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Rr 182

Marburg, Sonnabend, 5. Anglist 1882

xvil Jahrgang

»nötigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatte-, (otoie d.Annoncen-Bureaux o Th- Dietrich u. Co- in süffel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a-M-; c,aasenstein u. Vogler in ßranlfurt a. M., Berlin. ö.iDug, Köln tc.; Rudolf Masse in Berlin, Frank- V furt a. M- tc.

GkWschk Jritinio

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition b. Blatte-, sowie d.Annoncen-Bureaux von @ L. Daube n. 6e. in Frankfurt a. M ; Jägersche Buchhandlung daselbst; Hermansche Buchhandlung daselbst; Jnvalidendarkin Berlin; W. Thiene- in Elberfeld; E. Schlotte in Bremen.

Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für da- Quartal mit der wöchentlichen Beilage „Illnstrirte- LonutagSblatf durch die Expedition (Ä o ch'sche Buchdruckerei) bezogen 2*/t Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiche- 2 Mark 50 Pfg. (exel. Bestellgebühr.) — Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Psg. Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet.

Dir Vertretung der wirtschaftliche« Interesse«.

Die Lehre von der natürlichen Harmonie der wirtschaft­lichen Interessen und von der durch die schrankenlos freie Bewegung der Konkurrenz zu erzielenden Regulierung der­selben ist durch die Erfahrungen der letzten Jahrzehnte so vollständig widerlegt worden, daß die Verkündiger dieser Theorie sich mit der Rolle von Predigern in der Wüste begnügen müssen. Die Notwendigkeit, der auf großgewerb­lichem Gebiet hervorgetretenen grellen Dissonanzen zwischen den Interessengruppen der Arbeitgeber und Arbeiter aus gesetzgeberischem Wegen zu einer wenigstens annähernden Harmonie zu verhelfen, ist bekanntlich im Vaterlande der „freien Wettbewerbung" zuerst anerkannt worden. In der Folge ist die Ueberzeugung, daß die natürliche Harmonie der Interessen ein bloßeS Spiel mit Worten ist und daß die Herstellung dieser Harmonie eine der wichtigsten Auf­gaben des Staates bildet, bei allen Kulturvölkern die herrschende geworden.

Deutschland, dessen Berus es von je gewesen ist, die die Zeit bewegenden Gedanken in selbständiger Weise zu ver­arbeiten und zu vertiefen, — Deutschland hat sich der Notwendigkeit einer staatlichen Teilnahme an der Lösung der wirtschaftlichen und der mit dieser eng zusammen­hängenden sozialen Aufgaben um so weniger entziehen können, als es gleichzeitig eine politische und eine tiefgehende ökonomische Umgestaltung durchzumachen gehabt hatte. Hier wie dort galt cS die Aufrichtung von Organisationen, welche eine dem Zeitbedürfnis entsprechende einheitliche Förderung der nationalen Ziele ermöglichte.

DaS Ergebnis des „freien Spiels der Kräfte" auf dem gewerblichen Gebiete braucht an dieser Stelle nicht erörtert zu werden, bildet dasselbe doch den Inhalt der größten Frage der Zeit. Rücksichtlich des Verhältnisses zwischen den drei Hauptgebieten der Produktion, der Landwirtschaft, des Gewerbes und des Handels war der Gang der Ent­wickelung dieser gewesen, daß die zur Wahrnehmung der speziellen Interessen jedes dieser Gebiete geschaffenen Organe eben nur diese Interessen wahrnahmen, daß dabei im einzelnen vielfach Ersprießliches geleistet wurde, daß daS von der „natürlichen Harmonie der Interessen" verbürgte Zusammentreffen an einem gemeinsamen Punkte dagegen vollständig auSgeblieben war. Heute greift in immer weiteren Kreisen die Vorstellung Platz, die Interessen deS einen Produktionszweiges könnten überhaupt nur auf Un­kosten der beiden anderen zur Geltung gebracht werden.

Hier vermittelnd und versöhnend einzutreten ist eine unabweisliche Aufgabe der Regierung gewesen. In ersprteß- lichcr Weise kann dieselbe nur gelöst werden, wenn die

Der Erbe -es Blutes.

Erzählung von Emma Händen.

(Fortsetzung)

Wenige Tage darauf verließ Gertrud Steinhaufen, nm nach Kemdcn zurückzukehren. DaS schöne Wetter hatte einem herbstlich trüben Platz gemacht, dicke, schwere Wolken hingen am Himmel und ein feiner Sprühregen, der Vor- bote stärkerer Schauer, fiel zur Erde, als der Wagen am alten Schloß vorfuhr, der Gertrud nach Kemden führen sollte.

Wenige Monate waren vergangen seit jenem Sonntag Nachmittag, an dem sie die Heimat wiedergesehen hatte, und wie anders war es heut, als damals I Wohl hatte damals die Sonne vom wolkenlosen Himmel niedcrgcleuchtct und der Frühling war in Glanz und Pracht eingezogen. Heut heulten Herbstesstürmc um da- Schloß ihrer Väter und düster schaute der Himmel nieder, aber in ihrem Innern sah cs lichter und hoffnunzSfreudizer aus. Kein Mensch hatte damals Notiz von ihrer Ankunft genommen, heut war, trotz der Ungunst des Wetters, fast das ganze Dorf ver­sammelt, um ihr Lebewohl zu sagen, und er, den sie vor Monden nicht um den Schlüssel zum Grabzitter der Eltern hatte bitten wollen, stand heut in Sturm und Wetter am Schlage ihres Wagens und küßte ihre Hand zum Abschied.

„Leben Sie wohl, Vetter Reginald, auf Wiedersehen in Kemden," rief sie laut, daß Alle eö hörten.--

Der Wagen rollte fort, die Menge zerstreute sich, er blieb allein, sinnend dem enteilenden Gefährt nachschauend; zum erstenmal erwachte ein Gefühl von Einsamkeit und Allein­sein in der Brust des Schloßherrn. Zum erstenmal erschrak er in dem Gedanken, noch drei Jahre warten zu sollen, ehe er sie die Seine nennen durfte. Sie liebte ihn, das hatte er klar erkannt, wenn sie das Wort Liebe auch nicht ausgesprochen, sonst hätte sie die Vergangenheit nicht ver­gessen. Wenn Jemand, dem sie vertraute, es über sie vermochte, daö bindende Jawort auszusprechen l In Stein-

Organe der einzelnen wirtschaftlichen Gebiete ihrer Isolierung entrückt und dadurch in die Lage gebracht werden, an der Beratung und Förderung der gemeinsamen Bedürfnisse des Wirtschaftslebens in ähnlicher Weise teilzunehmen, wie das rücksichtlich der speziellen Interessen bereits früher der Fall gewesen war.

Diesem Gedanken ist daS Institut des Volkswirtschafts rats entsprungen, in welchem die Vertreter der drei wirt­schaftlichen Hauptgebiete einen ersten Vereinigungspunkt gefunden haben. Der Natur der. Sache nach kann eS bei einer vereinzelten Institution sein Bewenden aber nicht behalten, wenn die beabsichtigte Annäherung und Ver­ständigung der verschiedenen Interessengruppen erfolgreich durchgesührt werden soll. Dazu wird eS einer Organi­sation bedürfen, deren Mitwirkung nicht nur bei der Beratung, sondern auch bei der Durchführung auf das wirtschaftliche Leben bezüglicher Gesetze in Anspruch ge­nommen werden kann und die sich außerdem zur Ver­tretung der lokalen Bedürfnisse in den einzelnen Teilen deS Staatsgebiets eignet.

In hohem Grade beachtenswert erscheint in dieser Rück­sicht der von einer Handelskammer gemachte Vorschlag, auS Vertretern der Landwirtschaft, deS Gewerbes und deS Handels zusammengesetzte Körperschaften für die einzelnen Regierungs­bezirke zu bilden, welche den BezirkSrcgierungen in allen wirtschaftlichen Fragen beratend zur Seite zu stehen hätten. Es würden auf solche Weise Organe für die Förderung gemeinsamer und für die Ausgleichung differierender Jntcr- effen der einzelnen Bezirke geschaffen und gleichzeitig feste Grundlagen für größere und umfassendere Organisationen gewonnen werden können.

Diesem Vorschläge, der die Aufmerksamkeit der Regierung auf sich gezogen hat, eine unbefangene Prüfung zuzuwenden, wird zunächst Pflicht der Presse oder doch desjenigen Teils der Presse sein, der für die Beurteilung sachlicher Vor­schläge einen anderen Maßstab, als denjenigen ihrer Aus­giebigkeit für FraktionS- und Parteizwecke besitzt. (Pr. C )

Deutscher Reich.

Berlin, 3- Aug. Infolge der mehrfach erwähnten Verfügung deS Ministers der öffentlichen Arbeiten an die König!. Eisenbahndirektionen, alsbald auf Maßregeln be­dacht zu nehmen, um dem voraussichtlich starken Herbst­verkehr auf den Eisenbahnen nach Möglichkeit gerecht zu werden, sind bereits bei sämtlichen Staatsbahnen die er­forderlichen Vorbereitungen in vollem Gange. ES sind zu diesem Zwecke namentlich schon folgende Maßregeln an­

hausen lebte Einer, der cs wohl über sie vermocht hätte, ein silberhaariger Greis, der alte Pfarrer, und zum Pfarr­hause lenkte der Graf feine Schritte.

Pfarrer Ziller hatte, soweit eS dem Tagelöhnerkind gegenüber nötig war, die geistige Erziehung deS jungen Grafen geleitet, zu ihm war derselbe geeilt, als er die in­haltschwere Entdeckung seiner hohen Geburt gemacht hatte; später hatten sie nur selten und förmlich mit einander ver­kehrt, wie eS daS Verhältnis zwischen Gutsherrn und Dorf- geistlichen bedingte. Keiner war über die Schranken hinaus­getreten, die irdische Gesetze ihnen gesteckt hatten, nach denen der Greis immerhin der Untergebene des jüngeren Mannes war. Heut zum erstenmale forderte der Graf ein anderes Verhältnis, indem er als Bittender in einer Privatangelegen­heit die Schwelle des Pfarrhauses überschritt. Der alte Mann war überrascht durch diese Bitte.

„Ihr Verhältnis zur Komtesse im vergangenen Jahr ließ einen so schnellen Umschwung der Dinge nicht ver­muten, Herr Graf," sagte er.

„Herr Pfarrer," erwiderte der Graf, „daS ist eine lange Geschichte, die noch auS unfern Kindertagen datiert. In der Schloßkapelle neben Frau SelmaS Sarg saß auf den Stufen des Katafalks ein vierzehnjähriger Knabe und auf seinen Knieen schlummerte, in sorglosem Vertrauen, ein holde», süßes Kind, die Tochter jener Toten, die da im Sarge lag. Da schlang der Genius der Liebe unsichtbar eine Fessel um das Kinderpaar, die zu stark war, als daß Eines sie zerreißen konnte. Zwei Jahre später traf sich daS Kinderpaar wieder am Parkgitter, das kleine Mädchen verletzte den Knaben an seiner verwundbarsten Stelle, in­dem es ihn einen Findling nannte, dessen Vater man nicht kenne, und der Knabe drohte in seiner Heftigkeit dem Kinde mit der geballten Faust. Da trat der Dämon des HaffeS seine Herrschaft an und trennte *elf lange Jahre zwei Menschen, die doch unsichtbar an einer andern Fessel zu tragen hatten. Nach elf Jahren traf ihn caS Meffer deS

geordnet worden: 1) Die Sorge für eine möglichst rasche Zirkulation der Wagen durch Feststellung der nötigen Fakultativzüge zur Rückbeförderung leerer Wagen und durch unausgesetzte Kontrolle der genauesten Beachtung der für den Wagenaufenthalt auf den Stationen und für die Versorgung der Bedarfsplätze gegebenen allgemeinen Vorschriften, sowie der von dem Zentral-Wagenbureau und von den betreffenden Spezial-WagenbureauS erteilten Dis­positionen. Ebenso ist die Erstattung genauer und zuver­lässiger Wagenmeldungen sowohl seitens der Stationen an die Spezial'Wagenbureaus, wie seitens der letzteren an das Zentral-Wagenbureau mit besonderer Sorgfalt zu überwachen; etwaige Unregelmäßigkeiten sind nachdrücklich zu ahnden. Der rasche Rücklauf der Wagen preußischer Staatsbahnen, namentlich aus entfernteren Absatzgebieten, welche in neuester Zeit durch die Eröffnung der Gotthardt­bahn noch eine erhebliche Erweiterung erfahren haben (auS der Schweiz, Italien, Süddcutschland, Oesterreich-Ungarn u. s. w.), ist durch entsprechende Requisitionen bei den be- teiligien fremden Verwaltungen nach Möglichkeit und nach­drücklich zu sichern. 2) Der Ausnutzung der fremden Wagen innerhalb der regulativmäßigen Grenzen, sowie der Heranziehung der fremden Verwaltungen zu einer ange­messenen Beistellung von leerem Wagcnmaterial zu den gemeinschaftlichen Transporten ist besondere Aufmerksamkeit zuzuwenden. 3) Auf die Mietung von Lokomotiven und Wagen, letztere von den Leihanstalten, wird ungeachtet der schon erfolgten und in der weiteren Durchführung begriffenen Vermehrung beS diesseitigen Lokomotiv- und Wagenparks mit Rücksicht auf die in aussicht stehende besondere Ver­kehrssteigerung bei Zeiten Bedacht zu nehmen sein. Mit den erforderlichen Einleitungen ist die Königl. Eisenbahn- Direktion zu Magdeburg zugleich für die übrigen Königl. Direktionen beauftragt worden. 4) Ueber die gegenseitige Aushülfe mit Maschinen sind schon jetzt die erforderlichen näheren Feststellungen unter den Verwaltungen des StaatS- bahn-Wagenverbandes für den Fall des Bedarfs zu ver­einbaren. 5) DaS verkehrtreibende Publikum ist in geeig­neter Weife um möglichst beschleunigte Entladung der Wagen zu ersuchen, um es den Verwaltungen zu ermög­lichen, so lange dies im öffentlichen VerkehrSintercffe irgend angängig, von einer allgemeinen Einschränkung der Ent- ladungöfristen abschen zu können. Besonders aber ist auf daö Nachdrücklichste auf die ungesäumte Entladung von Dienstguttransporten, namentlich in den Materialiendepots und in den Werkstätten zu halten und sind etwaige Ver­säumnisse empfindlich zu ahnden. 6) Die Kohlenkonsu­menten, namentlich die größeren Fabriken, sind zur mög-

Mördcrs und sie trat, ein Engel der Barmherzigkeit, an sein Schmerzenslager; da mußte der Dämon deS HaffeS weichen und dem mächtigeren Genius der Liebe Platz machen."

„Und Sie glauben wirklich, heute schon die Hand nach einem Weibe, wie Komtcffe Gertrud, ausstrecken zu dürfen?"

Der alte Mann blickte bei diesen Worten den jungm Grafen ernst strafend an, und zum erstenmal senkte der stolze Schloßherr von Steinhaufen unter diesem Blick seines Untergebenen den seinen.

„Daö Schicksal ist vor Jahresfrist," fuhr der Pfarrer fort, „hart und schwer an ein junges achtzehnjähriges Mäd­chen herangetreten; es war nicht leicht für ein verzogene», verwöhntes Kind, wie die Komtesse, die Herrschaft, die sie bei Lebzeiten des Vater hier thatsächlich ausübte, einem Manne abtreten zu sollen, den sie, wie Sie mir eben sag­ten, haßte. Veränderung brachte auch für sie daS Auf­geben der Heimat mit sich, und unter Fremden mußte sie ein neues Leben beginnen. Als sie nach Jahresfrist wieder- kam, war sie eine andere geword n, ich weiß eS, denn sie ist oft und viel bei mir im Pfarrhause gewesen. Ein stolzes Schloßfcäulein ging sie fort, ein demütiges Weib kam wieder, daS viel in der Fremde gelernt hatte. DaS Schloßfräulein wäre nie zu Ihnen gegangen, als sie ver­wundet und hilflos waren, daS that die Gertrud, die die herben Lehren des Schicksals gebessert hatten, die geläutert auS den Prüfungen des Lebens hervorgegangen war; ich kann den Entschluß der Komteffe, noch drei Jahre warten zu wollen, nur billigen und werde der Letzte fein, der ihn durchkreuzt; denn Ihr Leben im vergangenen Jahr, dem ersten Ihrer Herrschaft in Steinhaufen, war nicht derart, daß ein junges, zartes Wesen Ihnen mit vollem Vertrauen cntgegcnkommen könnte. Soll ihre Gattin etwa ihren nächt­lichen Gelagen prästvieren, oder wollen Sie die Nachtruhe derselben damit stören?" «Fortsetzung folgt.)