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Marburg, Dienstag, 11. Juli 1882.
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t Die Haudwerkerfrage.
DaS Handwerk, das Kleingewerbe, hat in diesem Jahrhundert mit großen Nachteilen und Schwierigkeiten zu kämpfen gehabt, welche in der ganzen Entwicklung der wirtschaftlichen Verhältnisse ihren Grund haben. Der Gewerbefleiß, der im Mittelalter allein im Handwerk seinen Ausdruck fand, hat in neuerer Zeit mehr und mehr in der Fabrikarbeit und im Maschinenbetrieb sich bethätigt. Die zunehmende Vervollkommnung der Technik gab der Großindustrie immer weiteren Aufschwung, dem gegenüber das Gebiet des Handwerks sich mehr und mehr eineiigen mußte.
Gleichwohl hat das Handwerkertum neben der Fabrik« Tätigkeit noch immer eine große Bedeutung und ein breites Feld der Wirksamkeit, auf welchem die Großindustrie es niemals verdrängen kann und auf dem es sich daher immer wird behaupten können. Auf dem ihm verbliebenen Gebiete aber hat es mit einem anderen, durch die Gewerbefreiheit begünstigten Feinde zu kämpfen, welcher die ehrliche Arbeit hart bedrängt, nämlich mit dem Pfuscher- tum und dem durch große Kapitalien ausgerüsteten Maga- zinwcsen, welches die solide Arbeit nicht zu ihrer vollen Geltung kommen läßt, sondern sie herabdrückt.
Der schwierige Kampf mit diesen beiden, dem Handwerk feindlichen oder wenigstens ungünstigen Elementen hat in den Handwerkerkreisen schon seit längerer Zeit eine tiefe Verstimmung und Unzufriedenheit und das Bedürfnis nach Wiederbelebung der alten, in den Innungen zum Ausdruck kommenden Formen hervorgerufen, welche dem Handwerk Schutz zu gewähren und seine Widerstandskraft zu stärken geeignet sind.
Ganz besonders lebhaft ist dies Bedürfnis geworden infolge der Wirkungen der Gewerbeordnung vom Jahre 1869, welche die Mißstände, unter denen die persönlichen Verhältnisse und Leistungen der Handwerker seit der Beseitigung der alten Formen und der Einführung der Ge- werbefreiheit litten, nur noch vermehrte und fühlbarer machte. Die Gewerbefreiheit datiert schon seit dem Jahre 1810, wo den Gewerben die Ausdehnung auf das platte Land gestattet wurde. Mit jenem Zeitpunkt gingen die alten Zünfte ein, die schon längst nicht mehr jene öffentlichen Pflichten zu erfüllen hatten, für welche sie in den Genuß außerordentlicher öffentlicher Rechte gesetzt waren. Sie waren früher die Träger der öffentlichen Ordnung in den Städten gewesen; mit dem Sinken der Selbständigkeit der Städte und dem Wachstum der Staatsgewalt wurde ihnen die herrschende Stellung genommen; daneben waren sie auch durch eigennützige Ausbeutung ihrer Privilegien allmählich sittlich und finanziell in Verfall, ja in Verruf geraten, so daß fie sich nach jeder Richtung hin überlebt hatten. Es entsprach vollständig den so veränderten Ver-
Der Erbe des Blutes.
Erzählung von Emma Händen.
(Fortsetzung)
Seltsam klang das Wort aus Kindermund, ein Wort, welches das Grafenkind gehört hatte und ohne Verständnis nachsprach. „Mama hat mir viel von ihm erzählt und seine Frau hat Gertrud geheißen, so heiße ich auch."
Ein seltsames, unbekanntes Gefühl dämmerte in deS Knaben Seele auf bei gemeinsamer Nennung der beiden Namen durch KindeSmund.
„Mama hat in der letzten Zeit so viel geschlafen," fuhr Tmdchen fort, „da habe ich immer ganz still sein müssen, wenn ich bei ihr sein wollte und vorgestern, glaube ich, war cs," — im tiefen Sinnen blitzten die blauen Augen auf, — ,ja richtig, vorgestern, ich habe zweimal danach ausgeschlafen, da gab sie mir einen recht, recht lieben Kuß, sagte: Reginald, Gertrud I und dann schlief sie weiter. Ich wurde iortgebracht und gestern wollten sie mich gar nicht zu ihr lassen, erst heute ging Hannah mit mir hierher. So hübsch ist es in Mama's Stube noch nie gewesen, Mama hat noch nie st hübsch ousgesehcn, ich wollte gern recht lange hier bleiben, aber Hannah nahm mich bald weg, obgleich ich weinte und nicht fort wollte, dafür bin ich ihr jetzt weggelaufen und gehe nicht eher wieder, als bis fie mich holt;-ich muß doch bei Mama sein, wenn sie aufwacht."
Ein glückseliges Lächeln blitzte auf dem Kinderantlitz auf, als der kleine Mund die Heldenthat des Weglaufens verkündete, ein Beweis, laß das Grafenkind keine Auf- ficht gehabt, da die Augen für immer geschlossen waren, die eS bisher auf seinem Lebenswege bewacht.
»Hast Du auch eine Mama?" fragte fie weiter.
hältniffen, daß die Gewerbe im Jahre 1810 nun nicht mehr an die Stadtgemeinden gefesselt blieben, sondern für das ganze Land freigegeben wurden, womit die historische Zunftform von selbst fortfallen mußte.
Die Gewerbefreiheit war eine Wohlthat für das Handwerk, indem eS sich nun, von den alten überlebten Formen und Beschränkungen losgelöst, frei entwickeln und empor- fchwingen konnte. Zugleich aber trat es nun in den Kampf mit der mehr und mehr cmporkommenden Fabrikarbeit, mit der veränderten Produktionsweise und mit der Macht des Kapitals, gefährlichen Gegnern, welche es zu erdrücken drohten, da ihm die festen Formen der Gemeinsamkeit fehlten, mit denen es den wirtschaftlich überlegenen Kräften erfolgreich begegnen konnte.
Schon früh begannen deshalb die Versuche, an Stelle der alten, mit der Gewerbefreiheit nicht mehr vereinbaren Formen neue zu setzen, welche, auf dem Boden der Gewerbefreiheit stehend, das Kleingewerbe in dem neuen Kampf stärken konnten. In Preußen wurden durch die Gesetze von 1845 und 1849 neue Innungen mit Aufnahmeprüfungen gestattet, ein direkter Zwang zur Meisterprüfung auferlegt und „Gewerberäte" geschaffen, welche daS Handwerks- und Fabrikwesen überwachen sollten: diese Organisation scheiterte daran, daß sie Handwerk und Fabrik in gleiche Formen zwängen wollte. Nun kam die Gewerbeordnung von 1869. Dieselbe gestattete zwar Innungen, versagte ihnen aber alle Bedingungen des Gedeihens. Statt ihnen Rechte und Befugnisse namentlich auf dem Gebiet des LchrlingSwesens und der Prüfungen beizulegen, wurde eine vollständige Vertragsfreiheit der Lehrlinge eingeführt und Prüfungen überhaupt auSgeschlossen. So trug die Gewerbeordnung, anstatt Korporationen neu zu bilden, wie sie den Bestrebungen des Handwerks in den vierziger und fünfziger Jahren entsprochen hätten, dazu bei, daß der Zusammenhalt der Gewerbegenossen noch mehr zerstört wurde, die Leistungen Dank der vollen Selbständigkeit und dem Mangel an Beaufsichtigung der Lehrlinge zurückgingen, das Proletariat sich mehrte und die Handwerker und Arbeiter in ihrem natürlichen Organisationstrieb zur Bildung von Genossenschaften schritten, die mehr politische, als Berufszwecke verfolgten.
Es foll hier keineswegs ein absprechendes Urteil über diejenigen Gewerbegenossenschaften gefällt werden, welche ihren Mitgliedern zu leichterem Kredit, wirksamerer Produktion, wohlfeilerer Konsumtion verhelfen. Dieselben erfüllen gute Zwecke, aber zu einer rechten Wirksamkeit können sie erst kommen, wenn sie in Innungen übergehen. So wie sie jetzt sind, bilden sie keinen Schutz für daS Handwerk gegenüber der Großindustrie und dem Pfuscher- tum, — sie bezwecken nicht die Pflege und die Blüte deS Handwerks, und das ist es gerade, was unsere Handwerker erstreben.
„Nein," antwortete er kurz und schmerzlich. Wie sollte er von der Toten sprechen zu einem Wesen, welches das Mysterium deS Todes noch nicht kannte?
„Ach, die ist wohl tot?"
Erstaunt sah er Trudchen an, als der Kindermund dies Wort gesprochen, der an dieser Stelle bisher nur von Schlafen und Wachen erzählt.
„Sie ist tot!"
„Dann denkst Du wohl, sie liegt auf dem Kirchhof, unter den schwarzen Kreuzen, die wir von unseren Schloßfenstern aus sehen? Nein, das bilden sich die Menschen blos ein, ich weiß das besser," setzte sie altklug hinzu, „meine Mama hat mir das im vorigen Winter erzählt. ES war ganz dunkel in der Stube und wenn ich nicht auf MamaS Schooß gesessen und Mama mich nicht in ihren Armen gehalten hätte, so würde ich mich sehr gefürchtet haben. Da kam die alte Hannah in die Stube und sagte: „Frau Gräfin, der Bauer Klaus ist tot." „Tot," fragte ich, „wie ist daS?" Da erzählte mir Mama, der liebe Gott schicke einen Engel im langen, weißen Kleide, mit blonden Locken und einem Sternenkranz darauf, auf die Erde, der hole den Menschen in den Himmel zum lieben Gott. Dann sagen die Menschen, man sei tot und errichten auf dem Kirchhof ein großes, schwarzes Kreuz zum Andenken an den Toten. Ich wollte noch mehr wissen, wie daS ist, wenn der Engel kommt, aber die Mama sagte, daS wisse Keiner, man schlafe immer, wenn er kommt und wache erst im Himmel beim lieben Gott auf."
Längst war daS kleine Lockenköpfchen an den Arm deS Knaben gesunken, der denselben ausgestrcckt hatte und, den zarten KindeSletb umschlingend ihn stützte; die Worte wann zuletzt nur noch abgebrochen und zögernd gesprochen; die
Die auflösende Wirkung der Gewerbeordnung hat das Verlangen nach Innungen, welche vom Staat gefördert und gestärkt, und mit Rechten wie Pflichten auSgestattet werden, in Handwerkerkreisen lebhaft gesteigert, und diesen ihren Bestrebungen ist auch die Gesetzgebung im vorigen Jahre nachgekommen, indem sie die Möglichkeit zur Bildung von Innungen schuf, welche einen Ersatz für die alten zerbrochenen Formen gewähren und dem Handwerk die Mittel bieten, sich gegen die ihm feindlichen Mächte zu verteidigen und aufrecht zu erhalten.
DaS Gesetz vom 18. Juni 1881 hat den Innungen Lebensfähigkeit gegeben, indem es ihnen gewisse polizeiliche Befugnisse einräumte und daS Recht Beiträge einzuziehen, Lehrlingsprüfungen zu veranstalten, Schiedsgerichte abzuhalten verlieh. Gewiß wäre es wünschenswert gewesen, wenn die Innungen — wie die Regierung beabsichtigte — auch in bezug auf das Lehrlingswesen erweiterte Befugnisse erhalten hätten, als ihnen der Reichstag zugestanden hat. Aber wenn auch im einzelnen die neue Organisation ver- besserungsfähig sein mag, so sollte sie doch von allen Handwerkern als ein willkommener Boden zur Entfaltung ihrer Thätigkeit und Wirksamkeit benutzt werden. Statt dessen verlangt ein Teil derselben „obligatorische" Innungen, welche die Existenz eines Handwerkers außerhalb der Innung unmöglich machen. Es fragt sich, ob die sogenannte Handwerkerpartei, welche diese Forderung auf ihre Fahne geschrieben, auch die Wirkung eines solchen Zwangs vollständig übersieht: es würde hiermit auch die Freiheit aufhören, zu verfertigen, was man will und womit man seinen Lebensunterhalt verdienen kann, von anderen Wirkungen ganz zu schweigen, welche der demokratisierende Charakter einer zunftmäßigen Organisation, wie die Geschichte lehrt, im Gefolge hat.
Für unsere Handwerker giebt eS gegenwärtig nur eine Aufgabe: nicht durch Ueberfchätzung der zum politischen Schlagwort gewordenen „obligatorischen Innungen" sich in ihrer eigenen Wirksamkeit zu lähmen, sondern erst einmal wirklich zu prüfen und sich von der Erfahrung belehren zu lassen, ob nicht der goldene Boden des Handwerks sich mit den neuen, durch die Gesetzgebung gekräftigten Innungen werde wieder erwerben lassen. Die politische Ueberzeugung, daß nur „obligatorische" Innungen helfen können, mag ja ehrlich sein, aber sie hat so lange keine Berechtigung, als nicht die praktische Erfahrung vie Unbrauchbarkeit der durch daS Gesetz vom 18. Juni 1881 geschaffenen Innungen bewiesen hat.
Deutsche« Reich.
Berlin, 8. Juli. Da das Relictengesetz auf Universitäts- Professoren, weil diese keine Pension aus der Staatskasse beziehen, nicht anwendbar ist, so läßt, wie berichtet wird, der Unterrichtsminister jetzt feststellen, wie für die
kleinen Augen wurden gewaltsam aufgerissen, und wenn Jemand dabei gewesen wäre, der mit der Kinderwelt Bescheid wußte, der hätte darin daS Nahen des Schlummerengels erkannt. Der Blumenduft in der Totenkapelle, sowie daS Ausströmen des Chlors, den man am heißen Sommertag im Leichenraum aufgestellt, hatten betäubend auf die Kleine gewirkt, das hatte die Hannah, die alte Kinderfrau, wohl gewußt und sie darum am Morgen so schnell fortgebracht; jetzt erlag sie der sinnbrtäubenden Totenatmosphäre.
„Ich bin müde," sagte sie, „ich will schlafen," und in dem heiligen, ungetrübten Vertrauen der Kindheit legte sie daS Aermchen auf das Knie des Knaben, daS Köpfchen sank darauf, ein Heben und Senken deS kleinen Körpers, dann lag er da in Schlummerstellung, in jener unnachahmlichen Grazie, die nur die Kinderwelt sich selbst zu geben, der Pinsel keines Malers aber in voller Naturtreue nachzuzeichnen vermag. Dann hob sie daS kleine Köpfchen noch einmal, um zu ihm aufzuschauen, dessen Schutz sie sich jetzt überliefern wollte, da der Mutterarm sich der Vereinsamten nicht mehr entgegenbreitete. Die lichtblauen Kinderaugen und die tief dunkeln, ernsten Knabenaugen trafen sich in einem jener seelenvollen Blicke, der oft über ein ganzes Menschenleben entscheidet, dann mußte klein Trudchen gefunden haben, was sie suchte, denn jenes schalkhafte Lächeln, daS dem, der den Kinderschlaf bewacht, von Vertrauen erzählt, spielte um den rosigen, kleinen Kindermund, der Lockenkopf sank zurück auf daS ausgestreckte Aermchen und der Engel deS Schlummers berührte mit sanftem Finger die Kinderstirn.
(Fortsetzung folgt.)