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Marburg, Donnerstag, 6. Juli 1882.

xvn Jahrgang

ünieigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Vureaux g Th- Dietrich u. Co. in «affel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a.M.; Saasenstein u. Vogler in Frankfurt a. M.. Berlin. Leipzig« Köln rc.; Rudolf Stoffe in Berlin, Frank- furt a. Ä. rc-

ObkWHk Miiiifl.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux von G L. Daube u. 6e. in Frankfurt a. M.; JSgersche Buchhandlung daselbst; Hermansche Buchhandlung daselbst; Jnoalidendc nlin Berlin; W. Thienes in Elberfeld: C. Schlotte in Bremen.

Erscheint täglich außer an den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für da- Quartal mit der wöchentlichen BeilageJllustrirteS EountagSblatt" durch die Expedition (Ä o ch'sche Buchdruckerei) bezogen 8'/. Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 8 Mark 50 Pfg. (erd. Bestellgebühr.) Insertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg.

Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adreffen werden 35 Pfg. berechnet.

Zu dem mit dem 1. Juli begonnenen Abonnement auf das"lH- Quartal der

Dbkrhejsischen Zeitung

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Illustriertes Sormtagsblatt

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Die Expedition der Oberhess. Ztg.

Die Notweudigkeit der europäische« Juterveutio« tu Egypteu.

(Korrespondenz desR -B." aus Paris.)

Die Aufregung über die Enthüllungen deS Blau-- und Gelbbuches hat sich überall gelegt, um einer kälteren Auf­fassung Platz zu machen, welche den Parteihaß beiseite schiebt und die politische Lage selbst wieder inS Auge faßt. Einsichtige Leute sind immer der Ansicht gewesen, daß die Veröffentlichung solcher diplomatischer Aktenstücke einen sehr zweifelhaften Wert hat; sie dient meist nur dazu, die Eitelkeit der vier oder fünfhundert Volksvertreter zu befrie­digen, welche den Anspruch erheben, oder sich einbilden, selbst die auswärtige Politik zu leiten. Wir wissen aus der Geschichte aller dieser dickleibigen Gelb-, Blau- und Rotbücher, daß das herrschende Kabinett sie jedeSmal dazu benutzte, um dem Lande und dem Auslande dasjenige zu beweisen, welches es für nützlich hielt, und zu verschweigen oder zu verschleiern, was jene veröffentlichten Schriftstücke wieder dementiert oder doch in ein anderes Licht gestellt hätten. Auch Freycinet hat das mit vielem Geschick erreicht und allgemein war das Geschrei, Gambetta sei durch das Gclbbuch erschlagen; von nun an sei er ein toter Mann. Nicht nur die französische, auch die deutsche Presse machte sich zum Echo dieser Meinung. Aber wie Freycinets diplomatische Triumphe immer nur von kurzer Dauer waren, so ist auch jetzt die Wirkung des Gelbbuches sehr rasch verflogen. Gambetta hat sich einige Tage von der Debatte zurückgezogen und hat inzwischen die Entwickelung der Thatsachen abgewartet. Nun rüstet England mit aller Macht und bietet Frankreich eine gemeinschaftliche Inter­vention in Egypten an. Die Frage ist nun, ob Frankreich jetzt nach dem Gemetzel von Alexandrien und nach der Vernichtung der französischen Kolonie, in Ansehung auch der Gefahr, welche dem in egyptischen Werten angelegten französischen Kapital droht, sich einer solchen Intervention

Der Erbe des Blutes.

Erzählung von Emma Händen.

(Fortsetzung)

Gräfin Selma lernte ihren Schwager Eugen kennen, und eine, lange vergebens mit allen Argumenten der Pflicht bekämpfte Liebe zog in ihr Herz. Graf Eugen verstand sicher wohl die Sprache, die aus den sanften Augen der Schwägerin zu ihm sprach, und um ihr Zeit zu geben, ihn zu vergessen, wie er hoffte, und um Konflikte mit dem Bruder zu vermeiden, trat er, wie wir gesehen, eine Reise zu entfernten Verwandten an. Sein Herz war frei, als er fortzog aus dem väterlichen Besitztum, er hoffte in der Ferne die Lebensgefährtin zu finden, die er daheim nicht gefunden, hoffte Frau Selma bei seiner Rückkehr geheilt zu sehen von ihrer pflichtwidrigen Liebe.

Beide sahen sich indessen hienieden überhaupt nicht wieder, und nun gab sich die junge Gräfin erst recht ganz der Erinnerung an den teuren Mann hin; das pietätvolle Andenken, daS sie einem geliebten Toten in ihrem Herzen bewahrte, däuchte ihr keine Pflichtverletzung gegen den lebenden Gatten. Ihr Verhältnis mit diesem gestaltete sich im Laufe der Jahre nicht bester. Auf Graf Kuniberts kaltes Herz hätte vielleicht nur eine Dame Einfluß er­halten, der er freiwillig die Hand am Altäre gereicht, nie aber die ungeliebte Gattin, die eine zu sanfte milde Natur war, um je sein starres Herz zu beugen. Freundlich und hingebend nahte sie ihm stets, verstand aber nicht, ihm zu imponieren und daS entfremdete ihm die Gattin immer mehr, der er weit eher einmal ein Auflehnen verziehen hätte, als diese fortwährende, sanfte Freundlichkeit, in

wird entziehen können. Wie auch daS Ergebnis der Konferenz sein möge, darüber herrscht unter ernsten Poli­tikern kein Zweifel mehr, daß eine europäische Intervention in Egypten unvermeidlich ist. England würde auf die Gefahr hin, einer Welt in Waffen entgegenzutreten, sein innerstes Lebensinteresse Indien am Suez-Kanal verteidigen. Es hat noch einen anderen Grund zur Intervention, der nicht weniger schwerwiegend ist. Englands Flagge ist beschimpft; im Angesicht derselben, die rom Admiralschiff eine Panzerflotille wehrte, sind seine Konsuln und Offiziere ermordet. Wenn das ungeahndet bliebe, was für ein Bei­spiel würde das geben für die ganze islamitische Welt, für die Bevölkerung aller Kolonieen, wo Englands Einfluß herrscht? England beherrscht und erhält seine ausgebreiteten Kolonieen allein durch daS Ansehen seiner Flagge und durch die materielle Macht, die hinter derselben steht. Nichts imponiert dem Moslem und dem Hindu, wie über­haupt den im Naturzustände lebenden Völkern mehr, als Entfaltung siegreicher Gewalt und kriegerischer Größe. In demselben Maße, wie sie diese fürchten, verachten sie die Nachgiebigkeit, in welcher sie mit Recht nur persönliche Schwäche sehen. DaS Beispiel in Alexandrien kann Eng­lands ganze Machtstellung in Indien erschüttern; von einem europäischen Areopagus weiß man dort nichts. Moslem und Hindu erfahren nur, daß Arabi die Franken aus dem Lande getrieben und daß Flotte und Armee der Kaiserin von Hindostan nicht mehrstark" genug sei, die Unbill zu rächen.

Dieselbe Auffassung wird platz greifen in der ganzen islamitischen Bevölkerung Nord-AfrikaS; was man in In­dien für englische Ohnmacht hält, wird hier für französische Ohnmacht gehalten werden. Tunis, wenn auch durch einen Fehltritt erzeugt, ist immerhin jetzt Frankreichs Schmerzens­kind und kann nicht ohne weiteres aufgegeben werden, und Algerien gar nennt man schon französischen Boden. Darüber wird man sich in Paris nachgerade klar, daß die Dinge in Egypten, wie sie sich jetzt entwickeln mit oder ohne türkische Intervention nicht ihren Lauf nehmen können. Kein diplomatisches Meisterstück der Konferenz kann daS Gespenst einet europäischen Einmischung be­schwören ; einfach schon weil sie für England zur Natur­notwendigkeit feiner Lebenserhaltung geworden ist. Die Stimmen, jetzt zwar noch vereinzelt, scheinen immer lauter zu werden, ob es nicht dennoch geraten sei, wenn Frankreich sich an der Expedition beteilige, um so mehr, wenn Europa den Westmächten daö Mandat zu derselben übergeben würde. Der Pforte bleibt dann die Garantie, daß nach Herstellung deS Status quo ante ihre Souveränität, welche faktisch jetzt durch Arabi gebrochen, wieder hergestellt würde.

Wenn also nun doch zur gemcinschaftlicheu Inter­vention kommen sollte vielleicht beteiligt sich noch Italien bei der Exekution so wird man sich doch in Paris

welcher er keinen verwandten Zug des eigenen Charakters spürte.

Da kam die Fremde mit ihrem Knaben nach Stein- Hausen; die allgemein verehrte Schloßfrau eilte nach dem Hause, worin Emilie Leithner gestorben war, als sie von dem Todesfall hörte; sie sah den bildhübschen vieljährigen Knaben, und ihr ahnendes Frauenherz, in dem unauslösch­lich eine große, heilige Liebe lebte, sagte ihr:Das ist Eugens Sohn, der Vater, den er sucht, ist Graf Eugen von Steinhaufen." Was sie einst aus des Verstorbenen Augen so magnetisch angezogen, sie fand eS wieder in des KindeS Augen und die erste Bitte, die sie dem ungeliebten Gatten, nach jahrelanger, kalter, gleichgiltiger Ehe that, war, den fremden Knaben an Kindesstatt annehmen zu dürfen, da ihr der Himmel Kindersegen versagt habe. Hätte die Gräfin den Mut gehabt, bett Wunsch zu befriedigen, ohne deS Gatten Erlaubnis einzuholen, hätte sie den Knaben ohne Weiteres ins Schloß genommen und mit Mutterliebe gegen den Schloßherrn verteidigt, so hätte Graf Kunibert geschwiegen; sie wagte es aber nicht und so antwortete ihr der Gatte auf ihre demütige Frage:

Der hergelaufene, elternlose Junge kommt mir nicht über die Schwelle meines Schlosses."

Reginald, der den Namen des Stammvaters der Steinhausen trug, blieb, wie wir ebenfalls gesehen, in der Taglöhnerfamilie, aber Gräfin Selma blieb ihm, so viel sie eS ans der Ferne vermochte, eine liebevolle Mutter. Nach weiteren vier Jahren erhörte Gott den heißen Wunsch der unglücklichen Schloßfrau, er schenkte ihr ein Töchterchen, das Gertrud genannt wurde, nach der Stammmutter der gräflich Steinhausen'schen Familie. Aber da war ihre Körperkraft und Gesundheit gebrochen, der Besitz des lang

sagen müssen, daß Gambetta von Anfang an erstrebt hat, was jetzt durch die Gewalt der Umstände herbeigeführt ist. Man wird nicht mehr glauben, was im letzten Gelbbuch zu lesen ist, Gambetta sei von Charles Dilke düpiert wor­den. Gladstone nimmt jetzt nur die Verhandlungen wieder auf, welche er mit dem französischen Kabinet vom 14. November geführt hatte und die nur durch den jähen Sturz desselben unterbrochen wurden. Die Aktenstücke im englischen Blue book und französischen Gelbbuch, welche die englische Absicht zur gemeinschaftlichen Intervention dementieren, beweisen gar nichts. Dergleichenvertrauliche Berichte" hat jedes auswärtige Amt immer in Bereitschaft, wenn etwas dementiert werden soll, das zur Veröffent­lichung noch nicht reif ist. Auch hat jeder diplomatische Erlaß einen doppelten Sinn; der eine ist fürs Publikum und den blöden Diplomaten, der andere für den Eingk- weiheten und für den Kenner der eigentlichen Absicht des Schreibers.

Die neueste Wendung der Dinge nimmt einen bedroh- l chen Charakter für Freycinet an. Der Mann, der durch die Verurteilung der Abenteuerpolitik zur Regierung ge­langte, wird kaum im Stande fein, diese Abenteuerpolitik nun in seinen ganzen Folgen selbst auszuführen. Bei den Deputierten, von welchen et durch die Abstimmungen seine alleinige Machtstellung erhält, konnte er nur in Gunst bleiben, wenn er fortwährend auf die Abenteuerpolitik schmähte. Die Deputierten sind noch im Besitz eines drei­jährigen Mandats, das ihnen souveräne Rechte, hohe Ehren, hohes Gehalt, hohe Nebeneinkünste, freies Eisenbahnreisen rc. gewährt. Ihnen kommt alles darauf an, daß in Paris der Status quo erhalten werde. Sie wollen keine Aben­teuer, die ihre Stellung erschüttern würden, die sie ver­hindern könnten, die Werke des Friedens an der Börse in Gründer- und Finanzgesellschasten fortzusetzen. Es ist ge­wiß ein Zeichen von hoher Gesittung, wenn eine Nation den Frieden liebt. Wenn aber dieser Zustand des Friedens nur dazu dient, den engherzigen Privatinteressen Spielraum zu gewähren, wenn der Friede keine sittlichen und idealen Werke mehr zeitigt, wenn er das Volk zu einem nieder- steigenden Entwickelungsgange führt, bei welchem im fozialen und politischen Leben die höchsten Güter der Menschheit, Glaube, Treue, Sitte, Aufopferung, Selbstverleugnung und Begeisterung für alles Erhabene und Schöne immer mehr und mehr verloren gehen: dann ist diese Friedensliebe um jeden Preis ein Zeichen von Entartung. Doch gleich­viel, sie ist in dem gegenwärtigen Rögime vorherrschend. DieFrance" schreibt (vom 30. Juni)wir haben auf- gehört, das ruhmvollste Volk zu (ein, seien wir dafür daS freiste; wenn wir eS recht bedenken, haben wir beim Tausche nicht verloren." Auch in England erheben sich viele Stimmen gegen kriegerisches Vorgehen und eine gewisse Vorliebe für Arabi war dort immer zu finden. Ganz

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ersehnten KindeS vermochte sie nickt zu entschädigen für all daS Leiv und Weh, daS ihr der herzlose Gatte täglich be­reitete; eine schleichende Brustkrankheit erfaßte sie, die ihr Opfer oft jahrelang gequält, biö sie es mitleidlos erdrückt in des Tode« kalter Umarmung. Ihr Töchterchen war auch ihr einziges Glück, aber es war auch ein bitterer Tropfen Wermut in diesem Glück. Wie würde ihr Gatte vaS zarte Kind behandel», der keine Rücksicht und Zartheit gegen sie kannte? O, wenn sie es hätte mitnehmen können, in die andere Welt, der sie entgegenging!

Und zuletzt konnte sie auch den teuren Knaben nicht mehr aufsuchen, sein geliebtes Ebenbild, dem er, wie sie meinte, von Tag zu Tag ähnlicher wurde, und Graf Kuni­bert blieb bei Dem rücksichtslosen Befehl, mit dem er die Bitte der Gattin abgeschlagen hatte. Noch in der Todes­stunde, die doch ihren sänstigenden Einfluß auf so manches Herz ausübt, trat er ihr kalt und rauh entgegen. Als ihre liebste Jugendfreundin, Ludmilla von Landen, den Re­gierungsrat Karge in der benachbarten Stadt Kemden heiratete, hatte der Graf feiner Gattin den Umgang mit der nunmehr Bürgerlichen verboten. Als der TodeSengel dem Lager Selma's nahte, bat sie mit letzter Kraft den Gatten um ein Wiedersehen mit der teuren Jugendfreundin. Er schlug die Bitte ab und Selma'S Sterbehemd blieb ein­sam und liebeleer.

Jetzt hatte die Dulderin auSgerungen, auf weißem AtlaS- kiffen schlummerte die ochtundzwanzigjährige Gräfin, auf dem Todenantlitz noch die rührende Schönheit zeigend, die ihr alle Herzen, nur nicht das des rauhen, gefühllosen Gatten erobert.

(Fortsetzung folgt.)