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Marburg, Sonntag, 23. Juli 1882

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sondern in ihm den Träger einer einheitlichen, echt natio­nalen Politik erblickt, welcher auf allen Gebieten und in allen Zweigen derselben das gleiche Vertrauen verdient.

। Fürst Bismarcks auswärtige und innere Politik.

In den letzten Wochen haben Veröffentlichungen aus den Akten des Geheimen Staatsarchivs über „Preußen im Bundestage", welche vorzugsweise Schriftstücke des damaligen preußischen Bundestagsgesandten Herrn von Bismarck- Schönhausen enthalten, verdientes Aussehen erregt. Beson­ders hat cs sich die liberale Presse nicht nehmen lassen, auf diese Schriftstücke aufmerksam zu machen und der Fülle von Gedanken wie der Auffaffung des Autors von den damaligen schwebenden Fragen, seiner Charakteristik der damaligen Zustände im Bundestag wie den schon zu jener Zeit deutlich hervortretenden Motiven seiner nachherigen großen Politik daö gebührende Lob zu spenden.

Man würde über diese nachträgliche Anerkennung des früher so vielfach mißverstandenen und angefeindetcn BundestagSgesandten aufrichtige und freudige Genugthuung empfinden können, wenn die liberale Presse daraus nur eine gewisse Nutzanwendung ziehen wollte. Dieselbe liegt ganz nahe. Man gesteht ja ein, daß man damals Herrn von Bismarck verkannte und daß sein weiteres Wirken in der Geschichte ihm recht gegeben und ihn glänzend gerecht­fertigt hat. Es gehört nur wenig Schlußfolgerung dazu, nm sich wenigstens im Stillen zu sagen: „der Mann kann vielleicht heute, wo wir unö auch im Widerspruch mit ihm befinden, gleichfalls recht haben und es wäre für uns beschämend, wenn die Geschichte von neuem wieder erzählen müßte, daß der Liberalismus, durch die Erfahrung nicht klug geworden, sich auf denselben Pfaden. des Mißverständ­nisses und des Irrtums befände, wie früher".

Eine solche Nutzanwendung mit ihren weiteren Kon­sequenzen wird aber nicht gemacht, wenigstens nicht öffentlich. Ja, man hat vielmehr schon seit geraumer Zeit sich einen recht bequemen Ausweg aus dieser Art von Zwangslage zurechtgelegt, welcher jedem ermöglicht, sich darüber zu beruhigen, wenn er daö nicht thut, waS ihm die Vernunft gebietet.

Man hat sich unfern Reichskanzler in ein Doppelwesen zerlegt, von dem jeder Teil völlig für sich lebt. Der eine verrichtet in der auswärtigen Politik Wunder der Geschichte, der andere plagt in der inneren Politik sich und andere

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Deutscher Reich.

Berlin, 21. Juli. Der „Neichsanzeiger" meldet: Nach dem Finalabschlusse der ReichShauptkaffe sind lut Etatsjahre 1881/82 im ganzen bei den ordentlichen Ein­nahmen 25 902 517 M. mehr eingenommen worden; unter Berücksichtigung von 825 402 M. Mehrausgaben stellt sich ein Ueberschuß von 25077114 M. heraus, worin allerdings die nicht wiederkehrende Mehreinnahme von 9 065000 M. bei der Rübensteuer enthalten ist. Rach Abrechnung derselben verbleibt ein Ueberschuß von rund 16 Millionen Mark. — Der „Reichsanzeiger" teilt ferner die Beurlaubung der Gesandten von Radowitz und von Schlözer mit und die interimistische Vertretung des ersteren durch Schön, des letzteren durch Rotenhan. — Nicht allein an sämtliche Inhaber von sogen. Fähnrichspressen in Ber­lin, sondern, wie wir hören, an alle Inhaber von Privat­schulen in Preußen, welche den Zweck verfolgen, zu einer militärischen Prüfung rorzubereiten, hat der Kultusminister die Aufforderung ergehen lassen, über daS Lehrerpersonal und dergleichen Bericht zu erstatten. Dies erklärt sich da» durch, daß nach neuerdings getroffener Anordnung deS Kultuöministers für die Prüfung der Qualifikationen der Leiter bczw. der Lehrer der sogen. FähnrichSpressen die­jenigen Forderungen maßgebend sein sollen, welche bei öffentlichen Schulen von gleicher Höhe der Unterrichtsziele an die Lehrer gestellt werden müffen. Alle mit einer Konzession noch nicht versehenen Leiter, Vorsteher oder Lehrer von Privatschulen, also auch diejenigen, welche den Zweck verfolgen, zu einer militärischen Prüfung vorzu­bereiten, sollen unter genauer Beachtung der bestehenden Vorschriften die Konzession durch die zuständige OrtSschiü- behörde bei der Regierung ihres Bezirks nachsuchen, widrigen­falls ihre Schulen geschlossen werden. — Ueber die Frage der Verwendung einer einheitlichen deutschen Freimaäe enthält das Morgenblatt der „Frankfurter Zeitung" vom 14. Juli ein Eingesandt, in welchem am Schluffe ange­führt wird, daß in Baiern und Württemberg „die Besol­dung der Beamten erheblich besser sei", als im Gebiet der Reichspost. Diese Behauptung ist, obwohl die Besoldungs­verhältnisse der Verkehrsbeamten in Baiern und Württem­berg neuerdings eine längst gewünscht gewesene Aufbeffe-

Der Erbe des Blutes.

Erzählung von Emma Händen. (Fortsetzung)

Die Brücke, die eine unerwartete Entdeckung zwischen zwei Menschen geschlagen, war abgebrochen, nicht als Ver­wandle waren sie sich entgegengetreten, sondern als Fremde; so mußten sie sich auch ferner fremd und feindselig gegen­überstehen. Erschrocken standen die Zeugen dieser Szene, die hier nicht zu vermitteln vermochten, denn das Wort: nach dem was zwischen uns liegt, deutete auf die Ver- Sangenh<it, die Niemand kannte, außer den Betheiligten. Ob sich das je ausgleichen ließ, wußte Keiner, jedenfalls ließ es sich in diesem Augenblick nicht ausgleichen und so sagte der RegierungSrat, fernere heftige Worte zwischen den feindlichen Geschwisterkindern fürchtend:

„Herr Justizrat, wollen Sie die Urkunde aufschlagen, die Sie dem Familienarchiv entnommen haben, damit wir die geschäftlichen Angelegenheiten ordnen können, die Privat­verhältnisse mögen beide Teile alsdann stiller feststellen."

Der Justizrat entfaltete die Blätter und sagte:

„Das Familiengesctz Derer von Steinhaufen bestimmt, daß der älieste Sohn hier Erb- und Standesherr ist, und damit das Vermögen nicht zersplittert wird, dasselbe in seiner Hand bleibt, wofür ihm die Verpflichtung wird, für die übrigen Glieder der Familie standesgemäß zu sorgen. Hören wir nun, wie weit der Herr Regierungsrat dicfen Begriff ausvehnt und was derselbe für sein Mündel verlangt."

„Ich habe," erwiderte derselbe, „im Nachlaß Graf Kuniberts ein Testament gefunden, welches der Großvater beider Erben, Graf Otto von Steinhaufen, geschrieben hat; tt hatte dasselbe bei dem Gericht in Krmden deponiert, aber

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Oberhessische Zeitung

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mit seltsamen Einfällen. Diese Zweiteilung macht eS möglich, daß man vor dem einen Bismarck, bei jeder daS auswärtige Gebiet streifenden Gelegenheit, tiefe Verbeugungen macht und ihn mit Lorbeeren bekränzt, während man gegen den anderen BiSmarck Pfeile abschießt. „Vielleicht — so sagte einmal ein süddeutsches Blatt — eine Klugheits- Maßregel, da eben daS deutsche Volk die fortwährenden Angriffe auf den, der doch wohl nicht ganz ohne Grund so hoch in seiner Gunst steht, nicht recht ertragen kann."

So hat man denn auch jetzt wieder den „weitblickenden", „genialen" auswärtigen Bismarck rühmen können; um so ungenierter kann man gegen den inneren Bismarck vor­gehen, in Vergleich zu welchem ja die alten Parlamentarier und die Zeitungen alles besser verstehen.

Ein jeder Mensch hat doch wohl Anspruch darauf, als ein einheitliches Ganzes genommen zu werden, und jedem Menschen wird dieser Anfpruch erfüllt. Nur dem Reichs­kanzler gegenüber macht man — zur eigenen Bequem­lichkeit—eine Ausnahme; er allein hat zwei Naturen, die mit einander nichts Gemeinschaftliches haben sollen.

WaS den Parteien jetzt verborgen bleibt oder aus Parteirücksichten nicht anerkannt wird, das wird aber wohl die Geschichte allen klar machen, daß nämlich seine aus­wärtige und innere Politik sich tief durchdringen und nur die beiden sich ergänzenden und ohne einander nicht mög­lichen Hälften eines einheitlichen Ganzen sind. Seine aus­wärtige und innere Politik lassen sich gar nicht trennen und scheiden, wie es die Schule der landläufigen Politiker lehrt; beide greifen tief in einander über und sind nur in Verbindung mit einander zu verstehen.

Seine auswärtige Politik hatte und hat die Erstarkung Deutschlands auf nationalen monarchischen Grundlagen zum Ziel, feine innere Politik will diese Grundlagen sicher stellen, um Deutschland auch nach außen hin in politischer, sozialer und wirtschaftlicher Beziehung groß und mächtig zu machen.

Wo beginnt die innere Politik? Wo hört die aus­wärtige Politik auf? Ist denn nicht auch die Zollpolitik ein Teil der letzteren? Aber schon hier beginnen die Ein­wendungen, weil man sie ganz als innere Politik betrachtet, und jetzt, wo ihre Erfolge auch schon offenkundig daliegen, zögert man noch mit dieser Anerkennung und wagt nur erst schüchtern das Bekenntnis, daß „im großen und ganzen bis jetzt ein offenbarer Mißerfolg dieser Politik nicht nach­zuweisen ist".

Doch wollen wir mit diesem zaghaften Eingeständnis nicht allzu scharf ins Gericht gehen, sondern wir wollen hoffen, daß sich hiermit allmählich ein Uebergang zum besseren Verständnis der Gesamtpolitik des Kanzlers vor­bereite und daß auch noch eine Zeit — die er bald erleben möge — kommen werde, wo man seine Sozial- und Steuerpolitik nicht mehr losreißt von seiner übrigen Politik, zurückgefordert nach dem Hintritt seines ältesten SohneS, da nach seinem Tode, wie er glaubte, keine Eri schaftSteilung mehr nötig. Dasselbe ist aber nicht vernichtet worden, so fei es denn eine Generation später, als für die eS geschrieben, Norm dcr Erbschaftsregulierung."

„Herr Regierungsrat," warf der Justizrat ein, „Sie wissen sehr wohl, daß Testamente nur Gültigkeit haben, wenn sie bei Gericht deponiert sind. Hätte Graf Otho eS dem Gericht gelassen, dann möchte es heute rechtskräftig sein, so muß ich cs für ungültig nklären."

„Daß es daS vor dem Gesetz ist, weiß ich sehr wohl," entgegnete der Negierungsrat, „es sind aber die Enkel des Mannes, dessen letzter Wille hier zur Geltung kommen soll, die wir vor Prozeßstreitigkeiten zu wahren haben, also werden doch wohl Beide so viel Pietät gegen den Willen deS toten Familienoberhauptes hegen, um denselben anzu« erkennen."

„Herr Justizrat, Sie opponierten gegen den Willen deS Herrn Regierungsrates," mifchte sich jetzt Graf Reginald in das Gespräch, „ich bitte, sich demselben zu fügen, eS kommt mir auf den Mehrbesitz nicht an, wenn ich nur der Herr hier bin."

„Wie Sie wünschen, Herr Graf."

DaS Testament ward eröffnet und darin zunächst die Bestimmung gesunden, daß das fogenannte alte Schloß, der Witwensitz Derer von Steinhaufen, Graf Kuniberts Woh­nung sein solle, da Gräfin Ottilie dem Gatten im Tode vorangegangen war. DaS schien der Regierungsrätin ein willkommener Vorwand, Gertrud von hier wegzuführen, da sie neue heftige Szenen zwischen den feinclichen Verwandten fürchtete." ~

„Kommen Sie in Ihre neue Wohnung, Gertrud," sagte

ffrfltint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JllustrkrteS SormtagSblatt durch di« Sfpebition (Ä o ch sche Buchdruckerei) bezogen 2*/t Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiche- 2 Mark 50 Pfg. (excl. Bestellgebühr.) — Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg.

Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet.

nimmt entgegen: Mpebition d. Blattes, s mi-d.«nn°nc-n.Bureaux ;®$b. Dietrich u. Co. m „nd Hannover; Th. Diettich in Frankfurt a.M.; H -s-nst-m ^ Vogler m

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Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatte-, sowie d.Annoncen-Bureaur von ®. L. Daube u. C». in Frankfurt a. M.; Jäaerfche Buchhandlung daselbst; Hermansche Buchhandlung ♦ daselbst; Jnvalidendertin

Berlin; W. Thiene» in Elberfeld: C. Schlotte in

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falls dies nötig werden sollte. — Die „Nordd. Allgrm. Ztg." weist darauf hin, daß sich überraschende Fortschritte sie, „und überlassen wir das weitere Ordnen der ErbschaftS- angelegenhcit den Herren."

Ein bitterer, schmerzlicher Augenblick war der jungen Grafentochter gekommen, sie sollte die Heimat ihrer Kindheit verlassen, in der er künftig weilen würde, den sie haßte.

Noch einmal siegte da das Mitleid im Herzen des Grafen, noch einmal wäre diesem Paar der Augenblick der Versöhnung gekommen, wenn Gertrud eine Thräne geweint, den Schmerz gezeigt hätte, der in ihrem Herzen lebte; aber sie unterdrückte aus Stolz alle weichen Regungen und fchleuderte nur einen Blick voll Haffes auf ihn, der sie von der Schwelle der väterlichen Hauses vertrieb. Da war da» Schicksal dieser beiden Menschen entschieden, sie waren ge­trennt in Haß und Groll. —

„O, Frau Regierungsrätin, nehmen Sir mich mit nach Kemden," bat Gertrud, als sie mit der Dame allein war.

„Sie haben es mir noch vor wenig Stunden entschie­den verweigert, liebes Kind."

„Kann ich denn hier bleiben, wo er der Herr ist l" ries sie bitter.

„Sie sind ihm so schroff entgegengetreten, Gertruds bleibt Ihnen denn von mütterlicher Seite nicht noch Reich­tum genug? Warum wollen Sie ihm denn die Herrschaft hier nicht gönnen, die Sie ja doch nie hätten führen können. Tie Verwaltung einer so großen Besitzung kann kein acht­zehnjähriges Mädchen übernehmen, mein Mann hätte hier unbedingt einen Administrator einsetzen müffen, und wo der Herr nicht selber eingreift, geht eS mit der Wirtschaft nicht vorwärts. Seien Sie doch dem Schicksal lieber dankbar, daß cs hier den Herrn geschickt hat im rechten Augenblick..

(Fortsetzung folgt.)

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