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Marburg, Mittwoch, 2. August 1882.
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aus der Kinderzeit knüpften und doch durfte sie nicht hinein. Einen Platz gab es freilich, von wo aus sie ihn hätte sehen können, jene Stelle am Gitterthor, wo einst Reginald gestanden, das kleine Schloßfräulein suchend, wo jene Scene sich abgespielt, die für lange Zeit über zwei Menschenleben entschieden hatte. Aber die entsetzliche Erinnerung scheuchte sie immer wieder fort, noch ehe ihr Fuß diese Stätte betrat, denn wenn man sie dort gesehen hätte, ausgeschlossen für immer aus der Stätte der Kindheit I Sie hätte den Blick aus Menschenaugen nicht ertragen, der sie dort geschaut. Aber endlich, endlich siegte die Sehnsucht, einmal nur mußte sie den Park sehen, ehe sie der Heimat wieder Lebewohl sagte.
Sie wählte die Mittagsstunde, wo sie sicher sein konnte, von den Dorfbewohnern nicht überrascht zu werden. Mit stechender Glut brannte die Sonne auf der staubigen, schattenlosen Dorfstraße, sie achtete es nicht. Sie stand vor dem Gitterthor, sie schaute die Stätte, die einst das achtjährige Kind, mit dem Robinsontraum im Köpfchen, durchirrt an jenem verhängnißvollen Tage. Die Erinnerung zog magisch an ihrem Geiste vorüber und ließ sie die Gegenwart momentan vergessen. Sie hatte die heiße Stirn an das kalte Eisengitter gelegt, der Gedanke an den Schloß- Herrn war aus ihrer Seele geschwunden, in ihrer Erinnerung lebte er nur als Knabe, als Jüngling. Da streckte ein Reh seinen Kopf aus einem Dickicht zwischen niedrigem Buschwerk heraus. „Hans, Hans, HanS," erklang ihr Lockruf, und das Tier, an denselben gewöhnt, erkannte in der Rufenden die einstige Herrin wieder, denn zahme Tiere vergesien nicht so leicht den Menschen. ES sprang aus dem Dickicht heraus, eilte auf das Gitterwerk zu und streckte seinen Kopf durch dasselbe. Sie kniete nieder, streckte die Arme durch das Eisengitter und legte die verschlungenen
fallen werden und Freycinet vielleicht doch wieder mit einem Kabinett ohne Say und Ferry ans Ruder kommen wird.
lv. Stütj
Dampf.,
Erscheint täglich außer an den Werktaam Buchdruckerep *>•*——
Der Erbe des Blutes.
Erzählung von Emma Händen.
(Fortsetzung)
Ja, sie stand freundlicher mit ihm; so lange noch eine Ahnung von Wunde an seinem Arm gewesen, war er zu ihr gekommen, dann hatten seine Besuche ausgehört und sie hatten sich nur gesprochen, wenn sie sich im Dorf oder auf dem Schloßplatz begegnet waren, aber eS war noch etwas Fremdes, Trennendes zwischen diesen beiden Menschen, sie fühlten eS wohl. Ein zehnjähriger Haß schwindet wohl, wenn das Unglück versöhnend zwischen die Hassenden tritt, aber eS ist nicht sofort Alles weggewischt, was die lange Trennung herbeigeführt hat. Roch hatte Keines von ihnen das Wort gefunden, daö die Schranke niederriß und doch war, ehe dies Wort gesprochen, keine vollständige Aussöhnung möglich. Zürnen konnte er ihr nicht mehr um deswillen, was sie ihm einst gethan, aber die Bitterkeit aus seiner Seele ganz wegzuwischen, das vermochten nur Worte von ihr, sie hatte dieselben noch nicht ausgesprochen.
Die Heimat bot ihr neue Reize, hatte sie gesagt aber es waren bittere schmerzliche Erinnerungen, die sie fesselten und von denen sie sich nicht losreißen konnte oder wollte. Das Schloß, in dem sie als Kind gespielt, damals, wo sie im Arm der Mutter gelegen, später vom Vaterauge bewacht, in dem die Leichen der Eltern gestanden, sie sah eS nut aus der Ferne. Gigantisch ragten die Mauern empor, ste an eine ferne, ferne, längst vergangene Zeit zu mahnen, die Räume, in denen die Kinderschritte verhallt waren, die Kinderstimme erklungen, in denen die Jungfrau gewandelt war, sie sah sie nur mit den Augen ihres Geistes. Aber Nach einer Stätte zog eS sie magiscb mit heißer Sehnsucht, nach dem Park, an dm sich die schönsten Erinnerungen
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rburg, 44.
Daß Gambetta jetzt schon wieder an die Spitze gelangen wird, ist unwahrscheinlich; aber daß das neue Ministerium ihm den Weg bahnen wird, erscheint kaum noch zweifelhaft, weil eS vollständig an politischen Persönlichkeiten fehlt, welche eine kräftige Politik führen und Gambetta wirklich zu beseitigen vermöchten. Der Parlamentarismus mit seiner inneren Hohlheit und Zerfahrenheit läßt keine kraftvolle Persönlichkeit, die nicht mit dem großen Haufen läuft, zu entscheidendem Einfluß kommen. Ueberhaupt ist das Verhalten des englischen wie französischen Parlamentarismus in der egyptischen Frage sehr dazu angethan, dieses Regie- rungSsystem auch um den letzten :)ieft von Kredit zu bringen gegenüber dem Verhalten der monarchischen Regierungen. Der Stimmung der Mehrheit der französischen Kammer gemäß müßte jetzt ein Kabinett eingesetzt werden, welches von der egyptischen Frage sich ganz zurückhielte; aber wahrscheinlich wird der Einfluß der bei der egyptischen Frage so sehr interessierten Börse, namentlich Rothschilds, stärker sein, als der Einfluß der Kammer, und so dürfte Frankreich schwerlich ans der egyptifchen Verwickelung herauskommen. Freilich liegt es nicht am Ministerium allein, da die Kammer sich sperrt. ES taucht deshalb schon die Auflösung der Kammer überall in der politischen Debatte auf. Aber eine solche Maßregel paßt nur in die Hand eines kraftvollen Mannes an der Spitze, der den Wählern die Direktive giebt — und, sobald man nach einem solchen sich umsteht—fällt daS Auge immer wieder auf Gambetta. Er ist das Verhängnis Frankreichs und an ihm wird eS sich auch erfüllen müssen. Zunächst ist die Verwirrung groß; die Gambettisten verlangen ein Ministerium Brisson, was thatsächlich ein Ministerium Gambetta bedeutet, andere wollen nur ein Geschäftsministerium. Guter Rat ist in Frankreich teuer, trotzdem, oder gerade weil eS so viele Ratgeber hat. Der folgende vor der Abstimmung geschriebene Brief giebt ein ^8^ d» Lage:
Wie auch die heutige Entscheidung in der Kammer ausfallen mag, darüber sind alle Parteien einig, und die antigambettistische Presie spricht eS aus, daß man sich kaum etwas Unwürdigeres denken könne, als die politische Haltung der Deputiertenkammer. Dieses ganz prinzipienlose Hin- und Herschwanken im Augenblicke der Gefahr beweist wieder einmal, wie unfähig ein vielköpfiges, in Fraktionen gespaltenes Parlament ist, in Zeiten der Entscheidung das Wohl des Vaterlandes zu wahren. ES ist interessant, zu beobachte», daß diese Einsicht selbst in den prononztert parlamentarischen Blättern zum Durchbruch kommt. Von vielen Zeitungsstimmen, welche darüber einig sind, gebe ich Ihnen nachstehend einen Artikel der „France" (vom 28. d. M.) unter bet Überschrift: „Der parlamentarische Schlamm" wieder. Die „France" ist ein
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relativ gemäßigtes Blatt und „Herrschaft aller über alle in einem frei gewählten Parlament" ist ihr politische« Ideal. Nichts destoweniger schreibt sie: „Nichts als Verwirrung, nichts als Konfusion! In diesem babylonischen Turm, der sich „Kammer nennt, treiben Banden von Politikern ihr Wesen, von denen jede einzelne ihre eigene Sprache spricht, die Sprache ihres Interesses, de« Ehrgeizes oder des Geldes. — Sprecht den Rednern, welche sie dirigieren, nicht von den Gefahren, die das Vaterland durch ihr unseliges Beginnen laufen könnte, nicht von dem Willen der Nation, nicht von dem Salus Reipublicae. Um alles das kümmert man sich nicht! — Dem einen liegt es daran, Rache für eine frühere Niederlage zu nehmen und dazu wendet er alle Mittel, die in seiner Macht stehen, an, gleichviel ob diese dem Lande nützlich oder verderblich sein mögen. Dem andern kommt es darauf an; sich die Möglichkeit zu retten, von dem Ministerium de« morgenden TageS eine Unterstaatssekretärstelle zu beanspruchen, deshalb giebt er eine Reihe von sich widersprechenden Voten im radikalen Meinungswechsel in derselben Sitzung ab. Diese oder jene wieder suchen Stellen von gewissen Finanzämtern zu ergattern oder zu reservieren.
Unter diesen Führern schwankt da« Gros der anständigen Leute, unwissend über die Thatsachen, bereit sich zu ereifern, erschreckt über die Verantwortlichkeiten, die sich vor ihnen auftürmen, ohne sichere Leitung hin und her, nach einer Lösung suchend. Man wendet sich von link« nach rechts und von rechts nach links; man schwebt im Raum hin und her wie der Pendel eines verstimmten Uhrwerks. Auf diese Weise ist die Kammer nach und nach dahin gelangt, nichts als Negationen zu stände zu bringen. In der egyptischen Frage ist sie für den Frieden oder für den Krieg, für die Intervention oder für die Zurückhaltung, je nachdem ihr Votum das Kabinett unterstützt oder nicht, oder ob es die Politik des großen Ministeriums anpreist.
Man steht Redner auf die Tribüne steigen, welche mit thränenvoller Stimme eine rapide Aktion in Egypten verlangen. Darauf verzichten, wäre, nach ihrer Meinung, der Komble der Schande für Frankreich. Das Ministerium entschließt sich, ihnen zu folgen, und giebt seine Zustimmung zur Intervention, ungeachtet der Warnungen seiner Freunde: Und dieselben Redner verweigern die Kredite, welche man dazu fordert, und weil man dadurch ein Kabinett befestig« würde, das sie nicht mehr wollen.
Ihre Leidenschaft zuerst, dann in zweiter Linie die Interessen deö Landes. — Das ist die Schattenseite und die Sonnenseite des modernen Parlamentarismus.
Die Kammer ist unfähig zu fagen, welche Politik eingeschlagen werden soll; sie will bald dies bald das. Wenn aber ein Ministerium, das zum Handeln getrieben wird, Hände auf den Hals deS TiereS. ES sah sie an mit den großen, klugen, braunen Augen, als ob eS den tief traurigen Blick der einstigen Herrin verstehe. Da übermannte sie der Schmerz um das verlorene Glück der Kindheit, sie legte ihren Kopf auf den deS Tieres, heiße Tränen perlten aus ihren Augen und sie tief schmerzlich:
„Glückliches Tier, Du weilst da drinnen, wo ich wellen möchte und nicht darf."
Das Tier hielt stille, als ob eS ahnte, daß seine Nähe ein Trost für die Weinende sei, aber in dem Moment knackte, von einem Männerfuß berührt, ein trockener Zweig am Boden und Gertrud schrack empor.
Auch Graf Reginald hatte heut daS kühle Schloß nicht gefesselt, auch er war an der Mauer entlang geschritten, als er den Lockruf gehört, der das Reh angezogen, so daß ste ihn nicht gesehen hatte. Er aber hatte die Stimme erkannt, hatte das Tier zum Gitterwerk eilen sehen und den Schmerzensruf vernommen, den die Erregung lauter tönen ließ, als sie beabsichtigte. Wieder trafen sich zwei Augenpaare und zwei Menschen verstanden sich ohne Worte in diesem Einen Blicke. Sie dachten Beide an die Worte, die einst vor langen Jahren hier an dieser Stätte gesprochen waren: „DaS soll Deine Strafe sein, kleine« Schloßfräulein, daß Du hier weinend an der Thür Deine« väterlichen Besitztums um Einlaß bettelst." Aber in Beiden riefen sie verschiedene Gefühle wach. Gertrud sprang ent« setzt auf und wollte fliehen, der junge Graf aber eilte auf das Gitterthor zu, um c8 zu öffnen und hinderte ihre Flucht mit den Worten:
„Bitte, Komtesse, kommen Sie herein."
(Fortsetzung folgt.)
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Das Kabinett Freycinet hat seine Entlassung eingereicht, nachdem die Kammer die Kreditvorlage für die Intervention in Egypten mit 450 gegen 75 Stimmen verworfen hat. Das ist eine kolossale Niederlage, die um so schmerzlicher U als Freycinet die Vorlage geradezu als Vertrauensfrage bezeichnet hatte. Die Abstimmung ist also ein schweres Mißtrauensvotum gegen daS Ministerium Freycinet. Die Mehrheit setzte sich zusammen aus Mitgliedern der Rechten, den Gambettisten, die eine ernstliche Intervention wollen, und den Anhängern einer vollständigen Zurückhaltung in der egyptischen Frage. Freycinet wollte ein bischen Intervention, sie sollte sich bloß aus die Besetzung einiger Punkte des Suezkanals beziehen und versprach sogar, daß Frankreich sich in größere Unternehmungen in Egypten nicht elnlassen werde. Aber gerade diese Halbheit hat ihn zu Fall gebracht. Die Gambettisten verlangen bekanntlich eine ernsthafte wirk« jame Intervention in Gemeinschaft mit England; die anderen wollen gar keine Intervention und sagen: wenn wir uns erst ein bischen darauf einlassen, dann werden wir bald in das Ganze fortgerissen und die Versprechung des Ministers, daß das nicht geschehen werde, ist natürlich wertlos, weil der Minister ja den Verlauf der Dinge nicht in der Hand hat. Freycinet wollte den gemäßigten Gam- betta fpielen; aber ein Gambetta muß man entweder ganz oder garnicht sein. Sowohl in der inneren als in der äußeren Politik hat er die Politik GarnbettaS in gemäßigten Formen fortzuführen gesucht. Dadurch hat er sich schließlich sowohl die Unzufriedenheit der entschiedenen Gambettisten, als auch die der Antigambettisten zugezogen. Man sagt, er wäre schließlich nicht abgeneigt gewesen, die Vorlage ch' A zurückzuziehen, allein die gambettistischen Minister Say und a Kl Fmy hätten ihn dazu genötigt, die Vertrauensfrage zu en '[2261 stellen, da sie ja wußten, daß die Abstimmung Freycinet ——-i beseitigen werde. ES fragt sich nun, was werden wird, ob rflirril Freycinet in der Grube liegen bleibt, welche ihm Say und Ferry gegraben, oder ob diese und die Gambettisten hinein-
...,iaen nimmt entgegen: Mebition d. Blattes. ^ieb.Annoncen.Bureaux Jc ib Dietrich u. Co. m
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