Marburg, Freitag, 14. Juli 1882
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herumführen wollte, und lachend hatte er ihr den Willen gethan.
Jeder Prachtsaal des Schloßes war ihr Spielzimmer, wenn sie ihn zu einem solchen einrichten wollte, und gefiel es ihr, dasselbe in einen andern Raum zu verlegen, so mußten stets geschäftige Hänvc bereit sein, ihr alle umher» geworfenen Spielsachen nachzuräumm. „Trudchen will es," war das Gesetz, welches das ganze Schloß regi rte und wenn Trudchen nicht wollte, dann gab es auch keine Macht, das Trotzköpfchen zu beugen. Die rechte, echte Vaterliebe verstand Graf Kunibert nicht, in dessen Herzen daS heiligste Gefühl der Menschenbrust ja nie nie gelebt bis zu dem Augenblick, da sein Töchterchen in den Himmel wollte, weil eS auf Erden Keiner mehr lieb habe.---
Auch Reginalds Leben war seit dem Tode der Gräfin, seiner Beschützerin, ein anderes geworden. Er war nun zehn Jahre in Steinhaufen, und da man bei seiner Ankunft sein Alter auf vier Jahre geschätzt hatte, so ward er zu Michaeli eingesegnet. Kurz vorher war sein Pflegevater gestorben, und sein Adoptivbruder, mit dem er nie recht gut gestanden, erklärte ihm nun rund heraus: er könne nicht die alte Mutter und ihn ernähren, er möge nun seinen Lebensunterhalt auch selbst suchen. Reginald fügte sich mit Ingrimm, es blieb ihm nichts anderes übrig, da jetzt Niemand da war, der für ihn sorgte; ein Herrenleben zu führen wie der Graf, war ihm nun einmal nicht be- schieden. Aber die Arbeit, die der junge Werner that, weil er keine andere Lebensbeschäftigung kannte und wünschte, verrichtete Reginald lässig, mit Widerstreben und Ungeschick und oft war er hart angelassen von dem Bruder ob seiner Trägheit und Nachlässigkeit, wie der elbe es nannte. War das Verhältnis der beiden Menschen nie ein brüderliches, sondern ein gleichgiltiges gewesen, so ward es jetzt ein feindseliges und tagtäglich kam es zu Reibereien und Konflikten zwischen ihnen. (Fortsetzung folgt.)
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hatte er einst mit wenigen, rauhen Worten die Bitte abgeschlagen, das konnte er seinem Trudchen gegenüber nicht, da fing er die Sache anders an. Er stellte ihr vor, wie tief der Knabe unter ihr, dem kleinen Schloßfräulein, stehe, ein Junge, der nicht einmal der Sohn jener Tagelöhnerfamilie sei, in der er lebe, ein hergelaufener Bube, ein Findling, dessen Vater ja Niemand kenne. So tief dürfe das kleine Schloßfräulein sich nicht herabwürdigen, mit so Einem zu spielen.
Trudchen begriff die Lehre nur zu gut; jener Reginald, der im Dorfe, war ein ihr untergeordnetes Wesen, während jener Reginald, den sie in der Schloßkapelle gesehen, mit der poetischen Erinnerung an die Mutter verknüpft blieb, gleichsam ein Wesen aus einer andern Welt, an das sie ja unsichtbar und unbewußt der Zauber eines Liebesblickes fesselte. Aber in ihrer Kinderseele schlug die unheilvolle Saat Wurzel, die des Vaters Wort auSgestreut, eine Saat, die verhängnisvoll werden sollte im Leben seiner Tochter in ferner Zeit; sie lernte sich als etwa Besseres betrachten, als andere Menschen, die alle, alle dem kleinen Schloßfräulein nicht ebenbürtig waren.
Trudchcns Leben wurde nach dem Tode der Mutter insofern ein anderes, als sie mehr Freiheit und Willen bekam; die Mutter war ja stets leidend und kränklich gewesen, da hatte sie, wie sie selbst gesagt, immer still und ruhig spielen müssen, wenn cö ihr überhaupt erlaubt sein sollte, im Zimmer der Mama zu sein, deren krankhafte Angst sie bewacht und nicht von sich gelassen hatte. Jetzt durfte sie frei und ungebunden durch alle Räume des Schloffes, durch Garten und Park streifen, so weit sie wollte; das Ende des letzteren aufzusuchen, hatte ihr aber eine kindliche Furcht immer noch nicht erlaubt, selbst nicht an des Vaters Hand. Ein banges: „komm zurück" seines Kindes führte den Grafen immer wieder in die lichten Gänge des Gartens, wenn er einmal Trinchen im Park
Der Erbe -es Blutes.
Erzählung von Emma Hande».
(Fortsetzung)
Deutsches Reich.
Berlin, 12. Juli. Die „Prov.-Corresp." führt in einem „Der kirchliche Frieden" betitelten Artikel folgendes auö: Ueber Zweck und Bedeutung des neuen kirchenpolitischen Gesetzes sind in letzter Zeit mancherlei Mißverständnisse laut geworden, welche der Förderung deS kirchlichen Friedens nicht zuträglich find; die StaatS- regierung hatte sich bei Einbringung des Entwurfs allein von dem Gesichtspunkte leiten lassen, auf dem Wege der weiteren Entwickelung friedlicher Beziehungen zwischen dem Staate und der katholischen Kirche ! ortzuschreiten und den katholischen Angehörigen des preußischen Staates diejenigen Erleichterungen zur Befriedigung ihrer kirchlichen Bedürfnisse zu gewähren, welche gewahrt werden konnten, ohne daö Wohlergehen der gesamten Staatsangehörigen, die Sicherheit des Staates und die Unabhängigkeit seiner Gesetzgebung zu gefährden. Sie hat der durch die parlamentarischen Verhandlungen vielfach abgeänderten Vorlage zugestimmt, weil sie die Möglichkeit erblickte, mit derselben die bei Einbringung des Entwurfs gehegten Absichten zu verwirklichen, wenngleich sie dies mit den Bestimmungen ihres ursprünglichen Entwurfs im weiteren Umfange erreichen zu können glaubte. Sie hat aber hierbei keinen Zweifel darüber gelassen, daß sie die erteilten Vollmachten lediglich als solche betrachtet wissen wollte, d. h. als ein Mittel, um von denselben, nach ihrer freien Entschließung, zur weiteren Förderung des kirchlichen Friedens Gebrauch zu machen, ohne daß ste in bezug auf die Ausführung dieser Vollmachten irgend welche Verpflichtungen übernommen hätte. Diese Stellung der Staatsregierung ist neuerdings von verschiedenen Seiten zum Gegenstand lebhafter Angriffe gemacht worden. Auf der einen Seite hat man der Regierung daraus einen Vorwurf gemacht, daß sie sich überhaupt Vollmachten habe erteilen lassen, und zugleich hat man diese Vollmachtspolitik als eine die Interessen des Staats schädigende dargestellt. Von der anderen Seite wird die Ausführung der gegebenen Vollmachten, insbesondere die baldige Rückverusung der ihrer Aemter entsetzten Bischöfe, unter der Behauptung gefordert, daß derjenige, dem eine Vollmacht erteilt worden sei, auch die Verpflichtung übernommen habe, sie auszuführen. Es mag den Parteien sehr erwünscht sein, die Bestimmungen des Gesetzes in ihrem speziellen Parteiintereffe auslegen und ausbeuten und von einer Schwenkung in der Politik der Regierung sprechen zu können. Die Staatsregierung wird sich hierdurch in ihrem Verhalten nicht beeinflussen lassen. Sie ist sich in demselben Maße des Rechtes bewußt, welches ihr das Gesetz durch Erteilung
t Die Einigkeit der Liberale«.
Zm Sommer 1878 ließ Herr von Forckenbeck bei den damaligen Reichstagswahlen den Ruf: „Auf die Schanzen" ertönen, um die Liberalen zu einer gemeinsamen Frontstellung gegen die angeblich hereinbrechende „Reaktion" aufzufordern. Dieser Ruf erwies sich als wirkungslos. Im Jahre 1879 erneuerte er ihn, indem er auf dem bekannten Bankett im Zoologischen Garten den Liberalismus als den Verfechter der Freihandelspolitik bezeichnete und zu einem gemeinsamen Sturm auf die Getreidezölle aufforderte. Auch dieser Ruf blieb ohne Wirkung, vielmehr stimmte ein Teil der Liberalen im Sinne der Zollreform. Erst ein Jahr später löste sich von den Nationalliberalen ein Teil ab, um die Vereinigung aller Liberalen in die Hnid zu nehmen: ste bildeten vorläufig aber nur eine Gruppe neben Fortschritt und Nationalliberalen, so daß in Wahrheit die «sehnte Einheit nur eine weitere Zersplitterung zur Folge halte.
Das Streben nach Einheit hat sich nun auch auf die Nationalliberalen verpflanzt, indem ein „Zusammengehen aller Liberalen" bereits in mehreren Reden proklamiert ist. ES wird sich nun zu zeigen haben, ob dieser Ruf von besserer Wirkung sein wird, sein kann. ES ist belehrend, näher anzusehen, wie sich diese „Einigkeit unter den Liberalen" tatsächlich bisher gestaltet hat. Die Kundgebungen der verschiedenen liberalen Parteien — Fortschrittler, Se- zesstonisten, Nationalliberale — gewähren in dieser Beziehung einen interessanten Aufschluß.
In Dresden haben die Sezessionisten auf einem Parteitage für die Vereinigung der Liberalen Propaganda machen «ollen, haben dabei aber aufs Tiefste die Nationalliberalen durch völlige Ignorierung verletzt, so daß sich bei letzteren das Bedürfnis herauszestellt hat, nicht mehr als Reichs- Verein, sondern als nationalliberaler Verein für daö Königreich Sachsen aufzutreten.
Ebenso ist zwischen Seze stonisten und Fortschritt Helle Fehde ausgebrochen, nachdem erstere versucht hatten, in Bremen Terrain zu erobern, auf welches die Fortschrittspartei Anspruch erhebt. Letztere warnt vor der von den Sezessionisten usurpierten Firma „liberale Vereinigung", welche „als Lockmittel zur Anwerbung aus den Reihen der Fortschrittspartei aufs eifrigste zu benutzen versucht werde".
Desgleichen verwahrte sich neulich ein Führer der Fortschrittspartei in einer Versammlung in Tivoli gegen die Bereinigung mit den Nationalliberalen, weil „wir uns nicht in einen großen „„liberalen Brei"" einrühren lassen wollen und weil die Erfahrung der letzten zehn Jahre und namentlich der nationalliberalen Partei gezeigt
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hat, wie schlecht die liberale Sache fährt bei Vereinigungen, die nur der Name „„Liberale"" zusammenhält."
_ Die Nationalliberalen endlich sind auf diese Liebenswürdigkeit die Antwort nicht schuldig geblieben; sie raten ihren Gesinnungsgenossen, den liberalen „Brei" bei der Aufstellung vereinigt-liberaler Kandidaten sich etwas näher anzusehen, — derselbe werde sich lediglich als fortschrittlicher Herausstellen, vielleicht etwas verquickt mit partikularistischcn und sozialistischen Elementen.
So haben denn die drei liberalen Parteien, die bei den Wahlen Zusammengehen sollen, gegenseitige Warnungen ausgegeben und zeigen statt der laut verkündeten Einigkeit das Bild der kläglichsten Zerfahrenheit.
Auf keinem Gebiets herrscht zwischen ihnenUeber- einstimmung, von den Differenzen der Vergangenheit ganz zu geschwcigen. Weder verfolgen sie gemeinsame Prinzipien in der Sozialreform, noch in der Steuerreform, auch gehen sie in ihrer Auffassung von dem Beruf des Liberalismus weit auseinander. Während die einen vor drei Jahren aus der liberalen Partei eine Freihandelspartei machen und gerade die Stellung zu den wirtschaftlichen Fragen zum Prüfstein echt liberaler Gesinnung machen wollten, hat erst jüngst ein anderer cs als den Irrtum und Fehler der Liberalen bezeichnet, daß sie Freihandel und Liberalismus als sich deckende Begriffe betrachtet und eö nicht verstanden hätten, die Gegensätze auf wirtschaftlichem Gebiete auf dieses Gebiet allein zu beschränken. Einig sind die Gruppen nur in der Verneinung der von der Regierung festgehaltenen Gesichtspunkte, aber eine Partei kann die Verneinung nicht als Programm aufstcllen und aufrecht erhalten? Hierauf läßt sich um so weniger ein gemeinsames Vorgehen aufbauen, als keine einzige der Gruppen in Wirklichkeit auf die möglichst scharfe Hervorkehrung ihrer eigenen Grundsätze und Interessen verzichten wird.
Die „Einigkeit" der Liberalen ist nur ein „doktrinäres Ideal", welchem keinerlei praktische Bedeutung beizumesscn ist. Die Regierung und die konservativen Parteien können den Einheitsbestrebungen oder den Kämpfen der Liberalen unter einander, mit Ruhe zuschauen. Je mehr die inneren Gegensätze unter den verschiedenen Gruppen heroortreten, desto mehr werden die Wähler erkennen, daß die Politik der Negierung und der ihr n aheste hend en Parteien am besten geeignet ist, einen festen Pol zu bilden, welcher alle wahrhaft nationalen, erhaltenden und positiv schaffenden Elemente auf sich vereinigt und fest verbindet.
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„Papa, ich habe es angefaßt, es hat sich streicheln lassen," so scholl der Jubelruf zu den Wipfeln der hohen Bäume empor.
Das war in der Stunde nach Frau Selma'S Begräb- "is, so schnell waren heute die Thränen um ihren Tod ge- ltecknkt; aber im Leben der Jungfrau mußte doch einst unabwendbar die Stunde kommen, wo die Tochter schmerzlich den heute nicht begriffenen Verlust betrauerte.---
Das Leben im Schloß ging seinen ruhigen Gang weiter uuch dem Tode der Herrin desselben; es zieht sich ja jede ^ücke wieder zu, die im Menschenleben der Tod reißt, das m das ewige Gesetz der Natur, das uns auch den heißesten schmerz an teuren Särgen überwinden läßt.
Trudchen hatte bisher nur die Mutter geliebt, jetzt trat «?r ein Anderer liebevoll entgegen, und so dachte sie nicht Niehr mit Schmerz an die Entschlafene. Die einzige Er- 102 sunerung, die sie an die Verstorbene behielt, war die an ' dunkle Zimmer, wie sie es nannte, wo die Wachsam selbst am Tage gebrannt, wo die Mama unter Blumen geschlafen und so hübsch ausgesehen. Mit dieser ^«mnerung war aber eine andere untrennbar vereint, die yl jenen fremden, bildhübschen Knaben, den sie nie zuvor ni en "t'.d dem ste doch voll Vertrauen daS Köpfchen la i .Schlummer auf den Schooß gelegt hatte, umstrickt °n jenem Zauberblick, der ihr ans seinen dunkeln Augen chtgegenleuchtet. Daher bat sie bald darauf den Vater, -6-ct. Reginald in’« Schloß kommen zu lassen, er habe ihr 123 ballen, sie wolle mit ihm spielen.
» 3” Grafen Kuniberts Brust lebte eine unüberwindliche t03fci*. gegen diesen Knaben, er mochte ihn durchaus im Schloß und in seiner Nähe haben. Der Gattin