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Marburg, Donnerstag, 27. Juli 1882
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einsam und still. Au beiden Seiten des Parkgitters war in der Mauer eine Nische, worin früher ein Heiligenbild gestanden hatte. Als Luthers Lehre in Steinhaufen eingezogen, hatte man diese sichtbaren Zeugen des Katholizismus entfernt, die Nischen aber nicht zugemauert, zum Andenken an eine vergangene Zeit. In einer dieser Nischen, derjenigen, die links vom AuSgang gelegen war, stand ein Mensch von verwildertem Aussehen, indem wir Werner erkennen, in dessen rechter Hand ein Messer blitzt, daö er hinter sich verbirgt. Was will er mit dem Messer in der Hand?
Es war am Nachmittag des vorigen Tages gewesen, als der Graf ihm etwas zu thun befohlen hatte, das vielleicht besser ungethan geblieben wäre, aber mehr überflüssig als schädlich war. Statt das einzig Richtige in feiner Stellung zu versuchen: bescheidene Vorstellungen zu machen, redete Werner etwas von Unsinn, zu dessen Ausführung er sich nicht hcrgebe. Das konnte sich der Graf nicht gefallen lasten, sondern blieb nun entschieden bei seiner Forderung. Da kam es zur Katastrophe zwischen diesen Beiden, die sich fast ihr Leben lang feindlich gegenüber gestanden hatten. Werner verweigerte geradezu den Gehorsam, und der Graf, der mit dem renitenten Menschen nichts anfangen konnte, entließ ihn aus seinem Dienst, mit dem Befehl, Steinhaufen sofort zu verlassen. Werner ging, Wut und Groll im Herzm und sann auf Rache. Er kannte die Gewohnheit des Grafen, alle Nachmittage aus dem Park in's Feld zu gehen, er wußte, daß Sonntags die Straße an der Parkmauer einsam sei und stand nun hier, auf seinen Feind lauernd, nachdem er sich tie Nacht und den Vormittag über in der Umgegend
Der Erbe -es Blutes.
Erzählung von Emma Händen- (Fortsetzung)
Glücklich fühlte sich Gertrud indessen nicht, es herrschten zwar Liebe und Friede in dem Hause ihrer mütterlichen Freundin, aber cs war doch nicht ihr Daheim, sie war immerhin nur eine Fremde daselbst: ihr Daheim war einsam und still, denn eS war liebeleer, und dort mußte sie ihn als Herrn anerkennen, den sie haßte voll Kindertrotz I
Im Hause der Rcgierungsrätin sah sie eine glückliche, mehrere Decennten hindurch musterhaft geführte Ehe und leise, leise begann eine Ahnung des Frauenberufs in ihrer Seele aufzudämmern. Die Sehnsucht danach begann sich auch in Gertruds Herzen zu regen, ohne daß sie dem unbestimmten Gefühl noch einen Namen zu geben ver- Mochte. — —
So war ein Jahr dahingefchwunden, b<t Todestag Graf Kuniberts sollte zum erstenmrle wiederkehren, da zog cS Ger. hub mit unnennbarer Sehnsucht nach der Heimat, um an diesem Tage das Grab des Vaters zu schmücken. Wohl dachte sie an den Herrn von Steinhaufen, dachte, daß gerade der Platz, wohin cs sic allmächtig zog, Familieneigentum war, daß sein Vater neben dem ihrigen den ewigen Schlaf schlief, aber die Furcht, die sie vor ihm noch vor Jahresfrist gehegt hatte, war geschwunden. Sie begann zu fühlen, daß nicht der Vater ihr Schutz gewefen war, sondern daß sie ruhig selbst auf seinem Eigentum scin könne; so wenig, wie er einst dem Kinde wirklich etwas gethan halte, ebensowenig würde er auch an die Jungfrau als Feind und Rächer herantreten, wenn sie seinen Weg nicht kreuzte.
Der Todestag fiel auf einen Sonntag, nachmittags fahr
• In' Brus.
Deutsches Reich.
Berlin, 25. Juli. Aus dem vom Staatssekretär deS Reichs-Postamts erstatteten Bericht über die Ergebnisse der Reichs - Post- und Telegraphenverwaltung während der Mre 1879—81 geht hervor, daß der Post, und Tcle- graphenverkchr in diesem Zeitraum durch die Wiederbelebung der industriellen und gewerblichen Thätigkcit, sowie durch die Vermehrung und Vervollkommnung der Verkehrsaulagen und -Einrichtungen eine erhebliche Steigerung erfahren hat. Die hierdurch herbeigeführten günstigen Finanz- vcrhältnisse haben eS gestattet, erhebliche Ueberschüsse der Reichskasse zuzuführen, sowie ausgiebige Mittel zur weiteren Ausbreitung und Verbesserung der Verkehrsanstalten aufzuwenden. Der reine Ueberschuß der Verwaltung hat innerhalb des letzten dreijährigen Zeitraums 51944 900 M. betragen gegen 27545105 M. während der Jahre 1876 bis 1878. Die Beförderungsleistung der Postverwaltung ist von 1224 Millionen Sendungen im Jahre 1878 auf 1441 Millionen Stück im Jahre 1881 gestiegen, ergiebt somit eine Zunahme von 217 Millionen Stück oder von 17.75 pZt. " Der Telegrammverkehr weist während desselben Zeitraums eine Zunahme von 3 853 512 Stück, d. h. von annähernd 36 pZt. auf. Die Zahl der Postanstalten, welch- sich im Jahre 1878 insgesamt auf 7068 belief, hat im Jahre 1881 die Höhe von 9143 erreicht. Die Zahl der Telegraphenanstalten vermehrte sich in dieser Zeit von 4143 auf 5896. DaS Gcsamtpersonal der Post- und Telegraphenverwaltung vermehrte sich von 62431 Personen im Jahre 1879 auf 67075 im Jahre 1881. Ueber die großen unterirdischen Telegraphenlinien enthält der Bericht folgendes: „Die Länge der Linien betrug Ende März 1879 2487 Kilometer Linie mit 16740 Kilometer Leitung; Ende März 1882 bezw. 5470 und 37420. Es sind mithin 2983 Klm. Linie mit 20680 Klm. Leitung neu angelegt worden. Der im Jahre 1876 ausgestellte Plan zur Schaffung eines unterirdischen Telegraphennetzes ist vollständig verwirklicht, und zwar zwei Jahre früher, als in Aussicht genommen war. DaS unterirdische Netz besteht aus 20 Linien: 1) von Berlin über Halle, Frankfurt a.M. bis Mainz; 2) von Frankfurt a. M. bis Straßburg (Elsaß);
die Kreisschulinspcktoren ihre gutachtliche Ansicht über die Angelegenheit überhaupt darlegen. — Hinsichtlich der Frage über die mißbräuchliche Ausnutzung der Handlungs-Lehrlinge als kostenfreie Kraft während ihrer besten Entwicke- lungSjahre und über die mangelhafte Ausbildung, welche infolge dessen bei jungen Kaufleuten so häufig zu tage tritt, spricht sich u. A. auch der Jahresbericht der Handels- Genossenschaft Konstanz aus. Er betont, daß die Ueber- zahl der auf solche Weise herangebildeten mittelmäßigen, ja sogar geringen Arbeitskräfte nicht allein den Handelsstand, sondern sogar die öffentliche Wohlfahrt im Allgemeinen beschwere und stellt in Erwägung, ob nicht die Handelskammern auf Einführung strenger LehrlingS- prüfungcn hinzuwirken berufen seien. Die Konstanzer Handelskammer allerdings verkennt — wie die „B. P. N." dieser Nachricht hinzufügen — die Gefahr nicht, die in dieser Weise darin liegen würde, die gesetzliche Autorität des Staates für Jnternitäten deS freien Handelsstandes in anfpruch zu nehmen, aber jedenfalls beweise auch der Umstand, daß auS den Handelskammern selbst heraus diese Frage jetzt zur Debatte gestellt wird, wie dringend geboten eine Lösung derselben erscheint. — Die „Germ." schreibt: „Wir finden in mehreren Blättern die zu tendenziösen Seitenblicken verwertete Behauptung, daß seitens des Herrn Fürstbischofs Robert von Breslau neue Anordnungen in betreff der gemischten Ehen getroffen worden seien. UnS ist von einer derartigen Verordnung nichts bekannt geworden; so viel wir wissen, werden die einschlägigen Fälle nach den Grundsätzen und Vorschlägen behandelt, welche längst vor dem Amtsantritt deS Herrn Fürstbischofs Robert in Geltung und allgemein bekannt waren."
— Die bereits telegraphisch im AuSzuge mitgeteilte Acußerung des Offervatore Romano über die fortdauernden Versöhnungsversuche der Kurie liegt nunmehr im Wortlaut vor. Das päpstliche Blatt antwortet auf die gegen den heiligen Stuhl erhobenen Anklagen wegen unfriedfertiger Gesinnungen in ruhigem Ton und mäßigen Ausdrücken, woraus man schließen muß, was allerdings auch von vornherein vorauszusetzen war, daß sie nicht von den streitbaren Mitarbeitern des Blattes stammt, sondern von höherer und allerhöchster Stelle. Leo XIII. liest viele Zeitungen und verschmäht es auch nicht, zuweilen selber journalistisch thätig zu sein. Vielleicht liegt ein solcher Fall hier vor. Der Artikel ist überschrieben: „Der heilige Stuhl und Preußen", und lautet: Seit einiger Zeit bringen liberale Blätter, besonders italienische, gewisse besondere Nachrichten bezüglich der Verhandlungen des heiligen Stuhles mit Preußen, und vielleicht ihre Wünsche mit der Wahrheit verwechselnd, reden sie von dem Abbruch der Beziehungen, von wiedcrerwachten Feindseligkeiten, von übertriebenen seitens des heiligen Stuhles erhobenen Ansprüchen, welche
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3) von Straßburg bis Metz; 4) von Berlin über Magdeburg, Hannover bis Köln und weiter bis Aachen; 5) von Köln über Koblenz und Trier bis Metz; 6) Zweiglinie von Halle bis Leipzig; 7) dcsgl- von Köln nach Barmen;
8) Verbindungslinie von Coblenz bis Mainz; 9) von Berlin bis Dresden; 10) von Berlin bis Hamburg (Kabel I.);
11) auf derselben Strecke ein zweites Kabel; 12) von Hamburg bis Kiel; 13) von Hamburg über Bremen, Oldenburg bis Emden; 14) Zweiglinie von Hamburg bis Kuxhaven; 15) von Bremen bis Bremerhafcn; 16) von Sande nach Wilhelmshaven; 17) von Berlin über Stettin, Köslin und Danzig bis Königsberg; 18) von Berlin über Küstrin und Posen bis Thorn; 19) Verbindungslinie von Thorn bis Danzig, und 20) von Berlin über Frankfurt a. O. und Glogan nach Breslau. Der Schluß der Arbeiten für das ganze unterirdische Netz fand am 26. Juni 1881 mit der Beendigung der Herstellung der Linie Köln»Aachen statt. Die gesamte Arbeitsleistung hat einen Zeitaufwand von nahezu 58 Monaten und an Geldmitteln den Betrag von rund 30 Millionen Mark in Anspruch genommen. Die Kabellinien verbinden in ihrer Ausdehnung 221 Städte, darunter die wichtigsten Handels- und Waffenplätze innerhalb des deutschen Reichs - Telegraphengebiets, und durch- schneiden alle in demselben gelegenen größeren Ströme. Der große Wert der unterirdischen Telegraphenlinien für die Sicherheit der Verbindungen in Deutschlands hat sich je länger, desto mehr bewährt und ist allgemein auch im Auslande anerkannt worden, wo noch im letzten Winter, als die dort allein vorhandenen oberirdischen Linien infolge von Stürmen erhebliche Beschädigungen erlitten hatten, der telegraphische Verkehr zu großem Nachteil von Handel und Industrie längere Zeit unterbrochen war". — Bei dem königlichen Konsistorium zu Hannover (Abteilung für Volksschulsachen) ist, wie der „Hannov. Kourier" erfährt, zur Erwägung gekommen, ob zur Herbeiführung und Förderung eines gedeihlichen Zusammenwirkens des Hauses und der Schule, zur Nötigung der Lehrer, die sittlichen und geistigen Fortschritte eines jeden ihrer Schüler genau zu beachten, und zur Förderung der Schüler in ihrer sittlichen und geistigen Bildung sich eine allgemeine Einrichtung empfehlen würde, nach welcher jedem Schüler am Ende des Schuljahre« ein schriftliches, vom Lokalschulinfpektor und Lehrer resp. dem Hauptlchrer, und darnach von dem Vater dcS Schülers refp. dessen Veitretcr zu unterzeichnendes Zeugnis zu erteilen sei, welches sich in kurzen Prädikaten über Betragen, Fleiß, Aufmerksamkeit und die Leistungen in den einzelnen Unterrichtsgcgenständen äußert. Das königliche Konsistorium hat deshalb die Kreisschulinspektoren zu einer Berichterstattung darüber aufgcfordert, ob in ihren Auf- sichtsbczirken eine derartige Einrichtung bereits bestehe, eventuell ob sich dieselbe als förderlich erwiesen oder zu welchen Bedenken Veranlassung gegeben habe; auch sollen
Gertrud heraus nach Steinhausen mit Kränzen und Blumen, und Karges ließen sie ruhig fahren, denn was die nächste Zukunft barg, das ahneten sie nicht. Gertruds Wagen fuhr an ihrer Wohnung vor, Sabbathruhe deckte Steinhaufen, Friede war es, der ihr als erster Gruß der Heimat entgegenwehte, und auch sie ließ sich täuschen über das, was ihr und Steinhausen bevorstand. Aber Friede war nicht in ihr, mit Allgewalt loderte, beim Wiedersehen der Heimat der Kindheit, der Haß gegen ihn in ihr auf, der sie aus derselben vertrieben hatte. Sie stand mit ihren Kränzen am Grabzittcr, das verschlossen war, und den Schlüssel hatte er. Da sie die gleichen Rechte daran hatte, wäre cs das Natürlichste gewesen, sie hätte irgend Jemand aus dem Dorfe ins Schloß geschickt und ihn darum bitten lassen. Aber ihn bitten, nun und nimmermehr! Gegen die ganze Welt war sie fügsamer und schmiegsamer geworden, gegen ihn lebte in ihrer Brust ununterbrochen derselbe Trotz. —
Sie hing die Kränze an das Grabgitter und stand außerhalb desselben, wie Re.inald früher so oft, lieber als daß sie ihm eine Bitte gönnte, noch dazu eine, die er nun und nimmermehr abschlagen konnte, und der Kindertrotz klagte ihn an, daß er ihr das Gitter verschloß, statt sich selber anzuklagen.--
Sonntagsstille herrschte in Steinhaufen, als Gertrud am Grabgitter stand, die Frauen und Mädchen des Dorfe« saßen im Sonntagsstaat vor den Thüren der Häuser, die Kinder spielten auf der Dorfstraße, die Männer waren im Kruge versammelt, Niemand ahnte die fürchterliche Unterbrechung der Sonntagsruhe.
Längs der Mauer des herrsch rftlichen Parkes lief die Straße, die am Alltag ziemlich belebt war, denn sie führte hinaus in'S Feld, am Sonntag nachmittag aber war sic