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Marburg, Sonntag, 9. Juli 1882
xvii Jahrgang
«n,eigen nimmt entgegen: ätWitn d. Blattes, rnmie6.itnnoncen-@ureaui •° jh. Dietrich u. Co. in S-slel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a.M.; Aaafenftcin u. Vogler m Gurt a. M., Berlin, Kg, Köln K.; Rudolf Se in Berlin, Frank- fuct a. M. ic.
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Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatte-, sowie d.Anuoncen-Bureaux von G L. Daube u. C». in Frankfurt a. M.; Jägersche Buchhandlung daselbst; Hermansche Buchhandlung daselbst; Jnvalidendanlin Berlin: W. ThieneS in Elberfeld; C- Schlotte in Bremen.
Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „Jllustrirtes SouutagSblatt" durch die Expedition (K o ch'sche Buchdruckerei) bezogen 2'/. Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. (excl- Bestellgebühr.) — flnsertionsgebühr für bie gespaltene Zeile 10 Pfg.
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Merhelstschm Zeitung
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Die Expedition der Oberhess. Ztg.
Deutsches Reich.
Berlin, 7. Juli. Das Zentralkomitee für die Hygiei- nische Ausstellung beschloß heute einstimmig, taö Ausstellungsgebäude auf dem alten Platze in GlaS und Eisen errichten und bis zum nächsten Frühjahre fertigstellen zu lassen. — Die „Post" teilt mit, der frühere Finanzminister Bitter habe erklärt, daß er den Enthüllungen der „Nationalzeitung" über seinen Rücktritt alsolut fremd gewesen sei. — Der „Reichsanzeiger" publiziert die Ernennung des Direktors Burchard zum Staatssekretär des Reichsschatzamtes. — Der Minister des Innern v. Puttkamer wird am nächsten Sonntag hier zurückerwartet, nachdem er tags zuvor feine Inspektionsreise in Ostpreußen beendet haben wird. — Bekanntlich tritt die Eichung der Schankgefäße im ganzen deutschen Reiche am 1. Januar 1884, also in kaum IV» Jahren in kraft. Der Reichskanzler hat dem Vernehmen nach die Bundesregierungen ersucht, Veranstaltungen zu treffen, damit zur gegebenen Zeit keine Zögerungen eintreten. Im preußischen Staate sind demgemäß auch schon Verfügungen ergangen, denen zufolge bet Neuanschaffungen die Gast- und Schankwirte auf die Eichung, der Gesäße bedacht nehmen sollen, damit ihnen später die Kostenlast nicht gar zu groß würde. — Der Finanzminister hat eine andere Revisionsweise der Kreiskassen verfügt, die in erster Reih: den Zweck hat, die Landräte etwas mehr zu entlasten und andere geeignete Beamte mit der regelmäßigen Revision zu betrauen. — In der nächsten Session des Hauses der Abgeordneten wird jedenfalls die die allgemeine Einführung der Hundesteuer betreffende Vorlage erneuert werden, da sie den Gemeinden u. s. w. eine ergiebige Einnahme zu gewähren verspricht und in der abgelaufenen Session nur wegen GeschäftSüberhäusung nicht zur Erledigung gelangt ist. — Dem Vernehmen nach fanden unter den Mitgliedern des Rothschildschen Konsortiums Verhandlungen statt, um
die von Baron Hirsch an eine Aktiengesellschaft zu übertragende Exploitation der türkischen Bahnen ins Werk zu setzen. — Die Kommission zur Ausarbeitung deS Entwurfs eines bürgerlichen Gesetzbuchs, welche bekanntlich mehreremale in der Woche im Reichs-Justizamte zu einer Sitzung zusammentritt, hat am Mittwoch die letzte vor ihren Ferien abgehalten. Der Vorsitzende, Se. Exzellenz der Wirkliche Geheime Rat Dr. Pape, sowie die Mitglieder der Kommission treten Erholungs- resp. Bade - Reisen an. Am 1. September werden die Arbeiten wieder ausgenommen. — Die „Vosstsche Zeitung" veröffentlichte vor einigen Tagen unter der Ueberschrift: „Die steuerfreie Getreideproduktion des Auslandes" einen Leitartikel, der Klage darüber erhob, daß Fürst Bismarck als Vertreter der neuen Wirtschafts- Aera „neuer und origineller Gedanken ermangele", obgleich er doch sicherlich „ein mit lebhafter Phantasie begabter Staatsmann" sei. Wenn ein beliebiger, ungenannter und höchst wahrscheinlich gänzlich unbekannter Skribax dem Fürsten Bismarck konzedieren will, daß dieser ein mit „lebhafter Phantasie begabter Staatsmann" fei, so liegt darin etwas so Komisches, daß es jedem vernünftigen Menschen schwer fallen muß, einen Artitel, der in dieser Weise beginnt, überhaupt ernst zu nehmen. Wir haben dies jedoch gethan und den zwei Spalten langen Schreiberguß bis zu Ende gelesen, nicht jedoch — wir bekennen es — aus Achtung vor dem Genie des Vossischen Komikers, sondern nur, weil wir darauf vorbereitet waren, in seiner Arbeit gewisse Irrtümer und Unwahrheiten zu finden, welche von den Redakteuren fortschrittlicher Blätter sofort zum Ehrenrange unbestrittener und ergo unbestreitbarer Wahrheiten erhoben werden, wenn man ihnen gestattet, sich unbeanstandet ihren Weg durch die Presse zu bahnen. Die „Vosstsche Zeitung" versucht, in dem angeführten Artikel den Nachweis zu führen, daß der Reichskanzler bei seinen Ausführungen bezüglich der Belastung unserer Ge- treiveproduktion vergessen habe, daß auch der ausländische Produzent zahle, in specie der Amerikaner und der Russe. Was nun Ersteren anbelrifft, so zahlt er sicherlich nicht die hohe Schulsteuer wie der preußische Kornbauer; -ober auch abgesehen davon, sollte doch — ehrlicher Weise — der Versuch nicht wiederholt werden, todzuschweigen, daß der Amerikaner sein Getreide durch einen Zoll schützt, der doppelt so hoch ist als unser Getreidezoll. — Herr Richter, der von so manchem spricht, wovon er nichts versteht, wußte das nicht, als er auf die erste Rede des Fürsten Bismarck in der Tabakmonopoldebatte replizierte. — Der Reichskanzler belehrte ihn jedoch darüber schon am folgenden Tage. Die „Voff. Ztg." hat demnach entweder die letzten vier Wochen verschlafen und steht noch auf dem unwissenden Standpunkt Herrn Richters, oder sie giebt sich gefliffentlich zur Verbreitung einer Unwahrheit her. — „Albernheit oder Bosheit!" wie ein von Karl Voigt —
einem Gesinnungsgenossen der „Voff. Ztg." — mit Vorliebe zitierter Göttinger Professor zu sagen pflegte: Tertium non datur! Was den von der „Vossischen Zeitung" an den Haaren herbeigezogenen Russen betrifft, so bezahlt der weder Schul- noch Grundsteuer. Es ist richtig, daß er auch keinen Zoll auf Getreide bezahlt, aber das ist für den Russen ohne jedes Jntereffe, denn es wird Niemand einfallen, Getreide nach Rußland einzuführen. Wo der Russe aber Konkurrenz fürchtet, da weiß er sehr wohl, sich durch hohe Zölle zu schützen. — Von den 40 bisher zollfreien Importartikeln hat der neue russische Zolltarif nur 10 unberührt gelassen, während für die übrigen in Zukunft Einfuhrzoll zu erlegen sein wird. Von anderen früheren zollpflichtigen Waren haben gerade einige Lebensmittel eine sehr ansehnliche Erhöhung deS Zolles erfahren. Mehl, Malz und Grütze z. B., die früher 7,7 Kopeken zahlten, haben in Zukunft 10 Kopeken pro Pud zu entrichten. Die „Vosstsche Zeitung" ist demnach mit den von ihr zitierten zwei Beispielen zweimal auf falschem Wege, und ihr Redakteur, der einen so eigentümlichen Ton anzuschlagen wagt, wenn er vom Reichskanzler spricht, würde wohl thun, wenigstens das A B C der staatsmännischen Wissenschaft zu erlernen, ehe er sich erdreistet, darüber öffentliche Vorlesungen halten zu wollen. — Der gestrige Begrüßungsabend der deutschen Architekten im Hause deS hiesigen Architektenvereins verlief in der gelungendsten Weise. Auf der Terrasse deö Restaurants hielt Herr Baurat Hobrecht eine herzliche Ansprache an die von außerhalb eingetroffenen Fachgenossen, unter denen man die Sieger P. Wallot aus Frankfurt a. M., Profeffor Fr. Thiersch aus München, Hubert Stier aus Hannover, ferner Architekt Eisenlohr aus Stuttgart, Baurat Köhler aus Hannover wahrnahm. Die Jury war durch Ober- hofbaurat Persius vertreten. Quartettgesänge, eine Besichtigung der Bauausstellung und deS FestsaaleS füllten den Abend angenehm aus. Besonderen Jubel erregte ein Toast deS Regierungsbaumeisters Hinckeldcy auf die Ueberschreitung der Main - Linie in der Baukunst. Architekt Wallot brachte ein Hoch auf die Besiegten auS. — Der Berichterstatter des sogenannten „Hofberichtes" hatte den hiesigen Blättern vorgestern die Mitteilung zugehen lassen, daß sich am Dienstag in einem hiesigen Hotel ein Attachö einer hiesigen Gesandtschaft erschossen habe. Aus derselben Quelle gehen jetzt nachstehende berichtigende Angaben zu: Der Selbstmörder, ein junger Brasilianer von etwa 31 Jahren, gehörte nicht der hiesigen brasilianischen Gesandtschaft als Attache an, sondern war ein seit einiger Zeit hier weilender Dr. med. Machado aus Rio de Janeiro. Schon öfter waren an demselben Spuren von Schwermut bemerkt worden, welche durch den kurz hintereinander erfolgten Tod seiner Mutter und Schwester hervor- gcrufen sein mögen.
Der Erbe des Blutes.
Erzählung von Emma Händen.
(Fortsetzung)
An dem Tage eines solchen JagdzugeS hatte Reginald die Schloßfrau zum letzten Mal gesehen. »Wie verändert sie aussteht," hatte man im Dorf gesagt, „sie wird eS wohl nicht lange mehr machen." Die Worte lasteten wie ein Alp auf seiner Seele; wenn er nach ihr fragte, hieß es stets: „Es geht sehr schlecht." Noch konnte er baö Schlimmste nicht denken, noch hoffte er, mit dem Beginn der milden Jahreszeit werde er sie Wiedersehen. Vergebens! Als die Rosen blühten, kam die Nachricht ihres TodeS und Mm erstenmale durfte er das Schloß betreten, um seine Wchlthäterin, seine Beschützerin im Sarge zu sehen. Er kniete nieder an demselben, als er allein mit der Leiche war, legte den Arm auf die Kante des Sarges und barg das Antlitz darauf. Versunken war für ihn die Gegenwart, vergessen seine Umgebung, er hing seinen bitteren Gedanken nach.
„Wir wollen den Papa suchen, der in einem großen Schlosse wohnt," so rauschte eS wie eine dunkle Mär aus den Tagen der Kindheit vor seinem Ohre. Also war er uuch ein vornehmes Kind? hatte auch das Recht in einem Schloß zu wohnen? oder doch nicht? Schon stieg eine Ahnung in ihm auf, daß es für ihn doch nicht anders geworden wäre, wenn auch die Mutter den Vater gefunden hätte; schon fing er an, mit beiden Eltern zu hadern um lein Dasein. Sein Vater hatte in einem großen Schloß Awohnt, warum hatte er dem Sohne nicht das gleiche Recht verliehen? Mußte er ewig in den stolzen
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Hallen ein Fremder bleiben, die seines Vaters Fuß als Eigentum betreten? Mußte er dem Erzeuger fluchen, der, statt ihm Glanz und Reichtum zu geben, ihn freundlos und allein in die Welt hinausgestcßen? Das scheue Zurückhalten von den Dorfkindern und sein häufiges Alleinsein hatten ihn zum Nachdenken geführt über sein Schicksal und die Gedanken In ihm erweckt, denen er heut am Sarge der Schloßfrau znm erstenmale eine klare Gestalt gab.
Er hörte es nicht, daß die Thür der Kapelle sich öffnete, sah nicht den blondlockigen Kinderkopf, der jetzt im Rahmen der Thür auftauchte, sah nicht, wie ein zarter kleiner Körper dem Köpfchen folgte, hörte nicht die leisen Kinderschritte, die auf ihn zukamen. Er schrak erst empor, als eine allerliebste kleine Hand er auf seiner Schulter fühlte und eine liebliche Stimme ihn leise flüsternd fragte: „Du, was willst Du hier? Nicht meine Mama wecken, die schläft."
Er schaute auf und blickte in ein wunderliebliches Kinderantlitz, aus dem ihn zwei große, blaue Augen verwundert und fragend anblickten. Ein schwarzes Kleidchen umschloß die kleine, elfeuhaste Gestalt, ein schwarzes Band hielt die blonden Locken aus der klaren Stirn, dos sagte ihm hinlänglich, auch ohne daß er die Kleine vorher gesehen: „das ist da« kleine Schloßfräulcin, das jedenfalls von dem Verlust noch nicht« ahnt, der hart und schwer in« Kinderleben eingegriffen, wie ja die in kindlicher Unschuld gesprochenen Worte, Mama schläft, andeuten." Ja, das war die Gertrud seiner Träume, die den Namen der Stammmutter des alten Grafengeschlechts trug, die hier sechsjährig, eine mutterlose Waise, am Sarg der toten Schloßfrau stand. Nun war ja auch sein Wunsch, dieselbe zu sehen, erfüllt, aber welches entsetzliche Ereignis hatte ihm die Erfüllung gebracht!
„Die alte Hannah schläft auch, da bin ich weggelaufen zu meiner Mama, zu der ich heute eigentlich nicht sollte," erzählte die Kleine weiter in demselben Flüsterton, ohne die Antwort auf ihre Frage, was er hier wolle, abzuwarten. Mit Kindesunschuld und kindlichem Vertrauen trat sie auch dem Fremden gegenüber.
War eS der Zauberhauch der Poesie, der um jedes Kindergemüt schwebt, war eS das Mitleid mit dem kleinen Wesen, das schon das schwarze Trauergewand trug, noch ehe eS eine Ahnung von b<r Bedeutung desselben hatte, war eS das Geheimnis, das ihn längst mit dem bis heut für ihn unsichtbaren kleinen Schloßfräulein verknüpft, das den Namen der Stammmutter trug, was Reginald fo mächtig zu der Kleinen zog? Er konnte den Blick nicht abwenden von diesen blauen Kinderaugen, von diesem rosigen Kindermund, der ihm so unschuldsvoll erzählte. „Komm," fuhr sie fort und nahm seine Hand, „Mama schläft, wir wollen uns hier auf diese Treppe setzen und uns was erzählen, ich habe immer in derselben Stube gespielt, wenn die Mama schlief, sie ruft mich, wenn sie aufwacht."
Ein Stich ging durch das Herz deö Knaben bei diesen Worten; das Kind hoffte noch auf ein Erwachen der Mutter! Er war ihr gefolgt und so saßen sie beide auf der obersten Treppenstufe deS Katafalks.
„Aber wie heißt Du, wer bist Du?" fragte sie nun doch weiter.
„Ich heiße Reginald Leithner," antwortete er.
„Reginald," wiederholte Trndchen, „weißt Du, den Namen habe ich sehr gern, so hat der erste Ahnherr unserer Familie geheißen." (Fortsetzung folgt.)