen über des Grafen Ent­schluß und wünsche demselben den besten Erfolg bei seiner Durchlaucht. —

Der Fürst, zu dem der Graf nun ging, war ein älterer Manu, ourch deffen dunkles Haar sich die ersten Silberfäden zu ziehen begannen. Freundlich ernst hörte er des Grafen Erzählung über die Ereignisse der letzten Jahre in Stein­hausen und versprach, Werner zu begnadigen. Ruhiger als er gegangen war, kehrte der Graf heim.

Wochen waren verstrichen, die Regierungrätin hatte sich wirklich, wie sie gehofft, soweit erholt, daß sie nach

Egyptern nicht im geringsten bedroht wird, keine moralische Stärkung, sondern eher ein Mißtrauensvotum für England. Say stimmt daher mit Gambetta darin überein, um jeden Preis Frankreichs Einverständnis mit den vier Großmächten zu verhindern. Gelingt das, so wird Frankreich ganz von selbst in die Arme Englands getrieben. Unter Ferrys Ministerium wurde die Expedition nach Tunis zu Nutz und Frommen französischer Spekulanten unternommen. Schon damals waren die Präliminarien des späteren Ver­trages zwischen Sir Charles Dilke und Gambetta entworfen, wonach England nicht nur freie Hand in Egypten, sondern auch Unterstützung der französischen Waffen erhalten sollte. Dann wollte Gambetta mit Gladstone im Verein das große Problem lösen, Englands und Rußlands Interessen in Asten zu versöhnen, und wenn das gelungen war, dann wäre das goldene Morgenrot der Revanche in Frankreich angebrochen. — Diese Pläne scheinen jetzt sehr aus­schweifender Natur zu sein; und doch gab es eine Zeit, wo man sehr nahe daran war, die Ausführung derselben zu versuchen. Als die Vertrauensmänner dieser Politik zwischen Pari» und Petersburg hin- und herflogen; als die Mißstimmung der Kriegspartei am Nil noch im ersten Stadium des Entstehens war, also leicht zu unterdrücken gewesen wäre; als das große Ministerium unter dem Ex­diktator, der sich den Namen deS Restituteur de la France erwerben will, mit einer ergebenen Mehrheit im Bourbon walten zu können glaubte: — da gehörte eine solche Abenteurerpolittk nicht zur Unmöglichkeit.

Glücklicherweise ist die Stimmung in Frankreich in überwiegender Mehrheit dieser Politik gerade entgegengesetzt. Auch haben die Volksvertreter bewiesen, daß sie den Frieden erhalten wollen. Aber eine 'Kette ränkeschmiedender Poli­tiker in Verbindung mit der Haute finance läßt daö Land nicht zur Ruhe kommen. Alle Mittel der Korruption werden angewandt, und entsteht aus den Reihen der Majoritätsbänke ein neues Ministerium, so befindet sich auch schon der Judas in seiner Mitte, der auf des Vogel­stellers Pfeife lauscht, welche der große Macher hinter den Koulissen ertönen läßt. — So bietet auch hier der Parla­mentarismus, unbeeinflußt durch daö Gegengewicht eine« anderen politischen Schwerpunktes, die unerschöpfliche Hand­habe, den Willen des Volkes zu unterdrücken, die öffentliche Meinung zu fälschen und das Wohl der Nation den eigen­nützigen Ränken der Parteiführer zu opfern. Wir fürchten, daß auch unter dem neuen Ministerium daS alte Spiel sich wiederholen wird. Der Schaden liegt eben im System, nicht in der Zusammensetzung der Persönlichkeiten. (R.-B.)

Deutsches Reich.

Berlin, 7. Aug. Der Kultusminister hat auf eine aus Arnsberg an ihn gerichtete Petition eines Privaten, den katholischen Gymnasialschülern die in corpore-Teilnahme

an den Prozessionen, namenllich an den FrohnleichnamS- Prozesstonen, unter Begleitung und Aufsicht ihrer Lehrer zu gestatten, dieselben auch dreimal wöchentlich einer Meffe beiwohnen zu lassen, folgendes verfügt: «Ew. Wohlgeboren erwidere ich auf die Eingabe vom 29. Juni d. I., betr. Teilnahme der Schüler des dortigen Gymnasiums an gottesdienstlichen Handlungen, daß zur Aenderung der gel­tenden Bestimmungen bezüglich der Teilnahme der Schüler höherer Lehranstalten an Prozessionen und des gemeinschaft­lichen Besuches des Gottesdienstes seitens derselben kein Anlaß vorliegt." — Die Minister für Handel und Ge­werbe und des Innern haben infolge der mehrfach im Eichwesen vorgekommenen Unregelmäßigkeiten durch ge­meinsames Zirkular die Regierungspräsidenten zu ord­nungsmäßiger Handhabung des EichwesenS aufgefordert. Gegen die Vorschriften der Eichordnung werde in neuerer Zeit vielfach gefehlt. So werden im Großhandel Meß­werkzeuge, namentlich Gewichte, zu einem Preise feilge­boten, welcher den Preis der ungeeichten Gegenstände um einen geringeren Betrag als denjenigen der taxmäßigen Eichgebühr übersteigt, und lasse dies erkennen, daß diese Gebühren vielfach nicht zu ihrem vollen Betrage erhoben werden. Die Ausführung der Eichungen werde dadurch zu einem Gegenstand der Konkurrenz unter den einzelnen Etchungsstellcn, indem Großfabrikanten von Gewichten rc. ihre Aufträge denjenigen Eichungsämtern zuwenden, welche ihnen bezüglich der Ermäßigung der Gebühren die gün­stigsten Bedingungen bieten. Dadurch muffe die Zuver­lässigkeit der Eichungen mit Notwendigkeit leiden, da die Eichmeister dazu verleitet werden, zur Erzielung hoher Einnahmen eine möglichst große Zahl von Eichungen an sich zu ziehen, so daß sie dem einzelnen Eichgeschäft nicht die erforderliche Sorgfalt zuwenden können. Wenn nicht die ordnungsmäßige Handhabung deS Eichungswesens ernst­lich gefährdet werden solle, erscheine eS unerläßlich, diesem Mißbrauch mit aller Strenge entzegenzutreten. Dies könne namentlich dadurch nur geschehen, daß seitens der zuständigen Gemeindebehörden eine Verschärfung der Auf­sicht über die EichungSämter geübt werde und dieselben regelmäßig wiederkehrenden und außerordentlichen unver­muteten Revisionen unterzogen würden. — An stelle der gegenwärtig im Gebrauch b findlichen „W echse lstemp el- vordruckblätt e r"(gestempelte Wcchselstempel-Formulare) werden künftig derartige Vordruckblätter mit unverändertem Stempelaufdruck hergestellt werden, welcher mit Arabesken in violetter Farbe umgeben, abgesehen von dem in dem­selben fehlenden Vordruck für den Erweiterungsvermerk, dem Muster der neu eingeführten Wechselstempelmarken entspricht. Zunächst werden jedoch die noch vorhandenen älteren Formulare verwendet werden. — Das „Journal de Rome" schreibt: „Die Schritte Herrn v.Schlözerö sind in der liberalen Presse der Gegenstand der phantastischsten

Steinhaufen übergcsiedelt war und seit etwa acht Tagen weilte sie mit Gertrud im alten Schloß. Wieder war es Sonntag, der Taz, an welchem vor langen Jahren einst Frau Selma begraben war. Die Stcinhausener waren meist vor der Thür ihrer Häuser und standen gruppenweis plaudernd bei einander. Da kam ein wild aussehender Mann daher, alle erkannten Werner, aber Keiner kam ihm entgegen, Keiner begrüßte ihn. Hätte das feindselige Ver­hältnis zwischen Gutsherrn und Gutsleuten noch bestanden, so würden sie wohl, da das Auge des Herrn hier nicht sah, ihn freundlich willkommen geheißen haben, so aber be­achteten sie ihn nicht, der ja doch nie wieder unter ihnen leben konnte, ein Untergebener des von ihm so schwer be­leidigten Grafen. Werner kam nur, um nach seiner Frau und seinen Kindern zu forschen und zu fragen, wo er die­selben zu suchen habe, denn daß er sie hier finden würde, auf dem Besitztum Dessen, wider den er die Mörderhand erhoben hatte, das ahnte er nicht.

„Wo ist meine Frau?" fragte er die eine Gruppe.

„Wo soll sie sein, zu Hause jedenfalls," lautete die Antwort.

„Hier in Steinhaufen?"

„Wo sonst?"

Ein Gefühl tiefer Beschämung kam über den Unglück­lichen bei dieser Kunde, er eilte seiner Wohnung zu und lag bald in den Armen seiner Frau und Kinder. Ach, es war ein bitter-schmerzliches Wiedersehen, um so mehr, da die Sorge für die nächste Zukunft damit verbunden war. Er mußte augenblicklich handeln, da er ja nicht auf Graf Reginalds Besitztum bleiben durfte; er ging daher zum Pfarrer, von ihm Rat zu erbitten.

Der Greis erkannte bald, welch anderer Mmsch vor

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ihm stand, als der vor drei Jahren Steinhaufen verlassen hatte und beschloß einen VermittclungSversuch bei dem Grafen zu machen. Er teilte Werner seine Absicht mit und fragte ihn, ob er sich der Autorität des Gutsherrn unter­werfen wolle.

„Mit Freuden", antwortete derselbe, „aber er wird mir nicht verzeihen, ich kenne ihn."

„Sie haben ihn gekannt, jetzt kennen Sie ihn nicht mehr, auch er ist ein Anderer geworden."

__ Eben wollte der alte Mann seinen Weg nach dem Schloß antreten, als der, den er suchte, unvermutet bei ihm eintrat. Finster streifte Reginalds Blick den einstigen Bruder, er beachtete ihn nicht weiter und erwiderte auch seinen Gruß nicht.

„Sie sind beschäftigt, Herr Pfarrer, wie ich sehe," sagte er kurz und wandte sich zum Gehen.

„Litte, Herr Graf, verweilen Sie einen Augenblick," begann der alte Mann, „ein Unglücklicher hat mich um meine Vermittelung bei Ihnen gebeten: Werner wünscht wieder in Ihren Dienst zu treten und getraut sich nicht, Ihnen selbst die Bitte auszusprechen. Haben Sie für diese Bitte nur ein entschiedenes Nein und können Sie nicht großmütig die Vergangenheit vergeffen?"

Reginald wandte sich um zu dem Bittenden, der in demütiger, bescheidener Haltung vor ihm stand.

„Ist das Ihr völliger Ernst, Werner?" fragte er ernst, doch nicht unfreundlich.

„Mein völliger Ernst, Herr Graf. Meine Vergangen­heit wird mir überall zu meinem Fortkommen hinderlich sein, denn wer nimmt einen entlassenen Zuchthaussträfling auf l" setzte er seufzend hinzu. (Fortsetzung folgt.)