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Marburg, Freitag, 21. Juli 1882
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xvii Jahrgang
Mnitiflen nimmt entgegen * biÄbition d. Blattes. küwied.Annoncen.Bureaur d. Th- Dietrich u. Co. m y" ite[ und Hannover; Th. Vtt ch in Frankfurt a.M.; tzLnstein w Vogler .n Frankfurt a. !Bl-, Berlin, Bfl, Köln k.; Rudolf Muffe in Berlin, Frank- furt a. il. 20-
MchlMcht jcitiuiß.
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux Don®. L.Daube u.So. in Frankfurt a. M.; Jügersche Buchhandlung daselbst; Hermansche Buchhandlung daselbst; Invaliden!'ar kin Berlin; W. Thiene» in Elberfeld; E- Schlotte in Bremen.
Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wSchentlichen Beilage „Jllnstrtrte» Sountagsblatt" durch die Expedition (St o ch'sche Buchdruckerei) bezogen 8*/« Wart, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Wart 50 Pfg. (excl. Bestellgebühr.) — Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg.
Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet.
Das „Gemeinsame" der liberalen Parteien.
Die neueste „Prov.-Korr." schreibt hierüber:
Die neulichen Ausführungen der „Provinzial« Korrespondenz, daß sich das Gemeinsame der Liberalen nur in her Bekämpfung und Verneinung bestimmter Ziele zeige, ihre Verschietenheiten sich aber nicht zu einem einheitlichen positiven Programm vereinen lassen, haben in der liberalen Presse mancherlei Entgegnungen gefunden. Dieselben gipfeln vornehmlich darin, daß das Gemeinsame, welches die Liberalen vereint, in dem Interesse an der Aufrechterhaltung der unter Mitwirkung des Liberalismus geschaffenen staatlichen Einrichtungen beruhe und daß der Liberalismus eben dieses Gemeinsame verteidigen wolle.
Ein unbefangener Beurteiler wird in dieser Behauptung nur eine Bestätigung dessen finden, was wir über das Gemeinsame deS Liberalismus gesagt haben, nämlich, daß er sich nur zur Verneinung bestimmter Ziele, nicht aber zu possitivem Schaffen zusammenfindet. Aber zugegeben, laß diese Auffassung von dem Zweck der Verteidigung nicht stichhaltig ist, so wird doch nur dann in der Verteidigung eine positive Thätigkeit gefunden werden können, wenn diejenigen Einrichtungen, welche angeblich bedroht sind und zu deren Verteidigung der Liberalismus aufgerufen ist, aus einer gemeinsamen Arbeit deS Liberalismus als hervorgegangen wären.
Bon einer solchen gemeinsamen Arbeit kann aber ebensowenig die Rede sein, wie von einer gemeinsamen Auffassung über die wichtigsten Fragen deS Staatslebens, welche doch die Voraussetzung für ein gemeinsames Wirken bilden müßten.
Weder das eine noch das andere ist vorhanden: die Gleichheit der Auffassungen fehlt, wie auch eine gemeinsame Thätigkeit, die etwas zu Wege gebracht, in der Vergangenheit thatsächlich nicht stattgefunden hat.
Ein tiefer Gegensatz über di« wichtigsten Fragen deS Staatslebens durchzieht die beiden vornehmsten Träger des Liberalismus, die Fortschrittspartei und die nationalliberale Partei. Während die Fortschrittspartei auf allen Gebieten einer möglichsten Ausbildung des Individualismus, der Herrschaft deS subjektiven Gedankens, der schrankenlosen Freiheit deS Einzelnen das Wort redet und den Beruf deS Staates wesentlich darin erblickt, daß er die dieser Entwickelung entgegenstehenden Schranken niederreißt, hat die nationalliberale Partei gerade durch ihre Trennung von der Fortschrittspartei gezeigt, daß fic eine gesunde Weiterentwickelung des Staatslebens auf der Grundlage der von der Fortschrittspartei hochgehaltenen Grundsätze nicht für möglich hält, und zugleich thatsächlich bewiesen, daß wer an der Weiterentwickelung Mitwirken wolle, dem nackten Prinzip des Individualismus entsagen und sich dem allgemeinen Staatsinteresse durch Berücksichtigung der realen Bedürfnisse mehr unterordnen müsse.
Dieser Gegensatz hat sich im einzelnen bei der Stellung der beiden Parteien gegenüber allen wichtigen Fragen gezeigt, z. B. in den wirtschaftlichen Fragen, wo die Fortschrittspartei jede Einwirkung des Staates in die sich angeblich nach Naturgesetzen entwickelnden Dinge verwirft und von einer freien Entwickelung alles erwartet, während die Nationalliberalen hier das allgemeine Interesse demjenigen des Einzelnen gegenüber mehr in den Vordergrund stellen; gerade hieraus ist auch ihre Zustimmung zu der Verstaatlichung der Eisenbahnen zu erklären. In kirchlicher Beziehung kommt die Fortschrittspartei gemäß ihrer Neigung zum Individualismus auf eine Auflösung aller kirchlichen Organisation hinaus, während die Nationalliberalen ihr Interesse an der Erhaltung derselben genugsam bethätigt und in dem Kampf zwischen Kirche und Staat an der kirchlichen Organisation als einer natürlichen, selbstverständlichen und berechtigten Grundlage festhielten, nur für den Staat ein größeres Maß des Einflusses in Anspruch nehmend, auf welchem die Fortschrittspartei wiederum bei ihrem Streben nach „Trennung der Kirche vom Staat" verzichten zu können meint. Ebenso gehen die beiden Parteien in ihrer Auffassung von der Stellung der Regierung auseinander. Eine starke Regierung mit reichen Finanzen, welche die Nationalliberalen als wünschenswert bezeichnen, ist für die Fortschrittspartei ein Hindernis der freien politischen Entwickelung.
Dieser Gegensatz von der schrankenlosen Freiheit des Individuums und der schärferen Betonung des allgemeinen Interesses hat auch erklärlicherweise eine gemeinsame Thätigkeit der Liberalen auf dem Gebiete der Gesetzgebung gehindert, so in die Einrichtung deS Heerwesens, in der Herstellung der RechtSeinhLit der Nation, in der Bekämpfung der sozialdemokratischen Umsturzbestrebungen. Die zweijährige Gesetzgebungsthätigkeit, auf welche die Liberalen Hinweisen, bekundet nie und nirgends ein Zusammengehen der Fortschritts- und der nationalliberalen Partei. Wenn in dieser Zeit die Nationalliberalen sich in dankenswerter Weise an dem Aufbau der Einrichtungen des Reichs beteiligten, so ist dieS kein Beweis der schöpferischen Thatkraft des Liberalismus an sich; die Nationalliberalen haben vielmehr gerade deshalb etwas leisten können, weil sie sich von dem gemeinsamen Boden des Liberalismus und den Ideen der Fortschrittspartei in einem bewußten Gegensatz zu derselben loslösten und den praktischen Staatsgedanken vorwalten ließen. Ebensowenig haben in neuerer Zeit die Liberalen etwas gemeinsam geschaffen. Der — als Beweis des Gegenteils angeführte — liberale Haftpflichtgesetz- cutwurf ist von vornherein ein totgeborenes Kind gewesen, auf welches keine der Parteien bei der ferneren Beratung der Unfall- und Krankenversicherung zurückgekommen ist.
Gerade das Schicksal dieses Entwurfs zeigt, wie wenig der gemeinsame Liberalismus an sich zu produktiver Thätig
keit geeignet ist. Einen viel schlagenderen Beweis bilden die vergeblichen Bemühungen des Liberalismus um Herstellung der Grundlage, auf welcher wir jetzt gemeinsam weiter streiten, um die Herstellung des Reichs. Mögen die liberalen Parteien auch mit Eifer diesem Ziele nachgejagt haben, so kann doch kein Zweifel darüber bestehen, daß die Mittel, welche der Liberalismus zur Erreichung dieses Ziels in Anwendung brachte, verfehlt waren und daß er mit denselben thatsächlich das Ziel zu erreichen nicht im stände gewesen ist. Die Schöpfung deS Reichs ist nicht nur nicht fein Werk, sondern er bekämpfte im Gegenteil diejenigen Mittel, welche zum Ziele führten, weil sie seinen Grundsätzen von den Aufgaben des Staate» und den Anschauungen von dem Wert deS eigenen subjektiven Ermessens widersprachen, jenen Grundsätzen, welche damals noch von der Gesamtheit deS Liberalismus vertreten wurden und welche die Fortschrittspartei bis auf den heutigen Tag sorgsam weiter gepflegt und sich als ihr Palladium aufbewahrt hat.
DaS Gemeinsame der liberalen Parteien besteht also weder theoretisch in bezug auf die Stellung zu den wichtigsten Fragen deö Staatslebens, noch hat es praktisch in der Geschichte der letzten Vergangenheit bestanden. Die liberalen Parteien haben nichts Gemeinsames geschaffen, weil sie vermöge ihrer tief gehenden Differenzen nicht» schaffen konnten. Von einer Verteidigung des „Gemeinsamen" kann daher auch nicht wohl die Rede sein.
Der die liberalen Gruppen trennende Gegensatz, der auch nicht durch Parteibeschlüffe zu entfernen ist, wird auch in Zukunft jede gemeinsame Aktion verhindern; er macht vor Allem schon ein gemeinsames positives Programm unmöglich. Ein solches Programm kann nur aus einer einheitlichen und gemeinsamen Uebcrzeugung und auf einer alle Verhältnisse durchdringenden gleichen Auffassung von den Aufgaben des Staates beruhen, wie dies bei dem Programme der Regierung der Fall ist.
Man stellt sich so, als ob es ein solches nicht gäbe. Dasselbe ist bezüglich der sozialen Reform in der Kaifer- lichen Botschaft vorhanden, mit welcher der Reichstag am 17. November v. I. eröffnet wurde, und in den im Anschluß an dieselbe vorgelegten sozialpolitischen Gesetzentwürfen; bezüglich der Steuer- und Finanzreform in dem Ver- wendungsgefetz, welches in Bezug auf die hierzu nötige Beschaffung der Mittel in dem Tabaksmonopol seine Ergänzung fand. Das letztere ist abgelehnt, und es wird daher nach neuen Mitteln zur Befriedigung der Steuer- reformbedürfniffe gesucht werden muffen. Das Wesen und der Inhalt des Programms erfährt dadurch keine Aen- derung. An feinen Grundzügen wird die Regierung um so fester halten, als dasselbe derjenigen Auffassung von dem Wesen des Staates entspricht, welche dem Staate nicht nut die Stellung eines mehr oder weniger teilnahm-
Der Erbe des Blutes.
Erzählung von Emma Händen. lFortsehung)
Kein Kind trippelte heut die Stufen des Katafalks hinan und stand in Kindesunschuld vor dem unverstandenen Mysterium des Todes; eine achtzehnjährige Jungfrau kniete an diesem Sarge, die heut in Wahrheit sagen konnte, was einst das Kind im Schmerz gerufen hatte: es habe sie auf Erden Niemand mehr lieb. ES breitete sich kein Arm zum Schutz über die Schutzlose, in dem )ie sorglos schlummern konnte, wie damals, es tröstete Niemand die Verwaiste, wie einst vor langen Jahren, da der Vater ihr gesagt hatte: »Ich will Dich lieben, wie Dich die Mama geliebt hat."
Aber stand denn wirklich die achtzehnjährige Waise so ganz allein in dem großen, vererbten Besitztum, kümmerte sich denn Niemand um die Unerfahrene?
Die Thür der Kapelle ging aus und eine hohe, stattliche Dame trat ein, in reifer Frauenschöne, in deren Antlitz noch kein Erdenweh und Erdenleid tiefe und unvergängliche Spuren gegraben. Der Ernst auf dieser hohen Stirn galt bem fremden Leid, das sie zu trösten kam, nicht eigenem Kummer. Gertrud vernahm das Oeffnen und Schließen der Thür, 'sie stand auf und schritt langsam die Stufen des Katafalks hinab, auf benen die Schleppe des Trauerkleides liegen blieb. Sie stand vor der Fremden, deren liebevolle Züge sie sympatisch berührten, und unwillkürlich fühlte sie sich zu derselben hingezogen.
„Wen habe ich die Ehre?" fragte sie.
„Haben Sie nie den Namen Ludmilla von Landen gehört?" fragte die Fremde zurück.
„Nein, nie," lautete Gertruds Antwort.
„Auch nie den Namen der RegierungSrätin Karge?" „Ebensowenig, Frau RegierungSrätin."
„Ich bin die Jugendfreundin ihrer verstorbenen Mutter, liebes Kind, die noch in der Todesstunde nach mir verlangte, deren Wunsch ich jedoch leider nicht mehr erfüllen konnte. Gern möchte ich der Tochter derselben alle meine Liebe widmen und um so mehr, als mein Gatte gerichtsscitig zum Vormund über Sie bestellt wurde, wollen Sie meine Tochter fein, fo kommen sie in meine Arme, geliebte Tochter meiner unvergeßlichen Selma'"
Die Dame breitete ihr liebevoll die Arme entgegen und noch einmal sank Gertrud au einem teuren Sarge an ein liebendes Herz. Die Vaterliebe, welche ihr von dem wilden Grafen entgegengetragen wurde, war ihr verderblich geworden auf ihrem Lebenswege; der Hand, die heute die Locken aus der Stirn der Weinenden strich, hätte die sterbende Mutter sie am liebsten anvertraut, als ihr Herz im Tode erkaltete. Ein Bund für's Leben ward hier geschlossen am Sarge des Vaters, ein Bund, den der Geist der Mutter im Jenseits weihte.
Weniger sympatisch war das erste Begegnen zwischen dem Reglern igsrat und seinem Mündel; schon das Wort „Vormund" hatte Gertrud erschreckt, dennoch wollte sie die Herrschaft weiterführen, die sie bei Lebzeiten des Vaters geführt hatte. Das wollte und konnte ihr der Regierungsrat nicht gestatten, denn es waren Angelegenheiten, von denen sie nichts verstand und in die sie dreinredete, nur um ihm zu zeigen, daß sie die Herrin fei. Er kannte die innern Verhätnisfe in Steinhaufen nicht, wußte nicht, wer schuld war, daß ihm ein Trotzköpfchen gegenüberstand: so trat er ihr sehr entschieden entgegen und ließ sie mehr als fühlen, daß er jetzt die Herrschaft habe.
Gertruds Stolz bäumte sich auf, als sich ihr ein Fremder nicht so fügen wollte, wie es der eigene Vater gethan hatte und es kam zu manchen Seenen, wo die RegierungSrätin vermittelnd eingreifen mußte, um beide Teile zu beschwichtigen und äußerlich zu versöhnen. Daher lehnte auch Gertrud entschieden das Anerbieten der Dame ab, sie nach Kemden zu begleiten und eine Zeit lang in ihrem Hause zu leben. Frau Ludmilla hatte gehofft, die Veränderung der Umgebung werde wohlthumd auf Gertruds Schmerz wirken; hier, wo sie bei jedem Schritt Alles an den Vater erinnerte, mußte sie fortwährend der schmerzlichen Erinnerung nachhängen, während sie es in der glücklichen Sorglosigkeit der Jugend am fremden Ort leichter überwand. Aber der Gedanke, in das Haus des Vormund« zu gehen, wo sic dann ganz und gar seiner Herrschaft, feinem Willen unterthan war, wie sie meinte, der war ihr unerträglich, und da hier der Vormund nicht befahl, blieben alle Bitten der RegierungSrätin nutzlos gegenüber ihrem festen, unerschütterlichen Willen.
In den Vormittagsstunden eines sonnigen Frühlingstag» hatte sich der Hügel über Graf Kuniberts Grab geschloffen, an dem viele Leidtragende, aberjnur eine Trauernde, Schmerzerfüllte gestanden hatte. Von der Gruft des Vaters kehrte die weinende Tochter heim in ihr Schloß, an der Hand der Frau, die ihr mit Mutterliebe zur Seite stand, und in Gertruds Zimmer angelangt, die Weinende durch liebevolle Worte zu trösten suchte. Schon schwebte das Schwert des Verhängnisse« über Schloß Steinhaufen, um im nächsten Moment herabzustürzen, aber noch ahnte es keine der beiden Damen.
(Fortsetzung folgt.)