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Marburg, Donnerstag, 3. August 1882.

Nr 180

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!2- ;401j i Kindheit war für immer entflohen, aber schon begann die I 27.1 Ahnung eines andern Glücks in der Seele der Jungfrau

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und ihre Erregung zu verbergen.

„Die Rehe sind die einzige Erinnerung, die ich an meine lebende Mutter behalten habe," sagte sie, „mit diesem leben­digen Spielzeug tröstete mich mein Vater, als ich den Tod der Mutter erfuhr, die ich tot gesehen und schlafend wähnte."

Sie wußte also noch von jener Stunde, dann wußte sie auch noch, wer damals ihren Kindesschlummer behütet hatte. Eine heilige, weihevolle Erinnerung tauchte empor

zudämmern. Er wollte ihr diese Thüre öffnen, zur ver­späteten Sühne Dessen, was er einst dem kleinen Schloß­sraulein gethan hatte. WaS lag zwischen heut und jenem Tag!

Da kam er und öffnete ihr die Thür, das Reh sprang ihr entgegen und sie beugte sich nieder, um eS zu streicheln

in seiner Seele aus dem Ncbelmeer der Vergangenheit. Aber auch in ihr waren die KindcSerinnerungen erweckt, und sie war in unendlich weicher Stimmung.

Sie dachte, daß das Schicksal, nicht er, sie von dieser Stätte getrieben, er hatte ja nur genommen, was durch die Geburt sein war und seine Hand war es gewesen, die ihr heute diese Thür wieder geöffnet hatte, die sie auf ewig verschlossen wähnte. Und hier an dieser Stelle hatte sie einst, in kindischem Trotz, ihn schwer gekränkt. Hatte er es vergessen? Nein, vergessen konnte er es nicht haben, ehe sie gesühnt. Hatte sie nicht seine Wunden gepflegt, ihm den Arm, vielleicht das Leben, durch rechtzeitige Hilfe ge­rettet? Das war Christenpflicht, auch dem Feind gegenüber, gesühnt hatte sie erst durch die Bitte um Verzeihung. Sie fühlte eS, daß noch etwas Trennendes zwischen ihnen war, trotz jener Katastrophe, die einst die feindlichen Geschwister­kinder wieder zusammengeführt hatte, und daß dies Trennende

Die blauen Kinderaugen sahen so bittend zu ihm empor, was hätte er nicht vergeben unter diesem Blick! Und der­selbe drang tiefer, als sie ahnte. Ec nahm ihre Hand nnb bedeckte sie mit leidenschaftlichen Küssen, die Brück« war ge­funden von zwei suchenden Menschenkindern.

„Komtesse," erwiederte er, „Sic haben mich tiefer, un-

der Truppen abstand zu nehmen. — UebrigenS ist, wie die „Köln. Ztg." berichtet, die Panik unter den Bewohnern von Port Said so groß, daß der englische Admiral wenig­stens die Notwendigkeit einer Landung für unvermeidlich hält. Hoffentlich kommt sie nicht, wie in Alexandrien, zu spät.

Eilenden Schritts entfernte er sich. Noch stand sie draußen nnb ein verschloffenes Eisengitter wehrte ihr den Eintritt auf den Spielplatz ihrer Kindheit, aber wieder hing die letzte Thräne achtlos an der Wimper, denn ein Gefühl von Glück und Fr-ude zog in ihre Brust. Das Glück der

Drei Transportschiffe, auf welchen bereits cingefchifft waren, werden Truppen verbleiben vorläufig hier. „Daily News* erfahren, Admiral

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Truppen nach Egypten fofort deöarmiert. Die London, 1. Aug.

Seymour sei instruiert

Noch gelegener kommt eS den Engländern, daß sich der bisherige Konkurrent, Frankreich ganz zurückhält und sie in der Verfolgung ihrer Ziele nicht hindert, wenigstens vor­läufig. Die 3 Transportschiffe, auf welchen die nach Egypten bestimmten Truppen in Toulon bereits eingcschifft wurden, sollen laut eingegangenem Befehle sofort deöarmiert werden, die Truppen sollen vorläufig dort verbleiben. Heuchlerisch, unter einer Maöke, durch welche die ganze widrige Begehrlichkeit durchblickt, versichert die „Times": „Die Franzosen mögen versichert sein, daß wir die Gründe ihrer Uuthätigkeit vollkommen würdigen und, wenn das Werk der Zivilisation in Egypten geschehen sein wird, unfern alten Bundesgenossen zum Genüsse deS ihm zu­kommenden Teiles der Vorteile einladen werden."

Beißend bemerkt über diese Unthätigkcit John Lemoine im „Journal des DebatS", Frankreich werde bald zu den glücklichsten Völkern zählen, da eS „keine Geschichte mehr hat". „England", fährt er fort, „macht Geschichte und es macht namentlich Geschäfte. Wir müssen unseren Mit­bürgern noch einmal wiederholen: Egypten wird fortan eine englische Provinz sein. Der Vize-König, der Khedive, der Souverän oder Halbsouverän, der seinen Sitz in Kairo oder Alexandrien haben wird, wird die Rolle jener indischen Fürsten spielen, welche England in ihrem Palast wie in einem zoologischen Garten unterhält, und die es ebensogut in das Museum Tussaud schicken könnte."

Der „F. Z." zufolge finden auf Anregung Deutschlands unter den Mächten Verhandlungen über Schaffung eines europäischen Organs zur Sicherung des Verkehrs auf dem Suezkanal statt. An diesem Organ würden sämtliche Inter­essenten an der Suezkanal - Schiffahrt cingeladen werden, sich zu beteiligen; neben den Großmächten in erster Linie Spanien, die Niederlande und Griechenland. Die Kon­ferenz dürfte sich schon in ihrer nächsten Sitzung mit dieser Frage beschäftigen. Man glaubt Grund zu der Annahme zu haben, daß eine Einigung über diesen Antrag leicht sein würde; namentlich hofft man auf Zustimmung der Pforte.

Dieses „Gerücht" findet durch die Meldung, daß die Egypter in Port Said Befestigungswerke aufwerfen und der Gouverneur von Port Said sich auf ein englisches Kriegsschiff begeben hat, eine gcwiffe Bestätigung.

Der Khedive hat die Engländer ermächtigt, längs des Kanals alle Punkte zu besetzen, welche sie zur Vertreibung der Insurgenten für erforderlich erachteten. In Jsmailia sind Abteilungen englischer und französischer (!) Marine- Infanterie gelandet worden.

Hoffentlich hat die Operation der Engländer am Suez­kanal keinen fo verhängnisvollen Erfolg als in Alexandrien. Lesseps ist gegen jede Besetzung des Kanals und hat auch den französischen Admiral bewogen, von der Ausschiffung

Egypten.

Die Antwort Englands auf das Verlangen der Pforte, die Truppen aus Egypten zurückzuziehen, ist so ausgefallen, wie sich vorhersehen ließ. Der englische Botschafter Lord Dufferin hat, wie verlautet, auf das Ersuchen der Pforte um Mitteilung der Ansicht Englands über die türkische Intervention erklärt, England könne seine Truppen nicht aus Egypten zurückziehen; die Unthätigkcit des Sultans nötige England, die Aufgabe der Wiederherstellung der Ordnung in Egypten zu übernehmen; England acceptiere aber eine türkische Kooperation, wenn die Pforte eine formelle Erklärung abgebe, welche jede Zweideutigkeit be­züglich ihrer Absichten ausschließe. Gestern hatte Lord Dufferin wiederholt Konferenzen mit dem Minister des Auswärtigen, Said Pascha. So spitzt sich im Augenblick alles auf die Frage zu, wie sich die beiden Rivalen über eine Kooperation einigen werden. Ob die Pforte bei ihrem Widerstand gegen die englischen Forderungen von selten der übrigen Mächte mehr als moralische Unterstützung finden wird, läßt sich nicht beurteilen. Zwar betonen alle durch ihre offiziösen Organe, auch das Wiener Kabinett durch die „MontagSrevue", seit dem Zugeständnis der türkischen Intervention sei Europa wieder Herr der Lage und nicht eine einzelne Macht; die ähnliche Aeußcrung des „Journ. de St. Pet." wurde neuerdings angeführt; bereits wird dem „B. R." aus Konstantinopel gemeldet, der russische Vertreter auf der Konferenz habe den übrigen Mitgliedern derselben die Mitteilung gemacht, Rußland betrachte die egyplische Frage als eine zweifache und werde sich lediglich an der Diskussion der Kanalfrage beteiligen. Mit anderen Worten: um die Regelung der übrigen Verhältnisse in Egypten kümmert sich Rußland nicht. Es ist die russische Antwort darauf, daß dem Sekretär der englischen Botschaft, Sandison, auf seine Vorstellung wegen der Proklamation gegen Arabi Pascha türkischerseits, wie es heißt, erwidert worden ist, daß die Angelegenheit die Konferenz angehe, nnd daß Sandison sich deshalb an die türkischen Delegierten wenden möge. 1Bi

Der Erbe des Blutes.

Erzählung von Emma Händen.

(Fortsetzung)

WaS einst der herrische Befehl des Kindes nicht vermocht, dem der Vater schützend zur Seite stand, vermochte heute über ihn der Schmerzcnsruf der schutzlosen Jungfrau. Aber er rüttelte vergebens an dem Eisengitter, es war verschlossen.

„Bitte, Komtesse, warten Sie wenige Augenblicke," bat er, „ich hole sogleich den Schlüssel; man hat die Thür wohl abgesperrt an jenem UnglückStag und ich bin seitdem noch nicht wieder hier hinauSgegangen, aber ich komme so­fort wieder."

nur durch sie beseitigt werden konnte. Die stolze Komtesse, die einst nicht einmal die Möglichkeit anerkannt, daß sie irgend einem Wesen gegenüber eine Schuld tragen könne, fühlte sich heute schuldig gegenüber dem Manne, dem ihre Hand Gutes gethan hatte. Von einem unwillkürlichen Impulse getrieben, streckte sie ihm die Hand entgegen sagte: .

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„Herr Graf, an dieser Stelle habe ich sie einst Kind tief verletzt, ich weiß es heut, können Sie mir v«. zeihen, wenn ich Sie, nach langen Jahren erst, hier um Verzeihung bitte?"

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Fernere bezügliche Telegramme sind folgende: Toulon, 1. Aug.

worden, die Uebergabe des Forts Abukir zu fordern und, wenn die Uebergabe verweigert werden sollte, das Fort zu bombardieren.

London, 1. Aug. Der russische Geschäftsträger hat dem Lord Granville ein Zirkularfchreiben der russischen Regierung an ihre Vertreter im Auslande mitgeteilt. Der Inhalt des Zirkularschreibens geht, analog mit der dem russischen Staatsrate Onon auf der Konferenz machten Mitteilung, dahin, daß Rußland sich nur an Beratung der Suezkanalfrage beteiligen werde.

London, 1. Aug. „Reuters Bureau" meldet Konstantinopel, 31. Juli: Staatsrat Onon teilte Mitgliedern der Konferenz mit, Rußland betrachte ... egyplische Frage als eine zweifache, es werde sich lediglich an der Diskussion der Kanalfrage beteiligen.

Ko nstantinop el, 1. Aug. Es heißt, dem eng­lischen Botschaftssekretär Sandison sei auf eine Vorstellung wegen der Proklamation gegen Arabi Pascha türkischer­seits geantwortet worden, daß die Angelegenheit an die Konferenz gehen werde, Sandison sich deshalb an den türtischen Delegierten wenden möge.

Konstantinopel, 1. Aug. Eine kleine Truppen­abteilung geht demnächst unter Akif Pascha auf Transport­schiffen nach Egypten ab, um dem Khedive als Leibwache zu dienen. — Lord Dufferin hatte wiederholt Konferenzen mit Said Pascha.

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Konstantinopel, 1. Aug. Die Pforte wird dem­nächst an ihre Vertreter im Auslande ein Zirkular richten, in welchem sie auf die Hindernisse hinweist, welche England der türkischen Intervention entgegcnstellt. Betreffs der augenblicklich unter den Mächten schwebenden Verhandlungen über den durch die Konferenz herzustelleuden gemeinsamen Schutz des Suezkanals soll die Pforte bereits erklärt haben, sie sei mit jeder Maßregel einverstanden, welche von der Konferenz gebilligt werde.

Al exa-n dri en, 1. Aug. Dcr Khedive that Schritte, um 200 Italiener und andere Polizeimannschaften für den Polizeidienst in Alexandrien zu gewinnen. — Neben Der­wisch Pascha werden Mukhtar Pascha und Fuad Pascha -mmsb—1 "II |, heilbarer einst verwundet, als es jedweder Andere vermocht hätte, denn, das Kind suchend, das einst in der Schloß­kapelle in meinem Arm geruht, stand ich hier; ich fand das Kind nicht, ich fand das stolze Schloßfräulein."

„Und können Sie mir heut verzeihen?"

„Nur Ihnen, Komtesse, kann ich verzeihen, da unver­gessen bis zur heutigen Stunde das Bild eines holden Kindes in meinem Herzen gelebt hat."

Ein glühendes Rot färbte ihre,Wangen, ihre Hand zuckte in der seinen, die sie vergebens zu befreien suchte, denn sie sah mit klarem Frauenblick, was ihr die nächste Minute bringen mußte.

„Komtesse," begann er von neuem, „Steinhaufen war die Heimat ihrer Kindheit, o sehen sie es auch für die Zukunft als solche an; ich habe Sie einst aus dem Schloß vertrieben, gestatten Sie mir, Sie wieder in dasselbe zu führen, lassen Sie mir diese Hand für'S Leben."

So standen endlich vereint die Kinder zweier Brüder nach langer, unseliger Trennung. Zwei Paare schauten von Himmelshöhen auf sie nieder, zwei Paare, so verschieden an Charakter wie an Schicksal. Die eine Frau hatte den Gatten gesucht, der ihr hienicden nie die Stellung gegebm, die er ihr am Altar eingeräumt, und hatte mit den er­kaltenden Mutterhänden ihr Kind nie schützen können vor Fremden, die viel am Grafensohn gefrevelt. Jetzt konMe sie von Himmelshöhen ruhig niederschauen, ihr Kind hatte die rechte Hand gefunden. — Der andern Mutter brach das Herz über des Gatten Härte, und auch ihr Kind ging manchen Verirrungen entgegen, als sie es nicht mehr mit treuer Mutterliebe durch das Labyrinth des Erdenlebens leiten konnte. Aber ihre Tochter hatte längst den Anker gefunden, an dem sie festgehalten im Sturm des Schicksals.

(Fortsetzung folgt.)