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Marburg, Sonntag, 30. Juli 1882

xvn Jahrgang

»n,eigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux L Th. Dietrich u. Co. in «alsei und Hannooer; Th. Wch in Frankfurt a.M.; Saasenstein u. Vogler ,n L-anlsurt a. M-, Berlin, G, Köln 2C.; Rudolf Moffe 'n Berlin, Frank- y " furt a. M. rc-______

WeWschk jfitiinß.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux von G 8. Daube u. 6e. in Frankfurt a. M; JSgersche Buchhandlung daselbst; Hermansche Buchhandlung daselbst; Invaliden! ai k in Berlin; W. ThieneS in Elberfeld- C- Schlotte in Bremen.

Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für daS Quartal mit der wöchentlichen BeilageJllustrirteS SouutagSblatt" durch die Expedition (K o ch'fche Buchdruckerei) bezogen 2*/4 Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. (excl. Bestellgebühr.) Jnscrtionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg.

Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet.

Für die Monate August und September werden noch Bestellungen auf die

Oberhessische Zeitung

unb deren Gratisbeilage

Illustriertes Sonntagsblatt von allen Post-Anstalten, auf dem Lande auch von den Landpostboten, entgegengenommen.

Deutsches Reich.

Berlin, 28. Juli. DieNational-Ztg." (Nr. 345) bringt unter der sensationellen UeberschristDie Abgeordneten- wahlen und das Volkögewisten" einen Artikel, in welchem die Liberalen ermahnt werden, sich rüstig an die Arbeit zu begeben; zugleich wird denselben die Versicherung gegeben, daß die WahlauSstchten für sie außerordentlich günstig ständen. DaS sezesstonistische Blatt sagt:Die seitherige klerikal-konservative Mehrheit hat während ihres dreijährigen Bestehens den Beweis ihrer absoluten Unfähigkeit, irgend eine geschlossene, mit den Grundbedingungen unseres Staats- lebens noch verträgliche Politik aufzustellen und durchzu- sühren, unwidersprechlich klar bewiesen. Zentrum und Konservative streiten sich, wer die Schuld daran trägt, die Thatsache selbst wird von keiner Seite ernstlich bestritten. Die Zerfahrenheit, die sich mehr und mehr in unseren Regierungsverhältnissen geltend macht, zeigt, daß, wenn überhaupt regiert werden soll, wenn nach einem bestimmten Plane, mit bewußter Verantwortlichkeit, mit Unterordnung kleiner augenblicklicher Vorteile unter einen großen Zweck verwaltet werden soll, dies nur im liberalen Sinne geschehen kann. Wir können mit Befriedigung konstatieren, daß eine Menge von Kräften, die sich in augenblicklichem Zweifel an der staatlichen Mission des Liberalismus von ihm ab- g-wendet hatten, zu ihm zurückkehren; die klerikal-konservative Probe hat diese Elemente überzeugt, daß eine folgerechte Verwaltung, die nicht ewig von einem Extrem zum anderen schwankt, nur Hand in Hand mit den Liberalen durch­geführt werden kann, weil nur diese vollständig auf dem Boden unseres heutigen NcchtSzustaudcS stehen. Dem politischen Schiffbruch der Konservativen wird mit logischer Gewißheit auch der zahlenmäßige Zusammenbruch folgen. Der Umschwung vollzieht sich mit unaufhaltsamer Gewalt in der Volksgesinnung." Offenbar sind diese Sätze ge­schrieben, um Stimmung zu machen; aber wenn man den Ausdruck der Selbstgewißheit bis zu dem Ton der Ueber- hebung steigert, büßt er an Anziehungskraft ein, und wir glauben, daß man den unter so starken Trompetenstößen gegen die bisherige Landtagsmajorität und die Regierung

Der Erbe -es Blutes.

Erzählung von Emma Händen-

(Fortsetzung)

Da kehrte er zurück.

Sie haben allerdings die Wahrheit gesprochen, Frau Werner," sagte er, mein Diener Fritz Roser hat mir ein« gestanden, daß er in dieser Weise meinen Namen gemiß- braucht hat, dafür verläßt er sofort meinen Dienst und mein Besitztum; ich freue mich, daß die Sache für Sie keine schlimme Folgen gehabt hat und wiederhole Ihnen, daß ich keine Ahnung davon hatte und nie einen solchen Befehl gegeben habe."

Ein Gefühl unendlichen Glückes zog bei diesen Worten in Gertruds Herz und mit demselben eine Weichheit und Milde, wie sie ihm gegenüber rtoch nicht gefühlt hatte; die letzte Bitterkeit, die sie gegen ihn gehegt, schwand hin.

Darf ich Sie nun bemühen, Komtesie," bat er.

Da erwachte sie wie aus süßem Traum und war der Gegenwart zurückgegebcn.

Bitte, kommen Sie ins Zimmer," sagte sie und trat von der Schwelle zurück, auf der sie noch immer stand.

Ter Graf folgte ihr, die Thür schloß sich hinter ihnen, zum erstenmal, seit das Kinderpaar in der Schloßkapelle zusammen gewesen, waren Reginald und Gertrud allein.

Meine Leute mögen sich vor mir in Acht nehmen, sagte er erregt,ich muß ihnen noch ganz anders den Herrn zeigen, als es bisher geschehen ist. Trotz aller Strenge begegnet mir Meuterei und Ungehorsam auf jedem Schritt. Der Eine greift zum Messer, der Andere miß­braucht meinen Namen und außer der Schloßdienerschast hat sich auch nicht eine Hand erhoben, mich gegen den

unternommenen Ausfall mit großer Gemütsruhe aushalten kann. Die Selbstberühmung des Liberalismus mit der Fülle schöpferischer Ideen ist so hergebracht, daß sie nicht mehr frappiert; wir zweifeln auch nicht, daß der Libera­lismus, sobalv er etwa wieder maßgebenden Einfluß auf die Gesetzgebung gewinnt, umNeuheiten" nicht ver­legen sein wird, dennleicht bei einander wohnen die Gedanken!" Es ist aber ungerecht den Konservativen den Vorwurf der Gedankenarmut oder der Unproduktivität zu machen, wenn diese sich, nach Abwirtschaftung des Libera­lismus, verpflichtet fühlen, der gesetzgeberischen Ueberpro- duktion Einhalt zu thun und den von der Hast der Theorie überrannten realen Bedürfnissen nachträglich durch eine revidierende Arbeit zu ihrem Rechte zu verhelfen. Eine solche Arbeit ist mühselig; was ihr aber an gleißendem Schimmer abgcht, ersetzt sie durch ihre Nützlichkeit. Die Liberalen nehmen aber immer noch die Miene an und erheben auch der Regierung gegenüber den Anspruch, daß diese nur Hand in Hand mit ihnen gehen dürfe, wenn sie sich auf sicherem Boden bewegen will wobei sie sich niemals die Frage vorlegen, aus welcher Veranlassung sie aus der früheren maßgebenden Rolle verdrängt worden sind. Doch wohl durch keine andere force majeure, als weil im Volke das Bewußtsein Boden gefaßt hatte, daß es so nicht weiter gehen könne, weil der Liberalismus in seinem positiven Schaffen kein ausreichendes Verständnis für die realen Verhältniffe, am wenigsten für die der Gegenwart gestellten sozial-politischen Aufgaben gezeigt hat. Gleichwohl appelliert dieNational-Ztg." jetzt an das Volksgewiffen zu gunsten der liberalen Parteien. Sie sagt:Er (der Um chwung) kann nur befördert werden durch das augen­blickliche Verhalten des Zentrums und der Konservativen, die sich von neuem zu einem Wahlbündnis vorbereiten, das in Ermangelung irgend ausreichender sachlicher Vereinigungs­punkte nichts anderes sein wird und sein kann, als ein wechselseitiger Garantievertrag, eine Abgrenzung von Macht- gcbicten, eine Einräumung wechselseitiger Vorteile, bei denen daS Partei-Interesse wohl gewahrt ist, die aber das Staats- intereffe auf das Tiefste schädigen. Gegen ein auf solchen Grundlagen vollzogenes Bündnis rufen wir das Gewissen des preußischen Volkes auf es wird bei den Abgcordneten- wahlen feine Antwort nicht schuldig bleiben." Das VolkS- gcwisscn soll sich also gegen das parlamentarische Fraktion«' wesen erklären, welches und weil es die Interessen deS Gemeinwohls dem Partei - Interesse unterordnet. Wir generalisieren natürlich den Gedanken derNational-Ztg.", weil er nur in der allgemeinen Anwendung auf die Wahl­praktiken aller Parteien Wahrheit und Wert haben kann, und stimmen dann dem Anrufen des VolksgcwissenS von Herzen zu. Erst wenn das Volksgewissen mit voller Klarheit und Energie gegen die Partei-Interessen reagiert, wird der

Mörder zu schützen. Das werde ich ihnen Allen noch gedenken."

Daß er erbittert war über diese Thatsachen, wer wollte es ihm verargen, daß er aber nicht frei von Schuld war, sondern selbst Meuterei und Ungehorsam heraufbeschwvren, den Haß gegen sich erweckt hatte, das schien er noch nicht zu fühlen. Diese Uebcrzeugung in ihm. zu wecken und ihn milder zu stimmen, das vermochte nur eine sanfte Ueber- redung auS Frauenmund.

Plötzlich kam es über Gertrud wie eine höhere Offen­barung. Versöhnen und Vermitteln ist Frauenberuf, hatte nicht auch die Regierungsrätin vermittelnd zwischen ihr uud dem Gatten gestanden? Das Schicksal Vieler lag jetzt in ihrer Hand, wenn sie den Mut hatte, ihm die Wahrheit zu sagen, ihm, den sie einst als Kind beleidigt hatte. Einst beleidigt! In diesem Augenblick beugte sich nach langen Jahren der Hochmut der stolzen Komtesse von Steinhaufen, zum erstenmal fühlte sie sich schuldig. Würde nicht das Wort der Anklage gerade von ihren Lippen den Funken des Hasses zur hellen, lodernden Flamme anfachen, der jetzt unter der Aschenschicht der Dankbarkeit fortglimmte? Aber nein, der Haß war geschwunden an seinem Schmerzenslager, an der Hand der Dankbarkeit waren bessere, sanftere Ge­fühle in die Menschenseele eingezogen.

Man hat allerdings nicht so gegen Sie gehandelt, wie man gegen den Gutsherrn handeln sollt," fagte sie,da sogar die irdische Gerechtigkeit strafend eingreifen muß. Aber tragen denn ihre Leute allein die Schuld?" fragte sie in einem Tone milder Mahnung.

Wollen Sie damit sagen, Komtesse, daß auch mich eine Schuld trifft?" frug er zurück.

Wer Haß säet, kann nicht Liebe ernten wollen, und haben Sie getrachtet, die Liebe Ihrer Untergebenen zu ge-

Weg geebnet sein für die durch die Allerhöchste Botschaft vom 17. November pr. a. indizierte Volkspolitik, welche das Gemeinwesen auf sittlicher Grundlage befestigen will und mit dem Gedanken eines festen, christlichen Gemeinwesen- selbstverständlich alle von den Ideen des Individualismus ausgehenden Aspirationen und ganz entschieden auch die nur dem Parteitreiben zu gute kommende Auflösung deS Volkes in politische Atome zurückweist.

Thorn, 27. Juli. Die Befestigung unserer Stadt schreitet bedeutend vor und die Arbeiten an den detachierten Forts werden die Stadt zu einem Hauptwaffenplatz machen. Es ist bemerkenswert, daß, nachdem die Befestigungsarbeiten lange Zeit geruht, sie jetzt grade mit verstärkten Kräften wieder ausgenommen werden. ES versteht sich von selbst, daß über die eigentlichen Befestigungsarbeiten nichts ver­lautet und verlauten darf, zumal die Militärverwaltung alle Vorkehrungen getroffen hat, um den Einblick in die Arbeiten auszuschließen. Vor Jahren war man über die Befestigungswcise nicht einig und die Ansichten schwankten zwischen einer Festung in gegebener Art und der Anlage eines großen verschanzten Lagers. Letzteres dürfte nun wohl aufgegeben sein und eS ist anzunehmen, daß die Be­festigung nach einem neuen wohldurchdachten Plane er­folgt. Die Kosten sind schon lange von dem Reichstage bewilligt und stammen aus dem vorbehaltenen Teil der französischen Kriegskosten-Entschädigung, auS welchen Mit­teln auch die Neubefestigungen von Metz und Straßburg entnommen worden sind.

Bonn, 27- Juli. An die Staatsminister v. Goßler in Berlin, Dr. v. Gerber in Dresden, L. F. Stösser in Karlsruhe und Dr. v. Lutz in München ist heute vom liberalen Schulverein folgende Petition abgesandt worden: Ew. Excellenz beehren sich die Unterzeichneten die bei­liegendenDie Schulüberbürdungsfrage" betreffenden Druck­schriften des liberalen Schulvereins Rheinlands und West­falens zu übersenden zur Unterstützung des Gesuchs im Sinne der von der dritten Generalversammlung deS ge­nannten Vereins gefaßten Resolutionnach dem neuer­dings in Elsaß Lothringen von der Statthalterschaft ein- geschlagenen Vorgänge zur Beratung über die Schul­überbürdungsfrage, bezüglich zur Aufstellung allgemeiner Grundsätze für die Gesundheitspflege in den Schulen eine Zentral-Kommission zusammen zu berufen, welche auS Aerzten der verschiedenen in betracht kommenden Spezial- diSziplinen, aus Schulmännern der verschiedenen Schul- kategorieen und auS Schulfreunden, die ihre Teilnahme für den Gegenstand öffentlich bekundet haben, besteht." Bisher haben Beratungen über diesen Gegenstand nur in Ver­sammlungen oder Kommissionen stattgefunden, die einseitig aus Vertretern der verschiedenen Fächer oder Kreise be­standen. Die Unterzeichneten sind überzeugt, baß nur durch

winnen? Werner griff zum Messer des Mörders, da er keine andere Waffe kannte, Sie wohl keine andere Mahnung des Scbicksals verstanden hätten. Aber Gott wollte Ihren Tod nicht, er wollte Ihnen noch Zeit lassen, die Aufgabe zu erfüllen, die er in Ihre Hand legte, als Sie hier die Herrschaft übernahmen, Glück und Segen zu verbreiten. Sicher sind Sie nur, wenn Jeder, auch der ärmste Ihrer Untergebenen jederzeit Zutritt zu Ihnen hat und gewiß ist, im Schloß einen gütigen und milden Herrn zu finden, der ein offenes Ohr und eine offene Hand für Weh und Not seiner Untergebenen hat. Wenn sie nicht durch übermäßige Strenge erbitterten, sondern sich hier Freunde machten, sto wäre ihr Leben nicht mehr bedroht, während Sie, fahren Sie so fort, Tag und Nacht vor dem Messer des Mör­ders zittern muffen."

Noch wollte er sich der Ueberzeugung nicht beugen, daß er Unrecht habe und fragte:

Wissen Sie, was zwischen mir und Werner die Kata­strophe herbeiführte?"

Ich weiß es," erwiderte sie.

Sollte ich mir das von meinem Untergebenen gefallen lasten? was bl'eb mir weiter übrig, als den renitenten Menschen fortzujagen?"

In dem Augenblick trug Werner allerdings die Schuld, Ihnen den Gehorsam kündigen durfte er nicht, so mußten Sie ihn entlassen. Wenn es aber zwischen zwei Menschen zu einer solchen Katastrophe kommt, so tragen stets beide Teile tie Schuld. Nicht an dem Tage, da Sie ihm zum ersteumale als Graf Steinhaufen entgegentraten, zückte er das Messer wider Sie, sondern erst ein volles Jahr später und so muß ich es Ihnen wiederholen: Sie haben seinen Arm bewaffnet." (Fortsetzung folgt.)