xvii Jahrgang
Marburg, Mittwoch, 12. Juli 1882
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erschrak, er wußte es wohl, daß ihm des Grafen Willen bisher den Eintritt ins Schloß verboten hatte und er fragte sich, ob er ihm jetzt zürnen würde, ob er selbst von hier rauh und hart den Eindringling fortweisen würde? regte sich nicht, den Gutsherrn zu begrüßen, jede Bewegung seinerseits hatte ja die schlafende Kleine gestört, er folgte mit dem Auge jedem Schritt de« Grafen, der stumm auf den Katafalk zuging und ihn nicht zu beachten schien.
Ter Graf war eine hohe, athletische Gestalt in der Blüte der Mannesjahre, Anfang der Vierziger. Wohl trug auch er die schönen GcsichtSzüge der Männer seines Geschlechts, aber kein vertrauenerweckender Zug sprach aus diesem finsteren Antlitz, das ein großer, schwarzer Vollbart noch finsterer erscheinen ließ. Schweigend schritt er die' Stufen des Katafalks hinan und stanv mit verschränkten Armen zu Füßen des Sarges; von der Toten glitt sein Blick hinüber zu dem schlafenden Kinde, seinem Kinde, und er, der harte, gefühllose Mann, beugte sich vor der Majestät des Todes und der Zaubermacht der Kindheit, die hier vereint an ihn herantraten. Mit beredtem Munde sprach die Tote zu ihm, wie nie die Lebende es vermocht und leise, leise erwachte die Reue in einer Menschenbrust, die bis dahin kein edleres Gefühl gekannt hatte. Er, der kalt und herzlos der lebenden Gattin die Erfüllung der unschuldigsten Wünsche verweigert, beugte sich über den Sarg und küßte die Hand der Toten, die er im Leben nie gedrückt, weil Vaterwille sie einst in die seine gelegt; er, der stets gleich- giltig an seinem Kinde vorübergegangen, kniete nieder neben dem schlafenden Engel nahm die Kleine in seine Arme und drückte sie stürmisch an die Brust. ES muß schon ein ganz verstocktes Herz sein, ein Herz, das für diese Welt verloren ist, auf welches Kindesunschuld und Kindesfrieden keinen Eindruck macht.
Einstellung der Befestigungsarbeiten wurde die Auswanderung ununterbrochen beschleunigt. Viele Flüchtlinge waren gezwungen, in die Stadt zurückzukehren, weil sie an Bord der beiden abgehenden Dampfer der Gesellschaft Rubattino keinen Platz gefunden hatten. Die Dampfer waren so überfüllt, daß die Kapitäne derselben sich weigerten, abzufahren, wenn nicht etwa 300 Personen jedes Schiss vorher wieder verließen. Die Staatsschuldenkasse ist nach Alexandrien gebracht worden, die Verwaltungsmitglieder und der größte Teil der Beamten der Kasse haben sich an Bord englischer und französischer Schiffe begeben.
Auch an die Deutschen in Egypten ergeht eine dringende Mahnung. Die „Nordd. Allg. Ztg." vom Sonnabend schreibt: Die Gesamtzahl der augenblicklich noch in Egypten weilenden Deutschen und Schweizer beläuft sich auf 160, eö sind dies Prokuristen größerer Kaufleute, Handwerker, Aerzte und 10 Diakonissinnen. Letztere haben erklärt, in jedem Falle in Egypten bleiben zu wollen. Dieser heroische Entschluß darf jedoch nicht zur allgemeinen Nachahmung empfohlen werden. In Egypten können Fälle eintreten, die es für die dort zurückgebliebenen Deutschen wünschenswert machen würden, vor allem der Klugheit Gehör zu schenken. Die Regierungen sind nicht im stände, bei rascher Entwickelung der Dinge ihren Angehörigen prompten Schutz auf dem Festlande angedcihen zu lassen. Die deutsche Regierung hat Schiffe gemietet, welche vor Alexandrien bereit liegen, um die Deutschen an Bord zu empfangen; auch soll den Deutschen jede mögliche Transporterleichterung gewährt werden. Die Deutschen sollten dem Beispiel der Engländer folgen und schleunigst Egypten vcrlaffen, denn gegen plötzliche Aufstände und Gcwaltthaten giebt eS keine Mittel, die Fremden zu schützen und selbst spätere Reklamationen, um Entschädigungen zu erlangen, würden schwierig sein.
Auch noch von einer anderen Seite her wird in die Situation bald Klarheit kommen. Immer drängten die Westmächte in den Sultan, er soll Arabi formell nach Konstantinopel fordern, um diesen in die Alternative der Selbstauslieferung, oder des offenen Ungehorsams zu bringen, jenen in die Notwendigkeit zu versetzen, im Weigerungsfälle zu intervenieren oder die Intervention anderer zuzulassen. Sonnabend Nachmittag ließ nun, wie „Reuters Bureau" aus Alexandrien berichtet, der Sultan an Arabi Pascha die formelle Aufforderung ergehen, nach Konstantinopel zu kommen. Arabi Pascha hat aber abgclehnt, der Aufforderung Folge zu leisten. Noch am Freitag versuchte die Pforte den Konferenzmächten gegenüber die gewohnte Politik des Hinhaltens und der Ausflüchte. Die Drazo- manS sämtlicher Botschaften wurden zur Pforte beschieden. ES wurden ihnen Depeschen der egyptischen Regierung vorgelegt, in welchen diese bestreitet, daß seitens der egyp- lischen Verwaltung armiert werde und daß der Hafen von
Trudchen erwachte von dieser stürmischen Liebkosung, sie schlug die Lider auf und in deö Vaters Herz drang aus den blauen Augen derselbe Zauberblick, der vorhin daS Herz des fremden Knaben entzückt. Dem Vater lächelte sie aber nicht so zuversichtlich entgegen; als sie das bärtige, finstere Antlitz desselben über sich gebeugt sah, drang ein feuchte- Naß in die klaren Augen und im nächsten Moment hätte sie bitterlich geweint. Da preßte der Graf einen innigen Kuß auf die rosigen, kleinen Lippen, zum erstcnmale, aber derselbe beruhigte die Kleine, denn sie fühlte mit dem klaren Instinkt der Kinderseele, daß sie sich nicht zu fürchten brauche. Dasselbe vertrauenkündende Lächeln, daS vorhin Reginals beglückt, belohnte das Vaterherz für die erste gute Regung, die kleinen Lider fielen wieder zu, auf denen Chlorgeruch und Blumenduft zu schwer last>ten und in sorglosem Vertrauen schlummerte sie weiter im Vaterarm. Geist der toten Mutter, gehe in Frieden zur ewigen Ruhe, dein Kind hat den irdischen Beschützer gefunden I —
Der Graf trug sein Kind fort, um eS der Dienerin zu übergeben und befahl, die Kleine nicht wieder in die Kapelle zu lassen. Die Stunde dcS BegräbnisieS nahte. Seufzend schaute Reginald den Beiden nach, den Grafen beneidend, der ein Recht hatte, die süße Kleine mit sich zu nehmen. Er halte in eine wonnige Traumwelt geschaut mit dem schlafenden Kind im Arm und mußte jetzt zur Wirklichkeit zurückkehren, nachdem ihm daS holde Engels- bild entrückt, zur Wirklichkeit, die für ihn nichts Verlockendes hatte, denn er mußte ja für immer daS stolze Grasenschloß verlassen. Noch einen Blick dcS Abschieds auf die Leiche der verehrten Gräfin, dann ade der schönen Welt, die ihm für kurze Augenblicke ihre Pforten geöffnet.
(Fortsetzung folgt.)
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Der Erbe des Blutes.
Erzählung von Emma Händen.
(Fortsetzung)
Reginald hatte noch nie solch süße, kleine Last auf seinem Schooß gefühlt, zum erstenmal umfing sein Arm das holde, kleine Schloßfräulein, das sich so sorglos seiner Hut anvertraut, und wonnig süße Gedanken zogen beim Anblick des schlafenden Kindes durch seine Seele, die eben noch so voll Bitterkeit das Schicksal angeklagt. Ein Sonnenstrahl fiel durch die Zweige der Buchen und küßte die klare Kinderstirn, lautlose Stille herrschte in diesem Raum, in dem Schlaf und Tod um wenige Schritte von einander herrschten, die Glocken der Dorfkirche, die dreimal täglich läuteten, so lange die Leiche der Schloßfrau auf der Erde stand, tönten hin über Steinhaufen, der Geist der toten Mutter schwebte segnend über dem Kinderpaare, das ihre letzte Erdensorge gewesen. Den Knaben, den jetzt der Schlummer ihrer verwaisten Tochter beschirmte, hatte sie ja im Leben geliebt, wie ihr eigenes Kind, o wie viel ruhiger wäre sie gestorben, hätte ste ihr Kind dem Schutze des Bruders anvertrauen dürfen. Wer konnte sagen, ob dieser Arm, der jetzt daS schlafende Kind umschlang, dem- selben auch ein Schutz in ferneren Lebenslagen sein würde? Die Wege des Schicksals sind dunkel, keine Erdenhand zieht den Schleier von denselben, vielleicht sah die Tote in lichteren Räumen schleierlcs das Schicksal ihrer verwaisten Tochter. Reginald, Gertrud! —
Wie lange Reginald den Schlummer der Kleinen bewacht, er wußte eS selbst nicht, da öffnete sich abermals die Thür der Kapelle und Graf Kunibert trat ein; zum erstenmale, seit die Leiche hier stand, suchte er den Raum auf. Reginald
Egypten.
Die Entscheidung vor Alexandrien ist rascher, als man sonst in Orientangelegenheiten anzunehmen pflegt, erfolgt. Unser neuestes Telegramm meldet die Eröffnung des Bombardements; Wirkung und Folgen desselben werden nicht lange auf sich warten lassen. Nachstehend geben wir den Verlauf der Dinge im Pharaonenland auS den letzten Tagen.
„Reuters Büreau" meldete vom Sonntag: Nachdem eine Schiffsrckognoszierung ergeben hat, daß die Ausrüstung der in der Nähe des Hafeneingangs befindlichen Erdwerke mit Geschützen fchweren Kalibers fortdauert, wird von dem Admiral Seymour augenblicklich der Erlaß einer Proklamation vorbereitet, welche die egyptischen Behörden des Mangels an Glaubwürdigkeit bezichtigt und die Uebergabe aller Forts binnen 12 Stunden verlangt. Im Weigerungsfälle werde nach Verlauf von weiteren 24 Stunden taS Bombardement auf die Forts eröffnet werden. — Das englische Kanonenboot „Condor" ist außerhalb des Hafens gegangen, um den Eingang zu demselben, zu schützen. Admiral Seymour ging an Bord des „Jnvincible", der sich nach dem äußeren Hafen begiebt und in der Nähe des Panzerschiffes „Monarch" vor Anker gehen wird.
Der interimistische englische Generalkonsul Cartwright hat gestern an die Generalkonsuln der übrigen Mächte folgende Note gerichtet: Ich beehre mich, Sic zu benachrichtigen, daß es wünschenswert sein würde, wenn Sic Ihre Staatsangehörigen dazu auffordern wollten, Alexandrien zu verlassen und sich innerhalb 24 Stunden nach Empfang dieses auf einem der im Hafen befindlichen Schiffe einzuschiffen. Sämtliche Mitglieder der Konsulate in Alexandrien sind an Bord der dort befindlichen Schiffe gegangen. Colvin und Cartwright haben sich mit dem übrigen Personal dcS englischen Generalkonsuls an Bord des Dampfers „Tajore" begeben.
Auch alle übrigen Nachrichten sprechen von der großen Bestürzung, welche die in Egypten noch wohnenden Europäer ergriffen hat, und von den Bemühungen der Konsuln, ihre Staatsangehörigen zur schleunigen Flucht zu bewegen.
Der Leiter der Geschäfte des französischen Generalkonsulates, de Borges, hat am Freitag dem französischen Konsul in Kairo, Monge, eine Depesche gesandt, in welcher er letzterem mitteilt, daß der Angriff von feiten der Flotte in jedem Angenblick zu erwarten sei, und ihn ausfordert, die Abreise aller französischen Staatsangehörigen zu erleichtern und sich selbst und die Archive des Konsulats in Sicherheit zu bringen. Der Konsul Monge hat diese Depesche, welche große Bestürzung in Kairo hervorrief, affichiert und sich sodann nach Alexandrien begeben. Das österreichische Konsulat ist ebenfalls geschloffen worden. Die Bestürzung nimmt auch in Alexandrien zu. Trotz der momentanen
Alexandrien versperrt werden solle, vielmehr versperrten die »fremden Kriegsschiffe den Hafen. Diese seien, wenn die Beschuldigungen wahr wären, in der Lage, Transportschiffe, welche den Hafen mit Steinen verschütten wollten, anzuhalten. Der Khedive habe den Admiralen Seymour und Conrad Zusicherungen erteilt, welche dieselbe befriedigen müßten.
Angesichts der Thatsache jedoch, daß England zur Aktion fest entschlossen sei, hat auch der Sultan seinem Vasallen das Ultimatum geschickt; Arabi hat den Gehorsam offen verweigert.
Die französische Flotte wird sich der Teilnahme an dem bevorstehenden Bombardement enthalten — sie wird den Eingang zum Snezkanal gegen etwaige Ueberraschungen seitens befreundeter Mächte sichern. Aus Toulon wird soeben gemeldet, an den kommandierenden Admiral Conrad sei Befehl ergangen, sofort nach Port Said zu fahren. Behufs Vermehrung der Zahl der Seeoffiziere sollen die Vorlesungen an denjenigen militärischen Schulen, welche die Seeoffizier-Aspiranten besuchen, suspendiert werden. — Die beiden Panzerschiffe „Heroine" und „Revanche", welche vollständig ausgerüstet sind, haben Toulon am Sonnabend verlassen und begeben sich nach den Hysrischen Inseln, wo sie den Befehl zum Abdampfen nach Alexandrien abwarten. DaS Transportschiff „Sarthe" wird am Montag mit Material und Proviant für das Geschwader nach Alexandrien abgehen.
Fernere Nachrichten sind:
Konstantinopel, 10. Juli. Nachdem die Rück- äußerung der Mächte auf die während der letzten Konferenz festgestellte Einladungsnote an die Pforte zur Intervention eingetroffen ist, tritt die Konferenz heute oder morgen zusammen, um die Ueberreichung der Einladung zu bewirken.
Alexandrien, 10. Juli. Alle Kriegsschiffe verlassen die Rhede und begeben sich außerhalb der Schußweite der egyptischen Kanonen. — Die letzten Europäer verließen auf Anordnung der Konsuln die Stadt.
Alexandrien, 10. Juli. (Meldung der „Agence Havas".) Lord Seymour kündigte gestern Abend den egyptischen Behörden an, daß das Bombardement der Forts binnen 24 Stunden beginne, wenn dieselben bis dahin nicht geräumt seien. Der französische Admiral ist von diesem Schritte verständigt. Die französische Flotte geht nach einer mit Lord Seymour getroffenen Abrede nach Port Said.
Alexandrien, 10. Juli. Admiral Seymour teilte dem Gouverneur der Stadt schriftlich mit, das Bombardement werde morgen früh um 4 Uhr beginnen. Der englische Konsul notifizierte Ragheb Pascha die Einstellung der Beziehungen zur egyptischen Regierung und erklärte
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Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatter, sowie d.Annoncen-Bureaux von G 8. Daube u. C». in Frankfurt a. M.; Jägersche Buchhandlung daselbst; Hermansche Buchhandlung ♦ daselbst; Jnvaliderdankin Berlin; W. Thiene- in Elberfeld; C- Schlotte in Bremen.
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