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Marburg, Donnerstag, 20. Juli 1882.
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»binnennimmt entgegen: Äebition d.BlatteS. wiedÄnnoncen-Bureaur
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Der Erbe des Blutes.
Erzählung von Emma Händen-
(Fortsetzung)
„Die Mutter Ihrer Mutter war die erste Jugendliebe meines VaterS, als sie aber den Kunstgärtner Leithner ihm dvrzog, hat er feine Gefühle bekämpft und mit der Liebe, die ihm irdische und himmlische Gesetze gestatteten, ihr und den Ihrigen stets nahe gestanden. Längst deckte sie daS kühle Grab, als eines Tages ihre junge achtzehnjährige Tochter Emilie, ihr verjüngtes Ebenbild, die mein Vater getauft und konfirmiert hatte, mit der Bitte zu ihm kam, sie heimlich, aber mit Einwilligung ihres Vaters, mit dem Grafen Eugen von Steinhaufen zu trauen, der, zum Besuch bei seinen Verwandten, viel in ihrem Hause verkehrt habe und sie heiraten wolle. Er glaube aber nicht die Einwilligung seines Vater zu erhalten, darum wolle er dieselbe erst nach der Trauung cinholen, wo er dieselbe eher zu erhalten hoffe. Halten Sie einen Menschen fähig, einer Bitte aus solchem Munde zu widerstehen? Mein Vater war es dicht, er vollzog die Trauung, die irdische Gesetze ihm freilich ohne die Einwilligung deS alten Grafen Steinhaufen dicht gestatteten, aber auch in seinem Herzen lebte die Hoff- düng auf die nachträgliche Zustimmung defselben. Graf Eugen hatte sich von seinen Verwandten verabschiedet und lebte heimlich in dem vor dem Thore gelegenen Besitztum seines Schwiegervaters, vergaß aber im ersten Rausche deS langen Glücks, sich den väterlichen Konsens zu verschaffen. Erst als Frau Emilie Mutterhoffnungen entgegensah, dachten Beide hieran. Die Antwort des alten StandeSherrn war fieilich feinen Ansichten gemäß, stimmte aber nicht mit den
Das Bagaboudeatnm.
Die Klagen über das Vagabondentum und die stetige Zunahme desselben wollen nicht verstummen. Ueberall werden die Mittel zur Bekämpfung desselben erwogen. Es bil-'en sich Vereine gegen die Bettelei, sie schießen Geld zusammen, und die Bettler erhalten von einer dazu bestimmten Person eine Unterstützung ausbezahlt, sollen aber dann im Orte nicht betteln gehen. In vielen Orten wird aber diese letztere Bedingung von den Bettlern nicht erfüllt; nachdem st- ihr Geld haben, probieren sie eS auch, ob sich nicht noch „gute Herzen" finden, welche ihnen „was WarmcS" oder ein Kleidungsstück geben, und ein paar Pfennige verachten sie auch nicht. So ist mit den Vereinen aegcn Bettelei in vielen Fällen, wo die Polizei die Vereine nicht nachhaltig unterstützt, nicht viel gewonnen; sehr oft ist den Bettlern die Sache nur erleichtert. In manchen Orten hat man nun Vereine gegründet, welche den Bettlern Arbeit anbieten, damit dieselben sich ihren Lebensunterhalt in der Zeit der Not verdienen können. Besonders hervor- ruheben" ist die von dem um die Linderung sozialer Notstände so hochverdienten Pastor v. Bodelschwingh zu Bielefeld gegründete Vagabonden-Kolonie Wilhelmsdorf.
Alle diese Bestrebungen sind sehr lobenswert; aber das Uebel selbst wird dadurch doch nicht geheilt. Die Heilung muß an der Wurzel deö Uebels in Angriff genommen werden. Die Wurzel aber liegt in unfern sozialen Verhältnissen. In der Gründerzeit wurden Hunderttausende von Arbeitern aus ihren bisherigen heimatlichen Verhältnissen herausgerissen, in die großen Städte und Fabrikzentren gezogen. Nach dem Krach wurden fast alle diese vielen Tausende wieder entlassen und lagen nun arbeitslos auf der Landstraße, sie zogen hin und her, um Arbeit zu suchen und bei dem Umherziehen wurden viele zu Bettlern und zu Vagabonden. Gewöhnliche Handarbeiter finden noch leichter Arbeit, aber furchtbar schwer hält es, für die vielen Tausende arbeitsloser Kommis wieder Arbeit zu finden und viele von ihnen find nach und nach dem Vagabondentum verfallen und gerade die aus gebildeteren Klassen Herabgesunkenen bilden die schlimmsten und bösartigsten Elemente des Vagabondentums. Wenn auch die entlassenen Arbeiter der Gründerzeit den Hauptstock des Vagabondentums gebildet haben, so liefern ihm unsere Verhältniffe immer noch zahlreiche Rekruten. Unjere Arbeiterjugend in den Fabriken, den Handwerkerstätten wie in den Kaufläden lebt, nachdem sie meist schon vorher im Elternhause in sittlicher Hinsicht verwahrlost aufgewachsen, ohne alle sittlichen Einwirkungen. Die sozialen Korporationen, welche eine sittliche Zucht über Lehrlinge und Gesellen übten, hat man der allgemeinen Auslösung preisgegeben, der Kirche ist eS durch die allgemein eingerissene Sonntagsarbeit unmöglich gemacht, an die Jugend heranzukommen und daß die Fortbildungsschulen mit ihrem Rechen-, Schreib- und Zeichen-Unterricht,
zumal wenn sie von vornherein durch die Sonntagsentheiligung sittlich gerichtet sind, keinen Ersatz für Kirche und Korporation bilden, liegt auf der Hand. Während also die Jugend allen sittlichen Einflüssen entzogen wird, ist sie fortwährend in der Arbeitsstätte, wie auf der Gasse und in der Kneipe — wo sich daS Leben der Arbeiter- Jugend abspielt — allen Verführungen zum Bösen, zur Gottlosigkeit, Leichtfertigkeit, zur frechen Verachtung jeder Autorität ausgesetzt. Es ist unfaßlich, mit welcher Sorglosigkeit man es ansehen kann, wie die Jugend allen sittlichen Einflüssen entzogen wird und doch ist es so leicht zu begreifen, daß eine Jugend, welche in dieser Weise auswächst, sittlich und damit auch wirtschaftlich und sozial verkommen muß. Wie viele halten schon ihre Lehrzeit nicht aus, sondern beginnen da bereits die Landstreicherei; ein Arbeitsbuch brauchen sie ja nicht, durch welches ihr Verhalten noch einer gewissen Kontrolle unterworfen würde und von einem sittlichen oder gar religiösen Gewissen werden sie nicht mehr gestört. Haben sie erst einmal diese Bahn betreten, so kommen sie nur schwer wieder heraus; denn erstlich sinken sie sitllich bald bis zum Nullpunkt und daun verlottern sie auch gewerblich und sozial, so daß sie nur schwer noch in einer ordentlichen Werkstatt Arbeit finden. Dadurch geraten sie denn auch immer tiefer in bett Haß und die Opposition gegen alle bestehende Ordnung und gegen alles, waö diese Ordnung trägt, hinein; sie fühlen sich als die Enterbten und Aus- gestoßenen der Gesellschaft und je größer ihre Zahl ist, desto lebhafter und bewußter wird dieses Gefühl und alle Umsturzbestrebungen finden in dem Vagabondentum einen fruchtbaren Boden und schließlich die stets bereitwilligen Fäuste. Bekanntlich bestanden 1848 die revolutionären Freischaren und Barrikadenrotten größtenteils aus solchen Vagabonden, welche von der Landstraße in die Städte und zu den Werbetrommeln eilten, als die Recolution ausgebrochen war. Welche Gefahren das Vagabondentum in unserer sozialistisch, naturalistisch und atheistisch zersetzten Zeit in sich birgt, braucht nicht weiter geschildert zu werden. Wir sehen eS in Rußland und Irland und haben es 1870 in Paris erlebt, wozu die Menschen fähig sind, wenn sie die christliche Weltanschauung abgestreift und die naturalistische angenommen haben, unter deren Geist dann daS Tier int Menschen mit allen seinen Lüsten und Begierden sich entwickelt. Auch die Greuclthaten in Egypten könnten unö zeigen, daß die äußere Zivilisation und Kultur die Menschen nicht wirklich bessert, sondern daß die Menschen unter dem Scheine der Gaslaternen und der elektrischen Beleuchtung, im Zeitalter der Eisenbahnen und Telegraphen, dieselben Greuelthaten verüben, wie vor Jahrhunderten und Jahrtausenden.
Diese Erkenntnis ist uns aber auch zur wirksamen Bekämpfung des Vagabondentums durchaus nötig. Wir
Wünschen des Sohnes überein. Er schrieb ihm, er solle augenblicklich nach Steinhaufen zurückkehren, vorher aber die illegitime Ehe mit einer Bürgerlichen lösen, sonst werde er, kraft deö ihm zustehenden väterlichen Rechts, die Annullierung der ohne seine Einwilligung geschlossenen Ehe beantragen. Den Inhalt dieses Schreibens wagte er seiner Gattin nicht mitzuteilen, sondern er ging damit zu seinem Vater, der ihm riet zu warten, bis Frau Emilie ihrem Kinde das Leben gegeben und die Kraft wieder erlangt habe, schlimme Nachrichten zu ertragen, dann sie von dem Vor- gefallencn in Kenntnis zu setzen, den Trennungsschmerz für kurze Zeit zu überwinden und einen persönlichen Angriff auf das Vaterherz zu machen. — Ein Sohn ward dem Paar geboren; zwei Monate nach seiner Geburt erfuhr Frau Emilie, die in ihrem Gatten- und Mutterglück nie nach Graf Steinhaufens Antwort gefragt hatte, dieselbe. Mit heißem Weh trennte sie sich von ihm, der nie nach Münster zurückkehrte."
„So viel ich erfahren," unterbrach hier Reginald den Erzähler, „starb Graf Eugen, er vermochte noch nicht ihm den Vaternamen zu geben, ehe er die Heimat wieder betrat."
„So müssen wir annehmen," fuhr der Justizrat fort, „daß der alte Graf entweder glaubte, der Sohn habe vor seiner Rückkehr gehorsam die seiner Meinung nach illegitime Ehe gelöst, oder er wagte nicht dem toten Sohne gegenüber zu thun, was er dem Lebenden gegenüber ohne Zweifel gethan hätte. Jedenfalls stände es um Ihre Hoffnungen wohl anders, wenn Graf Eugen Steinhaufen lebend betreten hätte, so aber ist die Ehe ihrer Ellern rechtskrästg geworden, da Graf Otho die sechsmonatliche Frist vorüber- ließ, die das Gesitz ihm gewährte, den Antrag auf Ungültigkeitserklärung der ohne seine Einwilligung geschlossenen
müssen in den Schulen wie in den Werkstätten viel größeres Gewicht darauf legen, daß der Mensch innerlich gebessert und veredelt werde statt der einseitigen Betonung der Abneigung von Kenntnissen und Fertigkeiten. Diese Vernachlässigung deS Menschen in sittlicher Hinsicht und die einseitige Betonung der intellektuellen und techni chen Seite hat unsere sozialen Verhältniffe zersetzt. Daher kommt es, daß man alle Besserung lediglich von der Aen- derung der äußeren Verhältnisse, Gesetze und Institutionen erwartet und man fast nie mehr hört, daß die sttttiche Besserung der Menschen als die Grundbedingung aller heilsamen Gestaltung der Verhältnisse verlangt wird. Daher kommt die Geringschätzung der sittlichen Institute, wie der Kirche und der konfessionellen Schule gegenüber technischen und wirtschaftlichen Instituten, daher denn weiter der überwiegende Einfluß der Presse und das Sinken de« Einfluffes der Kirche, das Zurücktreten des sittlichen Einflusses der Eltern, der Arbeitsherren unb ber Meister. So lange unsere Arbeiterjugend in dieser aller sittlichen Kräfte entbehrenden Atmosphäre aufwächst, wird auch bet Kampf gegen bas Vagabonbentum vergeblich sein. Wir müssen unsere Jugenb rokber unter sittlichem Einflüsse stellen unb müssen bie religionS-sittliche Bildung der Menschen wieder höher schätzen. Dazu ist eine Dieform unserer gewerblichen und sozialen Verhältnisse nötig; unsere jetzige Gewerbeordnung ist aus der naturalistischen Geringschätzung der sittlichen Institution geboren; sie stellt überall alles auf sogenannte Naturgesetze und Naturtriebe. Aber darunter verwildern die Menschen. Steht unsere Jugend wieder unter sittlichem erziehlichem Einflüsse, bann wird auch bas Vagabondentum abnehmen. Arme Leute, die einmal in Not kommen, wo sie dann die Hilfe anderer in Anspruch nehmen müssen insbesondere arme HandwerkS- burschen und Arbeiter wird es immer geben; aber wenn sie innerlich daS Herz auf dem rechten Fleck haben, wenn sie gottesfürchtig, fleißig, treu, strebsam sind, dann werden sie nicht zu Vagabonden herabsinken. Fehlt ihnen aber dieser innere sittliche Halt, dann werden alle Antibettel- und Arbeitsvereine und Polizei nicht im stände sein, den innerlich zum Vagabonden gewordenen Menschen zu bessern und die Quelle des Vagabondentums zu verstopfen. Stärken wir also auf der einen Seite die sittlichen und religiösen Mächte im Volksleben, wie Kirche, Schule und Familie, unb suchen wir auf der anderen Seite durch eine auf Hebung und Ausbreitung der nationalen Arbeit gerichtete Wirtschaftspolitik dem Volke Arbeit zu verschaffen, dann wird sich daS Vagabondentum vermindern. Aber es ist hohe Zeit, daß der Fortschritt zur ernsten sittlichen Lebensauffassung mit einer energischen unb einbrncksvollerr Weise geschieht. (R.-B.)
Ehe seines Sohnes zu stellen. Kommen Sie jetzt zum ArchidiakouuS, im Kirchenbuch steht, ich weiß eS, die Trauung Ihrer Eltern, sowie der Tag ihrer Geburt verzeichnet, er muß Ihnen den Trauschein und Ihren Taufschein ausstellen. Legen Sie das mit den Beweisen, die sie mir vorgezeigt haben und dem ArchidiakonuS zeigen werden, dem Gericht Ihrer Nachbarstadt vor, so muß e» Sie als Erben der Familie Steinhaufen anerkennen."
Mit schwerem Herzen hatte einst Graf Eugen Münster verlassen; mit widerstreitenden Gefühlen im tief verwundeten Frauenherzen hatte Frau Emilie der Heimat ihrer Kindheit Lebewohl gesagt; triumphierend verließ ihr Sohn die Stätte feiltet Geburt, die er als unbedeutendes Tagelöhnerkind betreten hatte, als Erb- und Standesherr einer altadeligen Familie. _________
4.
Wieder war die Kapelle des Steinhaufener Schlöffe» schwarz ausgeschlagen, wieder brannten die Wachskerzen am sonnenhellen Tage, denn auf hohem Katafalk stand die Leiche des Letzten seines Geschlechts, wie man glaubte, de« Grafen Kunibert. Schon wat die Gruft geöffnet, neben dem Grab der Gräfin Selma, um seine Leiche aufzunehmen; int Tode sollten die Gatten neben einander ruhen, die im Leben so kalt sich gegenüber gestanden hatten. Heut hatte der Gärtner das Glashaus geöffnet zur Ausschmückung de« Totenraumes, grüne Blattgewächse standen um den Sarg, den keine Blume schmückte, da eS ein Frühlingstag war, an dem die Erde im Schmuck des ersten Grün und der ersten, spärlichen Blumen prangte.
(Fortsetzung folgt.)