xvil Jahrgang
Marburg, Donnerstag, 13. Juli 1882
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«riAfint täalick außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. PrerS für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JllustrirteS SoMttagSblatt durch die Erpedltlon t« o ch sche Ruck druck er eil bexoaen 2'A Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 8 Mark 50 Pfg. (excl- Bestellgebühr., - Jnsertionsgebuhr für die gespaltene Zeile 10 Pfg.
' 8 y Für in der Expedition ,u ertheilende Auskunft und Annahme von Abreffen werden 85 Pfg. berechnet.
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Zeit leben und noch im Laufe dieses JahreS sterben." Auch an das Gutachten eines Pariser Arztes wird erinnert, den Skobelew im Februar über seinen Gesundheitszustand konsultierte; auch dieser soll ihm nur eine Lebensdauer von noch 2 Jahren in Aussicht gestellt haben. Selbstverständlich kann ein solcher Todesfall sich nicht zutragen, ohne daß man die abenteuerlichsten Gerüchte verbreitet. Der „Gaulos" behauptet, Skobelew habe sich mit Digi- talin vergiftet aus Verzweiflung, weil er sich nämlich auf nihilistische Umtriebe eingelassen hätte, und die russische Regierung dem auf die Spur gekommen sei. Jgnatiew, fügt der „Gauloö" hinzu, um seine Geschichte vollständig zu machen, sei ebenfalls schwer kompromittiert.
Wie daö „D. M. Bl." aus Petersburg erfahren haben will, sei eS in zwei dortigen Bierhäusern zu einer Rauferei zwischen deutschen und russischen Arbeitern gekommen, weil letztere behauptet hätten, Skobelew sei durch die Deutschen vergiftet. Auch in Moskau soll, wie das „Berl. Tqbl." meldet, daS unsinnige Gerücht, Skobelew sei von Deutschen vergiftet worden, verbreitet worden sein und die VolkSmasse veranlaßt haben, die Deutschen als die „Mörder Skobe- lews" zu bezeichnen und zu rufen: „Nieder mit den Giftmördern." Von anderer Seite sind diese Nachrichten übrigens noch nicht bestätigt. — Der „V. Ztg." wird berichtet, daß der Tod des Generals nach einem bis zum Morgen ausgedehnten Souper und reichlichem Genüsse von Getränken erfolgt sei. Auch nach einer Meldung des „Golos" soll Skobelew den Tag vor seinem Tode in sehr animierter Stimmung verbracht und viele Besuche gemacht haben. Um 6 Uhr dinierte er im Hotel, um 8 Uhr abends fuhr er aus, und um 2 Uhr nachts kehrte er zurück. Wie die „Mosk. Ztg." mitteilt, hätte sie kürzlich von Skobelew niedergeschriebene Memoiren über den orientalischen Krieg, die preußischen Manöver von 1880 und den Tekinzen- Feldzug erhalten, welche sie nach Maßgabe der Möglichkeit veröffentlichen werde.
Petersburg, 11. Juli. Die KriegS-Korvette „Vit- jaß" hat auf Befehl des Kaisers den Namen „Skobelew" erhalten in anbetracht der nationalen Bedeutung des NamenS des verstorbenen Generals.
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Die Leidtragenden versammelten sich in der Totenkapelle, die Andacht ward gehalten am offenen Sarge und die Schlotzfrau unter dem Läuten der Glocken zur stillen Gruft getragen, wo sie den Frieden finden sollte, den sie hienieden nicht gefunden hatte. Von treuer Dienerhand behütet, schlummerte daS verwaiste Kind sorglos im Schloß und ahnte nichts von dem Ernst der Stunde.
Der mütterliche Schoß der Erde hatte ausgenommen, Graf Kunibert kehrte zurück . Haus, da erwachte Trudchen und ihr erster Gedanke war
die Mutter.
„Ich will zu meiner Mama," rief sie.
„Du kannst nicht, mein Kind, Mama schläft," erwiderte die alte Dienerin.
„Ich bin heute auch schon bei ihr gewesen und sie ist gar nicht aufgewacht, ich gehe so leise auf den Zehen, ich störe sie gewiß nicht, aber es ist so hübsch in der dunkeln Stube bei den vielen Blumen und Mama sieht so hübsch aus wie lange nicht."
Die Alte erinnerte sich des Befehles des Grafen und wußte sich nicht anders zu helfen, als zu sagen: der Papa habe es verboten, Trudchen solle sie in den Garten begleiten. Die Kleine fügte sich anscheinend und ging mit ihr auf den Korridor; statt aber links zur Treppe zu gehen, wandle sie sich rechts und lief schnurstracks, so schnell die kleinen Füße eS vermochten, zur Kapelle. Die Alte erstarrte fast zur Bildsäule vor Schreck, sie konnte ja dem flinken Kinde so schnell nicht nach, und zum Ueberfluß kam in diesem Augenblick der gefürchtete Graf die Treppe hinauf.
— 112 Zn %• ruf. Gell. — 145 - 1271 - 133 — 132 — 118 — 123! - H21 — 1230 St. in M
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«n,eigen nimmt entgegen: hie Expedition b.®latteS, fbowieb«nnoHcen-S8ureaui 'n2h. Dietrich u. Co. m 1 «,1 unb Hannover; Th. Arich m Frankfurt a.M.; ftnafcnftein u- Vogler in a- M., Berlin, fe3ig, Köln:c.; Rudolf Ä in Berlin, Frank- W' furt a. M. -c.
Egypten.
Telegraphisch sind folgende Nachrichten eingetroffcn:
London, 11. Juli. Eine Depesche des „Standard" vom Bord des „Jnvicible", 9 Uhr früh, meldet: Das Bombardement dauert jetzt seit zwei Stunden fort. Das Fort Pharas ist stark beschädigt, die Forts Marsa und Kanat sind in die Lust geflogen. Viele Geschütze der anderen FortS sind unbrauchbar gemacht.
London, 11. Juli. Ein Telegramm von der Reede von Alexandrien, vormittags 11'/x Uhr, meldet: Das Bombardement dauert fort. DaS Feuer der Forts läßt immer
„Wo ist Trudchen?" war seine erste Frage an die, der er sein Kind anvertraut hatte.
Die Alte hatte die Sprache noch nicht wiedergcfunden, sie deutete stumm nach dem Ende des Korridors, wo eben die leichtfüßige Gestalt der Kleinen in der Thür der Kapelle verschwand. Graf Kunibert hatte aber mit seinem Verbot nur gemeint, man möge das Kind vom Begräbnis fernhalten, und zum Staunen der alten Frau ging er schweigend an ihr vorüber, dem Kinde nach. Der Sarg war fort, die Wachskerzen brannten noch, auf dem Katafalk lagen einzelne zerstreute und halb zertretene Blumenreste. Ein Blick des Kindes beim Eintritt hatte ihm gezeigt, daß die Stelle leer war, wo es vor kurzem noch die Mutter gesehen hatte.
„Wo ist meine Mama?" rief sie dem emtrctenden Vater entgegen, „ich will zu meiner Mama."
„Sie ist tot, mein Herz," sagte er in so weichem, liebevollem Tone, wie noch Niemand von ihm gehört, Niemand ihm zugetraut hätte.
Diesmal blieb es nicht bei den nassen Augen, Thräne um Thräne perlte aus denselben herab im heißen Kinderschmerz.
„Der Engel fft gekommen und hat meine liebe Muna in den Himmel getragen, der Engel soll wiederkomme.i, ich will auch in den Himmel zu meiner lieben Mama, denn jetzt hat doch Keiner mehr Trudchen lieb."
Das hörte der Vater von den Lippen seines Kindes, eS durchschauerte ihm Mark und Bein, cs war ihm ein zer- schmetternderer Richterspruch, als ihm Themis' Mund je hätte entgegendonnern können.
„Mein Trudchen, ich will Dich lieben, wie Dich die Mama geliebt hat," sagte er, „höre auf zu weinen, komm
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition b. Blatte«, sowie b.Annoncen-Bureaux von G 8. Daube u. So. in Frankfurt a. M.; JLgersche Buchhandlung daselbst; Hermansche Buchhandlung ♦ daselbst; Juvalidevdankin Berlin; W. ThieneS in Elberfeld; C. Schlotte in Bremen.
General Skobelew.
Das Totenamt für den General Skobelew fand in Moskau Montag Mittag unter Teilnahme der Großfürsten Nikolaus und Alexis, des Herzogs von Leuchtenberg, deS KrieaSministers, des Generalgouverneurs, der Generalität, sowie von militärischen Deputationen und Vertretungen städtischer unb ländlicher Körperschaften in der Dreiheiligen- tirdjc statt. Nach der kirchlichen Feier, die gegen 1 Uhr Hr Ende erreichte, wurde der mit Blumen, Kränzen uno militärischen Jisignien geschmückte Sarg aus einer vergoldeten Bahre von den Großfürsten und Generalen aus der Kirche hinauSgetrageu und durch ein von den Truppen gebildetes Spalier nach dem Rjäsan - Bahnhof gebracht. Von hier aus wurde die Leiche um 31/» Uhr durch einen Separatzug nach dem Landgute des Verstorbenen, Spaßkoje, übergcsührt. Eine große Volksmenge gab der Leiche bis rum Bahnhof das Geleite.
Der Eindruck, den der plötzliche Tod SkobelewS in Rußland hervorgerufen, ist ein ganz außerordentlicher. Vor dem Hotel Duffaux standen am Sonnabend Tausende von Menschen; ebenso enorm war dann der Andrang nach der Kirche der Drei Heiligen, wo die Leiche abends 8 Uhr aufgebahrt wurde. Alle Zeitungen widmen ihm sympathische Nachtufe; selbst die „Deutsche P. Ztg." erschien — notgedrungen — mit einem Trauerrand. Die Stellung der Deutschen zu Skobelew wird durch die bedingt, welche er gegen die Deutschen einnahm. Im „Temps" teilt Jules Claretie den letzten Brief mit, welchen er von Skobelew erhalten hat, als dieser vor drei Monaten auf Befehl seiner Regierung Paris verlassen mußte. Er bedauere, sagt Claretie, diesen Brief nicht vollständig wiedergeben zu können, sondern nur folgenden Eingang, aus dem man auf die Heftigkeit des Restes schließen kann: „Lieber Herr Claretie! Ich reise mit dem Bedauern ab, unser Rendezvous versäumen zu müssen; aber wir sind Leute, die sich Wiedersehen, und mit Gottes Hilfe hoffe ich, daß diese lieben Deutschen nicht immer mich am Reden verhindern und sich nicht ewig zwischen meinen Pariser Freunden und mir befinden werden.....
Vor der Einbalsamierung ward die Obduktion durch Professor Nelling vorgenommen. Dieselbe ergab Herz- schlaa. Der General litt an Venen-Erweiterung (Varices) des rechten Beines, diese Venen-Erweiterung erstreckte sich ■ bis zur Leistengegend. Wenige Tage vorher hatte er einen starken Ritt unternommen; durch diese Anstrengung waren die Venen des rechten BcineS stark mit Blut gefüllt; kurz vor 4 Uhr morgen« trat dann die Zerreißung der Vena formalis ein. SkobelewS Petersburger Arzt, Dr. Tscher- bak, teilt in der „Nowoje Wremja" mit, der General habe bei seiner Abreise von dort nach Minsk bald nach überstandener Lungenentzündung ihm zum Abschiede nachdenklich gesagt: „ES scheint mir, ich werde nur noch kurze
Der Erbe des Blutes.
Erzählung von Emma Hande».
(Fortsetzung)
mehr nach. Eine Depesche an die Admiralität von heute früh 8 Uhr sagt: Das Feuer der Forts ist schwach und unwirksam.
London, 11. Juli. Die zweite Ausgabe des „Standard" enthält ein Telegramm, datiert vom Bord des „Jn- vincible", 73A Uhr heutigen Morgens. Dasselbe besagt: Die Panzerschiffe „Alexandria", „Sultan" und „Superb" eröffneten das Bombardement; die Batterieen am Ufer antworteten sofort, aber ihre Schüsse erreichten zuerst die Schiffe nicht. Alsdann beteiligte sich der Rest der Flotte an der Beschießung. Der Geschützkampf wurde umT'/i Uhr allgemein. Nachdem die Kanonade 20 Minuten gewährt hatte, verstummte das Feuer zweier Forts. DaS Fort Pharos scheint schwer beschädigt zu sein. Die Schiffe sind unbeschädigt.
London, 11. Juli. Der türkische Botschafter Musurus Pascha hat ton dem türkischen Minister des Auswärtigen folgende Depesche erhalten. Ich beeile mich, Ihnen in extenso die Verbalnoten zu übermitteln, welche am 10. Juli zwischen meinem Departement und der englischen Botschaft gewechselt worden sind. Sie wollen die vorliegende Depesche sofort dem Minister der auswärtigen Angelegenheiten mitteilen: .
I. Note der englischen Botschaft:
T h e r a p i a, 10. Juli. Die Botschaft Ihrer Majestät der Königin von England beehrt sich die Hohe Pforte davon zu verständigen, daß infolge der Fortsetzung der Armierung der Forts von Alexandrien durch die egyptischen Militärbehörden der englische Admiral diesen Morgen anzeigen sollte, er würde, wenn die Forts nicht zeitweilig behufs Desarmierung übergeben werden würden, innerhalb 24 Stunden daö Feuer eröffnen. gez. Duffer in.
II. Antwort der Hohen Pforte:
In Beantwortung dieser Verbalnote der englischen Botschaft vom 10. d., welche der Hohen Pforte im Laufe des Nachmittags desselben Tages zugegangen ist, beehrte sich daö kaiserliche Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten, der Botschaft mitzuteilen, daß nach einem heutevon dem Khedive und dem Marschall Derwisch Pascha übermittelten Telegramme, Se. Hoheit, sowie auch das egyp- tische Ministerium, dem kommandierenden Admiral deS englischen Geschwaders in Alexandrien ei klärt hätten, die Lokalbehörden würden in dem Falle, daß der Admiral zum Bombardement schreiten sollte, keinen Widerstand leisten. E» ist evident, daß ein solcher Akt, wenn er zur Ausführung kommen sollte, die Souverän'tätSrcchte Sr. Majestät des Sultans und die Interessen des Landes auf das Schwerste schädigen würde. Die kaiserliche Regierung erwartet, daß das Kabinet Ihrer Majestät der Königin von England, sindem eS daS Vorstehende in ernste Erwägung zieht, dm Admiral Seymour veranlassen wird, sich jedes Aktes zu enthalten, der eine solche Eventualität Hervor
weg von hier, komm mit mir in den Park zu den kleinen Rehchen."
Die letzte Thräne hing an der Wimper des KindeS, es folgte keine mehr, sinnend schauten die blauen Augen zum Vater empor, in dem kleii en Köpfchen dämmerte eine Erinnerung auf, au« längst vergangenen Tagen, wie sie meinte. Im Park wurden einige zahme Rehe gehalten, die durch mehrere Generationen hindurch die Freude, ja man kann sagen, daS Spielwerk der Schloßfrauen gewesen waren. Im vergangenen Sommer hatte Frau Selma Trudchen mit in den Pirk genommen und die Kleine hatte sich über die zahmen Tierchen gefreut; im Winter hatte sie dieselben vergessen und diesen Sommer war die Gräfin nicht mehr bis in den Park gekommen.
„Ja, ich will die Rehchen sehen," sagte die Kieme, „komm mit zu bett Rehchen," setzte sie fast im Jubellaut hinzu. Achtlos fiel die letzte Thräne von der Wimper zur Erde, die Hard der Liebe stillt so leicht d n Kinderschmerz. Unterwegs befahl der Graf einem Diener, etwas Futter für die Tiere zu holen und ihn zu begleiten. Bald kamen die Tierchen und fraßen. Vorsichtig nahte sich Trudchen, die Hand streckte sich aus, das Tier zu streicheln, sie sah den Vater an, was er zu ihrer HUdenlhat sagen würde. Jetzt hatte die kleine Hand das braune Fell berührt, leise, ganz leise, aber das Tier hattte es doch verspürt, eS wandte ben Kopf unb sah daS Kind. Kinder- und Tierseelen finden sich ja von einander angezogen, das Reh fühlte instinktiv, daß ihm von solch zartem, kleinem Wesen keine Gefahr drohen könne, es stand stille und duldete willig eine energischere Ablösung. Da sprang die Kleine zuruck und klatschte selig in die Händchen. (Fortsetzung folgt.)